Wärst du an meiner Statt, hättst du die Mutter Wen'ger gehört? ihr wen'ger zugestanden? Aufidius. Ich war bewegt. Coriolanus. Ich schwöre drauf, du warst es. Und nichts Geringes ist es, wenn mein Auge Von Mitleid träuft. Doch rate mir, mein Freund! Was für Bedingung machst du? denn nicht geh ich Nach Rom, ich kehre mit euch um und bitt euch, Seid hierin mir gewogen.--O Mutter! Frau! Aufidius (für sich). Froh bin ich, daß dein Mitleid, deine Ehre, Dich so entzwein; hieraus denn schaff ich mir Mein ehemalges Glück. (Die Frauen wollen sich entfernen.) Coriolanus. O! jetzt noch nicht. Erst trinken wir, dann tragt ein beßres Zeugnis Als bloßes Wort nach Rom, das gegenseitig Auf billige Bedingung wir besiegeln. Kommt, tretet mit uns ein. Ihr Fraun verdient, Daß man euch Tempel baut; denn alle Schwerter Italiens und aller Bundsgenossen, Sie hätten diesen Frieden nicht erkämpft. (Alle ab.) Vierte Szene Rom. Ein öffentlicher Platz Menenius und Sicinius treten auf Menenius. Seht ihr dort jenen Vorsprung am Kapitol? jenen Eckstein? Sicinius. Warum? Was soll er? Menenius. Wenn es möglich ist, daß Ihr ihn mit Euerm kleinen Finger von der Stelle bewegt, dann ist einige Hoffnung, daß die römischen Frauen, besonders seine Mutter, etwas bei ihm ausrichten können.-- Aber! ich sage, es ist keine Hoffnung; unsre Kehlen sind verurteilt und warten auf den Henker. Sicinius. Ist es möglich, daß eine so kurze Zeit die Gemütsart eines Menschen so verändert? Menenius. Es ist ein Unterschied zwischen einer Raupe und einem Schmetterling; und doch war der Schmetterling eine Raupe. Dieser Marcius ist aus einem Menschen ein Drache geworden, die Schwingen sind ihm gewachsen, er ist mehr als ein kriechendes Geschöpf. Sicinius. Er liebte seine Mutter von Herzen. Menenius. Mich auch. Aber er kennt jetzt seine Mutter sowenig als ein achtjähriges Roß. Die Herbigkeit seines Angesichts macht reife Trauben sauer. Wenn er wandelt, so bewegt er sich wie ein Turm, und der Boden bebt unter seinem Tritt. Er ist imstande, einen Harnisch mit seinem Blick zu durchbohren; er spricht wie eine Glocke, und sein "Hm" ist eine Batterie. Er sitzt da in seiner Herrlichkeit wie ein Abbild Alexanders. Was er befiehlt, das geschehen soll, das ist schon vollendet, indem er es befiehlt. Ihm fehlt zu einem Gotte nichts als Ewigkeit und ein Himmel, darin zu thronen. Sicinius. Doch, Gnade, wenn Ihr ihn richtig beschreibt. Menenius. Ich male ihn nach dem Leben. Gebt nur acht, was für Gnade seine Mutter mitbringen wird. Es ist nicht mehr Gnade in ihm als Milch in einem männlichen Tiger; das wird unsre arme Stadt empfinden.-- Und alles dies haben wir euch zu danken. Sicinius. Die Götter mögen sich unser erbarmen! Menenius. Nein, bei dieser Gelegenheit werden sich die Götter unser nicht erbarmen. Als wir ihn verbannten, achteten wir nicht auf sie, und da er nun zurückkommt, um uns den Hals zu brechen, achten sie nicht auf uns. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Wollt Ihr das Leben retten, flieht nach Hause, Das Volk hat Euren Mittribun ergriffen Und schleift ihn durch die Straßen. Alle schwören, Er soll, wenn keinen Trost die Frauen bringen, Den Tod zollweis empfinden. Ein Zweiter Bote kommt. Sicinius. Was für Nachricht? Bote. Heil! Heil! Die Frauen haben obgesiegt, Es ziehn die Volsker ab und Marcius geht. Ein frohrer Tag hat nimmer Rom begrüßt, Nicht seit Tarquins Vertreibung. Sicinius. Freund, sag an, Ist's denn auch wirklich wahr? weißt du's gewiß? Bote. Ja, so gewiß die Sonne Feuer ist. Wo stecktet Ihr, daß Ihr noch zweifeln könnt? Geschwollne Flut stürzt so nicht durch den Bogen, Wie die Beglückten durch die Tore. Horcht! (Man hört Trompeten, Hoboen, Trommeln und Freudengeschrei.) Posaunen, Flöten, Trommeln und Drommeten, Zimbeln und Pauken und der Römer Jauchzen, Es macht die Sonne tanzen. (Freudengeschrei.) Menenius. Gute Zeitung. Ich geh den Fraun entgegen. Die Volumnia Ist von Patriziern, Konsuln, Senatoren Wert eine Stadt voll, solcher Volkstribunen Ein Meer und Land voll.--Ihr habt gut gebetet, Für hunderttausend eurer Kehlen gab ich Heut früh nicht einen Pfennig. Hört die Freude! (Musik und Freudengeschrei.) Sicinius. Erst für die Botschaft segnen Euch die Götter, Und dann nehmt meinen Dank. Bote. Wir haben alle Viel Grund zu vielem Dank. Sicinius. Sind sie schon nah? Bote. Fast schon am Tor. Sicinius. Laßt uns entgegengehn Und ihren Jubel mehren. Die Frauen treten auf, von Senatoren, Patriziern und Volk begleitet Sie gehn über die Bühne. Erster Senator. Seht unsre Schutzgöttin, das Leben Roms! Ruft alles Volk zusammen, preist die Götter, Macht Freudfeuer, streut den Weg mit Blumen Und übertönt den Schrei, der Marcius bannte, Ruft ihn zurück im Willkomm seiner Mutter. Willkommen! ruft den Fraun Willkommen zu. Alle. Willkommen! edle Frauen! seid willkommen! (Trommeln und Trompeten. Alle ab.) Fünfte Szene Antium. Ein öffentlicher Platz Aufidius tritt auf mit Begleitern Aufidius. Geht, sagt den Senatoren, ich sei hier, Gebt ihnen dies Papier, und wenn sie's lasen, Heißt sie zum Marktplatz kommen, wo ich selbst Vor ihrem und des ganzen Volkes Ohr Bekräftge, was hier steht. Der Angeklagte Zog eben in die Stadt und ist gewillt, Sich vor das Volk zu stellen, in der Hoffnung, Durch Worte sich zu rein'gen. Geht. (Die Begleiter gehn ab. Drei oder vier Verschworne treten auf.) Willkommen! Erster Verschworner. Wie steht's mit unserm Feldherrn? Aufidius. Grade so Wie dem, der durch sein Wohltun wird vergiftet, Den sein Erbarmen mordet. Zweiter Verschworner. Edler Herr, Wenn bei derselben Absicht Ihr verharrt, Zu der Ihr unsern Beitritt wünscht, erretten Wir Euch von der Gefahr. Aufidius. Ich weiß noch nicht. Wir müssen handeln nach des Volkes Stimmung. Dritter Verschworner. Das Volk bleibt ungewiß, solang es noch Kann wählen zwischen euch. Der Fall des einen Macht, daß der andre alles erbt. Aufidius. Ich weiß es. Auch wird der Vorwand, ihm eins beizubringen, Beschönigt. Ich erhob ihn, gab mein Wort Für seine Treu. Er, so emporgestiegen, Begoß mit Schmeicheltau die neuen Pflanzen, Die Freunde mir verführend; zu dem Zweck Bog er sein Wesen, das man nur vorher Als rauh, unlenksam und freimütig kannte. Dritter Verschworner. Jawohl, sein Starrsinn, als er einst die Würde Des Konsuls suchte, die er nur verlor, Weil er nicht nachgab-- Aufidius. Davon wollt ich reden. Deshalb verbannt, kam er an meinen Herd, Bot seinen Hals dem Dolch. Ich nahm ihn auf, Macht ihn zu meinesgleichen, gab ihm Raum Nach seinem eignen Wunsch, ja, ließ ihn wählen Aus meinem Heer, zu seines Plans Gelingen, Die besten, kühnsten Leute. Selbst auch dient' ich Für seinen Plan, half ernten Ruhm und Ehre, Die er ganz nahm als eigen. Selbst mir Schaden Zu tun, war ich fast stolz. Bis ich am Ende Sein Söldner schien, nicht Mitregent, den er Mit Gunst bezahlt und Beifall; als wär ich Für Lohn in seinem Dienste. Erster Verschworner. Ja, das tat er, Das Heer erstaunte drob. Und dann zuletzt, Als Rom sein war, und wir nicht wen'ger Ruhm Als Beut erwarteten-- Aufidius. Dies ist der Punkt, Wo meine ganze Kraft ihm widerstrebt. Für wen'ge Tropfen Weibertränen, wohlfeil Wie Lügen, konnt er Schweiß und Blut verkaufen Der großen Unternehmung. Darum sterb er, Und ich ersteh in seinem Fall.--Doch, horcht.-- (Trommeln und Trompeten, Freudengeschrei des Volks.) Erster Verschworner. Ihr kamt zur Vaterstadt, gleich einem Boten, Und wurdet nicht begrüßt; bei seiner Rückkehr Zerreißt ihr Schrein die Luft. Zweiter Verschworner. Ihr blöden Toren! Die Kinder schlug er euch: ihr sprengt die Kehlen, Ihm Glück zu wünschen. Dritter Verschworner. Drum zu Euerm Vorteil, Eh er noch sprechen kann, das Volk zu stimmen Durch seine Rede, fühl er Euer Schwert. Wir unterstützen Euch, daß, wenn er liegt, Auf Eure Art sein Wort gedeutet wird, Mit ihm sein Recht begraben. Aufidius. Sprich nicht mehr, Hier kommt schon der Senat. Die Senatoren treten auf. Die Senatoren. Ihr seid daheim willkommen! Aufidius. Das hab ich nicht verdient; doch, würdge Herrn, Last ihr bedächtig durch, was ich euch schrieb? Die Senatoren. Wir taten's. Erster Senator. Und mit Kummer, dies zu hören. Was früher er gefehlt, das, glaub ich, war Nur leichter Strafe wert; doch da zu enden, Wo er beginnen sollte, wegzuschenken Den Vorteil unsers Kriegs, uns zu bezahlen Mit unsern Kosten und Vergleich zu schließen Statt der Erobrung--das ist unverzeihlich. Aufidius. Er naht, ihr sollt ihn hören. Coriolanus tritt ein mit Trommeln und Fahnen, Bürger mit ihm. Coriolanus. Heil, edle Herrn! Heim kehr ich, euer Krieger, Unangesteckt von Vaterlandsgefühlen, So wie ich auszog. Euerm hohen Willen Bleib ich stets untertan.--Nun sollt ihr wissen, Daß uns der herrlichste Erfolg gekrönt: Auf blutgem Pfade führt ich euern Krieg Bis vor die Tore Roms. Wir bringen Beute, Die mehr als um ein Dritteil überwiegt Die Kosten dieses Kriegs. Wir machten Frieden, Mit minderm Ruhm nicht für die Antiaten Als Schmach für Rom, und überliefern hier, Von Konsuln und Patriziern unterschrieben Und mit dem Siegel des Senats versehn, Euch den Vergleich. Aufidius. Lest ihn nicht, edle Herrn. Sagt dem Verräter, daß er eure Macht Im höchsten Grad gemißbraucht. Coriolanus. Was? Verräter? Aufidius. Ja, du Verräter, Marcius! Coriolanus. Marcius? Aufidius. Ja, Marcius, Cajus Marcius! denkst du etwa, Daß ich mit deinem Raub dich schmücke, deinem Gestohlnen Namen Coriolan? Ihr Herrn und Häupter dieses Staats, meineidig Verriet er eure Sach und schenkte weg Für ein'ge salzge Tropfen euer Rom, Ja, eure Stadt, an seine Frau und Mutter, Den heilgen Eid zerreißend, wie den Faden Verfaulter Seide, niemals Kriegesrat Berufend. Nein, bei seiner Amme Tränen Weint' er und heulte euern Sieg hinweg, Daß Pagen sein sich schämten und Soldaten Sich staunend angesehn. Coriolanus. Hörst du das, Mars? Aufidius. O! nenne nicht den Gott, du Knab der Tränen!-- Coriolanus. Ha! Aufidius. Nichts mehr! Coriolanus. Du grenzenloser Lügner! zu groß machst du Mein Herz für meinen Busen. Knab? O Sklave! Verzeiht mir, Herrn, das ist das erste Mal, Daß man mich zwingt zu schimpfen.--Ihr Verehrten, Straft Lügen diesen Hund; sein eignes Wissen (Denn meine Striemen sind ihm eingedrückt, Und diese Zeichen nimmt er mit ins Grab) Schleudr' ihm zugleich die Lüg in seinen Hals. Erster Senator. Still, beid, und hört mich an. Coriolanus. Reißt mich in Stück', ihr Volsker! Männer, Kinder, Taucht euern Stahl in mich.--Knab?--Falscher Hund! Wenn eure Chronik Wahrheit spricht--da steht's, Daß, wie im Taubenhaus der Adler, ich Gescheucht die Volsker in Corioli. Allein--ich--tat es. Knabe! Aufidius. Edle Herrn, So laßt ihr an sein blindes Glück euch mahnen, Und eure Schmach? Durch diesen frechen Prahler Vor euren eignen Augen? Die Verschwornen. Dafür sterb er! Die Bürger. (Durcheinander.) Reißt ihn in Stücke, tut es gleich.--Er tötete meinen Sohn-- meine Tochter.--Er tötete meinen Vetter Marcus!-- Er tötete meinen Vater! Zweiter Senator. Still! keine blinde Wut. Seid ruhig. Still! Der Mann ist edel, und sein Ruhm umschließt Den weiten Erdkreis. Sein Vergehn an uns Sei vor Gericht gezogen. Halt, Aufidius! Und stör den Frieden nicht. Coriolanus. O! hätt ich ihn! Und sechs Aufidius, mehr noch, seinen Stamm, Mein treues Schwert zu prüfen! Aufidius. Frecher Bube! Die Verschwornen. Durchbohrt! durchbohrt! durchbohrt ihn! (Aufidius und die Verschwornen ziehen und erstechen Coriolanus. Aufidius stellt sich auf ihn.) Die Senatoren. Halt, halt ein! Aufidius. Ihr edlen Herrn! o! hört mich an. Erster Senator. O Tullus! Zweiter Senator. Du hast getan, was Tugend muß beweinen. Dritter Senator. Tritt nicht auf ihn. Seid ruhig, all ihr Männer, Steckt eure Schwerter ein. Aufidius. Ihr Herrn, erkennt ihr (wie in dieser Wut, Von ihm erregt, nicht möglich) die Gefahren, Die euch sein Leben droht', erfreut ihr euch, Daß er so weggeräumt. Beruft mich, Edle, Gleich in den Rat, so zeig ich, daß ich bin Eur treuster Diener, oder ich erdulde Die schwerste Strafe. Erster Senator. Tragt die Leiche fort, Und trauert über ihn. Er sei geehrt, Wie je ein edler Leichnam, dem der Herold Zum Grab gefolgt. Zweiter Senator. Sein eigner Ungestüm Nimmt von Aufidius einen Teil der Schuld, So kehrt's zum Besten. Aufidius. Meine Wut ist hin, Mein Herz durchbohrt der Gram. So nehmt ihn auf, Helft, drei der ersten Krieger, ich der vierte. Die Trommel rührt, und laßt sie traurig tönen, Schleppt nach die Speer'. Obwohl in dieser Stadt Er manche gatten-, kinderlos gemacht Und nie zu sühnend Leid auf uns gebracht, So sei doch seiner ehrenvoll gedacht. Helft mir. (Sie tragen die Leiche Coriolans fort. Trauermarsch.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473