Mit dem Simonides und Agathon.
Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte.
Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt,
Rückkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt."
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sahn umher, das Weitre zu erkunden.
Die fünfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz emporgewandt.
"Wir kehren, denk ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."
So ward Gewohnheit unsre Führerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief erschlossen.
Doch machte bald der Dichter süßes Wort
Ein Baum mit würzig duftgen Äpfeln schweigen.
Inmitten unsers Weges stand er dort;
Und wie die Tann aufwärts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen.
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,
Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blätter sprühend sich ergoß.
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."
"Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll.
Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;
Nicht Königskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.
Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,
Wies offenbart im Evangelium steht."
Dreiundzwanzigster Gesang
Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen,
So scharf und spähend, wie sie einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,
Rief er, der mehr als Vatersorg empfand:
"Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen,
Sei eingeteilt und nützlicher verwandt."
Schnell wandt ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,
Die also sprachen, daß zum leichten Gang
Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen.
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:
"Herr, meine Lippen," klangs mit einem Stöhnen,
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang.
"Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?"
Ich riefs, und er drauf: "Schatten sinds, die nun
Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen."
Wie unterweges eilge Wandrer tun,
Die Leut einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruhn;
So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen
Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen.
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,
Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.
So mager, glaub ich, war nach langem Fasten,
So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes Fleisch die Zähn erfaßten.
Sie gleichen jenen, dacht ich, da sie flohn,
Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn.
Tief war das Aug in seinem Rund vergraben,
Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas und rings die Knochen scharf erhaben.
Daß eines Apfels Duft so jämmerlich
Zurichten könn und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl dächt es sich?
Schon staunt ich, wie der Hunger sie entstelle,
Indem ich noch die Ursach nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traurgem Felle.
Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund
Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund?
Nie hätt ich ihn erkannt am Angesichte,
Doch durch die Stimme ward mir offenbart,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte.
Und dieser Funke machte völlig klar
Mir die Erinnrung, daß ich sein gedachte,
Und sah, daß dies Foreses Antlitz war.
Und er begann nun flehend: "Ach, verachte
Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte.
Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht,
Und von den zwein, die bei dir sind--ich flehe!--
Verweigre mir erwünschte Kunde nicht."
"Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,"
Begann ich, "als ichs tot sah, ich geklagt,
Betrübt mich mehr, da ichs so hager sehe.
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt.
Nicht wolle, daß ich, weil ich staun, erzähle,
Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt."--
"Vom ewgen Rat", so sprach Foreses Seele,
"Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,
Durch die ich hier mich abgemagert quäle.
Sie ists, die jeden, der hier weinend singt,
Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurückebringt.
Der Duft, den jene Früchte von sich geben,
Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben.
Sooft im Kreis wir dorthin ziehn gemußt,
Wird immer diese Pein in uns erneuert.
Ich sage Pein und sollte sagen: Lust,
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,
Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert."
Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht
Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte
Man nur fünf Jahr, die kaum den Lauf vollbracht.
Wenn dir die Kraft zu sündgen eher fehlte,
Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermählte,
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?
Dort unten dich zu finden mußt ich meinen,
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit."
Und er: "Zum süßen Wermutstrank der Peinen
Hat mich befördert meiner Nella Fleiß
In frommem Flehn und ihr unendlich Weinen.
Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß,
Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen
Und mich befreit aus jedem andern Kreis.
Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen,
Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt,
Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen.
Der Sarden rohes Bergesland enthält
Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen
Als das, wo ich sie ließ in jener Welt.
O süßer Bruder, soll ich dirs vertrauen?
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen,
Wo man den frechen Fraun, die ungescheut
Den Busen mit den Brüsten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut.
Wann mußten Fraun von Türken und Barbaren,
Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren?
Doch könnten nur die Unverschämten sehn,
Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn.
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,
Eh auf des Wange, der jetzt eingelullt
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet.
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.
Sieh alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld."
Und ich versetzt ihm: "Willst du des gedenken,
Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken.
Vor kurzem hat von dort er, der vor mir
Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder dieser hier."
--Die Sonne zeigt ich--"Mir zum Heil und Frommen
Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen.
Er hat im Kreislauf mich emporgebracht
Zu diesem Berg, wo die sich grad erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht.
Er wird mir sein Geleit so lange geben,
Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn ihn dann muß ich weiter aufwärts streben.
Es ist Virgil"--hier zeigt ich nach ihm hin--
"Sieh auch den andern und erkenne diesen
Als den, ob des der Berg gebebt vorhin,
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."
Vierundzwanzigster Gesang
Nicht hemmt uns Gehn im Reden, Red im Gehn;
Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Wehn.
Und die, wies schien, zweimal gestorbnen Schatten,
Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.
"Wohl eilger", sprach ich weiter, "würd er sein,
Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen,
War er nicht aufgehalten von uns zwein.
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?"
"Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,
Trägt dort, wo wir das ewge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut."
Sprachs, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Würd einer sonst den andern nimmer kennen.
Sieh dort"--er sprachs, den Finger hingekehrt--
"Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten,
Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert,
Des Arme dort die heilge Kirch umfaßten.
Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus
Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten."
Noch wählt er manchen von der Schar heraus
Und nannt ihn mir, was jeden sehr erfreute,
Und keiner sah drum trüb und finster aus.
Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin,
Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute;
Sah den Marchese, den, trotz allem Ziehn
Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte,
Und dem der Mund beständig trocken schien.
Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte
Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.
Er murmelt in sich, und von seinem Mund,
An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen,
Ward etwas wie das Wort Gentucca kund.
Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
So lüstern scheinst, sprich so, daß mans versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen."
Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmäht.
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen.
Doch sprich, erblick ich den in meinem Leid,
Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Fraun, die ihr der Liebe kundig seid."
Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch ich sinnend;
Was sie mir immer vorspricht, nehm ich wahr
Und schreib es nach, nichts aus mir selbst ersinnend."
"Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh ich klar,
Die von dem neuen süßen Stil gehalten
Mich diesseits hat, Guitton und den Notar.
Ich seh, ihr lasset nur die Liebe walten,
Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber ließen sie nicht also schalten.
Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,
Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.
Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,
Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf
Und schneller dann in Streifen weiterfliehen;
So machten alle dort sich wieder auf,
Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.
Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben,
So war es mit Forese jetzt geschehn;
Er, hinter mir, ließ ziehn die heilge Herde
Und sprach: "Wann werd ich wohl dich wiedersehn?"
"Nicht weiß ich es. Doch glaub ich, daß der Erde",
Versetzt ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde.
Denn seh ich dort den Ort, der mich erzeugt,
Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen
Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!"
Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen
Seh ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu und Tränen nie erlösen.
Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
Und endlich läßts den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.
Nicht lange werden diese Kreise rollen"
--Zum Himmel blickt er auf--"und klar wird dir,
Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen.
Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zuviel von ihr."
Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,
Hervorsprengt aus der Reih, in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,
So trennt er sich von uns mit größerm Schritt,
Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiterschritt.
Schon war er vor uns an so fernem Orte,
Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
Wie die Erinnrung folgte seinem Worte;
Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum.
Und Leute, die hinauf die Hände streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,
Die bitten, während der Gebetne schweigt,
Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhält und es frei und offen zeigt.
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;
Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Tränen.
"Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nahn!
Der Baum, der Even reizt, ist weiter oben.
Von ihm hat dieser seinen Keim empfahn."
So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,
Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.
"An die verfluchten Wolkensöhne denkt,"
Sprachs, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten
Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt.
An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,
Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten."
So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
Und hörten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.
Dann aber gings mit freierer Bewegung
Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
Und jeder schwieg in sinniger Erwägung.
"Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?"
Riefs plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort.
Mein Haupt kehrt ich dorthin, woher zu stammen
Die Rede schien, und sah in rotem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen,
Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen,
Und im Genuß des ewgen Friedens sein."
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
Drum wandt ich mich zu meinen Führern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.
Und wie des Morgenrots Verkünderin,
Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte,
Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin,
So fühlt ich an der Stirn ein Wehn, so fühlte
Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte.
Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
Die ihr die Gnad empfingt, daß unverdüstert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,
Indem euch nur, wies ziemt, nach Speise lüstert."
Fünfundzwanzigster Gesang
Die Stund erheischte rasches Steigen schon,
Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion.
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Not zu größter Eil bewogen,
So drangen wir ins höhere Gebiet
Durch eine Stiege, die uns so beschränkte,
Daß uns die Enge voneinander schied.
Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,
Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte,
So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut
Der Fragelust, das Antlitz also zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut.
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
"Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend."
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?"
Drauf er: "Gedächtest du an Meleager,
Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager.
Und dächtest du, wie gleich an Mien und Art
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.
Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern."
"Entwickl ich ihm das göttliche Gericht,"
Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig,
So seis verziehn--du willst, drum weigr ich nicht."
Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
Für meine Rede, Sohn--dann sei des Wie?
Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig.
Das reinste Blut, das von den Adern nie
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die über den Bedarf Natur verlieh,
Empfängt im Herzen wunderbarerweise
Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wos zu anderm Blute
In ein natürlich Becken überwallt.
Daß beides zum Gebild zusammenflute,
Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.
Drin angelangt, beginnts sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.
Die Seel entsteht aus tätger Kräfte Streben,
Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.
Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die tätge Kraft, was sie gesät.
Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten.
Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
Noch siehst dus nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du geirrt.
Er war der Meinung, von der Seele wäre
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Äußerung der letztern uns erkläre.
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn,
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke,
Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt,
Und mit ihm sich vereint zu einer Seele,
Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist.
Und, daß dirs nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte.
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle
Des Menschlichen und Göttlichen Verein;
Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille,
Doch schärfer als vorher in Macht und Tat,
Erinnerung, Verstandeskraft und Wille.
Und ohne Säumen fällt sie am Gestad,
An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.
Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder.
Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer;
So jetzt die Lüfte, so die Seel umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt,
Sobald die Seel an jenen Strand gezogen.
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt.
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen.
Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zähren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.
Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
Dies mag dir, was du angestaunt, erklären."
Und schon als ich zur letzten Marter kam,
Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.
Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,
Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand
Windstöße, die zurück die Flammen stießen.
Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,
Und ängstlich hört ich hier die Flamme schwirren,
Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand.
Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren
Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ists hier, mit einem Tritt zu irren."
Gott höchster Gnade! hört ichs aus dem Raum,
Den jene große Glut erfüllte, singen
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.
Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
Und ließ den Blick von hier nach dorten springen.
Ich weiß von keinem Mann--dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sies mit leisem Sang,
Und riefen wieder, als sies ausgesungen:
"Diana blieb im Hain und jagt ergrimmt
Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen."
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
Dann riefen sie von keuschen Fraun und Gatten,
Die lebten, wies zu Eh und Tugend stimmt.
Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
Wies scheint, solang die Flamme sie umfließt,
Bis solche Pfleg und Arzenei den Schatten
Zuletzt die Wund auf ewig wieder schließt.
Sechsundzwanzigster Gesang
Indem wir, einer so dem andern nach,
Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
"Gib acht und nütze, was ich warnend sprach."
Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite.
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
Hochrot zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen
Der Schatten viel im Gehen nach mir her.
Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,
Daß über mich sich ein Gespräch erhob:
" Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen."
Soviel sie konnten, richteten sie drob
Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob.
"Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwein,
Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend
Und sprich, uns allen Labung zu verleihn;
Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durstger nach dem Quell kein Libyer sein.
Wie machst dus doch, die Strahlen aufzufangen,
Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen."
So rief der ein in seiner Flammennot,
Und eben wollt ich alles ihm verkünden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot.
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,
Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen.
Und die und jene machten schnell sich auf
Und küßten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf.
So sieht man im Gewühl der braunen Scharen
Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nahn,
Vielleicht: Wies geht? Wes Weges? zu erfahren,
Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan,
Hob, eh sie weiterzog, nach kurzer Weile
Die Schar wetteifernd laut zu schreien an.
"Sodom! Gomorra!" klangs von diesem Teile;
Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
Und also lockt an sich den Stier die Geile."
Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh
Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu,
So ziehn die hier-, die dortenhin im Kreise
Und singen dann ihr Lied mit Reu und Gram
Und schrein von ihrer Schuld nach alter Weise.
Doch jener, der vorhin mir näher kam
Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält,
Seis, wann es sei, zum Frieden einzugehen,
Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt
Den Leib zurück und hob auf diesen Wegen
Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt.
Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
Und geh--ein Himmelsweib erfleht es mir--
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.
Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr
So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
Dem lieberfüllten räumigen Revier;
So sprecht, ich wills zu aller Kunde bringen:
Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?"
So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt,
Dem beim Umherschaun selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,
Wie sie--ihr Ansehn könnt es nicht verhehlen--
Allein sobald ihr trübes Staunen schwand,
Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen,
"Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land,"
Sprach er, den ich aus frührer Frage kannte,
"Des Geist zur Besserung Erfahrung fand!
Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte,
Ob des man Cäsarn, so, daß ers gehört,
Einst beim Triumphe Königin benannte,
Drum schrien sie: Sodom!--was sie einst betört,
Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
So wird der Brand durch Scham noch aufgestört.
Im Zwittertriebe waren wir entglommen,
Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
Von tierischen Gelüsten eingenommen.
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.
Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
Doch unsre Namen kundzutun verbeut
Die Zeit; auch wüßt ich alle nicht zu nennen.
Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut.
Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen,
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut."--
Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,
Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt ich tun, doch mußt ich mehr mich fassen,
Als meines Vaters Name mir erklang,
Des Vaters manches, der vom süßen Minnen
Besser als ich in holden Weisen sang.
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
Und sagte nichts und hörte keinen Laut,
Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen.
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der andre traut.
Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.
Doch meinst dus wirklich denn mit mir so gut,
So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?"
Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder,
Die teuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder."
"Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
Zeigt er mit seinem Finger hin auf einen,
"Der Sprache bessrer Schmied war jener dort,
Der in Romanz und Liebesliedern keinen
Unüberwunden ließ; und Toren sind,
Die ihn von Giraut übertroffen meinen.
Nicht nach der Wahrheit--nach des Rufes Wind
Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind.
So machtens mit Guitton viel alte Richter,
Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn,
Daß dirs erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn,
So bet ein Paternoster doch dort oben
Bei ihm für mich, soweits in dieser Welt
Noch not für uns, die wir der Sünd enthoben."
Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.
Und dem Gewiesnen naht ich mich und flehte
Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte.
Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
"Die edle Frage weißt du zu verschönen,
Daß ich mich bergen weder will noch kann.
Ich bin Arnald und geh in Schmerz und Stöhnen,
Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen.
Jetzt bitt ich dich, hast du die Herrlichkeit
Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
Dann denke meines Leids zur rechten Zeit."
Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.
Siebenundzwanzigster Gesang
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage.
Und Mittagshitz erwärmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt in heitrer Glut.
Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
"Beglückt, die reines Herzens sind!"--und mehr
Als menschlich war sein Ton, der mächtge, frohe.
Drauf: "Weiter nicht, ihr Heilgen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!"
Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört ich mich zum schwersten Tod verdammen.
Ich sank auf die gefaltnen Hände vor,
Ins Feuer schauend--wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor.
Die Führer nahten sich, mir beizustehen,
Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.
Gedenk, gedenke--konnt ich früher schon
Dich sicher auf Geryons Rücken führen
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron?
War auch die Glut noch loher anzuschüren,
Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren.
Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin.
Leg ab, mein Sohn, leg ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!"
Doch säumt ich, wider besseres Vertrauen.
Er, sehend, daß ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!"
Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Das: Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blutges Rot die Maulbeer übergossen;
So kehrt ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Führer mich, sobald der Nam erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.
Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.
Drauf trat er vor mir in die Flamm und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.
Ich folgt und hätt, um Kühlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war
Im höchsten Übermaß die Flamm entglommen.
Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh im Geist ihr Augenpaar!"
Wir hörten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm entgingen.
"Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschaun mir das Auge brach.
"Die Sonne geht, der Abend kommt"--so klangen
Die Töne fort--"nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen."
Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten.
Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermeßnen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing,
Da mußt auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.
Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam,
Wenn nun im Mittagsbrand die Luft entglühten,
Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten;
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu, entlang der Hürde wacht;
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.
Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar.
Indes ich staunt in unermeßne Ferne,
Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.
Zur Stunde, glaub ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,
Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte.
"Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt.
Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn,
Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen.
Und freut sie sich der schönen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend,
Denn schaun befriedigt sie, und mich das Tun."
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend,
Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.
"Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!"
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.
Hinauf! Mich triebs und triebs, hinauf zu schreiten!
So fühlt ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten.
Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.
"Des zeitlichen und ewgen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.
Durch Geist und Kunst geleitet ich dich her;
Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;
Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer.
Sieh dort die Sonn auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken.
Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruh oder wandle hier auf heiterm Pfad.
Nicht harre fürder meiner Wink und Lehren,
Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär es, deiner Willkür wehren,
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.
Achtundzwanzigster Gesang
Begierig schon, zu spähn umher und innen
Im göttlichen, lebendgen, dichten Wald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,
Verließ ich das Gestad nun alsobald,
Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.
Von einem Lüftchen, einem sanften, steten,
Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind umwehten.
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt.
Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen,
Daß es die Vöglein hindert, im Gesang
Aus grünen Höhn all ihre Kunst zu zeigen.
Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang,
Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang,
So klingts, wenn Zweig um Zweige sich bewegen
Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
Sobald sich des Schirokko Schwingen regen.
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,
Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen.
Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht mans dem, wo nichts sich bergen mag,
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.
Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain
Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache grüne Main.
Und mir erschien--so stellt dem Blick zuzeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem andern abzuleiten--
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt um Blüte,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.
"O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte,
Wies pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst,
Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte,
O käme Lust dir, daß du näher gingst,"
Ich sprachs zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
"Daß ich verstehen könne, was du singst.
Dich seh ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend."
Und wie die Tänzerin, die kaum empor
Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor;
So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend,
5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,
Indem ich, wie sie näher hergezogen,
Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand.
Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
Den grünen Rasen am Gestad besprühn,
Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen.
Nicht mocht, als Amor, übermäßig kühn,
Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glühn.
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
Und pflückte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Höhe brachte.
Das Bächlein trennt uns um drei Schritte kaum,
Doch Hellespont, den Xexes überschritten,
Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum,
Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,
Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten.
"Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,
Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich--
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen,
Drum frage nur, und ich befriedge dich."
"Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen,
Sie müssen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen."
Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
Und was gehört, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.
Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,
Den Menschen schufs zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand für ewgen Frieden,
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,
Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden,
Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ.
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
Die Dünste, die der Hitze nach, so weit
Es möglich ist, emporgezogen werden,
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit.
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise
Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend.
Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft,
Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft.
Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben,
Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbarn Samen doch bekleiben.
Und wissen sollst du, daß im heilgen Feld,
In dem du bist, die Samen alle sprießen,
Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt.
Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,
Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen.
Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest,
Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten,
Die Wille Gottes neu ersetzen läßt.
Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten
Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten,
Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt
Dir Eunoe--allein nur jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt.
Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen;
Und wäre schon genügend, was ich sprach,
Vermöcht ich auch nichts weiter zuzusetzen,
Doch bring ich gern noch einen Zusatz nach,
Und deinen Dank vermein ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfüll, als ich versprach.
Den alten Dichtern, glaub ich, wenn von ihnen
Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.
Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,
Hier jede Frucht in ewgem Frühlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit."
Und als sie noch mir solches kundgegeben,
Kehrt ich mich um, und sah ein Lächeln hier,
Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben,
Dann aber wandt ich wieder mich zu ihr.
Neunundzwanzigster Gesang
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,
ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen:
"Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward."
Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen;
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenüber fort.
Kaum hundert waren mein und ihrer Tritte,
Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte.
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden:
"Mein Bruder, halt itzt Ohr und Auge wach!"
Sie sprachs, und gleich durchlief von allen Enden
Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain;
Ich glaubt, es möge mich ein Blitzstrahl blenden,
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht ich still bei mir: Was mag das sein?
Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte,
Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte.
Wo Erd und Himmel nicht sich widersetzt,
Da fühlt ein Weib sich, kaum der Ripp entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug umzog, verletzt.
O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen,
Hätt ich die überschwänglich große Lust,
Wohl früher schon und länger dann genossen.
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,
In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach größern Freuden in der Brust,
Da glüht, als war ein Feuer aufgegangen,
Die Luft im Laubgewölb--es scholl ein Ton,
Und deutlich hört ich bald, daß Stimmen sangen.
Hochheilge Jungfraun, wenn ich öfter schon
Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen,
Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr ich Lohn.
Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen.
Ich glaubte sieben Bäume weiterhin
Von Gold zu schaun, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn.
Denn als ich nun so nahe hingezogen,
Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört,
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,
Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,
Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen,
Und deutlich ward Hosiannasang gehört.
Und oben sah ich das Geräte brennen,
Und heller ward die Flamm als Lunas Licht
In Monats Mitt um Mitternacht zu nennen.
Zum Führer wandt ich staunend mein Gesicht,
Doch nichts vermocht er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.
Da blickt ich wieder nach den hohen Dingen,
Die langsamer als eine junge Braut,
Sich stillbewegend, mir entgegengingen.
"Was bist du doch", so schalt die Schöne laut,
"Für die lebendgen Lichter so entglommen,
Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?"
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand,
Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.
Das Wasser glänzte mir zur linken Hand,
Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe,
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