Hamlet.
Der König hält Tafel, und verlängert den Schmaus, wie es scheint,
in die tiefe Nacht, und so oft er den vollen Becher mit Rhein-Wein
auf einen Zug ausleert, verkündigen Trompeten und Kessel-Pauken den
Sieg, den Seine Majestät davon getragen hat.
Horatio.
Ist das so der Gebrauch?
Hamlet.
Ja, zum Henker, das ist es; aber nach meiner Meynung, ob ich gleich
ein Dähne und zu diesem Gebrauch gebohren bin, ein Gebrauch der mit
größrer Ehre gebrochen als gehalten wird. Diese taumelnden Trink-
Gelage machen uns in Osten und Westen verächtlich, und werden uns
von den übrigen Völkern als ein National-Laster vorgeworffen: Sie
nennen uns Säuffer, und sezen schweinische Beywörter dazu, die uns
wenig Ehre machen; und in der That, der Ruf worinn wir deßwegen
stehen, nimmt unsern Thaten, so groß und rühmlich sie sonst sind,
ihren schönsten Glanz. In diesem Stüke geht es oft ganzen Völkern
wie einzelnen Leuten, welche um irgend eines Natur-Fehlers willen,
als etwann wegen der angebohrnen Obermacht eines gewissen
Temperaments (woran sie doch keine Schuld haben, da sich niemand
seine ursprüngliche Anlage selber auswählen kan,) welches sie
manchmal durch den Zaun der Vernunft durchbrechen macht; oder wegen
irgend einer angewöhnten Manier, einer Grimasse oder so etwas,
welches mit dem eingeführten Wohlstand einen allzugrossen Absaz
macht--ich sage, daß solche Leute um eines einzigen solchen Fehlers
willen, es mag nun seyn, daß die Natur oder ein Zufall Schuld daran
habe, sich's gefallen lassen müssen, ihre guten Eigenschaften, so
groß und zahlreich sie immer seyn mögen, in dem Urtheil der Welt
abgewürdiget zu sehen. (Der Geist tritt auf.)
Horatio.
Hier, Gnädiger Herr; seht, es kommt.
Hamlet.
Ihr Engel und himmlischen Mächte alle, schüzet uns! Du magst nun
ein guter Geist oder ein verdammter Kobolt seyn, du magst
himmlische Lüfte oder höllische Dämpfe mit dir bringen, und in
wohlthätiger oder schädlicher Absicht gekommen seyn; die Gestalt
die du angenommen hast, ist so ehrwürdig, daß ich mit dir reden
will. Ich will dich Hamlet, ich will dich meinen König, meinen
Vater nennen: O, antworte mir; laß mich nicht in einer Unwissenheit,
die mir das Leben kosten würde: Sage, warum haben deine
geheiligten Gebeine ihr Behältniß durchbrochen? Warum hat das Grab,
worein wir dich zu deiner Ruhe bringen sahen, seinen schweren
marmornen Rachen aufgethan, um dich wieder auszuwerfen? Was mag
das bedeuten, daß du, ein todter Leichnam, in vollständiger Rüstung
den Mondschein wieder besuchst, um die Nacht mit Schreknissen zu
erfüllen, und unser Wesen auf eine so entsezliche Art mit Gedanken
zu erschüttern, die über die Schranken unsrer Natur gehen.
(Der Geist winkt dem Hamlet.)
Horatio.
Es winkt euch, mit ihm zu gehen, als ob es euch etwas allein zu
sagen habe.
Marcellus.
Seht, wie freundlich es euch an einen entferntern Ort winkt: Aber
geht ja nicht mit ihm.
Horatio (Den Hamlet zurükhaltend.)
Nein, um alles in der Welt nicht.
Hamlet.
Weil es nicht reden will, so will ich ihm folgen.
Horatio.
Das thut nicht, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Und warum nicht? Wofür sollt' ich mir fürchten? Mein Leben ist
mir um eine Stek-Nadel feil, und was kan es meiner Seele thun, die
ein unsterbliches Wesen ist wie es selbst?--Es winkt mir wieder weg--
ich will ihm folgen--
Horatio.
Und wie dann, Gnädiger Herr, wenn es euch an die Spize des Felsens
führte, der sich dort über die See hinaus bükt, und dann eine noch
fürchterlichere Gestalt annähme, welche euern Verstand verwirren
und in sinnloser Betäubung euch in die Tiefe hinunter stürzen
könnte? Denket an diß! Der Ort allein, ohne daß noch andere
Ursachen dazu kommen dürfen, könnte einem, der so viele Faden tief
in die See hinab schaute, und sie von unten herauf so gräßlich
heulen hörte, einen Anstoß von Schwindel geben.
Hamlet.
Es winkt mir noch immer: Geh nur voran, ich will dir folgen.
Marcellus.
Wir lassen euch nicht gehen, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Zurük mit euern Händen!
Marcellus.
Laßt euch rathen, ihr sollt nicht gehen.
Hamlet.
Mein Verhängniß ruft; seine Stimme macht jede kleine Ader in diesem
Körper so stark, als den Nerven des Nemeischen Löwens: Er ruft mir
noch immer: Laßt eure Hände von mir ab, ihr Herren--
(Er reißt sich von ihnen los.)
Beym Himmel, ich will ein Gespenst aus dem machen, der mich halten
will--Weg, sag ich--Geht--Ich will mit dir gehen--
(Hamlet und der Geist gehen ab.)
Horatio.
Seine Einbildung ist so erhizt, daß er nicht weiß was er thut.
Marcellus.
Wir wollen ihm folgen; bey einer solchen Gelegenheit wär' es wider
unsre Pflicht, gehorsam zu seyn.
Horatio.
Das wollen wir--Was wird noch endlich daraus werden?
Marcellus.
Es muß ein verborgnes Übel im Staat von Dännemark liegen.
Horatio.
Der Himmel wird alles leiten.
Marcellus.
Fort, wir wollen ihm nachgehen.
(Sie gehen ab.)Achte Scene.
(Verwandelt sich in einen entferntern Theil der Terrasse.)
(Der Geist und Hamlet treten wieder auf.)
Hamlet.
Wohin willt du mich fuhren? Rede; ich gehe nicht weiter.
Geist.
Höre mich an.
Hamlet.
Das will ich.
Geist.
Die Stunde rükt nah herbey, da ich in peinigende Schwefel-Flammen
zurükkehren muß.
Hamlet.
Du daurst mich, armer Geist!
Geist.
Bedaure mich nicht, sondern höre aufmerksam an, was ich dir
entdeken werde.
Hamlet.
Rede, ich bin schuldig, zu hören--
Geist.
Und zu rächen, was du hören wirst.
Hamlet.
Was?
Geist.
Ich bin der Geist deines Vaters, verurtheilt eine bestimmte Zeit
bey Nacht herum zu irren, und den Tag über eng eingeschlossen in
Flammen zu schmachten, bis die Sünden meines irdischen Lebens
durchs Feuer ausgebrannt und weggefeget sind. Wäre mirs nicht
verboten, die Geheimnisse meines Gefängnisses zu entdeken, ich
könnte eine Erzählung machen, wovon das leichteste Wort deine Seele
zermalmen, dein Blut erstarren, deine zwey Augen, wie Sterne, aus
ihren Kreisen taumeln, deine krause dichtgedrängte Loken trennen,
und jedes einzelne Haar wie die Stacheln des ergrimmten Igels
emporstehen machen würde: Aber diese Scenen der Ewigkeit sind nicht
für Ohren von Fleisch und Blut--Horch, horch, o horch auf! Wenn du
jemals Liebe zu deinem Vater getragen hast--
Hamlet.
O Himmel!
Geist.
So räche seine schändliche, höchst unnatürliche Ermordung.
Hamlet.
Ermordung?
Geist.
Jeder Mord ist höchst schändlich; aber dieser ist mehr als
schändlich, unnatürlich, und unglaublich.
Hamlet.
Eile, mir den Thäter zu nennen, damit ich schneller als die Flügel
der Betrachtung oder die Gedanken der Liebe, zu meiner Rache fliege.
Geist.
So bist du, wie ich dich haben will; auch müßtest du gefühlloser
seyn, als das fette Unkraut, das seine Wurzeln ungestört an Lethe's
Werft verbreitet, wenn du nicht in diese Bewegung kämest. Nun,
Hamlet, höre. Es ist vorgegeben worden, eine Schlange habe mich
gestochen, da ich in meinem Garten geschlaffen hätte. Mit dieser
erdichteten Ursach meines Todes ist ganz Dännemark hintergangen
worden: Aber wisse, edelmüthiger Jüngling, die Schlange, die deinen
Vater zu tode stach, trägt izt seine Krone.
Hamlet.
O, meine weissagende Seele! Mein Oheim?
Geist.
Ja, dieser ehrlose blutschändrische Unmensch verführte durch die
Zauberey seines Wizes, und durch verräthrische Geschenke (o!
verflucht sey der Wiz und die Geschenke, welche die Macht haben, so
zu verführen,) das Herz meiner so tugendhaft scheinenden Königin.
O Hamlet, was für ein Abfall war das! Von mir, dessen Liebe, in
unbeflekter Würde Hand in Hand mit dem Ehe-Gelübde gieng, so ich
ihr gethan hatte--zu einem Elenden abzufallen, dessen natürliche
Gaben gegen die meinigen nicht einmal in Vergleichung kamen!
Allein, so wie die Tugend sich niemals verführen lassen wird, wenn
das Laster gleich in himmlischer Gestalt käme, sie zu versuchen; so
würde die Unzucht, und wenn sie an einen stralenden Engel
angeschlossen wäre, sich nicht enthalten können, selbst in einem
himmlischen Bette ihre heißhungrige Lust an Luder-Fleisch zu büssen.
Doch sachte! Mich däucht, ich wittre die Morgen-Luft--Ich muß
kurz seyn. Ich lag, wie es nachmittags immer meine Gewohnheit war,
unter einer Sommer-Laube in meinem Garten, und schlief unbesorgt,
als dein Oheim sich ingeheim mit einer Phiole voll Gift
herbeyschlich, welches eine so gewaltsame Wirkung thut, daß es
schnell wie Queksilber alle Adern durchdringt, und das sonst
flüssige und gesunde Blut gerinnen macht, wie Milch wenn etwas
Saures darein gegossen wird; dieses Gift schüttete er mir in die
Ohren, und es wirkte so gut, daß es mir eine plözliche
Schwindeflechte verursachte, die meinen ganzen Leib mit einem
ekelhaften Aussaz überzog, und in einem Augenblik in ein gräßliches
Scheusal verwandelte. Solchergestalt wurde ich dann schlafend,
durch die Hand eines Bruders, auf einmal des Lebens, der Krone und
meiner Königin beraubt; mitten in meinen Sünden weggerissen, ohne
Vorbereitung, ohne Sacrament, ohne Fürbitte; eh ich meine Rechnung
gemacht, mit allen meinen Vergehungen beladen, zur Rechenschaft
fortgeschikt. O, es ist entsezlich, entsezlich, höchst entsezlich!
Wenn du einen Bluts-Tropfen von mir in deinen Adern hast, so duld'
es nicht; laß das Königliche Bette von Dännemark nicht zu einem
Tummel-Plaz der Üppigkeit und blutschändrischer Unzucht gemacht
werden. Doch, so strenge du auch immer diese Greuel-That rächen
magst, so befleke deine Seele nicht mit einem blutigen Gedanken
gegen deine Mutter; überlaß sie dem Himmel und dem nagenden Wurm,
der in ihrem Busen wühlet. Lebe wohl! Der Feuer-Wurm kündigt den
herannahenden Morgen an, und beginnt sein unwesentliches Feuer
auszustralen. Adieu, adieu, adieu--Gedenke meiner, Sohn!
(Er verschwindet.)
Hamlet.
O du ganzes Heer des Himmels! O Erde! Und was noch mehr?--Soll
ich auch noch die Hölle aufruffen?--O Fy, halte dich, mein Herz!
Und ihr, meine Nerven, werdet nicht plözlich alt, sondern traget
mich aufrecht--Deiner gedenken? Ja, du armer unglüklicher Geist,
so lange das Gedächtniß in diesem betäubten Rund
(er schlägt an seinen Kopf)
seinen Siz behalten wird!--Deiner gedenken? Ja, ja, ich will sie
alle von der Tafel meines Gedächtnisses wegwischen, alle diese
alltägliche läppische Erinnerungen, alles was ich in Büchern
gelesen habe, alle andern Ideen und Eindrüke, welche Jugend und
Beobachtung darinn eingezeichnet haben; ich will sie auslöschen,
und dein Befehl allein, unvermischt mit geringerer Materie, soll
den ganzen Raum meines Gehirns ausfüllen. Ja, beym Himmel!--O!
abscheuliches Weib! O Bösewicht, Bösewicht, lächelnder verdammter
Bösewicht!--Meine Schreib-Tafel--ich will es niederschreiben--daß
einer lächeln und immer lächeln, und doch ein Bösewicht seyn kan--
wenigstens weiß ich nun, daß es in Dännemark so seyn kan--
(Er schreibt.)
So, Oheim, da steht ihr; izt zu meinem Wortzeichen; es ist: Adieu,
adieu, gedenke meiner: Ich hab' es beschworen--
Neunte Scene.
(Horatio und Marcellus treten auf.)
Horatio.
Gnädiger Herr, Gnädiger Herr--
Marcellus.
Prinz Hamlet--
Horatio.
Der Himmel schüze ihn!
Marcellus.
Amen!
Horatio.
Holla, ho! ho! Gnädiger Herr--
Hamlet.
Hillo, ho, ho; Junge; komm, Vogel, komm--
Marcellus. Horatio.
Wie geht es, Gnädiger Herr? Was habt ihr Neues gehört?
Hamlet.
O, Wunderdinge!
Horatio.
Entdekt sie uns, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Nein, ihr würdet es ausbringen.
Horatio.
Ich nicht, Gnädiger Herr, beym Himmel!
Marcellus.
Ich auch nicht, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Nun, sagt mir denn einmal, könnte sich ein Mensch zu Sinne kommen
lassen--Aber wollt ihr schweigen?
Beyde.
Ja, beym Himmel, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Es wohnt nirgends im ganzen Dännemark kein Bösewicht, der nicht ein
ausgemachter Schurke ist.
Horatio.
Es braucht keinen Geist, Gnädiger Herr, der aus seinem Grabe
aufstehe, uns das zu sagen.
Hamlet.
Richtig, so ist's; ihr habt recht; und also ohne weitere Umstände,
hielt ich für rathsam, daß wir einander die Hände geben und
scheiden; ihr, wohin euch eure Geschäfte und Absichten weisen,
(denn jedermann hat seine Geschäfte und Absichten, wie es geht) und
was mich selbst betrift, ich will beten gehen.
Horatio.
Gnädiger Herr, das sind nichts als wunderliche und schnurrende
Reden.
Hamlet.
Es ist mir leid, daß sie euch beleidigen, herzlich leid; in der
That, herzlich.
Horatio.
Die Rede ist von keiner Beleidigung, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Ja, bey Sanct Patriz! Die Rede ist hier von einer Beleidigung,
Gnädiger Herr, und von einer schweren, das glaubt mir. Was diese
Erscheinung hier betrift--Es ist ein ehrlicher Geist, das kan ich
euch sagen: Aber euer Verlangen zu wissen was zwischen uns
vorgegangen ist, das übermeistert so gut ihr könnet. Und nun,
meine guten Freunde, wenn wir Freunde, Schul- und Spieß-Gesellen
sind, so gewährt mir eine einzige arme Bitte.
Horatio.
Was ist es, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Saget niemanden nichts von dem, was ihr heute Nacht gesehen habt.
Beyde.
Wir versprechen es Euer Gnaden.
Hamlet.
Das ist nicht genug, ihr müßt mir's zuschwören.
Horatio.
Auf meine Treu, Gnädiger Herr, ich will nichts sagen.
Marcellus.
Ich auch nicht, Gnädiger Herr, bey meiner Treue.
Hamlet.
Schwört auf mein Schwerdt.
Marcellus.
Wir haben ja schon geschworen, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Auf mein Schwerdt sollt ihr schwören, in der That.
Der Geist (ruft hinter der Bühne:)
Schwört.
Hamlet.
Ha, ha, Junge, sagst du das? Bist du noch da?--Kommt, kommt, ihr
hört ja was der Bursche dahinten sagt--Schwört!
Horatio.
Was sollen wir dann beschwören, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Daß ihr niemals von dem was ihr gesehen habet, reden wollt.
Schwört bey meinem Schwerdt.*
{ed.-* Eine Anspielung auf die Gewohnheit der alten Dähnen, auf ihr
Schwerdt zu schwören, wenn sie den feyrlichsten Eid thun wollten.
Sehet den Bartholinus, (de Causis contemp. mort. apud Dan.)
Warburton.}
Geist
Schwört!
Hamlet.
Hier und überall? So wollen wir uns einen andern Plaz suchen.
Kommt hieher, ihr Herren, leget eure Hände nochmals auf mein
Schwerdt, und schwört, daß ihr gegen niemand sagen wollt, was ihr
gehört habt. Schwört bey meinem Schwerdt.
Geist.
Schwört bey seinem Schwerdt.
Hamlet.
Wolgesprochen, alter Maulwurf, kanst du so schnell in den Boden
arbeiten? Das heiß' ich einen geschikten Schanz-Gräber!--Noch ein
wenig weiter weg, gute Freunde.
Horatio.
O Tag und Nacht, aber das ist ausserordentlich seltsam.
Hamlet.
Eben darum, weil es euch so fremd vorkommt, so heißt es als einen
Fremdling willkommen. Mein guter Horatio, es giebt Sachen im
Himmel und auf Erden, wovon sich unsre Philosophie nichts träumen
läßt. Aber kommt; schwört mir, wie zuvor, daß ihr niemals (so wahr
euch Gott gnädig sey!) So seltsam und widersinnisch ich mich auch
immer anstellen und betragen mag (wie ich, vielleicht, künftig vor
gut befinden könnte, zu thun) daß ihr, wenn ihr mich alsdann sehen
werdet, niemals durch eine solche Stellung der Arme, oder ein
solches Kopfschütteln, oder durch irgend eine geheimnisvolle
abgebrochne Redensart, als gut--wir wissen was wir wissen--oder,
wir könnten, wenn wir wollten--oder, wenn wir reden möchten--oder,
es könnte wol vielleicht--oder andere solche zweideutige
Andeutungen zu erkennen geben wollet, daß ihr mehr von mir wisset
als andre; das schwört mir, als euch der Himmel in eurer höchsten
Noth helfen wolle! Schwört!
Geist.
Schwört!
(Sie schwören.)
Hamlet.
Gieb dich zur Ruh, gieb dich zur Ruh, unglüklicher Geist. So, ihr
Herren; ich empfehle und überlasse mich euch wie ein Freund seinen
Freunden, und was ein so armer Mann als Hamlet ist, thun kan, euch
seine Liebe und Freundschaft auszudrüken, das soll, ob Gott will,
nicht fehlen. Wir wollen gehen, aber immer eure Finger auf dem
Mund, ich bitte euch: Die Zeit ist aus ihren Fugen gekommen; o!
unseliger Zufall! daß ich gebohren werden mußte, sie wieder
zurecht zu sezen! Nun, kommt, wir wollen mit einander gehen.
(Sie gehen ab.)
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Zimmer in Polonius Hause.)
(Polonius und Reinoldo treten auf.)
Polonius.
Übergieb ihm dieses Geld und diese Papiere.
Reinoldo.
Ich werde nicht ermangeln, Gnädiger Herr.
Polonius.
Es würde überaus klug von euch gehandelt seyn, ehrlicher Reinold,
wenn ihr euch vorher, eh ihr zu ihm geht, nach seiner Aufführung
erkundigen würdet.
Reinoldo.
Das war auch mein Vorsaz, Gnädiger Herr.
Polonius.
Meiner Treu, das war ein guter Gedanke; ein sehr guter Gedanke.
Seht ihr, Herr, zuerst erkundiget euch, was für Dähnen in Paris
seyen, und wie, und wer, und wie bemittelt, und wo sie sich
aufhalten, und was sie für Gesellschaft sehen, und was sie für
einen Aufwand machen; und findet ihr aus ihren Antworten auf diese
Präliminar-Fragen, daß sie meinen Sohn kennen, so kommt ein wenig
näher; stellt euch, als ob ihr ihn so von weitem her kenntet--zum
Exempel, so--Ich kenne seinen Vater und seine Freunde, und zum
Theil, ihn selbst--Merkt ihr was ich damit will, Reinoldo?
Reinoldo.
Ja, sehr wohl, Gnädiger Herr.
Polonius.
Und zum Theil ihn selbst--Doch könnt ihr hinzu sezen--nicht sehr
genau; aber wenn es der ist, den ich meyne, so ist er ein ziemlich
wilder junger Mensch--Solchen und solchen Ausschweiffungen ergeben--
Und da könnt ihr über ihn sagen, was ihr wollt; doch nichts was
seiner Ehre nachtheilig seyn könnte; auf das müßt ihr wol Acht
geben; aber wol solche gewöhnliche Excesse von Muthwillen und
Wildheit, welche gemeiniglich Gefährten der Jugend und Freyheit zu
seyn pflegen--
Reinoldo.
Als wie Spielen, Gnädiger Herr--
Polonius.
Ja, oder trinken, fluchen, Händel machen, den Weibsbildern
nachlaufen--So weit dürft ihr schon gehen.
Reinoldo.
Aber das würde ja seiner Ehre nachtheilig seyn.
Polonius.
Das nicht, wenn ihr euch in den Ausdrüken ein wenig vorsehet: Ihr
müßt eben nicht so weit gehen, und ihn beschuldigen, daß er ein
öffentlicher Huren-Jäger sey, das ist nicht meine Meynung; ihr müßt
so von seinen Fehlern reden, daß sie für Fehler der Freyheit,
Ausbrüche eines feurigen Blutes, einer noch ungebändigten Jugend-
Hize, die allen jungen Leuten gemein sind, angesehen werden können.
Reinoldo.
Aber, warum, Gnädiger Herr--
Polonius.
Warum ihr das thun sollt?
Reinoldo.
Ja, Gnädiger Herr, das wollt' ich fragen.
Polonius.
Gut, Herr, das will ich euch sagen; es ist ein Kunstgriff, Herr,
und, beym Element, ich denke einer von den feinen. Seht ihr, wenn
ihr meinem Sohn dergleichen kleinen Fehler beyleget, daß man denken
kan, es sey ein junger Bursche, der ein wenig im Machen mißgerathen
sey--versteht ihr mich, so wird derjenige, mit dem ihr in
Conversation seyd, und den ihr gern ausholen möchtet, wenn er den
jungen Menschen, von dem die Rede ist, gelegenheitlich etwann einer
oder der andern von vorbesagten Ausschweiffungen sich schuldig
machen, gesehen hat, so zählt darauf, daß er sich folgender massen
gegen euch herauslassen wird: Mein werther Herr, oder Herr
schlechtweg, oder mein Freund, oder wie er dann sagen mag--
Reinoldo.
Sehr wohl, Gnädiger Herr--
Polonius.
Und dann, Herr, thut er das--thut er--was wollt ich sagen--Ich
wollte da was sagen--wo blieb ich?
Reinoldo.
Bey dem, wie er sich gegen mich herauslassen würde--
Polonius.
Wie er sich herauslassen würde--ja, meiner Six--er würde sich so
herauslassen--Ich kenne den jungen Herrn, ich sah ihn gestern oder
vorgestern, oder einen andern Tag mit dem und dem; und wie ihr sagt,
da spielte er, da gerieth er in Hize, da fieng er beym Ballspiel
Händel an; oder vielleicht, ich sah ihn in diß oder jenes
verdächtige Haus gehen, Videlicet in ein Bordell, oder dergleichen--
Seht ihr nun, daß auf diese Weise der Angel eurer Lüge diesen
Karpen der Wahrheit fangen könnt--Das sind die Wege, wie wir andern
Gelehrten und Staatisten, durch Winden und Sondiren, (per
indirectum), hinter die wahre Beschaffenheit der Sachen zu kommen
pflegen: Ich mache euch kein Geheimniß aus dieser Frucht meiner
ehmaligen Lectur und Erfahrung, damit ihr sie nun bey meinem Sohn
applicieren könnt--Ihr habt mich doch begriffen; habt ihr nicht?
Reinoldo.
Ja wohl, Gnädiger Herr.
Polonius.
So behüt euch Gott; lebt wohl.
Reinoldo.
Mein Gnädiger Herr--
Polonius.
Ihr müßt trachten, daß ihr durch euch selbst hinter seine Neigungen
kommt.
Reinoldo.
Das will ich, Gnädiger Herr.
Polonius.
Und macht, daß er seine Musik fleissig exerciert.
Reinoldo.
Wohl, Gnädiger Herr.
(Reinold geht ab.)Zweyte Scene.
(Ophelia tritt auf.)
Polonius.
Lebt wohl--Ha, was giebts, Ophelia? Was wollt ihr?
Ophelia.
Ach, Gnädiger Herr Vater, ich bin so erschrekt worden!
Polonius.
Womit, womit, ums Himmel willen?
Ophelia.
Gnädiger Herr Vater, weil ich in meinem Zimmer saß und nähte, da
kam der Prinz Hamlet, sein Wammes von oben an bis unten ungeknöpft,
keinen Hut auf dem Kopf, seine Strümpfe nicht aufgezogen, ohne
Kniebänder, bis auf die Zehen herunter gerollt, so bleich wie sein
Hemde, zitternd, daß seine Kniee an einander anschlugen, und mit
einem Blik von so erbärmlicher Bedeutung, als ob er aus der Hölle
herausgelassen worden wäre, damit er von ihren Schreknissen reden
sollte; in dieser Gestalt stellte er sich vor mich hin.
Polonius.
Er wird doch nicht aus Liebe zu dir toll worden seyn?
Ophelia.
Ich weiß es nicht, Gnädiger Herr Vater, aber, auf meine Ehre, ich
besorg es.
Polonius.
Was sagte er dann?
Ophelia.
Er nahm mich bey der Hand, und hielt mich fest; hernach trat er um
die ganze Länge seines Arms zurük, und die andre Hand hielt er so
über seine Stirne, und dann sah er mir scharf ins Gesicht, als ob
er es abzeichnen wollte. So stuhnd er eine gute Weile; zulezt
schüttelte er mir den Arm ein wenig, wankte dreymal so mit dem Kopf
auf und nieder, und holte dann einen so tiefen und erbärmlichen
Seufzer, daß ich nicht anders dachte, als er würde den Geist
aufgeben. Drauf ließ er mich gehen, drehte seinen Kopf über die
Schulter, und schien seinen Rükweg ohne Augen zu finden; denn, er
kam ohne ihre Hülfe zur Thür hinaus, und heftete sie zulezt noch
mit einem traurigen Blik auf mich.
Polonius.
Komm mit mir, ich will den König aufsuchen. Das ist nichts anders,
als die Wirkung einer übermässigen und ausser sich selbst
gebrachten Liebe; denn die Gewalt der Liebe ist so heftig, daß sie
den Menschen zu so verzweifelten Handlungen treiben kan, als irgend
eine andre Leidenschaft, womit unsre Natur behaftet ist. Es ist
mir Leid dafür; habt ihr ihn etwa kürzlich hart angelassen?
Ophelia.
Nein, Gnädiger Herr Vater; alles was ich that, war bloß, daß ich
nach euerm Befehl keine Briefe von ihm annahm, und ihn nicht vor
mich kommen ließ.
Polonius.
Und darüber ist er närrisch worden. Es ist mir leid, daß ich die
Natur seiner Zuneigung zu dir nicht besser beobachtet habe. Ich
besorgte, er kurzweile nur so, und suche dich zu verführen; aber
der Henker hole meine voreilige Besorgniß; es scheint es sey eine
Eigenschaft des Alters, die Vorsichtigkeit zu weit zu treiben, so
wie bey jungen Leuten nichts gemeiners ist als gar keine zu haben.
Kommt, wir wollen zum Könige gehen. Er muß Nachricht hievon
bekommen; die Entdekung dieses Geheimnisses kan uns lange nicht so
viel Verdruß zuziehen, als wir davon haben könnten, wenn wir länger
schweigen würden.
(Sie gehen ab.)Dritte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast.)
(Der König, die Königin, Rosenkranz, Güldenstern, Edle und andre
vom Königlichen Gefolge.)
König.
Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern. Ausserdem, daß wir ein
besonderes Verlangen getragen haben euch zu sehen, hat uns noch die
Nothwendigkeit, Gebrauch von euch zu machen, zu dieser eilfertigen
Beschikung vermocht. Ihr habet vermuthlich etwas von Hamlets
Verwandlung gehört; so muß ich es nennen, da er weder dem
Äusserlichen noch Innerlichen, noch sich selbst mehr ähnlich ist.
Was das seyn mag, was, ausser seines Vaters Tod, ihn zu dieser
Entfremdung von sich selbst gebracht hat, kan ich mir nicht träumen
lassen. Ich bitte euch also beyde, da ihr von eurer ersten Jugend
an mit ihm auferzogen worden, und die Gleichheit des Alters euch zu
seiner Vertraulichkeit mehr Recht als andern giebt, so haltet euch
nur eine kleine Zeitlang an unserm Hofe auf, um ihm Gesellschaft zu
leisten, ihn in allerley Lustbarkeiten zu ziehen, und zu versuchen,
ob ihr nicht Gelegenheit findet von ihm heraus zu loken, was die
uns unbekannte Ursache seiner ungewöhnlichen Schwermuth ist, und ob
sie so beschaffen ist, daß wir derselben abzuhelfen im Stande sind.
Königin.
Meine liebe Herren, er hat viel von euch gesprochen, und ich bin
gewiß daß niemand in der Welt ist, auf den er mehr hält als auf
euch beyde. Wenn ihr uns so viele Gefälligkeit und guten Willen
erweisen, und euch so lange hier bey uns aufhalten wollet, als zu
Erreichung unsrer Absicht und Erwartung nöthig seyn mag, so seyd
versichert, daß euer Besuch einen Dank erhalten soll, wie es der
Erkenntlichkeit eines Königs anständig ist.
Rosenkranz.
Eure Majestäten haben beiderseits eine so unumschränkte Macht über
uns, daß sie da befehlen können, wo es ihnen beliebt zu bitten.
Güldenstern.
Wir gehorchen also beyde, und geben alles was wir sind zum Pfand
des Eifers, womit wir uns bestreben werden, unsre Dienste zu euern
Füssen zu legen.
König.
Ich danke euch, werther Rosenkranz und Güldenstern.
Königin.
Ich danke euch, werther Güldenstern und Rosenkranz, und ersuche
euch, sogleich zu gehen, und meinem ganz unkenntlich gewordnen Sohn
einen Besuch zu geben. Geh einer von euch, und führe diese Herren
zu Hamlet.
Güldenstern.
Gebe der Himmel, daß ihm unsre Gegenwart und unsre Verwendungen
angenehm und heilsam sey!
(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
Königin.
Amen! (Polonius zu den Vorigen.)
Polonius.
Gnädigster Herr; die Abgesandten nach Norwegen sind glüklich wieder
angelangt.
König.
Du bist immer der Vater guter Zeitungen gewesen.
Polonius.
Bin ich, Gnädigster Herr? Seyd versichert, mein Gebieter, ich
halte auf meine Pflicht wie auf meine Seele, beydes gegen meinen
Gott und gegen meinen huldreichesten König; und ich denke, (oder
mein Kopf müßte alle die Mühe, die ich in meinem Leben auf die
politische Wahrsager-Kunst gewandt, vergebens gehabt haben,) ich
denke, ich habe die wahre Ursache von Hamlets Wahnwiz ausfündig
gemacht.
König.
O, so redet von dem, was mich am meisten verlangt zu hören.
Polonius.
Gebet vorher den Abgesandten Audienz; meine Neuigkeit soll der
Nachtisch von diesem grossen Schmause seyn.
König.
So erweiset ihnen die Ehre, und führet sie selbst ein.
(Polonius geht ab.)
Er sagt mir, meine liebste Königin, er habe die wahre Quelle von
unsers Sohnes Krankheit ausfindig gemacht.
Königin.
Ich besorge, es ist im Grunde keine andre, als seines Vaters Tod
und unsre übereilte Vermählung.
Vierte Scene.
(Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurük.)
König.
Gut, wir wollen ihm die Würmer schon aus der Nase ziehen--
Willkommen, meine guten Freunde! Redet, Voltimand, was bringt ihr
uns von unserm Bruder Norwegen?
Voltimand.
Die verbindlichste Erwiederung euers Grusses mit allen
freundschaftlichen Erbietungen. Auf unsre erste Anzeige schikte er
aus, die Werbungen seines Neffen abzustellen, welche er für eine
Zurüstung gegen Pohlen gehalten hatte; wie er aber besser zur Sache
sah, befand sich's, daß es in der That gegen Eu. Majestät
abgesehen war: Bey dieser Entdekung führte er grosse Klagen, daß
seine Alters-Schwachheit und Unvermögenheit so mißbraucht werde,
und ließ den Fortinbras sogleich in Verhaft nehmen; dieser (damit
wir unsre Erzählung kurz zusammen fassen) unterwarf sich, nahm von
seinem Oheim einen scharfen Verweiß ein, und gelobete demselben
zulezt in die Hand, daß er die Waffen niemals gegen Eu. Majestät
ergreifen wolle. Hierüber hatte der alte Norwegen eine so grosse
Freude, daß er ihm auf der Stelle ein jährliches Gehalt von
dreytausend Kronen ausmachte, mit dem Auftrag, die bereits
angeworbnen Truppen gegen den König in Pohlen zu gebrauchen; zu
welchem Ende er dann Eu. Majestät in gegenwärtigem Schreiben
ersucht, daß es ihr gefallen möchte, selbigen den ruhigen Durchzug
durch ihre Staaten zu dieser Unternehmung zu gestatten, unter
denjenigen Bedingnissen und Sicherheits-Clausuln, welche in
bemeldtem Schreiben enthalten sind.
König.
Wir sind es ganz wol zufrieden, und werden, bey gelegnerer Zeit
dieses Schreiben lesen, überdenken und beantworten. Inzwischen
danken wir euch für eure glüklich angewandte Bemühung. Gehet izt
und ruhet aus; auf die Nacht wollen wir uns mit einander lustig
machen. Seyd nochmals freundlich willkommen!
(Die Gesandten gehen ab.)
Polonius.
Dieses Geschäfte ist nun glüklich geendigt. Mein Gnädigst
gebietender Herr, und meine Gnädigste Frau; weitläufig zu
exponieren, was Majestät und was Pflicht ist, warum der Tag Tag,
die Nacht Nacht, und die Zeit Zeit ist, wäre nichts anders als Tag,
Nacht und Zeit verderben. Demnach und alldieweilen dann die Kürze
die Seele des Wizes, und Weitläufigkeit im Vortrag nur den Leib und
die äusserliche Auszierung desselben ausmacht, so will ich mich der
Kürze befleissen: Euer edler Sohn ist toll; toll, nenn ich es, denn
um von der wahren Tollheit eine Definition zu geben, was ist sie
anders, als sonst nichts zu seyn als toll? Doch das wollen wir izo
beyseite sezen--
Königin.
Mehr Stoff mit weniger Kunst, wenn es euch beliebig wäre.
Polonius.
Gnädigste Frau, ich kan drauf schwören, daß ich vor dißmal gar
keine Kunst gebrauche. Daß er toll ist, ist wahr; daß es wahr ist,
ist zu bedauren--eine drollige Figur--Aber sie mag reisen; denn ich
will hier gar keine Kunst gebrauchen. Wir wollen also zum Grund
legen, daß er toll ist; nun ist übrig, daß wir die Ursache von
diesem Effect, oder richtiger zu reden, die Ursache von diesem
Defect ausfindig machen. Das bleibt übrig, und dieses Residuum ist
diß--Überleget die Sache. Ich habe eine Tochter; habe, sag' ich,
so lange sie mein ist; und diese hat, aus schuldiger Pflicht und
Gehorsam, merket wol, mir dieses zugestellt; nun rathet einmal,
oder bildet euch ein was es seyn mag.
(Er öffnet einen Brief und ließt:)
"An den himmlischen Abgott meiner Seele, die reizerfüllteste
Ophelia"--Das ist eine schlimme Redensart, eine abgeschmakte
Redensart: Reizerfüllteste ist eine abgeschmakte Art zu reden: Aber
ihr werdet's erst noch hören--"Diese Zeilen auf ihren
unvergleichlichen weissen Busen, diese--
Königin.
Kommt das von Hamlet an sie?
Polonius.
Gnädigste Frau, nur eine kleine Geduld, ich will meine Schuldigkeit
thun.
(Er ließt:)
Zweifle an des Feuers Hize,
Zweifle an der Sonne Licht,
Zweifle ob die Wahrheit Lüge,
Schönste, nur an deinem Siege
Und an meiner Liebe nicht. O, meine liebste Ophelia, ich bin böse
über diese Verse; ich verstehe die Kunst nicht meine Seufzer an den
Fingern abzuzählen, aber daß ich dich so vollkommen liebe als du
liebenswürdig bist, das glaube. Adieu. Der deinige so lange diese
Maschine sein ist, Hamlet." Dieses hat mir also meine Tochter aus
pflichtschuldigem Gehorsam gezeigt, und überdas noch weiters meine
Ohren mit allen seinen Nachstellungen, so wie sie nach Zeit, Ort
und Umständen sich begeben haben, bekannt gemacht.
König.
Aber wie hat sie seine Liebe aufgenommen?
Polonius.
Was denket ihr von mir?
König.
Daß ihr ein ehrlicher und pflichtvoller Mann seyd.
Polonius.
So möchte ich in der Probe gerne bestehen. Aber was könntet ihr
denken? Wie ich diese feurige Liebe gewahr wurde, (und ich muß
euch gestehen, daß ich sie merkte, eh mir meine Tochter was davon
sagte,) was hätten Eu. Königliche Majestäten denken können? Wenn
ich einen Pult oder eine Schreib-Tafel vorgestellt, oder aus
weitaussehenden Absichten den Tauben und Stummen gemacht, oder über
diese Liebe mit gleichgültigen Augen hingesehen hätte, was würdet
ihr denken? Aber nein, ich gieng fein gerade durch, und besprach
mein junges Frauenzimmer folgender maassen: Prinz Hamlet ist ein
Prinz, und also über deiner Sphäre; es kan nicht seyn; und dann gab
ich ihr Regeln, wie sie sich vor ihm unsichtbar machen, keine
Bottschaften von ihm vor sich lassen, und weder Briefchen noch
Geschenke annehmen sollte--Das that sie nun; aber sehet was die
Früchte meines Raths gewesen sind. Denn, daß ich es kurz mache,
wie er abgewiesen wurde, so gerieht er in Traurigkeit, hernach
verlohr er den Appetit, darauf den Schlaf, dadurch verfiel er in
Schwachheit, aus dieser in ein Delirium, und so von Grad zu Grad,
endlich in die Tollheit, worinn er nun raset, und welche wir alle
beweinen.
König.
Denkt ihr das?
Königin.
Es kan gar wol möglich seyn.
Polonius.
Ist jemals eine Zeit gewesen, das möcht' ich doch gerne wissen, wo
ich positive gesagt habe, es ist so, und es hat sich anders
befunden?
König.
Meines Wissens nicht.
Polonius.
Wenn es anders ist, will ich meinen Kopf verlohren haben. Wenn ich
nur einige Umstände weiß, so will ich allemal finden, wo die
Wahrheit verstekt liegt, und wenn sie im Mittelpunkt der Erde
stekte.
König.
Aber wie könnten wir der Sache gewisser werden?
Polonius.
Ihr wißt, daß er manchmal vier Stunden hinter einander hier in der
Galerie auf- und abgeht.
Königin.
Es ist so.
Polonius.
Um eine solche Zeit will ich meine Tochter zu ihm lassen: Ihr und
ich wollen uns hinter eine Tapete versteken, und da wollen wir
beobachten, was vorgehen wird: Liebt er sie nicht, und hat seine
Vernunft nicht darüber verlohren, so will ich meine Minister-Stelle
aufgeben, ein Bauer werden und Mist auf meine Felder führen.
König.
Wir wollen die Sache näher erkundigen.
Fünfte Scene.
(Hamlet, in einem Buche lesend, tritt auf.)
Königin.
Seht, da kommt der arme Tropf daher, in einem Buch lesend--wie
schwermüthig er aussieht!
Polonius.
Ich bitte euch, entfernt euch beyde. Ich will ihn anreden.
(Der König und die Königin gehen ab.)
O, mit Erlaubniß--Wie befindet sich mein Gnädigster Prinz Hamlet?
--
Hamlet.
Wohl, Gott sey Dank.
Polonius.
Kennt ihr mich, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Sehr wol; ihr seyd ein Fisch-Händler.
Polonius.
Das bin ich nicht, Gnädiger Herr.
Hamlet.
So wollt' ich, ihr wäret so ein ehrlicher Mann.
Polonius.
Ehrlich, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Ja, Herr; ehrlich seyn, das ist, so wie die heutige Welt geht, so
viel als aus Zehntausenden ausgeschlossen seyn.
Polonius.
Das ist wol wahr, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Denn wenn die Sonne Maden in einem todten Hunde zeugt, die doch ein
Gott ist, aber sobald sie ein Aaß küßt--Habt ihr eine Tochter?
Polonius.
Ja, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Laßt sie nicht in der Sonne gehen; Empfängniß ist ein Segen, aber
wie eure Tochter empfangen könnte, ist keiner; gebt Acht auf das.
Polonius.
Was wollt ihr damit sagen?--
(vor sich.)
Immer die gleiche Leyer, von meiner Tochter; und doch kannte er
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