König Richard. --Willkommen, Milord, wie weit ist eure Macht entfernt? Salisbury. Weder näher noch ferner als dieser schwache Arm, mein Gnädigster Herr. Ich habe trostlose Zeitungen zu bringen. Ein einziger Tag zu spät, hat alle deine glüklichen Tage auf Erden umwölkt. O ruffe den gestrigen Tag zurük, befiehl der Zeit zurük zu kehren, und du wirst zwölftausend streitbare Männer haben. Dieser Tag, dieser einzige unglükselige Tag zu spät, vernichtet deine Freuden, deine Freunde, dein Glük und deinen Stand. Alle Welschen, haben, auf die Zeitung von deinem Tode, sich zerstreut, oder sind zu Bolingbroke übergegangen. Aumerle. Fasset Muth, Gnädigster Herr, warum seht ihr so blaß aus? König Richard. Nur noch vor einem Augenblik triumphierte das Blut von zwanzigtausend Mann in meinem Gesicht, und nun sind sie verschwunden; und bis wieder so viel Blut dahin zurük kommt, hab' ich nicht Ursach bleich und todtenhaft auszusehen? Die Zeit hat meinen Stolz zuschanden gemacht, und wer seine Seele retten will, flieht von meiner Seite. Aumerle. Beruhiget euch, Gnädigster Herr, erinnert euch, wer ihr seyd. König Richard. Ich hatte mich selbst vergessen: Bin ich nicht ein König? Erwache, du schüchterne Majestät, du schläfst! Ist nicht des Königs Name soviel als vierzigtausend Namen? Rüste, rüste dich, mein Name; ein elender Unterthan dräuet deiner glänzenden Majestät. Seht nicht so auf den Boden, ihr Günstlinge eines Königs! Sind wir nicht hoch? Laßt es uns wenigstens in Gedanken seyn. Ich weiß, mein Oheim York hat ein ansehnliches Heer zu unserm Dienst aufgebracht. Aber wer kommt hier? Vierte Scene. (Scroop zu den Vorigen.) Scroop. Ein besseres Glük falle meinem Könige zu, als meine kummerbeladne Zunge ihm ankündigen muß. König Richard. Mein Ohr ist offen, und mein Herz gerüstet; das schlimmste was du sagen kanst, ist nur zeitlicher Verlust. Sagst du, mein Königreich sey verlohren? Nun dann, es war meine Sorge; was für ein Verlust ist es, seiner Sorgen entlediget zu werden? Strebt Bolingbroke so groß zu werden als wir? Grösser kan er nicht werden; und wenn er doch immer ein Unterthan des Himmels bleibt, so bin ich das auch, und so bleibt er meines gleichen. Empören sich unsre Unterthanen? Das können wir nicht ändern; sie brechen ihre Treue gegen Gott eben sowol als gegen uns. Ruffe immerhin Weh, Jammer, Verwüstung, Fall, Untergang; das schlimmste ist der Tod, und der Tod hat seinen unvermeidlichen Tag. Scroop. Es erfreut mich, daß Eure Majestät so gerüstet ist, unglükliche Nachrichten zu ertragen. Wie ein ungestümer stürmischer Tag, der die Silberströme so hoch über ihre Ufer schwellen macht, als ob die ganze Welt in Thränen zerflossen wäre: So hoch über alle Schranken schwellt Bolingbroks Wuth, und bedekt euer geschrektes Land mit hartem schimmerndem Stahl, und mehr als stählernen Herzen. Weisse Bärte haben ihre nakten dünnbehaarten Schädel gegen deine Majestät bewaffnet; Knaben mit Weiber-Stimmen bemühen sich grob zu reden, und schmiegen ihre weiblichen Gelenke in unbiegsam Waffen gegen deine Crone; ja selbst Kunkel-Weiber schwingen rostige Hellebarden. Alte und Junge stehen gegen deinen Thron auf, und alles geht schlimmer, als ich es auszusprechen vermag. König Richard. O nur zu gut, zu gut erzählst du eine so böse Geschichte. Wo ist der Graf von Wiltschire? Was ist aus Buschy worden? Wo ist Green? Daß sie den Feind so ruhig sich über unsre Grenzen haben ausbreiten lassen? Wenn wir die Oberhand erhalten, so sollen ihre Köpfe davor bezahlen. Ich zweifle nicht, sie haben ihren Frieden mit Bolingbroke gemacht. Scroop. Sie haben Frieden mit ihm gemacht, in der That, Gnädigster Herr. König Richard. O Bösewichter, Vipern, verdammte Verräther! Hunde, die sich leicht gewinnen lassen, einem jeden liebzukosen! Schlangen, die ich in meinem Busen erwärmte, und die nun mein Herz durchstechen! Drey Judasse, jeder dreymal ärger als Judas! Haben sie Frieden gemacht? Die flammende Hölle bekriege ihre beflekten Seelen für diese Schandthat! Scroop. Die süsseste Liebe wird, wie ich sehe, wenn sie ihre Natur ändert, zu bitterstem und tödtlichstem Haß. Entlasset ihre Seelen wieder euers Fluchs; sie haben ihren Frieden mit Köpfen gemacht, nicht mit Händen; diejenigen, denen ihr fluchet, haben des Todes gewaltthätige Hand gefühlt, und ligen tief in geweihtem Grund. Aumerle. Ist Buschy, Green, und der Graf von Wiltschire todt? Scroop. Ja, alle drey verlohren zu Bristol ihre Köpfe. Aumerle. Wo ist denn der Herzog, mein Vater, mit seinen Völkern? König Richard. O! Frage nicht wo er ist; und niemand rede mehr von Trost! Von Gräbern laßt uns reden, von Würmern und Grabschriften; laßt uns den Staub zu unserm Papier machen, und mit regnenden Augen unsern Jammer auf den Busen der Erde schreiben. Laßt uns von Testamenten reden, und unsre Ausrichter erwählen--doch nein--Was können wir vermachen, als unsre abgelegte Leiber der Erde? Unsre Länder, unser Leben, alles ist Bolingbroks, und wir können nichts unser nennen als den Tod, und dieses Bißchen Erde, das unsre Gebeine deken wird. Ums Himmels willen! laßt uns hier auf den Boden niedersizen, und einander melancholische Geschichten vom Tod der Könige erzählen; wie einige entsezt, andre im Krieg erschlagen worden; andre von den Geistern derjenigen verfolgt, so sie aus dem Wege geräumt hatten; andre von ihren Weibern vergiftet, andre im Schlaf umgebracht, alle ermordet!--denn in der holen Crone, die eines Königs sterbliche Schläfe umfaßt, hält der Tod seinen Hof; da sizt das groteske Ungeheuer und spottet mit grinsendem Lächeln seines Pomps, erlaubt ihm einen Athem-Zug, eine kleine Scene lang zu herrschen, gefürchtet zu werden, und mit Bliken zu tödten, lispelt ihm eitle schwülstige Gedanken ein, als ob das Fleisch, worinn sein Leben eingeschlossen ist, unzerstörbares Metall sey; und wann er ihn so bethört hat, kommt er zulezt, durchbort mit einer kleinen Steknadel seine Schläfe, und gute Nacht König!-- Bedekt eure Häupter, und verspottet nicht Fleisch und Blut mit feyrlicher Ehrerbietung; werfet Ehrfurcht, Titel, Ceremoniel, und alle diese Zeichen der Unterwürfigkeit weg; ihr habt mich diese ganze Zeit her mißkannt. Ich lebe von Athem wie ihr, ich habe Bedürfnisse wie ihr, fühle Schmerzen, habe Freunde vonnöthen, wie ihr; so abhängig, wie ich also bin, wie könnt ihr mir sagen: ich sey ein König? Bischoff. Gnädigster Herr, weise Männer bejammern niemals ihre gegenwärtigen Übel, sondern kommen gegenwärtig den Übeln zuvor, die sie künftig bejammern müßten. Den Feind fürchten, giebt, da die Furcht die Stärke schwächt, dem Feind einen Zuwachs von Stärke in unsrer Schwäche, und so haben wir an unsrer eignen Thorheit einen Feind mehr. Fürchtet euch, so seyd ihr geschlagen; kan es euch schlimmer gehen, wenn ihr euch wehret? Fechtet ihr und kommt um, so sterbt ihr doch edler, als wenn ihr aus Zagheit umkommt. Aumerle. Mein Vater hat Truppen; schiket nach ihm, und lernet aus einem Gliedmaß einen Leib machen. König Richard. Du beschiltst mich mit Recht. Stolzer Bolingbroke, ich komme, um durch Streiche deinen oder meinen lezten Tag zu entscheiden. Dieser fiebrische Schauer von Furcht ist vorüber; es ist eine leichte Arbeit zu gewinnen was unser eigen ist. Sage, Scroop, wo ligt unser Oheim mit seiner Macht? Antworte etwas besseres, als deine düstern Blike versprechen. Scroop. Wol mögt ihr aus meinen düstern und kummerbeladnen Augen urtheilen, daß meine Zunge noch eine bösere Zeitung zu erzählen hat, wie man aus der Beschaffenheit des Himmels auf das heitre oder ungestüme Ende eines Tages zu schliessen pflegt. Ich mache den Peiniger, indem ich das ärgste was ich sagen muß, in die Länge ziehe. Euer Oheim York hat sich mit Bolingbroke vereiniget, alle eure Nordischen Schlösser sind übergeben, und aller euer südlicher Adel ist in Waffen auf seiner Parthey. König Richard. Du hast genug gesagt. Wehe dir, Vetter, daß du mich von diesem guten Weg, worauf ich war, in Verzweiflung geführt hast. Was sagt ihr izt? Was für Hoffnung haben wir nun? Beym Himmel! ich hasse den auf ewig, der mir zumuthen will, noch etwas zu hoffen. Geht nach Flint-Castle, dort will ich mich ungestört dem Gefühl meines Jammers überlassen. Entlasset die Mannschaft die ich noch habe, laßt sie zu demjenigen gehen, der Hoffnung hat zu steigen. Ich habe keine mehr. Wende mir niemand etwas gegen diß ein; aller Rath ist umsonst. Aumerle. Nur ein Wort, Gnädigster Herr-- König Richard. Schmeicheleyen in solchen Umständen worinn ich bin, machen meine Wunden nur tiefer. Entlaßt meine Leute; laßt sie gehen, laßt sie aus Richards Nacht in Bolingbroks aufgehenden Tag. (Sie gehen ab.) Fünfte Scene. (Bolingbroks Lager bey Flint.) (Ein Aufzug mit Trummeln und Fahnen, Bolingbroke, York, Northumberland und Gefolge treten auf.) Bolingbroke. Diese Nachricht belehrt uns also, daß die Welschen zerstreut sind, und daß Salisbury dem Könige entgegengegangen ist, der mit einer kleinen Anzahl von Freunden kürzlich an dieser Küste angeländet ist. Northumberland. Die Zeitung ist schön und gut, Milord; Richard hat sein Haupt nicht weit von hier verborgen. York. Es würde dem Lord Northumberland nicht übel anstehen, zu sagen, König Richard. O! des unglüklichen Tags, da ein geheiligter König sein Haupt verbergen muß! Northumberland. Euer Gnaden nimmt mir's anders auf als es gemeynt war; ich ließ seinen Titel nur aus, um kürzer zu seyn. York. Es war eine Zeit, wo ich es euch nicht gerathen haben wollte, so kurz mit ihm zu seyn, wenn es euch nicht gleichgültig gewesen, daß er es so sehr mit euch sey, um euch eure ganze Kopfslänge kürzer zu machen. Bolingbroke. Nehmet seinen Ausdruk nicht übler auf als recht ist, mein Oheim. York. Und nehmet ihr nicht mehr als recht ist, mein guter Neffe; oder ihr vergeßt zulezt, daß der Himmel über euerm Haupt ist. Bolingbroke. Ich weiß es, mein Oheim, und widerseze mich seinem Willen nicht. Wer kommt hier? (Percy zu den Vorigen.) Willkommen, Harry! Wie? Will sich dieses Schloß noch nicht ergeben? Percy. Das Schloß ist gegen euern Einzug königlich bemannt, Milord. Bolingbroke. Königlich? Wie, enthält es denn einen König? Percy. Ja, Milord, es enthält einen König; König Richard ligt innert dem Bezirk von jenem Leim und Stein, und bey ihm Lord Aumerle, Lord Salisbury, Sir Stephan Scroop, und noch ein Geistlicher von heiligem und ehrfurchtwürdigem Ansehn, dessen Name ich nicht erfahren konnte. Northumberland. Vermuthlich der Bischoff von Carlisle. Bolingbroke (zu Northumberland.) Mein edler Lord, geht vor die Mauren dieses alten Schlosses, fordert durch die eherne Stimme der Trompete eine Unterredung, und sprecht so: Heinrich von Bolingbroke küsse auf seinen Knien König Richards Hand, und sende ihm die Versicherung seiner Unterthänigkeit und aufrichtigen Treue gegen seine Königliche Person; sagt ihm, ich sey in dem nemlichen Augenblik bereit, meine Waffen und Völker zu seinen Füssen niederzulegen, in welchem er mir die Widerruffung meiner Landes-Verweisung und die Wieder-Einsezung in meine Güter freywillig garantiren wolle; wo nicht, so werde ich mich des Vortheils meiner Macht bedienen, und den Sommer-Staub mit Regen von Blut legen, die aus den Wunden erschlagner Engländer sich ergiessen sollen. Wie entfernt aber von Bolingbroks Herzen der Gedanke sey, daß ein solch blutiges Ungewitter den frischen grünen Schooß von König Richards Land überschwemmen solle, davon könne ihn meine Mäßigung und Entfernung von allem pflichtwidrigen Gebrauch meiner Obermacht überzeugen. Geht, erklärt ihm dieses, indessen daß wir ohne das Getöse drohender Trummeln über diese Ebne fortziehen, damit unser Betragen, von den zerfallnen Zinnen dieses Schlosses beobachtet, die Wahrheit unsrer Erklärung bekräftige. Mich däucht, König Richard und ich sollten uns mit nicht mindern Schreknissen begegnen, als die Elemente des Feuers und des Wassers, wenn ihr donnernder Zusammenstoß die bewölkten Wangen des Himmels mit Thränen badet. Ist er das Feuer, so will ich das nachgiebige Wasser seyn; er mag rasen, indeß daß ich meine Wasser auf die Erde regne; auf die Erde, nicht auf ihn. Nähert euch den Mauren--Milord, und beobachtet die Fassung des Königs genau. Sechste Scene. (Aufforderung von aussen, Antwort von innen; Trompeten-Klang, König Richard, Bischoff von Carlisle, Aumerle, Scroop und Salisbury kommen auf die Mauren.) York. Seht, seht, der König tritt selbst hervor, gleich dem von Unmuth erröthenden Phöbus, wenn er, aus der glühenden Pforte des Morgens hervorgehend, neidische Wolken gewahr wird, die sich vereiniget haben, seinen Glanz zu verhüllen, und die Pracht seines schimmernden Zugs nach Westen zu verdunkeln. Und doch sieht er wie ein König; seht, wie sein Auge, glänzend wie eines Adlers, herrschende Majestät um sich her blizt. O beweinenswürdig, daß eine so schöne Gestalt durch irgend einen Unfall entstellt werden soll. König Richard (zu Northumberland.) Wir befremden uns, und stehen schon lange hier, auf die ehrfurchtvolle Beugung deiner Knie zu warten, indem wir uns selbst für deinen gesezmäßigen König hielten; und sind wir's, wie dürfen sich deine Gelenke vergessen, den schuldigen Tribut der Unterthänigkeit unsrer Gegenwart zu bezahlen? Sind wir's aber nicht, so zeige uns die Hand Gottes, die uns unsrer Statthalterschaft entlassen hat. Denn das wissen wir, daß keine Hand von Blut und Knochen, ohne Entweihung, Diebstal und Verrath, nach unserm geheiligten Scepter greiffen kan. Und ob ihr gleich denkt daß alle von uns abgefallen, und wir allein und von Freunden entblößt gelassen seyen, so sollt ihr doch wissen, der Allmächtige, mein Herr, mustert um euertwillen Heere von Plagen in seinen Wolken, die euch treffen werden, euch, die ihre Vasallen-Hände gegen mich aufgehoben und der Majestät meiner Crone gedräuet haben, euch, und eure noch ungebohrnen Kinder. Sagt dem Bolingbroke, (denn dort, däucht mich, ist er,) daß ein jeder Schritt den er in meinem Lande macht, Hochverrath ist--Er ist gekommen, das purpurne Testament des blutigen Kriegs zu öffnen; aber eh die Crone, nach der er strebt, ruhig auf sein Haupt herabsteigen wird, sollen zehentausend blutige Cronen von Mutter-Söhnen die Blume von Englands Antliz entstellen, die Farbe ihres jungfräulich-blassen Friedens in feurigen Grimm verwandeln, und ihre fetten Weiden mit getreuem Englischem Blut bethauen. Northumberland. Der König des Himmels verwehre, daß unser Herr, der König, so mit bürgerlichen und unbürgerlichen Waffen angefallen werden solle! Nein, dein edler Vetter, Heinrich von Bolingbroke, küßt voll Ehrfurcht deine Hand, und schwört, bey dem ehrenvollen Grabmal, das auf euers beydseitigen Ahnherrn königlichen Gebeinen ruht, bey der geheiligten Quelle euers gemeinschaftlichen Bluts, und bey der Helden-Hand seines verstorbnen Vaters, und bey seiner eignen Würde und Ehre schwört er, daß seine Ankunft keinen andern Zwek hat, als die Besiznehmung von seinen eignen Gerechtsamen und Gütern, deren Zurükgab er auf seinen Knien erbittet. Wird bey euerm Königlichen Wort ihm nur dieses zugestanden, so will er seine blinkenden Waffen dem Rost überlassen, seine langmähnichten Rosse den Ställen, und sein Herz dem getreuen Dienst Eurer Majestät. Diß schwört er, so wahr er ein Prinz ist, und so wahr ich ein Edelmann bin, glaub' ich seinen Schwur. König Richard. Northumberland, sag' ihm, so antwortet der König: Sein edler Vetter ist sehr willkommen, und alle seine Forderungen, so viel ihrer seyn mögen, sollen ohne Widerspruch zugestanden seyn. Sag' ihm in unserm Namen so viel verbindliches und freundschaftliches, als du nur immer kanst.-- (zu Aumerle.) Wir erniedrigen uns, Vetter, nicht wahr, da wir so armselig aussehen, und so gute Worte geben? Sollen wir Northumberland zurük ruffen, den Verräther herausfordern lassen, und so sterben? Aumerle. Nein, Gnädigster Herr, bis die Zeit uns Freunde leiht, und unsre Freunde ihre Schwerdter, bleibt uns nichts übrig als mit Worten zu fechten. König Richard. O Gott! o Gott! daß diese meine Zunge, die das Urtheil der Verbannung über jenen stolzen Mann ausgesprochen, dahingebracht seyn soll, es mit liebkosenden Worten zurükzunehmen! o daß ich so groß wäre als mein Schmerz, oder kleiner als mein Name; O daß ich vergessen könnte was ich gewesen bin, oder nicht fühlte was ich izt bin! Schwillst du auf, stolzes Herz? Ich gebe dir alle Freiheit, schlage wie du willt, da meine Feinde die Freyheit haben, dich und mich zu schlagen. Aumerle. Northumberland kommt von Bolingbroke zurük. König Richard. Was muß der König noch mehr thun? Muß er sich unterwerfen? Der König soll es thun. Muß er abgesezt werden? Der König soll sich's gefallen lassen. Muß er auch dem Namen eines Königs entsagen? In Gottes Namen, es sey so. Ich will meine Juweelen für einen Rosenkranz geben, meinen Palast für eine Einsiedeley, meine schimmernden Kleider für einen Bettlers-Mantel, mein goldnes Geschirr für einen hölzernen Teller; meinen Scepter für einen Pilgrims-Stab, meine Unterthanen für ein Paar geschnizte Heilige, und mein grosses Königreich für ein kleines Grab; ein kleines, kleines Grab--ein dunkles Grab!--Oder ich will auf des Königs Landstrasse begraben werden, auf einem ungangbaren Weg, wo meiner Unterthanen Füsse stündlich auf ihres Königs Haupt trappen mögen; denn auf mein Herz treten sie, da ich noch lebe; warum nicht auf mein Haupt, wenn ich begraben bin?--Aumerle, du weinst? Mein weichherziger Vetter! Wir wollen böses Wetter mit unsern verachteten Thränen machen; unsre Seufzer und Thränen sollen das Sommer-Korn legen, und eine Theurung in dieses rebellische Land bringen. Oder wollen wir uns aus unserm Jammer eine Kurzweile machen? Irgend ein artiges Spiel aus unsern fliessenden Thränen? Als etwann, sie so lange an den nemlichen Ort tropfen zu lassen, bis sie uns ein paar Gräber in die Erde eingefressen haben; und wenn wir da ligen--Hier ligen zween Freunde, die sich ihr Grab mit ihren Thränen gegraben haben. Würde uns das unser Elend nicht versüssen? Wohl, wohl, ich sehe, ich rede phantastisch, und ihr lachet über mich. Großmächtigster Prinz, Milord Northumberland, was sagt der König Bolingbroke? Will seine Majestät dem Richard erlauben zu leben, bis Richard stirbt? Ihr macht einen Scharr-Fuß, und Bolingbroke sagt, ja. Northumberland. Gnädigster Herr, er wartet in dem Hofe, mit euch zu reden; gefällt es euch herunter zu kommen? König Richard. Herunter, herunter komm ich, wie der schimmernde Phaeton, da er die unbändigen Sonnen-Pferde nicht zu regieren wußte. In den Hof herunter, ein König in den Hof herunter, auf den Ruf eines Verräthers, um ihm seine Begnadigung zu geben. Herunter dann, König, herunter! Bolingbroke. Was sagt seine Majestät? Northumberland. Kummer und Sorgen machen ihn wunderlich, und wie ein Mann der nicht recht bey sich selbst ist, reden. Izt ist er da. Bolingbroke (kniend.) Tretet alle zurük, und bezeuget Sr. Majestät eure schuldige Ehrfurcht. Mein Gnädigster Herr-- König Richard. Mein edler Vetter, ihr demüthiget eure fürstlichen Knie zu tief, indem ihr die niedrige Erde stolz macht sie zu berühren. Mir wäre lieber, wenn mein Herz eure Liebe fühlte, als daß mein unbefriedigtes Aug' eure Höflichkeit sieht. Auf, Vetter, auf; euer Herz ist zum wenigsten so hoch, (er deutet mit der Hand auf seine Crone) wenn eure Knie schon so niedrig sind. Bolingbroke. Mein Gnädigster Herr, ich komme nur für das, was mein eigen ist. König Richard. Euer Eigenthum ist euer, ich bin euer, alles ist euer. Bolingbroke. In so fern möge Eure Majestät mein seyn, mein Gnädigster Souverain, als meine getreuen Dienste eure Liebe verdienen werden. König Richard. Ihr verdienet alles; wer verdient mehr zu haben, als wer den sichersten und kürzesten Weg kennt, zu gewinnen? Oheim, gebt mir eure Hand; nein, troknet eure Augen; Thränen sind nur hülflose Zeichen der Liebe. Vetter, ich bin zu jung euer Vater zu seyn, ob ihr gleich alt genug seyd, mein Erbe zu seyn. Ich will euch geben was ihr haben wollt, und noch dazu mit Willen. Denn warum sollen wir nicht wollen, was wir müssen? Ziehet fort nach London. Ist das nicht eure Absicht, Vetter? Bolingbroke. Ja, Gnädigster Herr. König Richard. So darf ich nicht nein sagen. (Trompeten. Sie gehen ab.) Siebende Scene. (Ein Garten im Hofe der Königin.) (Die Königin tritt mit zwoen Damen auf.) Königin. Was für eine Kurzweil wollen wir uns in diesem Garten machen, um unsre kummervolle Gedanken zu vertreiben? Lady. Gnädigste Frau, wir wollen mit Kugeln spielen. Königin. Das würde mich denken machen, daß die Welt voller Rauhigkeit und Zaken ist, und daß mein Glük, wie eine Kugel, die ihre Kraft verlohren hat, seitwärts rennt. Lady. Madam, so wollen wir tanzen. Königin. Meine Füsse können kein Maaß* im Vergnügen halten, wenn mein armes Herz kein Maaß in seinem Kummer hält. Also nichts vom Tanzen, Mädchen; irgend ein andres Spiel. {ed.-* Wortspiel mit dem Wort (measure), welches Cadenz, und Maaß heißt.} Lady. So wollen wir Mährchen erzählen, Gnädigste Frau. Königin. Traurige oder lustige? Lady. Von beyderley Gattung, Madam. Königin. Von keiner von beyden, Mädchen. Die Frölichen würden nur die Erinnerung meiner Schmerzen desto lebhafter machen, weil sie mir die Freude zeigten, die mir fehlt; und die Traurigen würden noch mehr Bekümmerniß zu derjenigen hinzuthun, die ich schon habe. Lady. So wollen wir singen, Gnädigste Frau. Königin. Es ist gut, wenn du Ursache dazu hast; aber du würdest mir besser gefallen, wenn du weinen würdest. Lady. Ich könnte wol weinen, Gnädigste Frau, wenn es euch besser machte. Königin. Und ich könnte weinen, wenn mir weinen besser machte, ohne daß ich eine Thräne von dir entlehnen müßte. Aber warte, hier kommen die Gärtner. Wir wollen uns in den Schatten dieser Bäume verbergen-- Sie werden vom Staat reden, wie alle Welt, wenn eine Veränderung im Werk ist. (Ein Gärtner mit zween Garten-Jungen tritt auf; die Königin und ihre Damen treten bey Seite.) Gärtner. Geh, binde du jene hängenden Apricosen auf, die, wie ungerathene Kinder, ihren Vater durch ihr verschwendrisches Gewicht zu Boden ziehen; unterstüze ein wenig die neigenden Zweige. Geh du, und haue, gleich einem Nachrichter, die Köpfe der zu hochaufschiessenden Stauden-Gewächse ab, die zu übermüthig in unserm gemeinen Wesen aussehen. In unsrer Regierung muß alles eben seyn. Unterdessen daß ihr so beschäftigst seyd, will ich gehen, und das unnüze Unkraut ausjäten, das den gesunden Pflanzen die Nahrung entzieht. Junge. Wie verlangt ihr von uns, daß wir in dem Bezirk eines Zauns, Geseze, Form, und gehöriges Ebenmaaß beobachten, und wie in einem Model einen wolgeordneten Staat zeigen? Indeß daß unser vom Meer eingeschloßner Garten, das ganze Land voller Unkraut ist, seine schönsten Blumen zerknikt, seine fruchtbaren Bäume alle ungepuzt, seine Zäune eingerissen, seine Knoten alle verwirrt sind, und seine heilsamen Gewächse von Raupen wimmeln? Gärtner. Schweige du; derjenige, dessen Frühling so wild und zügellos war, hat nun den Fall seiner Blätter erfahren. Der Epheu, der unter dem Schirm seiner weitverbreiteten Zweige emporwuchs, und ihn zu unterstüzen schien, indem er ihn aussog, ist aller bis auf die Wurzeln, von Bolingbroke ausgereutet worden; ich meyne den Grafen von Wiltschire, Buschy, und Green. Junge. Was, sind sie todt? Gärtner. Das sind sie, und Bolingbroke hat sich des verunglükten Königs bemächtiget. Wie beklagenswerth ist es, daß er sein Land nicht so gehalten hat, wie wir unsern Garten. Wir verwunden die Rinde unsrer Frucht-Bäume, weil der zu grosse Überfluß von Saft sie geil und üppig machen, und durch zuviel Reichthum zu grund richten würde. Hätte er es mit den Menschen so gemacht, die zu groß und üppig wuchsen, sie möchten die Zeit erlebt haben daß sie ihm nüzliche Früchte getragen, und er, daß er sie gekostet hätte. Wir schneiden alle überflüßigen Äste weg, damit die tragenden Zweige leben mögen; hätt' er's auch so gemacht, so würd' er selbst die Crone getragen haben, die ihm Verschwendung und Müßiggang so bald vom Haupte gerissen. Junge. Was? denkt ihr dann, der König werde abgesezt werden? Gärtner. Unterdrükt ist er schon, und abgesezt wird er ohne Zweifel werden. Es sind in verwichner Nacht Briefe von einem Freund des Herzogs von York angekommen, welche schlimme Zeitungen erzählen. Königin. O, ich werde zu todt gepreßt, wenn ich länger schweige--Du Ebenbild Adams, in diesen Garten gesezt, seiner zu pflegen, wie untersteht sich deine Zunge so leidige Zeitungen anzukündigen. Was für eine Eva, was für eine Schlange hat dir eingegeben, einen zweyten Fall des verfluchten Menschen zu machen? Wie, sagst du, König Richard ist entsezt? Darfst du, kaum ein bessers Ding als die Erde die du gräbst, seinen Fall weissagen? Sprich, wo, wenn und wie kamst du zu dieser bösen Zeitung? Sprich, du Unglükseliger! Gärtner. Verzeihet mir, Madam. Ich habe wenig Freude davon, diese Neuigkeiten zu sagen, aber man versichert, daß sie wahr seyen. König Richard ist in Bolingbroks mächtiger Gewalt. Ihr Glük wird gegen einander abgewogen. In euers Herrn Waagschale ist nichts als er selbst, und etliche wenige Eitelkeiten, die ihn leicht machen; aber in der Schaale des grossen Bolingbroks ligen, ausser ihm selbst, alle Pairs von England, und mit diesen wiegt er den König Richard zu Boden. Eilet nur nach London, und ihr werdet es so finden; ich sage nichts, als was jedermann weiß. Königin. Du behendes Unglük, das so leicht auf den Füssen ist, geht deine Gesandtschaft nicht mich an? Warum bin ich dann die lezte, die sie erfährt? O du denkst mich auf die Lezte zu sparen, damit ich deine Schmerzen desto länger fühle. [** Kommt, Lädies, wir wollen gehen, um in London Londons König im Jammer aufzusuchen. Wie, ward ich hiezu gebohren, daß mein gedemüthigter Blik den Triumph des stolzen Bolingbroks vermehren soll? Gärtner, für diese Zeitung, die du mir erzählt hast, wünsch' ich, daß die Pflanzen, die du pflanzest, nimmer wachsen mögen. {ed.-** Was in [ ] eingeschlossen ist, sind Reime im Original.} (Sie geht ab.) Gärtner. Arme Königin, möchte, wenn es dir helfen könnte, dein Fluch an meinem Fleisse wahr werden!--Hier ließ sie eine Thräne fallen;-- hier, an diesem Ort will ich einen Rautenstok sezen, zum Andenken, daß eine Königin hier geweint hat.] (Geht ab.) Vierter Aufzug. Erste Scene. (Der Parlament-Saal in London.) (Bolingbroke, Aumerle, Northumberland, Percy, Fizwater, Surrey, der Bischoff von Carlisle, der Abbt von Westmünster, Herolde, Officianten, Gerichtsdiener, und Bagot, treten auf.) Bolingbroke. Ruft den Bagot hervor--Sage nun ohne Scheu, was du von Glosters Tode weißst; wer half dem Könige dazu, und wer vollbrachte diese unglükselige That? Bagot. Wenn ihr das wissen wollt, so stellt mir den Lord Aumerle vor die Augen. Bolingbroke. Vetter, tritt hervor, und sieh' diesem Mann in die Augen. Bagot. Milord Aumerle, ich weiß eure edelmüthige Zunge verschmäht es, zu läugnen was sie einmal gesagt hat. In jener Zeit, da Glosters Tod angezettelt wurde, hörte ich euch sagen: Ist mein Arm nicht lang genug, da er von dem ruhigen Englischen Hof bis nach Calais an meines Oheims Kopf reicht? Unter vielen andern Reden, hört ich euch damals auch dieses sagen: Ihr wolltet eher hunderttausend angebotne Cronen ausschlagen, als daß Bolingbroke nach England zurük komme; und ihr seztet hinzu, wie glüklich dieses euers Vetters Tod dieses Land machen würde. Aumerle. Prinzen und Milords, was für eine Antwort soll ich diesem niederträchtigen Mann geben? Soll ich meine schönen Sterne so sehr entehren, und ihm wie einem der meines gleichen ist, antworten. Und doch muß ich, oder ich muß es leiden, meine Ehre von dem Geifer seiner verläumderischen Zunge beflekt zu sehen. Hier ist mein Pfand, (er wirft seinen Handschuh hin,) das Siegel des Todes, daß dich für die Hölle auszeichnet. Du liegst, und ich will, daß es falsch ist was du sagst, mit deinem Herzens-Blut beweisen, so unwürdig es auch ist, den Stahl meines ritterlichen Schwerdts zu besudeln. Bolingbroke. Bagot, nim dich in Acht; du sollt es nicht aufheben. Aumerle. Einen einzigen ausgenommen, wollt' ich, der Beste in dieser Versammlung hätte mich so herausgefordert. Fizwater. Wenn du es zufrieden bist, daß ein andrer seinen Plaz nehme, so ist hier mein Pfand gegen das Deinige. Bey dieser schönen Sonne, die mir zeigt, wo du stehst, ich hörte dich sagen, und du sprachst es mit einem pralerischen Ton, du seyest die Ursach von des edlen Glosters Tod gewesen. Wenn du das läugnest, so lügst du eine zwanzigfache Lüge, und mit diesem meinem Schwerdt will ich sie in dein Herz zurük stossen, worinn sie ausgebrütet wurde. Aumerle. Feige Memme, du hast das Herz nicht, so lange zu leben, daß du diesen Tag sehest. Fizwater. Bey meiner Seele, ich wollt' es wäre in dieser Stunde. Aumerle. Fizwater, diß verdammt dich zur Hölle. Percy. Aumerle, du lügst; o seine Ehre ist in dieser Anklage so rein, als du ein Bösewicht bist. Und daß du es bist, das will ich, hier ist mein Pfand dafür, bis zum lezten Lebens-Athem an dir beweisen. Heb' es auf, wenn du Muth hast. Aumerle. Und wenn ich es nicht thue, o dann verdorre meine Hand, und schwinge niemals wieder den rächenden Stahl über den Helm meiner Feinde! Wer beschuldigt mich noch mehr? Beym Himmel, ich nehm' es mit allen auf Ich habe tausend Geister in meiner Brust, um zwanzigtausend solchen wie ihr seyd, zu antworten. Surrey. Milord Fizwater, ich erinnre mich der Zeit sehr wol, da Aumerle und ihr euch mit einander sprachet. Fizwater. Milord, es ist wahr; ihr waret dabey, und ihr könnt mir Zeugniß geben, daß es wahr ist. Surrey. So falsch, beym Himmel, als der Himmel selbst wahrhaft ist. Fizwater. Surry, du lügst. Surrey. Ehrloser Bube, diese Lüge soll so schwer auf meinem Schwerdte ligen, daß es Rache über Rache nehmen soll, bis du, der mich lügen hieß, und deine Lüge, so ruhig in der Erde ligen als deines Vaters Schädel. Zu dessen Beweiß, ist hier das Pfand meiner Ehre; verbinde dich zum Kampf, wenn du das Herz hast. Fizwater. Wie unnöthig spornst du ein feuriges Roß! Wenn ich das Herz habe zu essen, zu trinken, Athem zu holen, so hab' ich auch das Herz, Surrey in einer Wildniß aufzusuchen, und ihn anzuspeyen, indem ich ihm sage, daß er lügt, und lügt, und lügt: Hier ist mein Pfand, daß ich dich zur Straffe ziehen will. So wahr ich in dieser neuen Welt zu gedeyhen wünsche, Aumerle ist meiner wahrhaften Anklage schuldig. Überdem hörte ich den verbannten Norfolk sagen, du Aumerle, habest zween von deinen Leuten abgeschikt, den Herzog zu Calais zu ermorden. Aumerle. Ist kein ehrlicher Christ hier, der mir einen Handschuh leiht, damit ich sagen kan, daß Norfolk lügt; hier zieh ich diesen ab, daß ich es auf ihn beweisen will, wenn er zurükberuffen werden mag. Bolingbroke. Alle diese Händel sollen zur Entscheidung ausgesezt bleiben, bis Norfolk zurükberuffen ist; und das soll er werden, und, ob er gleich mein Feind ist, in alle seine Herrschaften wieder eingesezt; wenn er wieder da ist, soll er gegen Aumerle seinen Beweis machen. Carlile. Dieser ehrenvolle Tag wird nie gesehen werden. Eine lange Zeit hat der verwiesne Norfolk für Jesum Christum, in glorreichen blutigen Kämpfen für die Ehre des heiligen Creuzes, mit schwarzen Heiden, Türken und Saracenen gefochten; hernach, von der kriegrischen Arbeit abgemattet, nach Italien sich zurükgezogen, und endlich zu Venedig seinen Leib dieser anmuthsvollen Erde, seine reine Seele aber Christo, seinem Feldherrn, gegeben, unter dessen Fahne er so lange gestritten hatte. Bolingbroke. Wie, Bischoff, ist Norfolk todt? Carlile. So gewiß ich lebe, Milord. Bolingbroke. Seliger Friede führe seine Seele in Abrahams Schooß!--Milords Appellanten, eure Händel sollen alle auf den gewechselten Pfändern beruhen, bis wir euch den Tag zu eurer Probe angesezt haben. Zweyte Scene. (York zu den Vorigen.) York. Grosser Herzog von Lancaster, ich komme zu dir von dem berupften Richard abgeschikt, der mit williger Seele dich zu seinem Erben annimmt, und seinen hohen Scepter in deine königliche Hand übergiebt. Besteige also seinen Thron, als nunmehr von ihm abstammend, und lang lebe König Heinrich der vierte! Bolingbroke. In Gottes Namen, will ich den königlichen Thron besteigen. Bischoff von Carlisle. Das verhüte der Himmel! So schlimm das scheinen oder aufgenommen werden mag, was ich in dieser königlichen Gegenwart reden werde, so anständig ist es mir, die Wahrheit zu sagen. Wollte Gott, daß einer in dieser edeln Versammlung edel genug wäre ein aufrichtiger Richter des edeln Richards zu seyn; denn ein wahrer Edelmuth würde ihn eine so ungerechte That verabscheuen lehren. Welcher Unterthan kan ein Urtheil über seinen König sprechen? Und wer sizt hier, der nicht Richards Unterthan ist? Diebe, so sehr auch die Umstände wider sie zeugen, werden nicht gerichtet, ohne daß man sie gehört hat. Und soll das Bild der Göttlichen Majestät, sein Hauptmann, und selbsterwählter Statthalter, gesalbt, gekrönt, und eingethront, von seinen Unterthanen verurtheilt werden, und er selbst nicht dabey zugegen seyn? O verhüt' es, gerechter Himmel! daß in einem Christlichen Lande, unter einem gesitteten Volk eine so scheußliche, schwarze, unflätige That gesehen werde! Ich rede zu Unterthanen, und als ein Unterthan; vom Himmel angetrieben red' ich so kühn, denn ich rede für meinen König. Milord von Hereford hier, den ihr König nennt, ist ein schändlicher Verräther an Herefords König. Und wenn ihr ihn krönt, so laßt mich propheceyen, Englisches Blut wird den Boden düngen, und künftige Zeitalter um dieser Schandthat willen ächzen. Der Friede wird zu den Türken und Ungläubigen schlafen gehen, und in diesem Siz des Friedens, aufrührischer Krieg, Brüder gegen Brüder, und Bürger gegen Bürger erhizen. Unordnung, ruchlose Gewalt, Mißtrauen und Aufruhr wird hier wohnen, und dieses mit Menschen-Schädeln bedekte Land Golgatha genennt werden. O wenn ihr das königliche Haus gegen das königliche Haus empört, so wird die jammervolleste Zwietracht daraus entstehen, die jemals auf diesem verfluchten Erdboden gewüthet hat. O! vermeidet sie, widerstehet, laßt es nicht so seyn, oder die Kinder eurer Kinder werden Weh über euch schreyen. Northumberland. Ihr habt vortrefflich gesprochen, Herr, und für eure Mühe nehmen wir euch hier wegen Hochverraths in Verhaft. Milord von Westmünster, laßt es eure Sorge seyn, ihn bis zum Tag seines Verhörs wol zu verwahren. Gefällt es euch, Milords, die Bitte der Gemeinen zu bewilligen? Bolingbroke. Bringet Richarden hieher, damit er vor allen Augen das Reich übergebe: auf diese Art wird aller Verdacht gehoben. York. Ich will sein Führer seyn. (Er geht ab.) Bolingbroke. Diejenigen von euch, Milords, die hier unter unserm Arrest sind, mögen für ihre Sicherheit auf den Tag ihrer Antwort besorgt seyn. Wir sind ihrer Liebe wenig schuldig, und haben uns wenig Beystand von ihnen zu versehen gehabt. Dritte Scene. (König Richard und York zu den Vorigen.) König Richard. Himmel, warum werde ich vor einen König vorgefordert, eh ich die königlichen Gedanken abgeschüttelt habe, womit ich regierte? Ich habe noch nicht lernen können, mich einzuschwazen, zu schmeicheln, zu büken und die Knie zu beugen. Lasset meinem Kummer noch Zeit mich zu dieser Unterwürfigkeit anzugewöhnen. Und doch will ich mich der Zeit erinnern, da mir diese Männer günstiger waren. Waren sie nicht einmal mein? Rieffen sie mir nicht einmal lauter Heil und Leben zu? Das that Judas auch gegen Christum: Aber Christus fand unter zwölfen Treue bey allen bis auf einen, ich unter zwölftausend gar keine. Gott erhalte den König!--Will niemand sagen, Amen? Bin ich Priester und Küster zugleich? Wol dann, Amen! Gott erhalte den König, ob ich's gleich nicht bin, und auch Amen! Wenn der Himmel mich dafür erkennt. Was für Dienste fordert man von mir, daß man nach mir geschikt hat? York. Eine Handlung deines eignen freyen Willens, wozu du, der Majestät überdrüßig, dich selbst erboten hast, die Übergabe deines Staats und deiner Crone. König Richard. Gebt mir die Crone--hier, Vetter, nimm die Crone, hier auf dieser Seite, meine Hand; und auf dieser deine. Izt ist diese goldne Crone wie ein tiefer Brunnen mit zween Kübeln, wovon einer den andern füllt; der leere tanzt immer in der Luft, indem der andre in der Tiefe, ungesehn und voll Wassers ist; dieser erniedrigte und mit Thränen angefüllte Kübel bin ich, der nun seinen Kummer wie Wasser in sich schluken muß, indeß daß ihr in die Höhe steigt. Bolingbroke. Ich dachte, ihr wäret willig, die Crone niederzulegen? König Richard. Die Crone, ja; aber doch bleibt mein Schmerz mein, ihr könnt mich meiner Majestät und meines Staats entsezen, aber nicht meiner Schmerzen; darüber bleib ich immer König. Bolingbroke. Seyd ihr's zufrieden, die Crone zu übergeben? König Richard. Ja, nein--Nein, ja,--Denn ich muß nichts seyn--also nein, nein; denn ich übergebe sie dir. Nun, gebt acht wie ich mich selbst vernichte; ich gebe diese schwere Bürde von meinem Haupte weg, diesen unbehülflichen Scepter aus meiner Hand, und den Stolz der Königs-Würde aus meinem Herzen; mit meinen eignen Thränen wasch ich meine Salbung weg; mit meinen eignen Händen geb ich meine Crone von mir; mit meiner eignen Zunge verläugne ich meinen geheiligten Stand, und mit meinem eignen Athem entlasse ich alle ihrer mir geschwornen Pflichten. Ich verschwöre alle Majestät und Hoheit, ich vergesse alle meine Domainen, Renten und Einkünfte, ich vernichte alle meine Handlungen, Edicte und Verordnungen. Gott verzeihe alle die Eidschwüre, die an mir gebrochen werden! Gott erhalte alle diejenigen ungebrochen, die dir gethan werden. Mögest du lange leben, um auf Richards Stuhl zu sizen, und Richard bald im Grabe Ruhe finden. Gott erhalte den König Heinrich, sagt der entkönigte Richard, und sende ihm viele Jahre von glüklichen Tagen!-- Was ist noch mehr zu thun? Northumberland. Nichts mehr, als daß ihr diese Anklagen und dieses Verzeichniß von abscheulichen Verbrechen leset, die von euch selbst und euern Anhängern gegen den Staat und das Beste dieses Landes begangen worden; damit durch euer Geständniß alle Welt überzeugt werde, daß ihr mit Recht entsezt worden seyd. König Richard. Muß ich das thun? muß ich das Gewebe meiner Thorheiten Faden vor Faden ausfäseln? Lieber Northumberland, wenn deine Sünden alle aufgeschrieben wären, würdest du nicht beschämt seyn, sie in einer so schönen Gesellschaft abzulesen? Thätest du es, du würdest einen scheuslichen Artikel, die Absezung eines Königs, darinn finden, den gewaltthätigen Bruch eines geheiligten Eides, mit einem Strich der Verdammniß im Buch des Himmels bezeichnet. O, ihr alle die ihr hier steht und mich anseht, wie mein Unglük mich nöthigt, mich selbst aufzureiben, wenn gleich einige von euch wie Pilatus ihre Hände mit heuchlerischen Thränen waschen; so seyd ihr's dennoch, ihr Pilatusse, die mich hier zu meinem bittern Creuz ausliefern, und Wasser kan eure Sünde nicht abwaschen. Northumberland. Milord, beschleunigst euch, überleset diese Artikel. König Richard. Meine Augen sind voll Thränen; ich kan nicht sehen, und doch blendet ihr Salz-Wasser sie nicht so sehr daß ich nicht einen Pak Verräther hier beysammen sehe. Doch was sag ich? ich bin selbst ein Verräther wie die übrigen; denn ich habe die Einwilligung meiner Seele zur Entsezung eines Königs gegeben; ich habe die Majestät entweiht, und einen Monarchen zu einem Sclaven gemacht; ich bin ein Verräther! Northumberland. Milord-- König Richard. Kein Lord von dir, du hohnsprechender Mann, niemands Lord; ich habe keinen Namen, keinen Titel mehr; nein, sogar der Name der mir über dem Taufstein gegeben wurde, ist usurpirt. O! des unglüklichen Tags! daß ich so manche Winter überlebt haben, und meinen eignen Namen nicht mehr wissen soll! O! daß ich ein zum Scherz aus Schnee zusammengeballter König wäre, und hier, vor Bolingbroks Sonne stehend, in Wassertropfen wegschmelzen möchte!--Guter König,-- Grosser König--wenn anders mein Wort noch gangbare Münze in England ist, so laßt es diesen Augenblik einen Spiegel hieher befehlen, damit ich sehe, wie mein Gesicht aussieht, seitdem es seine Majestät verlohren hat. Bolingbroke. Gehe jemand, und hole einen Spiegel. Northumberland. Überleset indessen dieses Papier, bis der Spiegel kommt. König Richard. Teufel, du peinigst mich, eh ich noch in der Hölle bin. Bolingbroke. Sezt ihm nicht weiter zu, Milord von Northumberland. Northumberland. Die Gemeinen werden so nicht zufrieden seyn. König Richard. Sie sollen es werden; ich will genug lesen, wenn ich das Buch sehe, worinn, in der That, alle meine Sünden geschrieben sind, und das bin ich selbst. (Man bringt einen Spiegel.) Gieb mir den Spiegel, hierinn will ich lesen--Noch keine tiefere Runzeln! Hat der Kummer so manche Streiche auf dieses mein Gesicht geführt, und keine tiefere Wunden gemacht? O! schmeichelndes Glas! Du betrügst mich wie die Freunde meines glüklichen Zustands--War dieses das Gesicht, das täglich zehntausend Menschen unter seinem Haus-Dach hielt? War diß das Gesicht, das gleich der Sonne, diejenigen die es ansahen, blinzen machte? und nun von Bolingbrok überglänzt wird? Eine zerbrechliche Majestät leuchtet in diesem Gesicht, (er schmeißt den Spiegel auf den Boden,) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000