Und siehst die ein in dem Gewande heut,
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren."
Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,
So daß er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den stärksten Selbst, der sich dem Blicke beut;
So ward ich von lebendgem Licht umfunkelt,
Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut,
Denn alles außer ihm war mir verdunkelt.
"Die Lieb, in welcher dieser Himmel ruht
Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen
Und macht die Kerz empfänglich ihrer Glut."
Wie mir die kurzen Wort ins Innre drangen,
Da fühlt ich, daß sich Geist mir und Gemüt
Weit über die gewohnten Kräfte schwangen.
Und neue Sehkraft war in mir entglüht,
So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich auftat, das am reinsten blüht.
Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen
Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn,
Und einen Wunderlenz sie beide malen
Und aus dem Strom lebendge Funken sprühn;
Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.
Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,
Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.
"Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn,
Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein.
Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,
Eh solch ein Durst in dir sich stillen kann."
So sprach die Sonn, aus der ich Licht gesogen.
"Der Fluß und diese Funken", sprach sie dann,
"Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,
Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen."
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,
Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenns über die Gewohnheit spät erwacht,
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,
Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren.
Und wie der Rand der Augenlider sog
Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.
Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden,
Verändert erst, wenn sie ausziehn das Kleid,
Worin sie unter fremdem Schein verschwunden;
Verwandelten zu größrer Herrlichkeit
Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute
Die Himmelsscharen beide dort gereiht.
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute
Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.
Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,
Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre,
Dem nur in seinem Schaun der Friede tacht.
Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphäre
Und schließt so viel in seinem Umkreis ein,
Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre.
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,
Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn.
Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,
Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn
Im blütenreichen, grünenden Gewande;
Also sich spiegelnd, sah ich in den Höhn
In tausend Stufen die das Licht umringen,
Die von der Erd in jene Heimat gehn.
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite muß der letzte Kranz
Der Blätter dieser Himmelsrose dringen?
Mein Aug ermaß die Weit und Höhe ganz
Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Was und Wie von diesem Wonneglanz.
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,
Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt fürder kein Naturgesetz ins Leben.
Ins Gelb der Rose, die sich immerdar
Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,
Beatrix mich und sprach: "Sieh hier verschönt
In weißem Kleid, die dorten wohl geendet.
Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt,
Sieh, so gefüllt die Bänk in unserm Saale,
Daß man jetzt hier nach wenigen sich sehnt.
Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle
Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst,
Dort, eh du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,
Des Cäsars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh es sich dazu geneigt beweist.
Die blinde Gier ists, die mit Zauberwalten
Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.
Dem göttlichen Gerichtshof aber steht
Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.
Doch stürzt des Himmels Räch ihn ohne Säumen
Vom Heilgen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus stöhnt in dunkeln Räumen,
Drob tiefer noch der von Alagna fällt."
Einunddreißigster Gesang
So sah ich denn, geformt als weiße Rose,
Die heilge Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoße.
Allein die andre, welche, fliegend, schaut
Und singt des Ruhm, der sie in Lieb entzündet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,
Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet
Der Blüten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo würzger Honigseim sein Tun verkündet,
Sich in die Blum, im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb all-ewig weilt;
Lebendger Flamm, ihr Antlitz zu vergleichen,
Die Flügel Gold, das andre weiß und rein,
So daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.
Und in die Rose zog von Reihn zu Reihn
Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein.
Und, ob sie zwischen Blum und Höhe flogen,
Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Höchsten Blick und Glanz der Ros entzogen.
Denn so durchdringend ist das höchste Licht,
Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Daß nichts im Weltenall es unterbricht.
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,
Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,
Hielt Lieb und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,
Dort, wo man dich schaut, selgen Frieden hegend,
Schau her auf uns, die wilder Sturm umbaut.--
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,
Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,
Zu jenen Zeiten, als der Lateran
Die Welt beherrscht, von Staunen überwunden,
Rom und der Römer große Werke sahn;
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Von Florenz zu Gerechten und Gesunden,
Wie mußt ich staunen solcher Herrlichkeit?
Lust fühlt ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören,
Geteilt in Staunen und in Freudigkeit.
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren
Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst andre zu belehren;
So war ich, zum lebendgen Licht versetzt,
Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,
In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,
Gebärden, sich mit jeder Tugend zierend.
Im allgemeinen könnt ich schon ersehn,
Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn;
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,
So kehrt ich, um zu fragen, mich nach ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte.
Sie fragt ich, und ein andrer sprach zu mir.
Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Selgen Zier.
Auf Aug und Wang ergoß sich gleicherweise
So Gut als Freude--fromm war Art und Tun,
Wies Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise.
"Und wo ist sie?" so sprach ich eilig nun.
Drum er: "Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genugzutun.
Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet
Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schaun,
Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet."
Ohn Antwort hob ich rasch die Augenbraun--
Sah sie--sah ewge Strahlen ihr entwallen
Im Widerschein und ihr die Krone baun.
Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hauen,
War nimmer noch ein Menschenblick so weit,
Und war er auch ins tiefste Meer gefallen,
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit,
Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.
"O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,
Du, ders zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hölle zu begeben,
Dir dank ich alles, was ich dort geschaut,
Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest,
Und deine Gnad und Tugend preis ich laut.
Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest,
Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,
Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt,
Damit sich dir die Seele dort geselle,
Die Seele, die gesund durch dich nur ward."
So fleht ich heiß--und sie, von ferner Stelle,
Sie lächelte, wies schien, und sah mich an,
Dann schaute sie zurück zur ewgen Quelle.
"Damit du ganz vollendest deine Bahn,"
Begann der Greis, "auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heilgen Lieb empfahn,
Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,
Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn,
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.
Und sie, die mich entflammt, die Königin
Des Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin."
Wie der, der von Kroatien hergekommen,
Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht
Satt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen,
Und, wenn mans zeigt, zu sich im Innern spricht:
Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
War wirklich so geformt dein Angesicht?
So ich, als mir der Anblick ward beschieden
Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.
Er sprach: "Was Schönes dieses Reich enthält,
Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält.
Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,
Bis daß er sich zur Königin erhöht,
Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen."
Aufschaut ich, und, wie, wenn die Früh ersteht,
Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Taten
Die Berg ersteigen, sah ich einen Ort
Im höchsten Rand all andres überstrahlen.
Und als ob früh der Ost, da, wo sofort
Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;
So sah ich jene Friedens-Oriflamme
Inmitten mehr erglühn, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.
Ich sah viel tausend Engel, dort geschart,
Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden jeglichen an Glanz und Art.
Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder
Und bei dem Spiel und strahlt in Seligkeit
Aus aller andern Selgen Augen wieder.
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,
Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit.
Bernhard, bemerkend, daß mit heilgem Triebe
An seiner glühnden Glut mein Auge hing,
Erhob auch seins zu ihr mit solcher Liebe,
Daß meins zum Schauen neue Glut empfing.
Zweiunddreißigster Gesang
Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte,
Tat er mit heilgem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:
"Sie zu Mariens Fuß, die euch gesund
Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen,
Die Schönste, die euch krank gemacht und wund.
Im Range, den die dritten Sitze bauen,
Wirst du sodann die Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.
Sara, Rebekka, Judith zeigen dir
Sich mit des Ahnfrau, der im Bußgesange
Voll Reu ausrief: Herr, schenk Erbarmen mir!
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,
Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh,
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.
Hebräerfraun, vom siebten Kreis ab, wie
Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zuteile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,
Weil sie, wie gläubig sich der Blick zum Heile,
Das Christus gab, gewandt, als Mauer stehn,
Daß sich durch sie die heilge Stiege teile.
Hier, wo die Blume reich und voll und schön
Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten,
Die gläubig auf den künftgen Christ gesehn.
Dort, wo noch leerer Raum für viel Gefährten
Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.
Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit
Und unter ihr die ändern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;
So dort der Stuhl des Täufers, der erfahren,
Der immer Heilge, Wüst und Märtyrpein
Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren.
Franz, Benedikt und Augustin--sie reihn
Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,
Mit andern unterhalb von Reihn zu Reihn.
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,
Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts sieht,
Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen.
Und von der Stieg abwärts, die dies Gebiet
In zwei geschieden, sitzen solche Seelen,
Die eigenes Verdienst nicht herbeschied,
Nein, fremdes--nur darf der Beding nicht fehlen--
Denn hier sind alle, die dem Leib entflohn,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen.
Dies merkst du an den Angesichtern schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton.
Noch seh ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,
Doch lösen werd ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Grübelein umschlingen.
Aus unsers ewgen Königs weitem Land
Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt.
Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten
Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring
Zum Finger paßt, so unter sich verhalten.
Daher auch, wer dem Truge früh entging
Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.
Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,
In solcher Lieb und solcher Wonne ruht,
Daß keiner ist, des Wille höher stünde,
Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben;
Und gnüge hier, was kund die Wirkung tut.
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben
Die Heilge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben.
Und also krönt der Gnade Schein ihr Haar,
Und also scheint das höchste Licht in ihnen
Nach ihrem Werte mehr und minder klar.
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,
Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen.
So gnügt es in der Jugendzeit der Welt
Unschuldgen, um zum Heile zu gelangen,
Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.
Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,
Was männlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.
Doch, als gekommen war der Gnade Zeit,
Blieb ohne die vollkommne Taufe Christi
Die Unschuld in der ewgen Dunkelheit.
Jetzt schau ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht, und deine Kraft erhohn
Wird seine Klarheit zu dem Anschaun Christi."
Lust strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön,
Die er zu ihr durch jene Heilgen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Höhn,
Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,
Mich also mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,
Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie--Sei begrüßt, Maria! sang.
Und alsogleich antworteten die Lieder
Der Selgen Geister diesem Himmelslied,--
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider.
"O Heilger, du, den Lieb herniederzieht,
Der du für mich dem süßen Ort entronnen,
Wo ewge Vorsicht dir den Sitz beschied;
Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen
Im Blick Marias mit dem seinen ruht
Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?"
So wandt ich mich zu ihm mit heiterm Mut
Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut.
Und er: "Was Seel und Engel haben können
Von Zuversicht und Schönheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wirs ihm alle gönnen,
Weil er zu ihr einst mit der Palme kam,
Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken,
Nach seinem heilgen Willen übernahm.
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.
Die zwei dort, an der höchsten Wonne reich,
Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.
Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten,
Des kühner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten.
Sieh rechts der heilgen Kirche Vater dort,
Dem dieser Blume Schlüssel übergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort.
Und jener, welcher noch im Erdenleben
Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt,
Die Wundenmal erwarben, sitzt daneben.
Neben dem andern sitzt, in Ruh beglückt,
Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tück und Wankelmuts erquickt
Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna
Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.
Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,
Drum tun wir, wie der gute Schneider tut,
Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet.
Die Augen richten wir aufs höchste Gut
Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als möglich in die reine Glut.
Gewiß, und nicht vielleicht, muß rückwärts gehen,
Wer vorwärts hier die kühnen Flügel schwingt,
Denn Gnad erlangt man hier allein durch Flehen;
Gnade von jener, die dir Hilfe bringt,
Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu ihr empor mit meinem Worte dringt."
Und also betet er mit brünstgem Triebe:
Dreiunddreißigster Gesang
"O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,
Demütger, höher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehn vom Herrn des ewgen Throns,
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
Daß, ders erschaffen hat, das höchste Gut,
Um sein Geschöpf zu sein, dich auserlesen.
In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,
An der die Blume hier äu ewgen Wonnen
Entsprossen ist, in ewgem Frieden ruht.
Die Lieb entflammst du, gleich der Mittagssonnen,
In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.
Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,
Daß Gnade Suchen und zu dir nicht flehen,
Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht.
Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen,
Der zu dir fleht, ja öfters pflegt von dir
Die Gabe frei dem Flehn vorauszugehen.
In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir,
In dir der Gaben Fülle--ja, verbunden.
Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir.
Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein,
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,
Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleihn,
Daß er die Augen höher heben könne,
Und seinen Blick fürs höchste Heil zu weihn.
Und ich, der ich mehr für sein Schauen brenne,
Als für mein eignes je, wie dir bewußt,
Ich fleh, und das, was ich gefleht, vergönne!
Nimm ihm der Erde Nacht von Aug und Brust
Und flehe du für ihn, daß sich entfalten
Vor seinen Augen mag die höchste Lust.
Noch bitt ich, Königin, dich, die du walten
Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn,
Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.
Laß ihn der irdschen Regung widerstehn;
Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte
Mit mir zugleich, die Hände faltend, flehn!"
Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte
Sie fest dem Redner zu und zeigte drin,
Ihr sei das fromme Flehn von hohem Werte.
Dann blickten sie zum ewgen Lichte hin;
Und einen Blick so klar dorthin zu senden
Wie sie, vermag nicht des Geschöpfes Sinn.
Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden,
Mich nähernd, fühlt in meinem Innern ich
So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden.
Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich
Mein Auge nun empor zum Höchsten richte;
Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.
Denn stets wards klarer mir vorm Angesichte,
Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte.
Und tiefer, größer war mein Schaun fortan,
Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.
Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,
Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt,
Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden;
So bin ich, dem beinah sein Traumgebild
Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.
So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren
Die Sonn erwärmend steigt; so war beim Wind
In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren.--
O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,
So weit zurückläßt, leih itzt meiner Seele
Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.
Mach itzt, daß Kraft die Zunge mir beseele,
Damit ein Funke deiner Glorie nur
Der Nachwelt bleib in dem, was ich erzähle.
Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,
Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.
Mich hätte, glaub ich, ganz der Blitz geblendet,
Den ich von dem lebendgen Strahl empfand,
Hätt ich von ihm die Augen abgewendet.
Und ich erinnre mich: mein Mut erstand
Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen,
Bis sich mein Blick der ewgen Kraft verband.
O überreiche Gnad! Ich dürft es wagen,
Fest zu durchschaun des ewgen Lichtes Schein
Und ins Unendliche den Blick zu tragen.
Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein;
Die Dinge, die im Weltall sich entfalten,
Sah ich durch Lieb im innigsten Verein.
Wesen und Zufall, ihre Weis, ihr Walten,
Dies alles war in eines Lichtes Glanz,
In eines unvermischten Lichts, enthalten.
Die Form, die allgemeine, dieses Bands,
Ich sah sie, glaub ich; denn den Schatten gleichen
Die Bilder nur, und Wonne füllt mich ganz.
Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,
Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
Der Argo nach Neptunus fernsten Reichen.
Scharf, unbeweglich schaut in solcher Art
Die Seele nach dem göttlichen Gesichte,
Drob sie stets mehr im Schaun entzündet ward.
Und also wird man dort bei jenem Lichte,
Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt
Von ihm, je anderwärts die Augen richte,
Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,
Ganz in sich faßt und ärmlich und voll Schwächen
All andres zeigt, was man vollkommen fand.
Kurz werd ich nun von dem Geschauten sprechen,
Und sprechend stell ich mich als Kindlein dar,
Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.
Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,
Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte;
Denn jener bleibt so, wie er immer war,
Nur weil im Schaun sich meine Sehkraft mehrte,
Schiens, daß verwandelt jener eine Schein,
Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte.
Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein,
Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen,
Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein.
Wie Iris in der Iris glänzt, so zween
Im Widerschein--der dritte, Glut und Licht,
Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen.
Wie kurz, wie rauh mein Wort für solch Gesicht!
Und dem, was zu erschaun mir ward beschieden,
Genügen wenig schwache Worte nicht.
O ewges Licht, allein in dir in Frieden,
Allein dich kennend und von dir erkannt,
Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,
Als ich zur Kreisform, die in dir entstand,
Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte,
Und sie verfolgend mit den Blicken stand,
Da schiens, gemalt in seiner Mitt erkannte,
Mit eigner Farb, ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.
Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;
So ich beim neuen Schaun--ich wollt ermessen,
Wie sich das Bild zum Kreis verhielt, und wie
Die Züge mit dem Licht zufammenflössen.
Doch dies erflog der eigne Fittich nie,
Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel ersehnt hatt, ihr verlieh.
Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Doch Wunsch und Will, in Kraft aus ewger Ferne,
Ward, wie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,
Durch Liebe, die beweget Sonn und Sterne.
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