Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Unglüksfällen
zu Ohren gekommen.
Timon.
Du sahst sie, wie ich im Wohlstand saß.
Alcibiades.
Ich seh sie izt, damals war eine glükliche Zeit.
Timon.
Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.
Timandra.
Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel
rühmliches sagte?
Timon.
Bist du Timandra?
Timandra.
Ja.
Timon.
Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen;
häng ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebüßt haben;
mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die
Sclaven zu Schwiz-Kästen und Bädern, bring die rosenwangichte
Jugend zur Hunger-Cur*, und zur Diät.
{ed.-* (Tub-Fast), (Tonne-Fasten) im Englischen. Der Autor zielt auf
die Venerische Seuche und ihre Würkungen. Die Cur derselben wurde
in damaligen Zeiten entweder durch (Guaiacum), oder Mercurialische
Salben gemacht; und in beyden Fällen wurde der Patient sehr warm
und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schweiß befördert
werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erkälte, welches
gefährlich war. Das Regimen beym Gebrauch des (Guaiacum), oder
(Lignum Sanctum) (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney-
Kunst, 2. Theil, S. 380.) war anfangs mit ausserordentlichen
Umständen begleitet, und so strenge, daß der Patient in ein enges
dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen möchte;
und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt,
der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt. Wisemann
sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der
anderwärts üblichen Keller, Bak-Ofen, u. d. gl. einer Tonne bedient.
Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreyßig
Tage fortgesezt, wie er S. 375. bemerkt, und während dieser ganzen
Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig. Daher dann
das Wort (Tub-Fast.) Warbürton. ** Ein Provinzial-Wort für das
Englische (Slut), für welches dem Uebersezer kein hochdeutsches
Wort bekannt ist.}
Timandra.
An den Galgen, du Ungeheuer.
Alcibiades.
Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwärtigkeiten haben
seinen Verstand überwältiget. Ich habe nur wenig Geld übrig, wakrer
Timon, und der Mangel daran verursacht täglichen Aufruhr unter
meiner abgemergelten Kriegs-Schaar. Ich hörte mit Bekümmerniß, wie
das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und
undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und
deine Reichthümer, von ihren Nachbarn mit Füssen zertreten worden
wären --
Timon.
Ich bitte dich, laß deine Trummel rühren, und geh' deines Wegs.
Alcibiades.
Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster
Timon.
Timon.
Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich
wollte lieber allein seyn.
Alcibiades.
Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.
Timon.
Behalt es, ich kan es nicht essen.
Alcibiades.
Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe --
Timon.
Ziehst du gegen Athen?
Alcibiades.
Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.
Timon.
Die Götter verderben sie alle durch deine Hand, und wenn du sie
vernichtet hast, dich auch!
Alcibiades.
Warum mich, Timon?
Timon.
Weil du gebohren wardst, durch Ermordung von Bösewichtern mein
Vaterland zu Grunde zu richten. Ließ dein Gold wieder auf. Geh
weiter, hier ist noch mehr Gold, geh; sey wie eine Planetarische
Seuche, wenn Jupiter über irgendeine lastervolle Stadt sein Gift in
die sieche Luft aushängt; laß dein Schwerdt nicht einen einzigen
überspringen; schone dem ehrwürdigen Greis nicht um seines weissen
Barts willen, er ist ein Wucherer; schlage die Ehefrau nieder, ihr
Kleid allein ist ehrlich, sie ist eine Kupplerin. Laß nicht die
jungfräuliche Wange dein schneidendes Schwerdt stumpf machen;
schone dieses milchweissen Busens nicht, der unter dem gläsernen
Flor zu den Augen der Männer emporschwillt, er ist ein schändlicher
Verräther. Schone nicht des Säuglings, dessen kindisches Lächeln
Narren zur Erbarmung zwingt; denk es ist ein Bastard, von dem ein
dunkles Orakel vorhergesagt hat, daß er dir die Kehle abschneiden
soll, und zerhak' ihn ohne Bedenklichkeit. Verschwöre dich wider
jeden Gegenstand, der dein Herz erweichen könnte; leg' eine Rüstung
um deine Ohren und deine Augen, deren Stählung weder das Heulen der
Mütter, das Geschrey der Jungfrauen, und das Wimmern der Kinder;
noch der Anblik von Priestern, deren Blut über ihre heiligen
Kleider herab strömt, nur um eine Nadelspize durchdringen möge.
Hier ist Gold, deine Soldaten zu bezahlen. Verbreite Verderben um
dich her, geh', und wenn du deine Wuth ausgelassen hast, so verdirb
selbst! Antworte nicht, geh!
Alcibiades.
Hast du noch Gold? Ich nehme das Gold an, das du mir giebst, und
lasse dir deinen Rath.
Timon.
Du folgest ihm oder nicht, so falle der Fluch des Himmels auf dich!
Timandra, Phrynia.
Gieb uns auch etwas Gold, guter Timon; hast du noch mehr?
Timon.
Genug, um zu machen daß eine Hure ihr Handwerk verschwöre und eine--
Kupplerin werde. Hebt auf, ihr Schlütten**, die Schürze auf! Ihr
seyd nicht eydfähig, ob ich gleich weiß, daß ihr schwören würdet;
schwören, daß die unsterblichen Götter die euch hören, vor Entsezen
schaudern müßten. Spart eure Schwüre, ich will euerm blossen
Versprechen glauben. Bleibt immer Huren, und dem, dessen frommer
Zuspruch euch bekehren will, dem macht es dreymal ärger als den
übrigen; ködert ihn an, brennt ihn bis auf die Knochen; laßt nicht
eher von ihm ab, biß euer Feuer über seinem Rauch Meister wird;
doch sollt ihr dafür alle Jahre sechs Monate eine ganz
entgegengesezte Mühe haben. Sezt euch falsche Haare an, und dekt
eure arme dünne Schädel mit Aufsäzen von Todten (wenn schon einige
davon gehangen sind, das hindert nichts); tragt sie, betrügt damit,
und h** immer auf ihren Credit hin; schminkt euch, bis ein Pferd in
euerm Gesicht steken bleiben möchte; der Henker hole die Runzeln!
Beyde.
Gut, gut, nur mehr Gold; glaubt uns, um Gold thun wir was ihr nur
wollt.
Timon.
Säet Auszehrung in ihre marklosen Knochen, lähmet ihre dünnen Beine,
und dämpfet den männlichen Trieb. Brecht die Stimme des Advocaten,
daß er untüchtig werde schlimme Sachen zu führen, und Rabulisten-
Streiche durch sein Geschrey gut zu machen; stekt den Priester an,
der wider die Triebe des Fleisches eifert und sich selbst nicht
glaubt; herab mit der Nase, platt ab, nehmt ihm den Nasenknörpel
ohne Verschonen, der, seinen Privat-Nuzen ausser Gefahr zu sezen,
das gemeine Beste aufopfert. Macht krausköpfichte Spizbuben kahl,
und laßt auch die jungen Eisenfresser nicht leer ausgehen, die mit
ihren grossen Thaten pralen, und nur nicht eine Narbe davon
aufzuweisen haben. Verpestet alle Welt, und ruhet nicht, bis ihr
die Quelle der Vermehrung selbst gänzlich verstopft und
ausgetroknet habt.--Hier ist mehr Gold für euch, bringt alle andre
ins Verderben, dann verfaulet selbst und Misthauffen mögen euer
aller Grab seyn.
Beyde.
Mehr Rath und mehr Geld, guter Timon.
Timon.
Ihr müßtet es erst besser verdienen; ihr habt nun euer Handgeld.
Alcibiades.
Rührt die Trummel, und gegen Athen zu. Lebe wohl, Timon, wenn es
mir gelungen seyn wird, will ich dich wieder besuchen.
Timon.
Wenn mich die Hoffnung nicht betrügt, werd ich dich nicht mehr
sehen.
Alcibiades.
Ich that dir nie was zu leide.
Timon.
Ja, du redtest Gutes von mir.
Alcibiades.
Nennst du das beleidigen?
Timon.
Die Menschen erfahren es alle Tage. Geh deines Weges, pake dich,
und nimm deine Dachshunde mit.
Alcibiades.
Wir sind ihm nur beschwerlich; rührt die Trummel!
(Alcibiades, Timandra und Phrynia gehen ab.)
Fünfte Scene.
Timon.
Daß die Natur noch zu eben der Zeit hungern soll, da der Unmuth
über des Menschen Unbarmherzigkeit sie des Lebens überdrüßig macht!--
Allgemeine Mutter, du deren unermeßliche Schoos und unbegrenzte
Brust alles gebiehrt und säuget; o du, deren nemliche Zeugungs-Hize,
woraus der stolze Mensch aufdunset, die schwarze Kröte zeugt, und
die blaue Schlange, die goldflekichte Eidechs und den blinden
vergifteten Wurm mit allem andern verabscheuten Ungeziefer, das
Hyperions Feuer belebt: Gieb dem der alle deine menschlichen Söhne
hasset, gieb ihm aus deinem unerschöpflichen Busen eine einzige
arme Wurzel. Verstopfe deine fruchtbare gern empfangende Schooß;
laß sie nichts mehr für den undankbaren Menschen hervorbringen. Geh
nur mit Tygern, Drachen, Wölfen und Bären schwanger; schwill von
neuen Ungeheuern auf, die dein emporgerichtetes Antliz dem
umwölbenden Himmel nie gezeigt hat!--O! eine Wurzel--habet Dank,
ihr Götter!--trokne deine lokern Adern auf, und deine vom Pflug
zerrißne Schollen, aus denen der undankbare Mensch diese geistigen
Säfte und diese niedlichen Bissen zieht, die sein reines Gemüth mit
einem Fett umgeben, woran alle Betrachtung abglitscht.
Sechste Scene.
Timon (zu Apemanthus.)
Wieder ein Mensch? Pest! Pest!
Apemanthus.
Ich bin hieher gewiesen worden. Die Leute sagen, du massest dich an,
meine Lebensart nachzuahmen.
Timon.
So muß es deßwegen seyn, weil du keinen Hund hältst, den ich
nachahmen könnte. Daß du die Schwindsucht kriegtest!
Apemanthus.
Es ist an dir nur etwas erzwungnes, eine arme unmännliche
Melancholey, die bloß aus dem Wechsel deines Glüks entsprungen ist.
Wozu dieses Grabscheit? Warum in diesem Walde? Warum dieser
sclavenmässige Aufzug? Und diese kummervolle Blike? Deine
Schmeichler tragen indessen Seide, trinken Wein, ligen weich,
schwimmen in lieblichen Gerüchen, und haben vergessen, daß jemals
ein Timon war. Entehre diese Kleidung nicht, die dir das Ansehen
und die Vorrechte eines Censors geben soll. Sey du izt ein
Schmeichler, versuch' es, dich nun durch eben dieses fortzubringen,
was dich zu Grunde gerichtet hat; beuge deine Knie, und laß den
blossen Athem dessen, dem du aufwartest, deine Müze vom Kopf
herabwehen; erhebe seine lasterhaftesten Ausschweiffungen, und
nenne sie vortreflich. So redte man mit dir; und du gabst deine
Ohren dazu her, den Bierwirthen ähnlich, die Schelmen und alles was
zu ihnen kommt willkommen heissen. Es ist höchst billig, daß du ein
Spizbube werdest; hättest du noch Vermögen, so würden Spizbuben es
haben. Affectire keine Gleichheit mit mir, sag ich dir!
Timon.
Wenn ich dir gleich wäre, ich wollte mich selbst wegwerfen.
Apemanthus.
Du hast dich selbst weggeworffen, da du dir selbst gleich warst; so
lang' ein Unsinniger, izt ein Narr! Wie? denkst du, die kalte Luft,
dein ungestümer Kammerherr, werde dir ein warmes Hemde reichen?
Meynst du, diese bemooßten Bäume, die den Adler überlebt haben,
werden wie Pagen hinter dir hertreten, und dir auf einen Wink
zulauffen? Wird der kalte, mit Eis candirte Bach dir ein Cordial
zum Frühstük geben, um die Unverdaulichkeit der gestrigen
Nachtmahlzeit zu verbessern? Ruffe den nakten Geschöpfen, die der
rauhen Witterung, und den kämpfenden Elementen ihre unverwahrten
Rümpfe entgegen bieten; befiehl ihnen, dir zu schmeicheln; o, du
wirst finden --
Timon.
Daß du ein Narr bist; zieh' ab.
Apemanthus.
Du bist mir izt lieber als jemals.
Timon.
Und du mir desto verhaßter.
Apemanthus.
Warum?
Timon.
Du schmeichelst der Dürftigkeit.
Apemanthus.
Ich schmeichle nicht; ich sage nur, daß du ein elender Tropf bist.
Timon.
Warum suchst du mich auf?
Apemanthus.
Um dich zu scheeren.
Timon.
Das ist immer die Verrichtung eines Bösewichts, oder eines Narren.
Däucht sie dir kurzweilig?
Apemanthus.
Ja.
Timon.
Was für ein Schurke du bist!
Apemanthus.
Wenn du diesen schwermüthigen kalten Habit angezogen hättest,
deinen Stolz zu züchtigen, so hättest du wol daran gethan; aber du
thust es aus Noth; du würdest ein Stuzer seyn, wenn du nicht ein
Bettler wärest. Freywillige Armuth überlebt ungewisses Wohlleben;
dieses wird immer gefüllt und doch nie voll, jene erreicht ihren
höchsten Wunsch auf einmal; der glüklichste Stand ist mißvergnügt,
der elendeste zufrieden. (Du) solltest zu sterben wünschen, weil du
in einem so armseligen Zustand bist.
Timon.
Nicht weil mir's einer sagt, der noch armseliger ist. Du bist ein
Sclave, den das Glük nie mit zärtlichen Armen an ihre Brust drükte;
sondern zu einem Hund gebohren. Wärest du wie wir, von der ersten
Stuffe des Lebens an, durch alle die angenehmen Grade von
Glükseligkeit fortgeschritten, die diese kurze Welt denjenigen
gewährt, die sich nur besinnen dürfen, was sie von allen ihren
Waaren haben wollen: Du hättest dich in dem diksten Schlamm der
Lüderlichkeit herumgewälzt, deine Jugend in den schändlichsten
Ausschweiffungen verschwendet, und nimmermehr die kalten
Vorschriften der Mässigung und des Wohlstands beobachten gelernt,
sondern würdest dem verzükerten Spiel vor dir her blindlings
nachgeloffen seyn. Aber daß ich, für dessen Vergnügen die ganze
Welt arbeitete, der die Zungen, die Augen, die Herzen der Menschen
zu seinem Gebot hatte, mehr als ich ihnen Verrichtungen erdenken
konnte, an dem unzähliche hiengen, wie die Blätter an einer Eiche;
die aber alle, von einem einzigen Winter-Anstoß, von ihren Zweigen
abgefallen sind, und mich entblößt und unbedekt jedem Sturm
ausgesezt gelassen haben: Daß ich, der nie etwas anders als bessers
gekannt hat, diß ertragen soll, ist etwas schwer. Dein Wesen fieng
mit Elend an, und die Zeit hat dich dazu abgehärtet. Warum solltest
du die Menschen hassen? Sie haben dir nie geschmeichelt. Was hast
du ihnen geben können? Wenn du fluchen willt, so muß dein Vater,
der arme Lumpenhund, der Gegenstand seyn, der, in einem Anstoß von
Brunst, irgend eine Bettlerin überfallen, und dich armseligen Erb-
Lumpenhund zusammgeflikt hat--Hinweg, pake dich!--Wärest du nicht
zum untersten unter allen Menschen gebohren, so würdest du ein
Spizbube und Schmeichler gewesen seyn.
Apemanthus.
Bist du noch stolz?
Timon.
Ja, daß ich nicht du bin.
Apemanthus.
Und ich, daß ich kein Verschwender gewesen bin.
Timon.
Und ich, daß ich izt noch einer bin. Wär' aller Reichthum, den ich
hatte, in dir aufgeschüttet, so wollt' ich dir Erlaubniß geben, ihn
aufzuhängen. Geh deines Weges--O! daß das Leben von ganz Athen in
dieser Wurzel wäre! So wollt' ich es essen.
(Er ißt eine Wurzel.)
Apemanthus.
Hier, ich will deine Mahlzeit verbessern.
Timon.
Verbeßre erst meine Gesellschaft, und pake dich fort!
Apemanthus.
Was hättest du gern zu Athen--
Timon.
Dich, in einem Wirbelwind; wenn du willt, so sag ihnen, ich habe
Gold; siehst du, daß ich habe.
Apemanthus.
Hier hat es keinen Nuzen.
Timon.
Den besten und sichersten; denn hier schläft es, und thut keinen
gedungnen Schaden.
Apemanthus.
Wo ligst du des Nachts, Timon?
Timon.
Unter dem was über mir ist. Wo futterst du des Tags, Apemanthus?
Apemanthus.
Wo mein Magen Speise findet, oder vielmehr wo ich sie esse.
Timon.
Ich wollte, das Gift müßte mir gehorchen, und wüßte meine Gedanken.
Apemanthus.
Wo wolltest du es hinschiken?
Timon.
Deine Schüsseln zu würzen.
Apemanthus.
Das Mittel der Menschlichkeit hast du nie gekannt, sondern nur das
äusserste von beyden Enden. Wie du in deinen vergoldeten Zimmern,
und von ausgesuchten Specereyen umduftet warst, da trieben sie ihr
Gespötte über deine ausschweiffende Zärtlichkeit des Geschmaks; izt
da du in Lumpen bist, hast du gar keine, sondern wirst des
Gegentheils halben verabscheut. Hier ist eine Mespel für dich, iß
sie.
Timon.
Ich esse von nichts, was ich nicht leiden kan.
Apemanthus.
Kanst du die Mespeln nicht leiden?
Timon.
Nein, ob sie schon dir gleich sehen.
Apemanthus.
Hättest du sie früher nicht leiden können, so würdest du izt besser
mit dir selbst zufrieden seyn. Hast du jemals einen Verschwender
gekannt, den man noch geliebt hat, nachdem er um seine Mittel
gekommen ist?
Timon.
Wen hast du jemals ohne diese Mittel, wovon du redst, beliebt
gesehen?
Apemanthus.
Mich selbst.
Timon.
Ich verstehe dich, du hast einige Mittel, einen Hund zu halten.
Apemanthus.
Was für Dinge in der Welt findst du deinen Schmeichlern am
ähnlichsten?
Timon.
Weiber--Was wolltest du mit der Welt thun, Apemanthus, wenn sie in
deiner Gewalt wäre?
Apemanthus.
Sie den wilden Thieren vorwerfen, damit ich der Menschen los würde.
Timon.
Wolltest du selbst auch das Schiksal der Menschen haben, oder unter
den wilden Thieren ein wildes Thier werden?
Apemanthus.
Das lezte, Timon.
Timon.
Ein bestialischer Wunsch, den die Götter dir gewähren mögen! Wenn
du ein Löwe wärst, so würde dich der Fuchs betrügen; wärst du ein
Lamm, so würde der Fuchs dich fressen; wärst du der Fuchs, so
würdest du dem Löwen verdächtig werden, wenn dich zufallsweis ein
Esel anklagte; wärst du der Esel, so würde dich deine Dummheit
plagen, und du lebtest immer als ein Frühstük für den Wolf. Wärst
du der Wolf, so würde dir deine Gefressigkeit zur Quaal werden, und
du würdest oft dein Leben für dein Mittagessen wagen. Wärst du das
Einhorn, so würde dich Stolz und Grimm verderben, und in Ermanglung
eines andern würdest du die Beute deiner eignen Wuth werden. Wärst
du ein Bär, so würde dich das Roß tödten; wärst du ein Roß, so
würde dich der Leopard ergreiffen; wärst du ein Leopard, so wärst
du des Löwen Vetter, und deine Fleken würden deine eigne Verwandten
gegen dein Leben aufhezen. Alle deine Sicherheit wär' in Entfernung,
und dein Schuz in der Abwesenheit eines Feindes. Was für ein Thier
könntest du seyn, das nicht einem Thier unterworffen wäre? Und was
für ein Stük Vieh bist du izt schon, daß du nicht siehst, wie viel
du bey der Verwandlung verliehren würdest?
Apemanthus.
Wenn du mir durch irgend ein Gespräch gefallen könntest, so hättest
du es izt getroffen. Das gemeine Wesen von Athen ist ein Wald von
Thieren worden.
Timon.
Wie ist dann der Esel durch die Mauern gebrochen, daß du ausser der
Stadt bist?
Apemanthus.
Dort kommt ein Poet und ein Mahler; die Pest der menschlichen
Gesellschaft falle auf dich! Ich besorge, daß sie mich ansteken
möchte, und will mich mit der Flucht retten. Wenn ich sonst nichts
zu thun weiß, will ich dich wieder sehen.
Timon.
Wenn sonst nichts lebendiges mehr ist als du, sollt du mir
willkommen seyn.
Apemanthus.
Du bist das Oberhaupt von allen iztlebenden Narren.
Timon.
Ich wollte, du wärest sauber genug, daß ich auf dich speyen könnte.
Daß du die Kränke hättest!
Apemanthus.
Du bist ein zu schlechter Kerl, als daß du jemandem fluchen
könntest.
Timon.
Alle Galgenschwengel werden rein, wenn sie neben dir stehen.
Apemanthus.
Es ist sonst kein Aussaz, als was du redst.
Timon.
Wenn ich dich nenne--Prügeln will ich dich; doch, ich würde nur
meine Hände kräzicht machen.
Apemanthus.
Ich wollte, meine Zunge könnte machen, daß sie abfaulten.
Timon.
Weg, du Gezücht eines räudigen Hunds. Ich sterbe vor Zorn, daß du
in der Welt bist; ich fall' in Unmacht, wenn ich dich ansehe.
Apemanthus.
Daß du bersten möchtest?
Timon.
Hinweg, du verabscheuter Raker; ich fürchte, du treibst mir einen
H*d*n ab.
Apemanthus.
Vieh!
Timon.
Sclave!
Apemanthus.
Kröte!
Timon.
Lumpenhund, Lumpenhund, etc.
(Apemanthus zieht sich zurük, als ob er gehe.)
Ich bin dieser falschen Welt überdrüssig, und will nichts in ihr
lieben, als ihre blossen Nothwendigkeiten. So zögre dann nicht,
Timon, dir dein Grab zu machen, dort, wo der leichte Meerschaum
deinen Grabstein täglich schlagen soll; mache deine Grabschrift,
daß der Tod in mir über andrer Leben lache.
(Er sieht auf das Gold, das zu seinen Füssen ligt.)
O du angenehmer Königs-Mörder! du werthe Scheidung zwischen dem
leiblichen Sohn und seinem Vater! du schimmernder Besudler von
Hymens keuschestem Bette! du dapfrer Mars! du immer junger,
frischer, beliebter, und reizender Buhler, dessen Röthe den
geheiligten Schnee, der auf Dianens Schooß ligt, zerschmelzt! Du
sichtbarer Gott, der Unmöglichkeiten zusammenfügt, und einander
küssen macht! der jede Sprache zu jeder Absicht reden kan! O du
Probstein der Herzen; denke, dein Sclave, der Mensch, empöre sich
wider dich, und seze sie durch deine Macht in eine so zerrüttende
Zwietracht, bis die Herrschaft über die Welt den Thieren bleibt.
Apemanthus.
Ich wollt' es wäre so, aber nicht eher, als bis ich todt bin! Ich
will sagen, du habest Gold; was für einen Zulauff, du augenbliklich
bekommen wirst!
Timon.
Einen Zulauf?
Apemanthus.
Ja.
Timon.
Deinen Rüken, ich bitte dich.
Apemanthus.
Leb' und liebe dein Elend!
Timon.
Leb lange so und stirb so! Ich bin quitt.
Apemanthus.
Schau, mehr Dinge die wie Menschen aussehen--iß, Timon, und
verabscheue sie.
(Apemanthus geht ab.)
Siebende Scene.
(Die Diebe treten auf.)
1. Dieb.
Wo mag er wol sein Geld haben? Es wird irgend ein armseliges
Fragment, irgend ein übriges Bißchen sein, das er noch davon
gebracht hat. Nichts anders, als der Mangel an Geld, und der Undank
seiner Freunde, hat ihn zu dieser Melancholey gebracht.
2. Dieb.
Das Gerücht geht, er hab' einen Schaz gefunden.
3. Dieb.
Wir wollen einen Versuch machen; wenn er nichts darnach fragt; wird
er's uns gutwillig geben; aber wenn er so geizig ist, daß er's für
sich allein behalten will, was ist dann zu thun?
2. Dieb.
Er wird den Schaz nicht bey sich tragen; er wird ihn verstekt haben.
1. Dieb.
Ist der nicht Timon?
Alle.
Wo?
2. Dieb.
Der Beschreibung nach ist er's.
3. Dieb.
Er ists, ich kenn' ihn.
Alle.
Grüß dich Gott, Timon.
Timon.
He, Diebe.
Alle.
Soldaten, keine Diebe.
Timon.
Beydes, und von Weibern gebohren.
Alle.
Diebe sind wir nicht, aber Leute, die sehr viel Bedürfnisse haben.
Timon.
Euer gröstes Bedürfniß ist, was ihr aller Orten finden könnet: Was
solltet ihr bedürfen? Seht, die Erde hat Wurzeln; innert einer
Meile um uns her entspringen hundert Quellen; die Eichen tragen
Eicheln, die Gesträuche, Hambutten; die gutthätige Hausmutter,
Natur, legt auf jedem Busch ihren ganzen Kram vor euch aus--
Bedürfnisse? Warum Bedürfnisse?
1. Dieb.
Wir können nicht von Gras, Beeren und Wasser leben; wie Thiere,
Vögel und Fische.
Timon.
Auch nicht von den Thieren, Vögeln und Fischen selbst; ihr müßt
Menschen essen. Doch muß ich euch Dank dafür sagen, daß ihr
offenbare Diebe seyd, und euch nicht in heiligere Gestalten
einhüllet; denn es herrscht grenzenlose Dieberey auch in
gesezmässigen Lebensarten. Galgenschwengel, Diebe, hier ist Gold!
(Er giebt ihnen Geld.)
Geht, saugt das flüchtige Blut der Traube, bis das hizige Fieber
euer Blut zu Schaum kocht, und entgeht dadurch dem Galgen. Vertraut
euch keinem Arzt, seine Arzneyen sind Gift, er tödtet mehr Menschen
als ihr beraubt, und nimmt ihnen ihr Geld mit samt dem Leben.
Treibt eure Bubenstüke, treibt sie, weil ihr euch dazu bekennt, wie
ein andres Handwerk; ich will euch Beyspiele genug von Dieberey
geben. Die Sonn' ist ein Dieb, und beraubt durch ihre starke
Anziehung das weite Welt-Meer. Der Mond ist ein ausgemachter Dieb,
und maußt sein blasses Licht der Sonne. Das Meer ist ein Dieb,
dessen schmelzende Wellen Dämme in salzichte Thränen auflösen. Die
Erde ist ein Dieb, die uns das Futter, wovon sie lebt, aus dem
Unrath aller Dinge zusammenstiehlt; ein jedes Ding ist ein Dieb.
Die Geseze, die euch binden und mit Ruthen streichen, haben
ungestraften Diebstahl in ihrer rauhen Gewalt. Liebt euch selbst
nicht, hinweg, beraubt einander, hier habt ihr mehr Gold; schneidet
Kehlen ab; alle die euch begegnen sind Diebe: Geht nach Athen,
brecht in offne Buden ein, denn ihr könnt nichts stehlen; das nicht
von Dieben verlohren wird; stehlt nichts desto minder, weil ich
euch Gold gebe, und Gold verderbe euch, Amen!
(Er geht ab.)
3. Dieb.
Er hat mir mein Handwerk schier erleidet, indem er mich dazu
aufmunterte.
1. Dieb.
Das ist die allgemeine Bosheit der Menschen; er giebt uns einen
Rath, in Hoffnung, daß er uns an den Galgen bringen werde.
2. Dieb.
So will ich ihm glauben wie einem Feind, und meine Profeßion
aufgeben.
1. Dieb.
Wir wollen erst warten, bis zu Athen Fried' ist.
2. Dieb.
Es ist kein so schlimmer Zustand, worinn ein Mensch nicht noch gut
werden kan.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Wald und Timons Höle.)
(Flavius tritt auf.)
Flavius.
O ihr Götter, ist jener verworfne, zerstörte Mann mein Herr? So
abgezehrt, so eingefallen! O! ein Denkmal, ein Wunder von
übelangewandten Gutthaten! Was für eine Veränderung hat eine
verzweiflungsvolle Dürftigkeit in seiner Gemüthsart gemacht! Was
für ein schändlicheres Ding ist auf der Erde als Freunde, die das
edelste Gemüth zu einem solchen Verfall bringen können! Wie wohl
schikt sich das Gebott, daß wir unsre Feinde lieben sollen*, für
unsre Zeiten! Wenn es mir auch frey stünde, wollt' ich sie doch
eher lieben als Schmeichler.--Er hat mich wahrgenommen; ich will
ihm meinen redlichen Kummer zeigen, und bis zum lezten Athemzug
sein treuer Diener bleiben.
{ed.-* Hier vergißt unser Autor, daß seine Personen keine Christen sind,
noch seyn können; kein Wunder, da er durch das ganze Stük
vergessen hat, daß sie Athenienser sind.}
(Timon kommt aus seiner Höle hervor.)
Mein theurester Herr.
Timon.
Weg! Wer bist du?
Flavius.
Habt ihr mich vergessen, mein Herr?
Timon.
Wie magst du fragen? Ich habe alle Menschen vergessen; wenn du also
gestehen mußt, das du ein Mensch bist, so hab ich dich vergessen.
Flavius.
Ein ehrlicher Diener--
Timon.
So kenn ich dich nicht: ich habe niemals ehrliche Leute um mich
gehabt; alle die ich hatte waren Spizbuben, um Galgenschwengeln
beym Essen aufzuwarten.
Flavius.
Die Götter sind Zeugen, daß niemals ein armer Verwalter einen
aufrichtigern Schmerz für seinen zu Grunde gerichteten Herrn
gefühlt hat, als meine Augen für euch.
(Er weint.)
Timon.
Wie? weinst du? Komm näher, so will ich dich denn lieben, weil du
ein Weib bist; du kanst aus Mitleiden weinen; das kan das
kieselsteinerne Herz des männlichen Geschlechts nicht; wenn ihre
Augen übergehen, so geschieht es vor Lachen oder böser Lust.
Flavius.
Ich bitte euch, mein gütiger Herr, mich nicht abzuweisen, und mir
zu verstatten, daß ich euern Kummer theile, und so lange dieser
arme Reichthum daurt,
(er zeigt ihm einen Beutel mit Geld,)
euer Verwalter bleibe.
Timon.
Hatt' ich einen Verwalter, der so getreu, so redlich, und nun so
hülfreich ist? Diß könnte mein verwildertes Gemüth beynahe zahm
machen. Laß mich dein Gesicht sehen; wahrlich, dieser Mann ist von
einem Weibe gebohren. Verzeihet mir mein allgemeines, keine
Ausnahme machendes, zu rasches Urtheil, ihr unsterblichen, weisen
Götter! Ich gestehe nun einen ehrlichen Mann zu; verstehet mich wol,
nur Einen; keinen mehr, ich bitte euch; und der einzige ist ein
Verwalter! Wie gerne wollt' ich das ganze Menschen-Geschlecht
gehasset haben, und du kaufst dich los; doch alle andre, dich
ausgenommen, mögen meine Flüche treffen! Mich däucht, du seyest
mehr ehrlich als klug; denn, wenn du mich betrogen und verrathen
hättest, so hättest du desto bälder eine andre Bedienstung erhalten
können; viele kommen auf diese Art zu ihren zweyten Herren, auf
ihres ersten Herrn Naken. Aber sage mir aufrichtig, (denn ich muß
immer zweifeln, ob ich gleich niemals weniger Ursach dazu hatte;)
ist nicht diese deine Zärtlichkeit listig und eigennüzig, eine
wuchernde Zärtlichkeit, wie reiche Leute Geschenke machen, um
zwanzig mal so viel dafür zurük zu bekommen?
Flavius.
Nein, mein würdiger Herr, (in dessen Brust Zweifel und Argwohn, ach
leider! zu spät Plaz nehmen;) ihr hättet falsche Freundschafts-
Versicherungen vermuthen sollen, da ihr Bankette gabt. Das was ich
euch zeige, der Himmel weiß es, ist lauter Liebe, Pflicht und
Ergebenheit gegen ein Herz, das seines gleichen nicht hat, Sorge
für euern Unterhalt und euer Leben; und glaubt mir, es ist kein
Vortheil weder gegenwärtig, noch den ich hoffen könnte, den ich
nicht um diesen einzigen Wunsch vertauschen wollte, euch wieder in
Glük und Wohlstand zu sehen.
Timon.
Gut, ich glaube dir, es ist so; du einzelner ehrlicher Mann, hier,
nimm.
(Er giebt ihm einen Sak mit Gold.)
Die Götter haben dir aus meinem Elend einen Schaz zugeschikt. Geh,
lebe reich und glüklich; aber mit dieser Bedingung, daß du von den
Menschen abgesondert wohnen sollst. Haß' alle, verwünsch' alle,
thue keinem Gutes; laß einem Bettler eh sein verhungertes Fleisch
von den Knochen fallen, eh du ihm ein Almosen gäbest. Gieb den
Hunden, was du den Menschen versagst. Daß Gefängnisse sie
verschlingen, daß sie in Schulden verderben, daß die Menschen einem
verdorrten Walde gleich sehen, und verpestete Krankheiten ihr
falsches Blut aufleken! Und hiemit lebe wohl, und gedeyhe!
Flavius.
O laßt mich bey euch bleiben, mein gütiger Herr, und euch
unterstüzen --
Timon.
Wenn du meinem Fluch ausweichen willst, so säume dich nicht, flieh;
flieh, weil du noch gesegnet und frey bist. Sieh du keinen Menschen
mehr, und laß dich nimmer vor mir sehen.
(Sie gehen auf verschiedne Seiten ab.)
Zweyte Scene.
(Der Poet und der Makler treten auf.)
Mahler.
Nach der Erkundigung, die ich von dem Ort eingezogen habe, kan er
nicht weit von hier sich aufhalten.
Poet.
Was soll man von ihm denken? bestättigt sich das Gerücht, daß er
soviel Gold haben soll?
Mahler.
Er hat; Alcibiades erzählt es, Phrynia und Timandra haben Gold von
ihm bekommen; er schenkt' auch etlichen armen verlaufenen Soldaten
eine grosse Menge davon. Man sagt, er gab seinem Verwalter eine
starke Summe.
Poet.
So war folglich diese Bankrutt nur eine Prüfung seiner Freunde.
Mahler.
Nichts anders; ihr werdet ihn bald in Athen unter den Ersten wieder
glänzen sehen. Es wird also nicht übel gethan seyn, wenn wir ihm in
dem Unglüks-Stand', worinn man ihn versunken glaubt, unsre
Freundschaft bezeugen; es wird uns das Ansehen eines edelmüthigen
Betragens geben; und es ist sehr wahrscheinlich, daß es uns zu
unserm Zwek führen wird, wenn es wahr ist, daß er so reich seyn
soll.
Poet.
Was habt ihr bey euch, womit ihr ihm aufwarten wollet?
Mahler.
Nichts für dißmal als meinen Besuch; allein ich will ihm ein
vortrefliches Stük versprechen.
Poet.
Ich will ihn auf die nemliche Art bedienen.
Mahler.
So ist's am besten. Versprechen öffnet das Auge der Erwartung, und
macht sich oft für etwas, das niemals gehalten wird, zum voraus
bezahlt. Halten ist allemal der Narr in seinem eignen Spiel; sobald
ein Versprechen gehalten ist, so nüzt es, ausser bey der
einfältigern Art von Leuten, dem Geber nichts mehr. Versprechen ist
hofmännisch, und ein Stük von der feinen Lebensart; Halten ist eine
Art von leztem Willen oder Testament, welches bey dem, der es macht,
eine grosse Krankheit--am Verstand anzeigt. (Timon kommt, ohne daß
ihn die vorigen Personen gewahr werden, aus der Höle hervor.)
Timon (vor sich.)
Vortreflicher Künstler! du kanst keinen so schlechten Kerl mahlen
als du selbst bist.
Poet.
Ich besann' mich, was ich sagen will, das ich für ihn in der Arbeit
habe--Es muß eine Vorstellung von ihm selbst seyn; eine Satyre über
die Weichlichkeit, die eine Folge des Wohlstands zu seyn pflegt;
mit einer Entdekung der unendlichen Schmeicheleyen, die das Gefolge
von Jugend und Reichthum sind.
Timon.
Must du dich dann in deinem eignen Werk als einen Nichtswürdigen
abschildern? Willt du deine eigne Laster auf andrer Leute Rüken
peitschen? Thue es, ich habe Gold für dich.
Poet.
Wir wollen ihn aufsuchen.
Wer einen Vortheil einzuholen
Zu spät kommt, hat sich selbst bestohlen.
Mahler.
Ihr habt recht.
Poet.
Such', was dir fehlt, bey Tag, der unbezahlt dir scheint;
Die Nacht im schwarzen Flor ist niemands Freund.
Kommt!
Timon.
Ich will euch beym Umkehren entgegen kommen--Was für ein Gott ist
Gold, daß er in Tempeln verehrt wird, die verächtlicher sind als
die Oerter, wo Schweine ihre Speise suchen. Du bist es der das
Schiff ausrehdet, und die beschäumten Wellen pflügt; du verschaffst
dem Sclaven Bewundrung und Ehrfurcht; niemals möge dein Dienst
abnehmen, und verderbliche Plagen sollen deine Anbeter umkränzen!--
Izt ist es Zeit, ihnen entgegen zu kommen.
Poet.
Heil dir, würdiger Timon.
Mahler.
Einst unser edler Gebieter.
Timon.
Wie, erleb' ich es, noch zween ehrliche Männer zu sehen?
Poet.
Mein Herr, da wir so viel Gutes von euch genossen haben, und
vernehmen mußten, daß ihr euch entfernt, und daß alle eure Freunde
abgefallen, für deren undankbare Gemüther--(oh,
verabscheuungswürdige Seelen!) alle Ruthen des Himmels nicht
hinreichend sind--Was? von euch? dessen Stern-gleiche Großmuth
Leben und Einflüsse ihrem ganzen Wesen gab? Ich komme ganz ausser
mich, und kan keine Worte groß genug finden, die ungeheure Grösse
dieser Undankbarkeit darein zu kleiden.
Timon.
Laßt sie nakend gehen, so sehen die Leute sie desto besser; ihr,
die ihr ehrliche Männer seyd, macht durch das, was ihr seyd, das
was sie sind am besten sichtbar.
Mahler.
Er und ich haben in dem grossen Regen eurer Freygebigkeit gereißt,
und ihn auf eine angenehme Art empfunden.
Timon.
Ja, ihr seyd ehrliche Männer.
Mahler.
Wir sind hieher gekommen, euch unsre Dienste anzubieten.
Timon.
Sehr ehrliche Männer! Wie kan ich's euch wett machen? Könnt ihr
Wurzeln essen, und kaltes Wasser trinken? Nein.
Beyde.
Wir wollen thun, was wir nur immer können, um euch Dienste zu
leisten.
Timon.
Ihr seyd ehrliche Männer; ihr habt gehört, daß ich Gold habe; ich
bin versichert, ihr habt's gehört; sagt die Wahrheit, ihr seyd
ehrliche Männer.
Mahler.
So sagt man, mein edler Lord; allein deßwegen kam ich und mein
Freund nicht hieher.
Timon.
Guter ehrlicher Mann; du mahlst das beste Portrait unter allen
Mahlern in Athen; du bist, in der That, der beste; du mahlst
vortreflich nach dem Leben.
Mahler.
So, so, Gnädiger Herr.
Timon.
Eben so, mein Herr, wie ich sagte.
(Zum Poet.)
Und was deine Gedichte betrift, deine Verse fliessen so voll und
lieblich, daß du in deiner Kunst eben so natürlich bist. Allein
eben darum, meine ehrlich-gesinnten Freunde, muß ich euch sagen,
ihr habt einen kleinen Fehler; der aber in der That euch nicht sehr
entstellt; auch wünscht' ich nicht, daß ihr euch grosse Mühe gäbet,
ihn zu verbessern.
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