Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht
geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen?
Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser
blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen?
Ludwig.
Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit
einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so
ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
wie diese ist, gelesen oder gehört?
König Philipp.
Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte,
wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte.
(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer
Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte
dich, Lady, komm mit mir hinweg.
Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.
König Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.
Constantia.
Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o
angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du
gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften
Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken,
und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und
diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich
will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
Liebling des Elends, komm, komm zu mir!
König Philipp.
O schöne Bekümmerniß, stille!
Constantia.
Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit
meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte
faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer
schwachen weiblichen Stimme nicht hören will.
Pandolph.
Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz.
Constantia.
Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär' es! denn
alsdann könnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte,
was für einen Schmerz würd' ich vergessen! Predige irgend eine
Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich
mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich
erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd' ich
meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste
Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.
König Philipp.
Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in
dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich
zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
Unglük ausharren.
Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.--
König Philipp.
Bindet eure Haare auf
Constantia.
Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus
ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die
Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehört, wir werden unsre
Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen
Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten
männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des
Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von
seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich
ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
nimmer, nimmer wieder sehen.
Pandolph.
Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr.
Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte--
König Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.
Constantia.
Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz
zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust
erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,
(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.)
da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein
Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude,
meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige
Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!
(Sie geht ab.)
König Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen.
Siebende Scene.
Ludwig.
Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das
Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das
die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre
Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie
izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.
Pandolph.
Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am
heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie
verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
verlohren?
Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens.
Pandolph.
Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
gewonnen hättet. Nein, nein; wenn's das Glük am besten mit den
Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es
ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat,
was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß
Arthur sein Gefangner ist?
Ludwig.
So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat.
Pandolph.
Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus
einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands
Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget,
und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen
Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter
der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig
erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu
garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen
könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
kan.
Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?
Pandolph.
Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle
Ansprüche Arthurs eintreten.
Ludwig.
Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.
Pandolph.
Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann
thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch,
und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit
sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und
ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den
schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in
der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie
nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen.
Ludwig.
Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und
sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.
Pandolph.
O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht
schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich
nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen
schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers
gebrütet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard
Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet
unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte
Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in
einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder
wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird.
Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für
Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da
ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu;
ich will an dem Könige treiben.
Ludwig.
Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefängniß.)
(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)
Hubert.
Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den
Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor
und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.
Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.
Hubert.
Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge--Junger
Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)
Arthur.
Guten Morgen, Hubert.
Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.
Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
Ihr seyd traurig.
Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!
Arthur.
Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig
seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem
Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der
Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht
von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß
ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und
wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.
Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze
mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und
meinen Auftrag vollziehen.
Arthur.
Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich
wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr,
als ihr mich lieb habt.
Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.
(Er zeigt ihm ein Papier.)
Ließ hier, junger Arthur--
(Bey Seite.)
Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt
in weibischen Thränen aus meinen Augen--Könnt' ihr's nicht lesen?
Ist es nicht schön geschrieben?
Arthur.
Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr
meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.
Hubert.
Ich muß, junger Herr.
Arthur.
Und ihr wollt es?
Hubert.
Und ich will.
Arthur.
Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band
ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals
wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den
Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan
ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still
gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter--Doch
nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr--
wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?
Hubert.
Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit
glühenden Eisen ausbrennen.
Arthur.
Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das
Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese
Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn
ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde
mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner
andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen.
Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.)
Hervor, thut wie ich euch befehle.
Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den
grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.
Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.
Arthur.
O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will
mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des
Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich,
Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie
ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer
fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter
anthun möget.
Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.
Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.
(Sie gehen ab.)
Arthur.
Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder
herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.
Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.
Arthur.
Ist denn kein Mittel?
Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.
Arthur.
O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke,
ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für
Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen.
Hubert.
Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht--
Arthur.
Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere;
ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht;
oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur
meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
und würde mir kein Leid thun.
Hubert.
Ich kan es wieder heiß machen, Junge.
Arthur.
Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum
Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit
gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen
haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht,
und mit reuiger Asche überstreut.
Hubert.
Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.
Arthur.
Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und
über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden
sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen
genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle
Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren
Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als
Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten
Verrichtungen gebraucht werden.
Hubert.
Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren,
wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und
doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem
Eisen hier sie auszubrennen.
Arthur.
O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr
verlarvt.
Hubert.
Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,
als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit
falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe
ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides
thun wollte.
Arthur.
O Himmel! ich danke euch, Hubert.
Hubert.
Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich
keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.
(Sie ziehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof von England.)
(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)
König Johann.
So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und,
wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.
Pembroke.
Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr
seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist
euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch
Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat
das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük
zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen.
Salisbury.
Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon
sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie
weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen
mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels
durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist
vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß.
Pembroke.
Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist
dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil
eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten
Wiederholung, widrig und übel aufgenommen.
Salisbury.
Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens
ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich
drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt
die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,
und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen
Kleidung aufzieht.
Pembroke.
Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so
bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines
Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die
Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen
kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des
Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war.
Salisbury.
Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie
vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu
gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,
was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß.
König Johann.
Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab' ich euch schon
eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd'
ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts
wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne
verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich
eure Bitten anhören und erfüllen will.
Pembroke.
Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die
Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens
ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für
eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen
anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;
dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in
gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in
Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie
man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch
bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer
barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle
Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also
gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie
bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren,
wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu
schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil
unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.)
König Johann.
Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an--
Hubert, was bringt ihr Neues?
Pembroke (zu Salisbury.)
Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem
von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer
gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und
gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist
bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen
worden.
Salisbury.
Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht
von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,
wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine
Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen
muß.
Pembroke.
Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders
herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen
Kindes Tod.
König Johann.
Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er
sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.
Salisbury.
In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn.
Pembroke.
In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind
selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben
werden, hier oder anderswo.
König Johann.
Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage
die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab' ich über den Puls des
Lebens zu befehlen?
Salisbury.
Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist
schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.
Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und
hiemit gehabt euch wohl.
Pembroke.
Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das
Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem
gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was
auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey
Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so
gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern
Beschwerden zum Ausbruch helfen.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Ein Courier zu den Vorigen.)
König Johann (für sich.)
Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund
der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod
schlecht gesichert.
(Zum Courier.)
Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in
deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert
sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie
geht es in Frankreich?
Courier.
Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung
gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie
haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet
werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß
sie geländet haben.
König Johann.
In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?
Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich
aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören?
Courier.
Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten
April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage
vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses
habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder
falsch ist, weiß ich nicht.
König Johann.
Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen
Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs
befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also
in meinen Französischen Staaten gehen!--Unter wessen Anführung
haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier
geländet?
Courier.
Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den
Vorigen.)
König Johann.
Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht--
(Zu Faulconbridge.)
Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch
mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.
Faulconbridge.
Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das
schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen.
König Johann.
Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber
izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine
Zunge sagen kan.
Faulconbridge.
Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die
Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich
das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk
in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und
voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu
wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den
Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief,
weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen
hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.
Hoheit die Crone niederlegen würden.
König Johann.
Du eitler Träumer, warum thatest du das?
Peter.
Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird.
König Johann.
Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags,
wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn
aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn
ich habe dich nöthig.
(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)
O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer
Landung ausbreitet?
Faulconbridge.
Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und
den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes
Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,
der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden
sey.
König Johann.
Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab'
einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.
Faulconbridge.
Ich will sie aufsuchen.
König Johann.
Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine
einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit
dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein
Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke,
von ihnen zu mir zurük.
Faulconbridge.
Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.
(Er geht ab.)
König Johann.
Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.
Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den
Pairs nöthig; du taugst am besten dazu.
Courier.
Von Herzen gerne, mein Gebieter.
(Geht ab.)
König Johann.
Meine Mutter todt!
Vierte Scene.
(Hubert tritt auf.)
Hubert.
Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde
sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe
sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier
herumgedreht.
König Johann.
Fünf Monde?
Hubert.
Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen
gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist
immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie
die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den
Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens
macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht.
Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein
Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines
Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in
der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit
den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen
erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer
hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte,
und von Arthurs Tod redte.
König Johann.
Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?
Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein
Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du
hattest keine.
Hubert.
Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?
König Johann.
Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre
Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein
Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die
Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie
vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus
überlegter Absicht sauer sieht.
Hubert.
Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that.
König Johann.
O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden
wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft
wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu
thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein
Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat
ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn
gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die
Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich
an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem König beliebt zu
machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.
Hubert.
Gnädigster Herr--
König Johann.
Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da
ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen
bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich
gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm
gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du
verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch
blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du
dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That
vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus
meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln
verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen
Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem
Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,
herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem
Gewissen und meines Neffen Tod.
Hubert.
Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und
euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese
meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von
Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein
meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer
Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es
scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der
Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.
König Johann.
Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht
auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit.
Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt
gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine
Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir
gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe
mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein
Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Eine Strasse vor einem Gefängniß.)
(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)
Arthur.
Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter
Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier
niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt
eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und
doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt
bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist
eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als
mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.
(Er springt herab.)
Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm
meine Seele auf, und England meine Gebeine.
(Er stirbt.)
(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)
Salisbury.
Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für
uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn
wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.
Pembrok.
Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal?
Salisbury.
Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche
Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit
mehr gesagt hat, als dieser Brief
Bigot.
So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen.
Salisbury.
Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange
Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge
zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König
ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart.
Salisbury.
Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen
seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern,
noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen
zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste.
Faulconbridge.
Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das
beste.
Salisbury.
Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.
Faulconbridge.
Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.
Pembroke.
Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier?
(Indem er Arthur gewahr wird.)
Salisbury.
O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen
Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.
Bigot.
Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,
legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.
Salisbury.
Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder
gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier
sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Könnte
die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche
Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize,
das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan;
es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der
niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den
Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat.
Pembrok.
Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese
entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu
vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein
und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz
macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.
Faulconbridge.
Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen
Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.
Salisbury.
Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von
Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts
Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist.
Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn
los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme
zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes,
eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des
Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu
mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die
feyrlichste Rache versöhnt haben werde.
Pembrok. Bigot.
Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde!
Sechste Scene.
(Hubert zu den Vorigen.)
Hubert.
Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur
lebt, und der König sendet nach euch.
Salisbury.
O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter
Lasterbube, aus meinem Gesicht!
Hubert.
Ich bin kein Lasterbube.
Salisbury.
Muß ich dem Gesez zuvorkommen?
(Er zieht seinen Degen.)
Faulconbridge.
Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein.
Salisbury.
Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe.
Hubert.
Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist
so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch
selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr
reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,
euern Adel und eure Grösse vergessen.
Bigot.
Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?
Hubert.
Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen
einen Kayser zu vertheidigen.
Salisbury.
Du bist ein Mörder.
Hubert.
Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen
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