Fürs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubniß, ein
respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und
seine Frau ein respectirtes Weib.
Harlequin.
Bey dieser Hand, Gnädiger Herr, sein Weib ist die respectirteste
Person unter uns allen.
Ellbogen.
Schurke, du lügst; du lügst, du Schurke du; die Zeit soll noch
kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt
gewesen--
Harlequin.
Gnädiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete.
Escalus.
Ist das wahr, Ellbogen?
Ellbogen.
O du Galgenschwengel! o du Schurke! du gottloser Hannibal! Ich,
respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete? Wenn ich jemals mit ihr
respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht
für des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter
Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen.
Was ist Euer Gnaden Befehl, daß ich mit diesem gottlosen
Galgenbuben anfangen soll?
Escalus.
Im Ernst, Herr Commiß, weil er ein und anders angestellt hat, das
du gern entdeken möchtest wenn du könntest, so laß ihn seinen Weg
fortgehen, bis du weist was es ist.
Ellbogen.
Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du
leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so
fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen--
Escalus (zu Schaum.)
Wo seyd ihr gebohren, guter Freund?
Schaum.
Hier, in Wien.
Escalus.
Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr?
Schaum.
Ja, mit Euer Gnaden Erlaubniß.
Escalus.
So.
(Zum Harlequin)
was ist eure Profession, Meister--
Harlequin.
Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer.
Escalus.
Wie heißt eure Frau?
Harlequin.
Frau Overdon.
Escalus.
Hat sie mehr als einen Mann gehabt?
Harlequin.
Neune, Gnädiger Herr, Overdon war der lezte.
Escalus.
Neune? tretet näher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe
nicht gerne daß ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie
zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den
Galgen. Gehet euers Weges, und laßt mich nichts mehr von euch
hören.
Schaum.
Ich danke Euer Gnaden; ich für meinen Theil bin noch nie in keiner
Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden wäre.
Escalus.
Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt
euch wohl. --
(Schaum geht ab.)
Vierte Scene.
Escalus.
Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister
Bierzapfer?
Harlequin.
Pompey.
Escalus.
Meister Pompey, ihr seyd ein Stük von einem H** Wirth, ob ihr es
gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt. Seyd ihr's nicht?
Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer
gehen.
Harlequin.
In gutem Ernst, Gnädiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne
leben möchte.
Escalus.
Wie wollt ihr leben, Pompey? Von der H** Wirthschaft? Was dünkt
euch zu dieser Handthierung? Ist es eine gesezmäßige
Begangenschaft?
Harlequin.
Wenn das Gesez sie gestattet, Gnädiger Herr.
Escalus.
Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien
nimmermehr kommen.
Harlequin.
Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt
verschneiden zu lassen?
Escalus.
Nein, Pompey.
Harlequin.
Wahrhaftig, gnädiger Herr, so werden sie nach meiner einfältigen
Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und
den lüderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nöthig
die Kuppler und Kupplerinnen zu fürchten.
Escalus.
Dafür sind hübsche Anstalten im Werk; es ist nur um Köpfen und
Hängen zu thun.
Harlequin.
Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stüke
verfehlen, köpfen und hängen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten
Commißion für mehr Köpfe geben müssen; wenn dieses Gesez zehen
Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schönste Haus in der
Stadt das Stokwerk für drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt,
das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt.
Escalus.
Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so
sag ich euch hiemit gleichfalls, laßt mich keine Klage mehr wider
euch hören, worüber es seyn mag, auch nicht über längern Aufenthalt
in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hör ich das mindeste, Pompey, so
will ich euch in euer Lager zurük schlagen, und ein strenger Cäsar
gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr hättet
verdient, daß ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit,
Pompey, gehabt euch für dißmal wohl.
Harlequin.
Ich danke Euer Gnaden für den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie
das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden--
(für sich)
Sapperment! Ein dapfrer Mann läßt sich nicht sogleich aus seinem
Handwerk peitschen.
(Geht ab.)
Fünfte Scene.
Escalus.
Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie
lang ist es, daß ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet?
Ellbogen.
Sieben und ein halb Jahr, Gnädiger Herr.
Escalus.
Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr
hättet es schon eine gute Zeit getrieben. Sieben ganze Jahre, sagt
ihr?
Ellbogen.
Und ein halbes, Gnädiger Herr.
Escalus.
Es wird euch viele Mühe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen
es nicht gut mit euch, daß sie euch so oft dazu anstrengen; hat es
denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande wären es zu
versehen?
Ellbogen.
Mein Treu, Gnädiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen
Geschäften haben; wenn sie gewählt werden, so ist es ihnen immer
eine Gefälligkeit, wenn ich den Dienst für sie versehe; sie
bezahlen mich dafür, und so trag ich eben das Amt für alle.
Escalus.
Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die
tauglichsten in euerm Kirchspiel sind.
Ellbogen.
In Euer Gnaden Haus?
Escalus.
In mein Haus; behüt euch Gott.
(Ellbogen geht ab.)
(Zum Richter.)
Wie viel denkt ihr daß die Gloke ist?
Richter.
Eilfe, Gnädiger Herr.
Escalus.
Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen.
Richter.
Ich danke euer Gnaden unterthänig.
Escalus.
Ich kränke mich herzlich über Claudios Tod; aber es ist nicht zu
helfen.
Richter.
Der Freyherr Angelo ist streng.
Escalus.
Es ist nur allzu nöthig; Güte hört auf es zu seyn, wenn sie immer
die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer
Verbrechen. Und doch--armer Claudio! Es ist nicht zu helfen!--
Folget mir, mein Herr.
(Gehen ab.)
Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, ein Bedienter.)
Bedienter.
Er giebt nur einer Partey Gehör; er wird gleich kommen: Ich will
ihm sagen, daß ihr hier seyd.
Kerkermeister.
Ich bitte euch, thut es; ich möchte wissen, was sein Wille ist;
vielleicht ihn wieder frey zu lassen--Ach! Er hat kaum mehr als in
einem Traum gesündiget; alle Stände, alle Alter riechen nach diesem
Laster--und er soll dafür sterben. (Angelo zu den Vorigen.)
Angelo.
Nun, was giebt es, Kerkermeister?
Kerkermeister.
Ist es Euer Gnaden Wille, daß Claudio morgen sterben solle?
Angelo.
Sagt' ich dir nicht schon, ja? Hast du nicht Befehl? Wozu
brauchst du noch einmal zu fragen?
Kerkermeister.
Aus Furcht, ich möchte zu rasch seyn. Mit Euer Gnaden Erlaubniß,
ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung
sein Urtheil gerne wiederruffen hätte.
Angelo.
Thu du deine Pflicht, und laß das meine Sorge seyn; thu deine
Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Mühe mehr
gemacht werden.
Kerkermeister.
Ich bitt' unterthänig um Verzeihung, Gnädiger Herr--Und was soll
ich mit der winselnden Juliette anfangen? Sie ist ihrer Entbindung
sehr nahe.
Angelo.
Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzüglich.
Der Bediente.
Gnädiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und
bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden.
Angelo.
Hat er eine Schwester?
Kerkermeister.
Ja, Gnädiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im
Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist.
Angelo.
Gut; laß sie herein kommen.
(Bedienter geht ab.)
Sorgt ihr davor, daß die Hure in einen andern Ort gebracht werde;
laßt ihr bloß die nothdürftige, und keine überflüssige Unterhaltung
geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden.
Siebende Scene.
(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.)
(Kerkermeister will abtreten.)
Angelo.
Bleibt noch ein wenig--
(Zu Isabella.)
Seyd willkommen; was ist euer Begehren?
Isabella.
Ich bin eine bekümmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun
möchte, wenn es euch gefiele mich anzuhören.
Angelo.
Gut; was ist eure Bitte?
Isabella.
Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft
zu sehen wünsche, und für welches ich keine Fürbitte thun würde,
wenn ich nicht müßte.
Angelo.
Gut, zur Sache.
Isabella.
Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch,
laßt das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder
fallen.
Kerkermeister (leise.)
Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rühren;
Angelo.
Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thäter? Ein jedes
Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird. Was würde
mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fände, deren Strafe die
Geseze bestimmt haben, und die Thäter gehen liesse?
Isabella.
O! allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!--Ich habe also keinen
Bruder mehr--
(Sie will fortgehen.)
Lucio (leise.)
Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn,
fallt auf die Knie, hängt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt;
wenn ihr eine Steknadel nöthig hättet, könntet ihr sie mit keiner
gleichgültigern Art verlangen. Noch einmal an ihn, sag' ich.
Isabella (zu Angelo.)
Muß er denn nothwendig sterben?
Angelo.
Mädchen, dafür ist kein Mittel.
Isabella.
Ey ja, ich denke ihr könntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder
der Himmel noch die Menschen mißbilligen es, wenn man Gnade vor
Recht gehen läßt.
Angelo.
Ich will aber nicht.
Isabella.
Könntet ihr, wenn ihr wolltet?
Angelo.
Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht.
Isabella.
Aber könntet ihr es thun, ohne daß die Welt einen Schaden davon
hätte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fühlte?
Angelo.
Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spät.
Lucio (leise.)
Ihr seyd zu kalt.
Isabella.
Zu spät? Warum? nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich
gesprochen habe: Glaubet nur, den König ziert seine Crone, den
Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter
sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; wäret ihr an seinem Plaze
gewesen und er an euerm, ihr würdet gestrauchelt haben, wie er;
aber er würde nicht so strenge gewesen seyn.
Angelo.
Ich bitte euch, geht.
Isabella.
Wollte der Himmel, ich hätte eure Macht, und ihr wäret Isabella; es
sollte nicht so seyn.
Lucio.
Nur weiter--das ist der rechte Ton--
Angelo.
Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind
verschwendet.
Isabella.
Ach! gnädiger Himmel! wie? Alle Seelen hatten einst gesündigt,
und waren vom Gesez verurtheilt. Aber der, der sie mit bestem Fug
straffen konnte, fand ein Mittel aus. Wenn er euch richten wollte,
wie ihr seyd? O! denkt an das! und Gnade wird, gleich dem
neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen.
Angelo.
Gebt euch zufrieden, schönes Mädchen; das Gesez verurtheilt euern
Bruder, nicht ich. Wär' er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn,
so würd' es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er.
Isabella.
Morgen? O! das ist zu schnell. Schonet seiner, gebt ihm noch
Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet. Wir tödten ja das
Geflügel für unsre Küche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir
den Himmel schlechter bedienen, als den gröbsten Theil von uns
selbst? O! mein gütiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer
für diß Vergehen gestorben. Es sind manche, die es begangen haben.
Lucio (leise.)
Gut, wohl gesprochen!
Angelo.
Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat.
Diese (Manche) hätten sich nicht unterstanden zu sündigen, wenn der
erste, der das Gesez übertrat, gestraft worden wäre. Izt, ist es
aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht,
gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die künftigen
Verbrechen vor, die durch eine längere Nachsicht veranlaßt würden,
und auf keine andere Art verhindert werden können, als wenn sie vor
ihrer Geburt getödtet werden.
Isabella.
Laßt wenigstens einiges Mitleiden sehen.
Angelo.
Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit
sehen lasse; denn alsdann hab' ich sogar Mitleiden mit denen, die
ich nicht kenne, indem ich verhindere, daß ein ungestraftes
Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher
selbst, der wenn er für eine böse That büssen muß, nicht lebt um
die zweyte zu begehen. Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt
morgen; gebt euch zufrieden.
Isabella.
So müßt ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht,
und er der erste, der dadurch leidet. O! es ist vortrefflich, die
Stärke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein
Riese zu gebrauchen.
Lucio (leise.)
Das ist wohl gesprochen.
Isabella.
Könnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so würde Jupiter
selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten
ledernen Officianten würde ein jeder seinen Himmel zum donnern
brauchen wollen. Nichts als donnern--Gütiger Himmel! dein
scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und
knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O! nur der Mensch, der
stolze Mensch, für etliche Augenblike in ein wenig Ansehen
gekleidet, vergißt was er am gewissesten wissen kan, seiner
zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboßen Affen, so
phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, daß die Engel
darüber weinen, die, wenn sie unsre Milz* hätten, sich alle
sterblich lachen müßten.
{ed.-* Die Alten schrieben ein unmäßiges Gelächter der Grösse der Milz
zu. Warbürton.}
Lucio (leise.)
Weiter, weiter, Mädchen--das wird würken--es kömmt ihm, ich merk'
es.
Kerkermeister.
Wollte Gott, sie möchte ihn gewinnen!
Isabella.
Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwägen; grosse Herren
dürfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem
Gottlosigkeit wäre.
Lucio.
Du hast recht, Mädchen; mehr dergleichen--
Isabella.
An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen
Soldaten eine platte Lästerung ist.
Angelo.
Wozu sagt ihr diese Dinge mir?
Isabella.
Weil das höchste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr
unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney
bey sich führt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht
in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was
es sich bewußt ist, das meines Bruders Fehler ähnlich ist; und wenn
es euch wenigstens die Fähigkeit gesteht, eben so zu sündigen wie
er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf
eure Zunge zu tönen.
Angelo (für sich.)
Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen überwältiget--
Lebet wohl--
(Er will weggehen.)
Isabella.
O! mein Gnädiger Herr, kehret zurük.
Angelo.
Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder.
Isabella.
Höret doch, wie ich euch bestechen will; mein gütiger Herr, kehret
zurück.
Angelo.
Wie? Mich bestechen?
Isabella.
Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll.
Lucio (leise.)
Gut, sonst hättet ihr alles verdorben.
Isabella.
Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung
sie gelten läßt, sondern mit unschuldigen Fürbitten, die zum Himmel
aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder
aufgeht; mit Fürbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden
Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind.
Angelo.
Gut, kommt morgen wieder.
Lucio (leise.)
Geht izt, es ist genug--weg.
Isabella.
Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund. Um welche Zeit soll ich
morgen Euer Gnaden aufwarten?
Angelo.
Vor Mittag, wenn ihr wollt.
(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.)
Achte Scene.
Angelo (allein.)
Von dir? Von deiner Tugend selbst? Was ist das? Was ist das?
Ist es deine Schuld oder meine? Wer sündiget am meisten, der
Versucher, oder der Versuchte? Nicht sie, denn sie denkt nur nicht
daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen
in der Sonne ligend, gleich einem Aaß, nicht wie die Blume, von der
holden Frühlings-Wärme faule. Ists möglich, daß die Sittsamkeit
eines Weibes unsern Sinnen gefährlicher seyn soll, als ihre
Schlüpfrigkeit? Sollen wir, da wir genug unnüzen Boden haben,
einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?--O
pfui, pfui, pfui! Was thust du, oder was bist du, Angelo? O laß
ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung für ihre Räubereyen,
wenn die Richter selbst stehlen. Wie? lieb ich sie, daß ich so
begierig bin, sie wieder zu hören, und mich an ihren Augen zu
weiden? Was war diß was ich träumte? O! listiger Teufel, der, um
Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst! Die
gefährlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend
zur Sünde reizt. Nimmermehr könnt ein feiles Weibsbild, mit aller
ihrer verdoppelten Stärke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst,
meine Sinnen nur einen Augenblik aufrührisch machen; aber dieses
tugendhafte Mädchen überwältiget mich ganz, mich, der bis auf
diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten hörte,
lächelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn könnten.
(Geht ab.)
Neunte Scene.
(Verwandelt sich in ein Gefängniß.)
(Der Herzog in einem Mönchshabit, und der Kerkermeister, treten
auf.)
Herzog.
Gott grüsse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich.
Kerkermeister.
Ich bin's; was ist euer Wille, mein guter Pater?
Herzog.
Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines
Ordens komm' ich, die betrübten Seelen in diesem Gefängniß zu
besuchen; laßt mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Sünden
erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten könne.
Kerkermeister.
Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nöthig wäre. (Juliette
tritt auf.)
Kerkermeister.
Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Fräulein, die in
die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen
darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds
ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch
eine solche Sünde zu begehen, als für diese zu sterben.
Herzog.
Wenn soll er sterben?
Kerkermeister.
Ich denke, morgen.
(Zu Juliette.)
Ich habe Vorsehung für euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr
sollt weggeführt werden.
Herzog.
Bereuet ihr, schönes Kind, die Sünde, die ihr begangen habt?
Juliette.
Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig.
Herzog.
Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prüfen könnt, um zu
erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht.
Juliette.
Ich will es gerne lernen.
Herzog.
Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat?
Juliette.
Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle
gebracht hat.
Herzog.
Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverständniß
gesündiget.
Juliette.
So ist es.
Herzog.
Also war eure Sünde von einer schwerern Art, als die Seinige.
Juliette.
Ich bekenn' und bereu' es, mein Vater.
Herzog.
Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Sünde vielleicht
nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus
Betrübniß daß ihr den Himmel beleidiget habt? Eine gewöhnliche Art
von Reue, wodurch wir beweisen, daß wir den Himmel nicht suchen
weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen fürchten.
Juliette.
Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die
Schmach mit Freuden.
Herzog.
Bleibet bey dieser Gesinnung. Euer Mitschuldiger muß, wie ich höre,
morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten. Also
geb ich euch meinen Segen.
(Er geht ab.)
Zehnte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo tritt auf.)
Angelo.
Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will,
so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstände; aber der Himmel
hat nur meine leeren Worte, indeß mein Gemüth, ohne meine Zunge zu
hören, auf Isabellen ankert. Der Himmel ist auf meinen Lippen, und
der mächtige und schwellende Vorsaz der Sünde in meinem Herzen.
Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man
so oft gelesen hat, bis man es überdrüßig worden ist; ja, diese
Ernsthaftigkeit, auf die ich (laß niemand es hören) stolz war,
könnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der
Wind hin und her treibt. O! Plaz, o äusserliches Ansehen! Wie
oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst
die weisern Seelen durch deine betrügliche Gestalt! Wir brauchen
nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht
mehr des Teufels Horn--
(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da?
Bedienter.
Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden
gelassen zu werden.
Angelo.
Führe sie herein--O Himmel! wie treibt mein Blut zu meinem Herzen,
und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nöthigen
Stärke--So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht
sinkt; alle lauffen ihm zu Hülfe, und verstopfen dadurch die Luft,
durch die er wieder aufleben könnte: Und so verlassen die
Unterthanen, einen geliebten König zu sehen, ihre eignen Geschäfte,
und drängen sich in dienstfertiger Zärtlichkeit zu seiner Gegenwart,
wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen muß--
(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schönes Mädchen?
Eilfte Scene.
Isabella.
Ich komme zu hören, was Euer Gnaden beliebt--
Angelo.
Daß ihr es wissen möchtet, würde mir besser belieben, als daß ihr
darnach fragt. Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben.
Isabella.
Ist es dieses?--Der Himmel erhalte Eu. Gnaden.
(Sie will gehen.)
Angelo.
Und doch möcht' er noch eine Zeitlang leben, und das möchte seyn,
so lang als ihr oder ich; aber er muß sterben.
Isabella.
Durch euer Urtheil?
Angelo.
Ja.
Isabella.
Wenn, ich bitte euch? Laßt ihm wenigstens so viel Zeit als er
nöthig hat, damit seine Seele geheilt werden könne.
Angelo.
Ha? Pfui dieser garstigen Laster! Es wäre eben so gut denjenigen
zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur
weggestohlen hätte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels
auf verbotne Stempel graben, ihre unverschämte Ueppigkeit zu
verzeihen.
Isabella.
So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden.
Angelo.
Sagt ihr das? Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen.
Was wolltet ihr lieber, daß das gerechteste Gesez euerm Bruder das
Leben nehme; oder daß ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so
behandeln lassen müßtet, wie diejenige, die er beflekt hat?
Isabella.
Gnädiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib preiß
geben als meine Seele.
Angelo.
Ich rede nicht von eurer Seele; Sünden, wozu wir genöthiget werden,
stehen nicht auf unsrer Rechnung.
Isabella.
Wie sagt ihr?
Angelo.
Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was
ich gesagt habe, einwenden. Antwortet mir nur auf das: Ich, durch
dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider
euern Bruder aus: Wäre nicht Barmherzigkeit in einer Sünde, die ihr
nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten?
Isabella.
Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele
nehmen, dann ist gar keine Sünde darinn, sondern blosse
Barmherzigkeit.
Angelo.
Hört mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend,
oder stellt euch so, und das ist nicht gut.
Isabella.
Laßt mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demüthigen
Erkenntniß, daß ich nicht besser bin.
Angelo.
So wünscht die Weisheit nur desto glänzender zu scheinen, wenn sie
sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tücher die eingehüllte
Schönheit zehnmal lauter ankündigen als die enthüllte Schönheit
selbst thun könnte. Aber höret mich, um besser verstanden zu
werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder muß sterben.
Isabella.
So.
Angelo.
Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt
hat.
Isabella.
Es ist wahr.
Angelo.
Gesezt, es wäre kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage
nicht, daß ich es gelten lassen würde, sondern nur um den Fall zu
sezen) als daß ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte,
den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand
sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und
daß kein andres Mittel ihn zu retten wäre, als ihr müßtet entweder
diesem vorausgesezten den Genuß eurer Schönheit überlassen, oder
euern Bruder leiden sehen, was würdet ihr thun?*
{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original,
und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt,
worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden mußte.}
Isabella.
Soviel für meinen armen Bruder, als für mich selbst; das ist, wär
ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer
Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der
Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen
Leib der Schande preiß geben wollte.
Angelo.
So müßte euer Bruder sterben.
Isabella.
Besser, daß ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als daß die
Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe.
Angelo.
Wäret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil,
das ihr so genennt habt?
Isabella.
So wie eine schändliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von
zweyerley Häusern sind; so ist auch ganz gewiß nicht die mindeste
Verwandtschaft zwischen einer gesezmäßigen Barmherzigkeit, und
einer lasterhaften Erlösung.
Angelo.
Ihr schienet lezthin das Gesez für einen Tyrannen, und den
Fehltritt euers Bruders eher für eine Kurzweil als für ein
Verbrechen anzusehen.
Isabella.
Verzeihet mir Gnädiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind
wir oft genöthiget nicht zu sagen, was wir denken. Aus Liebe zu
einem unglüklichen Bruder wünschte ich die That entschuldigen zu
können, die ich verabscheue.
Angelo.
Wir sind alle gebrechlich.
Isabella.
Wär' es nicht so, so möchte mein Bruder immerhin sterben.
Angelo.
Die Weiber sind auch gebrechlich.
Isabella.
Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber! Der
Himmel stehe ihnen bey! Die Männer verderben ihre angebohrne
Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal
gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug
jeden fremden Eindruk anzunehmen.
Angelo.
So denke ich auch; und durch das Zeugniß euers eignen Geschlechts
laßt mich kühner werden. Ich halte euch bey euern Worten. Seyd
was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines. Seyd
ihr's, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so
zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget.
Isabella.
Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu
sprechen.
Angelo.
Ich liebe euch.
Isabella.
Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, daß er dafür
sterben müsse.
Angelo.
Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begünstiget.
Isabella.
Ich weiß daß eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu
scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen.
Angelo.
Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklären meine Absicht.
Isabella.
Ha! was für eine Ehre? und was für eine Absicht? O! Schein!
Schein! Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu! Unterzeichne
mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will
so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was für ein Mann du
bist.
Angelo.
Wer wird dir glauben, Isabella? Mein unbeflekter Name, mein
strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugniß wider
dich, werden deine Anklage so sehr überwiegen, daß du in deiner
eignen Aussage erstiken und nach Verläumdung stinken wirst. Der
erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil
den Zügel lassen. Bereite dich meiner erhizten Begierde
nachzugeben, lege alle Sprödigkeit, alle diese verzögernden
Erröthungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlöse deinen
Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen überlassest; oder er muß
nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprödigkeit soll seinen
Tod durch langsame Martern verlängern. Bringe mir morgen die
Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich
will ein Tyrann gegen ihn werden. Was euch betrift, sagt was ihr
könnt; meine Lügen überwiegen eure Wahrheiten.
(Er geht ab.)
Isabella.
Gegen wen soll ich mich beklagen? Würd' ich diß erzählen, wer
würde mir glauben? Ich will zu meinem Bruder gehen. Ob er gleich
durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so
viel Empfindung von Ehre, daß wenn er auch zwanzig Häupter auf
zwanzig Blöke hinzustreken hätte, er eher sie alle hingeben würde,
eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schändlichen Beflekung
mißbrauchen lassen sollte. Leb' also keusch, Isabella, und stirb
du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen
will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn
sterben lehren, damit seine Seele leben möge.
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Das Gefängniß.)
(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.)
Herzog.
Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?
Claudio.
Die Unglüklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe
zu leben, und bin bereitet zum Sterben.
Herzog.
Stellt euch als gewiß vor, daß ihr sterben müßt; Tod oder Leben
wird euch dadurch nur desto süsser werden. Redet so mit dem Leben:
Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren
hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflüssen der
Elemente unterwürffig, welche diese Wohnung, worinn du dich
aufhältst, stündlich beunruhigen; du bist nichts anders als des
Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und
rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nährst dich
von den verächtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du
fürchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein
bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und fürchtest doch den
Tod, der nichts mehr ist. Du bist nichts Selbstbeständiges, denn
du bestehst durch viele tausend Körner, die aus einem Staub
hervorkeimen; glüklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich,
was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du
bist nicht gewiß, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du
reich bist, bist du doch arm, denn du trägst gleich einem mit
Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine
Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn
deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra,
der Gicht und dem Aussaz, daß sie dir nicht bälder ein Ende machen.
Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in
einem nachmittäglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner
Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem
gichtbrüchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du
weder Güte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu
werden. Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens
trägt? Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen;
und wir fürchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?
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