Um nicht zum schönen Garten hinzusehen,
Wo unter Christi Strahlen Blumen blühn.
Die Rose siehe dort, in ders geschehen,
Daß Fleisch das Wort ward--sieh die Lilien dort,
Bei deren Duft wir gute Wege gehen."
Beatrix sprachs,--ich aber, ihrem Wort
Gehorsam stets, erneute, mit den matten
Besiegten Augen doch den Kampf sofort.
Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten,
Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,
Indes bedeckt mein Auge war von Schatten;
So sah ich Scharen dort, von Glanz umwallt,
Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte,
Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.
Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte,
Du bargst dich in den Höhn, so daß mein Sinn
Ertragen konnte, was dort strahlend blühte.
Der Name klang der Blumenkönigin,
Zu der ich ruf in allen Erdenleiden,
Und zog mich ganz zum größten Feuer hin.
Kaum malte sich in meinen Augen beiden
Die Größ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz
Siegreich, wie hier einst, so itzt dort umkleiden,
Da kam, gleich einer Kron, ein Feuerkranz
Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen,
Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.
Was auch hienieden klingt von süßen Tönen,
Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,
Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen,
Wenn mans mit jener Leier Ton vergleicht,
Der Leier, den Saphir als Krön umgebend,
Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.
"Ich bin die Engelslieb, im Kreise schwebend,
Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,
Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend.
Und kreisen werd ich, wenn in höhrer Pracht,
Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,
Bei deinem Nahn die höchste Sphäre lacht."
Hier war des Kreises Melodie verklungen.
Maria! tönt es aus dem andern Licht
Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.
Der Königsmantel, der die Stern umflicht,
Entglüht in lebensvollerm Strahlenbrande
In Gottes Hauch und Strahlenangesicht,
War über uns mit seinem innern Rande
So weit entfernt, daß er noch nicht erschien,
Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.
Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn,
Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,
Der Flamme, der bekrönten, nachzuziehn.
Und wie das Kindlein, wenns die Milch genossen,
Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,
Von Liebesglut auch außen übergossen;
So sah ich hier, die Flamm emporgestreckt,
Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben
Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt.
Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,
Als ihr Regina coeli!--mir erscholl
Im Sang, des Lust mir keine Zeit vertrieben.
O wie sind dorten doch die Scheuern voll
Von reicher Frucht, die jeder, der hienieden
Gut ausgesät, in Lust genießen soll.
Dort lebt bei solchem Schatz in selgem Frieden,
Der weinend ihn erlangt in Babylon
Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;
Dort triumphieret unterm hohen Sohn
Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem Alten
Und Neuen Bund, so nah dem ewgen Thron,
Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.
Vierundzwanzigster Gesang
"O auserwählte Tischgenossenschaft
Beim großen Mahl des Lamms, daß solcherweise
Euch speiset, daß euchs voll Gnüge schafft,
Wenn er, durch Gottes Huld sich an der Speise,
Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt,
Eh ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise
So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;
Netzt ihn mit eurem Tau--auch letzt die Quelle,
Der alles, was er sinnt und denkt, entquillt."
Beatrix sprachs--wie um des Poles Stelle
Sich Sphären drehn, so jene Selgen nun,
Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle.
Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder tun--
In voller Eil zu fliegen scheint das letzte,
Das erste scheint, wenn mans beschaut, zu ruhn
Also verschieden in Bewegung setzte
Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies,
Schnell oder trag, ich seinen Reichtum schätzte.
Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries,
Sah ich ein so beseligt Feuer schweben,
Daß es nichts Klareres drin hinterließ.
Um Beatricen Schwang dies heilge Leben
Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht,
Den keine Phantasie kann wiedergeben.
Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,
Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,
Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht.
"O heilge Schwester, die du in so frommen
Gebeten flehst, durch deine Liebesglut
Bin ich aus schönerm Kreis herabgekommen!"
Nachdem das heilge Feur im Tanz geruht,
Wandt es den Hauch zur Herrin mit den Worten,
Die mein Gedicht euch kund hier oben tut.
"O ewges Licht des großen Manns, dem dorten"
--Sie sprachs--"der Herr die Schlüssel ließ, die er
Getragen, zu des Wunderreiches Pforten,
Prüf ihn mit eingen Fragen, leicht und schwer,
Wie dirs gefällt, ob jener Glaub ihm eigen,
Durch welchen du gegangen auf dem Meer.
Ob er gut liebt, gut hofft und glaubt--verschweigen
Kann er dirs nicht, denn dort ist dein Gesicht,
Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen.
Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht
Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen,
Wenn er mit dir zu seinem Preise spricht."
Gleichwie der Bakkalaur, des Meisters Fragen
Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich,
Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen;
So rüstet ich mit jedem Grunde mich,
Indes sie sprach, um schnell und wohlerfahren
Zu reden, wenn der Meister spräche: Sprich!
"Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:
Was ist der Glaub?"--Ich hob die Stirne schnell
Zum Lichte, dem entweht die Worte waren.
Zur Herrin blickt ich dann, die, froh und hell,
Mir Mut verlieh, die Flut hervorzulassen,
Wie sie entströmte meinem innern Quell.
"Hat Gnade", fing ich an, "mich zugelassen
Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort,
So lasse sie mich klar die Antwort fassen.
Die Wahrheit, Vater," also fuhr ich fort,
"Hab ich in deines Bruders Buch getroffen,
Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort.
Glaub ist der Stoff des, was wir fröhlich hoffen,
Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn.
Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen."
"Wohl richtig denkst du," hört ichs jetzo wehn,
"Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde:
Was mocht er bei Beweis und Stoff verstehn?"
Drauf ich: "Die Dinge, die ich hier ergründe,
Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn,
Sind so versteckt dem Blick im Land der Sünde,
Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein,
Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen,
Und deshalb ist er auch ihr Stoff allein.
Auch muß dann, ohn auf anderes zu schauen,
Vom Glauben aus nur folgern der Verstand;
Drum muß man ihm auch als Beweise trauen."
Ich hörte drauf: "Würd alles so erkannt,
Was dort auf Erden die Gelehrten lehren,
So wäre der Sophisten Witz verbannt."
Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören
Und fuhr dann fort: "Fürwahr, ich sehe dich
Die Münz als echt in Schrot und Korn bewähren.
Allein hast du sie auch im Beutel? Sprich!"
Und ich drauf: "Ja, so hell und so gerundet,
Daß beim Gepräg nie Zweifel mich beschlich."
Da sprach es aus dem Licht, dort hellentzündet:
"Wie ward dies teure Kleinod dein, dies Gut,
Auf welches sich jedwede Tugend gründet?"
Und ich: "Des Heilgen Geistes Regenflut,
Die sich so reich aufs Pergament ergossen,
Das kund den Alten Bund und Neuen tut,
Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen
So scharf, daß anderer Beweis und Grund
Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen." .
Ich hörte drauf: "Der Alt und Neue Bund,
Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte.
Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?"
Und ich: "Das, was mir klar die Wahrheit machte,
Die Werke sinds, von der Art, daß Natur
Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte."
Drauf klangs: "Wo aber ist die klare Spur,
Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren,
Das niemand dir bezeugt mit sicherm schämt."--
"Daß ohne Wunder sich zu Christi Lehren
Die Welt bekehrt--dies Wunder schon bezeugt
Die Wahrheit sichrer, als wenns hundert waren.
Denn du betratest arm und tiefgebeugt
Das Feld, den guten Samen dreinzubringen,
Der einst die Reb und jetzt den Dorn erzeugt."
Ich sprachs und hörte durch die Sphären klingen
Der Selgen Lied: Herr Gott, dich loben wir!
In Melodien, wie sie nur jene singen.
Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir
Emporklomm und mich prüfend also führte,
Daß ich erreicht des Gipfels Höhe schier,
Sprach weiter: "Wie dein Herz die Gnade rührte,
Erschloß sie dir den Mund auch wundersam,
Drum öffnet er sich jetzt, wie sichs gebührte;
Drum billigt ich, was ich aus ihm vernahm.
Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,
Und auch woher dir dieser Glaube kam."--
"O Heilger," sprach ich, "der du hier gefunden,
Was du so fest geglaubt, daß du den Fuß
Des Jüngern einst am Grabmal überwunden,
In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß,
Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen,
So auch, warum ich also glauben muß.
So hör: Ich glaub an Gott, den Ewgen, Einen,
Der, unbewegt, des Himmels All bewegt,
Durch Lieb und Trieb zu ihm, dem Ewigreinen.
Und nicht Vernunft nur und Natur erregt
Den Glauben mir und gibt mir die Beweise;
Die Offenbarung auch, so dargelegt
Moses, Propheten, Davids Sangesweise,
Das Evangelium, und was ihr, vom Schein
Des Geists erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise.
Ich glaub an drei Personen, eins in drein,
Dreifach in einem Wesen, einem Leben,
Und Ist und Sind gestattet ihr Verein.
Von dieser Gotteseigenschaft, die eben
Mein Wort berührt, hat meinem innern Sinn
Das Evangelium das Gepräg gegeben,
Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,
Die dann lebendig in mir aufgestiegen,
Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin."
So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen,
pur gute Nachricht in der Freude Drang,
Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen;
Also das Licht, das dreimal mich umschlang,
Als ich geendet, was es mir befohlen,
Mich segnend mit dem himmlischen Gesang--
So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.
Fünfundzwanzigster Gesang
Zwäng einst dies heilge Lied, zu dem die Erde,
Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht,
Durch das auf lang ich blaß und mager werde,
Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,
Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde,
Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht,
Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde
Ich kehren und am Taufquell dort empfahn
Im Lorbeerkranz des Dichters höchste Würde.
Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,
Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden,
Für den mit Petri Licht die Stirn umfahn.
Da naht ein Licht aus der der selgen Herden,
Aus der der Erste derer vorgewallt,
Die Christ als Stellvertreter ließ auf Erden.
Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt
Von neuer Lust: "Sieh ihn, sich zu uns neigend,
Den Herrn, für den man nach Galizien wallt."
Wie wenn die Taub, aus hohen Lüften steigend,
Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist,
Und fröhlich girrt, die heiße Liebe zeigend;
So wars, wie jetzo der und jener Geist
Der hohen Fürsten freudig sich empfingen,
Lobend die Kost, die man dort oben speist.
Dann standen nach dem Freudentanz und Singen
Die beiden Lichter schweigend vor mir dort,
So feurig, daß die Augen mir vergingen.
Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort:
"Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,
Was gut sei, komm allein von diesem Ort,
O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben;
Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor,
Als Jesus sich den dreien kundgegeben."--
"Du, fasse Mut--das Antlitz heb empört
An unserm Strahl muß reisen der Beglückte,
Der von der Erde kommt zum selgen Chor."
Als so das zweite Feuer mich erquickte,
Hob ich die Augen zu den Bergen auf,
Vor deren Last ich erst das Antlitz bückte.
"Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,
Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen,
Führt er zu seinen Grafen dich herauf,
Um, wenn du das Geheimste hier gesehen,
Die Hoffnung, die euch dort im Herzen blüht
In dir und andern heller anzuwehen,
So sage, was sie ist? Ob im Gemüt
Sie dir entkeimt? Woher du sie entnommen?"
Das zweite Feuer sprachs, in Licht entglüht.
Und sie, durch die in mir die Kraft entglommen
Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon
In diesen Worten mir zuvorgekommen:
"Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn
Von stärkrer Hoffnung--also zeigts geschrieben
Die Sonn auf unsres Freudenreiches Thron.
Drum aus Ägypten, nach des Herrn Belieben,
Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt,
Eh ihn des Kampfes Ende vorgeschrieben.
Zwei andre Punkt, um die du ihn befragt,
Nicht um zu wissen, nein, damit er sage,
Wie diese Tugend hier noch dir behagt,
Lass ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,
Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei;
Und helf ihm Gott, daß er sie würdig trage."
Dem Schüler gleich, der seinem Meister frei
Entgegenkommt und freudig und besonnen,
Daß, was er weiß, kund in der Antwort sei,
Sprach ich: "Die Hoffnung ist der künftgen Wonnen
Erwartung und gewisse Zuversicht,
Durch Gnad und früheres Verdienst gewonnen.
Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;
Der höchste Sänger macht es mir entbrennen,
Der im Gesang vom höchsten Horte spricht.
Oh alle die, so deinen Namen nennen,
Hoffen auf dich--so sang der Gottesmann--
Und wer, der glaubt, wie ich, sollt ihn nicht kennen.
Du träufeltest mir feine Tropfen dann
Ins Herz durch deinen Brief, mit solchem Segen,
Daß ich die Flut auf andre gießen kann."
Indem ich sprach, sah ichs im Licht sich regen,
Und, wie ein Blitz, schnell und von Glanz umsprüht,
Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen.
"Die Liebe," weht es, "die mich noch durchglüht
Für jene Tugend, welche mir durchs Grauen
Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm erblüht,
Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen,
Und gern vernehm ich dieses noch von dir:
Auf was heißt deine Hoffnung dich vertrauen?"--
"Die alt und neuen Schriften zeigen mir",
Sprach ich, "das Ziel, das denen Gott bescheidet,
Die er geliebt, und dieses seh ich hier.
Jesajas zeigt vom Doppelkleid bekleidet,
Sie all in ihrem Land--und dieses Land,
Das süße Leben ists, das hier euch weidet.
In denen, so, die Palmen in der Hand,
In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen,
Machts klarer noch dein Bruder mir bekannt."--
Als ich geendet, tönt es aus den Höhen:
Ihr Hoffen sei auf dich!--und aus dem Tanz
Der Selgen hört ich die Erwidrung wehen.
Dann zwischen beiden drin entglüht ein Glanz,
So hell, daß, wär dem Krebs ein solcher eigen,
Es würd ein Wintermond zum Tage ganz.
Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen
Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht,
Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen;
So schwebte zu den zwein das neue Licht,
Die ich so eilig in lebendgem Kreise
Sich schwingen sah, wies heißer Lieb entspricht.
Einstimmt es zu dem Lied und zu der Weise;
Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an,
Stillschweigend, unbewegt bei solchem Preise.
"Er ruht am Busen unsers Pelikan;
Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen,
Als er den Martertod am Kreuz empfahn."
Sie sprachs; ihr Blick war, wie er erst gewesen;
Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin
Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen.
Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,
Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet
Und, um zu sehn, verliert des Auges Sinn;
So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.
Da klang es: "Was nicht ist an diesem Ort,
Was suchst dus hier und stehst drum hier geblendet?
Mein Leib ist jetzt noch Erd auf Erden dort,
Und bleibts mit andern, bis die selgen Scharen
Die Zahl erreicht, gesetzt vom ewgen Wort.
Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,
Bekleidet mit dem doppelten Gewand:
Und dieses laß einst deine Welt erfahren."
Als dieses Wort gesprochen war, da stand
Der Kreis der Flammen still, samt dem Gesange,
Zu welchem sich dreifaches Wehn verband,
Gleichwie nach Mühn und schwerem Wogendrange,
Die Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleich
Allsämtlich ruhn bei einer Pfeife Klange,
Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,
Als ich mich nun zu Beatricen kehrte,
Und, zwar ihr nah und im beglückten Reich,
Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.
Sechsundzwanzigster Gesang
Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,
Hört ich ein Wehn aus jener Flamme kommen,
Die mirs verlöscht, und horcht ihm aufmerksam.
Es sagte: "Bis das Licht, das dir verglommen
In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt,
Wird sprechen zum Ersatz des Schauens frommen.
Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?
Und möge deinen Mut der Trost erheben:
Dein Aug ist nur verwirrt und nicht zerstört.
Denn sie, die dich geführt ins höhre Leben,
Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand
Des Ananias unser Herr gegeben."--
"Sie helfe dann, wann sies für gut erkannt,"
Sprach ich, "den Augen, die ihr Pforten waren,
Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt.
Das Gut, das froh macht dieses Reiches Scharen,
Das A und O der Schriften ists, die hier
Mir Lieb andeuten, dort sie offenbaren."
Dieselbe Stimm erklang--wie sich an ihr
Mein Mut, als ich mich blind fand, aufgerichtet,
Gebot sie jetzo weitres Sprechen mir.
"Durch engres Sieb sei, was du meinst, gesichtet,
Und klarer sei von dir noch dargelegt,
Was dein Geschoß auf solches Ziel gerichtet?"--
"Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,"
Versetzt ich, "und durch Himmelsoffenbarung
Ward solche Liebe mir ins Herz geprägt.
Je mehr ein Gut, soweit es die Erfahrung
Uns kennen lehrt, der Güt in sich enthält,
Je stärker gibts der Liebesflamme Nahrung.
Das Wesen drum. So gut, daß, was der Welt
Sich außer ihm noch als ein Gut verkündet,
Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfällt,
Dies ist es, das die höchste Lieb entzündet.
Und wohl erkennt es liebend jeder Geist,
Der jene Wahrheit kennt, die dies begründet;
Und jener ists, ders der Vernunft beweist,
Der die für alle Göttlichen entglühte
Erhabne Liebesbrunst die erste heißt.
Er selbst erweckte sie mir im Gemüte,
Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort:
Dein Angesicht schau alle meine Güte.
Du prägst sie ein, dein hohes Heroldswort
Beginnend vom Geheimnis dieser Sphären.
Lauter als andres tönts auf Erden fort:"
Da sprachs: "Nach menschlichen Verstandes Lehren
Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand,
Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren.
Doch fühlst du nicht noch manches andre Band
Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen,
Mit welchem diese Liebe dich umwand."
Nicht war der heilge Wille zu verkennen
Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin
Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen.
Und wieder sprach ich: "Was nur Herz und Sinn
Hinlenkt zu Gott, erzeugt hats im Vereine
Die Lieb, in welcher ich entzündet bin.
Denn durch des Weltalls Dasein und das meine
Und durch den Tod des, der mich leben macht,
Durch das, was hofft die gläubige Gemeine,
Und die Erkenntnis, deren ich gedacht,
Bin ich dem Meer der falschen Lieb entgangen
Und an der echten Liebe Strand gebracht.
Die Blätter, die im ganzen Garten prangen
Des ewgen Gärtners, lieb ich auch, je mehr
Des Guten sie aus seiner Hand empfangen."
Ich schwieg--und durch die Himmel, süß und hehr,
Hört ich der Herrin sang und aller klingen,
Erschallend: Heilig, heilig, heilig er!--
Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen
Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt,
Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen,
Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt,
Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken,
Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt;
So war die Decke meinem Aug entsunken
Vor Beatricens Strahlenangesicht,
Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken.
Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,
Und fragte staunend noch und kaum besonnen,
Nach einem vierten uns gesellten Licht.
"Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen",
Sprach sie, "zum Schöpfer hin der erste Geist,
Des Dasein durch die erste Kraft begonnen."
Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt,
Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen,
Sich wieder hebt, wie innre Kraft ihn heißt;
So tat jetzt ich, der, als sie sprach, befangen,
Erstaunt, gebückt, jetzt in die Höhe fuhr,
Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen.
Ich sprach: "O Frucht, die als die einzge nur
Schon reif entstand, o alter Vater, sage
Du dem, was Weib heißt, Tochter ist und Schnur,
Sag an, was ich dich fromm zu bitten wage.
Du siehst ja, welch ein Sehnen mich bewegt,
Und schneller hör ich, wenn ich dich nicht frage."
Wie ein bedecktes Tier sich rückt und regt
Und so die Neigung zeigt, dem nachzurennen,
Der um dasselbe die Verhüllung legt;
So ließ durch ihre Hülle jetzt erkennen
Die erste Seele, wie so froh sie war,
Mir das, was ich gebeten, tun zu können.
"Dein Sehnen", weht es, "nehm ich besser wahr,
Magst dus auch nicht bekennen und gestehen,
Als du, was noch so sicher ist und klar.
Im wahren Spiegel kann ich es erspähen,
Der jedes Dinges Bildnis in sich faßt,
Doch seines läßt in keinem Dinge sehen.
Du fragst: Wieviel der Zeitraum wohl umfaßt,
Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,
Aus dem du dich mit ihr erhoben hast?
Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?
Was eigentlich den großen Zorn erweckt?
Und welche Sprach ich mir zusammensetzte?
Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt,
War Grund des Zorns an sich--daß ich entronnen
Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt.
Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen
Und zwei, im Höllenvorhof sonder Qual
Sehnsucht erfüllt nach diesen Himmelswonnen.
Auch sah ich, daß neunhundertdreißigmal
Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte,
Indes ich lebt in eurem Erdental.
Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte
Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft
Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte.
Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,
Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten
Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft.
Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,
Allein so oder so--euch läßt hierin
Sodann Natur nach Gutbedünken schalten.
Eh ich zur Hölle sank, im Anbeginn
Hieß El das höchste Gut, an dem entglommen
Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin.
Den Namen Eli hat man drauf vernommen,
Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt,
Von welchen jene gehn, wenn diese kommen.
Auf jenem Berge, der am höchsten steigt,
Hab ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden
Von früh, bis wieder sich die Sonne neigt,
Wenn sie im zweiten Vierteil steht, befunden."
Siebenundzwanzigster Gesang
Dem Vater, Sohn und Heilgen Geiste fang
Das ganze Paradies; ihm jubelt alles,
So daß ich trunken ward vom süßen Klang.
Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,
Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.
O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberfülltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!
Ich sah vor mir die Feuer glühend Schweben,
Und das der vier, das erst gekommen war,
Sah ich in höherm Glanze sich beleben.
Und also stellt es sich den Blicken dar,
Wie Jupiter, nahm man an seinen Gluten
Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr.
Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,
Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt,
Daß aller Selgen Wonnechöre ruhten.
Da hört ich: "Siehst du höher mich entflammt,
So staune nicht--bei meinen Worten werden
Sich diese hier entflammen allesamt.
Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,
Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht,
Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden,
Hat meine Grabstatt zur Kloak gemacht
Von Blut und Stank, drob der zu ewgen Qualen
Einst von hier oben fiel, dort unten lacht."
Wie früh und abends sich die Wolken malen,
Die grad der Sonne gegenüberstehn,
So sah ich jetzt den ganzen Himmel stralhlen.
Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,
Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,
Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehn;
So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;
Und so verfinstert, glaub ich, wie sie dort,
War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.
Er aber fuhr in seiner Rede fort,
Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer,
So war verwandelt jetzt das heilge Wort.
"Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer
Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt,
Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,
Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt;
Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten,
Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.
Das wars nicht, was wir von den Folgern wollten,
Daß sie um sich das Christenvolk getrennt
Zur Rechten und zur Linken setzen sollten.
Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt,
Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,
Woran man der Getauften Feind erkennt.
Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,
Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt,
Drob ich erröt und glüh in diesen Höhen.
Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt,
Raubgierge Wölfe dort die Herden hüten.
O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt!
Und Caorsiner und Gascogner brüten
Schon Tücken aus, voll Gier nach meinem Blut.
Schnöde, schlechte Frucht von schönen Blüten!
Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut
Den Ruhm der Welt beschützt in Romas Siegen,
Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut.
Du, Sohn, wenn du zur Erd hinabgestiegen,
Erschleuß den Mund und sprich, wie sichs gebührt,
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen."
Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,
Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,
Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt;
So, aufwärts, sah ich an des Äthers Hallen
Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,
Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen.
Mein Auge folgte diesem Anblick nach,
Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,
Daß er den Pfad des Blickes unterbrach.
Da sprach die Herrin, die mich abgezogen
Von oben sah: "Jetzt schau hinab--hab acht,
Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen."
Vom ersten Rückblick an, des ich gedacht,
Hatt ich den Weg der Hälft im halben Kreise
Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht.
Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise
Ulyß, des Toren--diesseits nah der Strand,
Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise.
Noch mehr von unserm Ball hätt ich erkannt,
Doch unten war die Sonne vorgegangen,
Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand.
Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen
Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht,
Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.
Was jemals der Natur und Kunst entblüht
An Leib und Bild, dem Aug als Reiz zu dienen
Und durch den Blick zu fesseln das Gemüt,
Vereint war alles dies als nichts erschienen
Bei jener Götterlust, die mich beglückt,
Als ich hinschaut ins Lächeln ihrer Mienen.
Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt,
Hatt ich dem Nest der Leda mich entrungen
Und war zum schnellsten Himmelskreis entrückt.
Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen
Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn,
Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.
Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,
Begann jetzt lächelnd in so selgen Wonnen,
Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien:
"Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen,
Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und alles rings umher den Flug gewonnen.
In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,
Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb entzündet,
Die ihn bewegt--die Kraft, die er verteilt.
Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet
Ihn, wie die andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet.
Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn;
Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären,
Wie man nach Hälft und Fünfteil mißt die Zehn.
Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren
Der Zeit, wie ihr Gezweig zu ändern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären.
Gier, die tief die Sterblichen begräbt
In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,
Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!
Wohl blüht des Menschen Will, allein in Güssen
Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt,
Drob echte Pflaumen Butten werden müssen.
Unschuld und Treue trifft man nur im Kind,
Doch sie entweichen von den Kindern allen,
Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.
Die fasten noch beim ersten Kinderlallen,
Die, mit gelösten Zungen, gierig dann
In jedem Mond auf jede Speise fallen.
Der liebt die Mutter noch und hört sie an,
Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen
Bei voller Sprache kaum erwarten kann.
Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen
Der schönen Tochter des, der, kommend, bringt
Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,
Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,
Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt,
Doch eh der Jänner fällt in Frühlingszeiten
Durch das von euch vergeßne Hundertteil,
Wird dieser Kreise Lauf Gebrüll verbreiten,
Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil,
Damits auf graden Lauf die Flotte richte,
Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil,
Und auf die Blüten folgen echte Früchte."
Achtundzwanzigster Gesang
Nachdem sie tadelnd mir das jetzge Leben
Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben,
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht
Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,
Und rückblickt, ob das, was er wahrgenommen,
Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und Tat
So überein, wie Ton und Tonmaß, kommen;
War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat,
Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu sahn, die Lieb entnommen hat.
Ich sah itzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,
Was die erspähn, die diesen Kreis erringen.
Mir strahlt ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,
Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.
Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,
Ein Mond erschien es, könnt es seinem Licht
So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen.
So weit, als Sonn und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen
In reger Glut, daß er auch überwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fünfte, dann der sechst umwand.
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,
Doch viel zu enge war, ihn zu enthalten.
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Je träger jeder Kreis im Schwung, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.
Mehr ist des Kreises Flamme rein und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.
Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: "Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die sämtliche Natur.
Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;
Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,
Es ist der heilgen Liebe Glutverlangen."
Und ich zu ihr: "Wäre die Welt gefügt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So hätte völlig mir dein Wort genügt.
Doch in der Welt, der fühlbaren, beweisen
Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.
Drum soll in diesem Bau voll Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb und Licht umschränken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,
So sprich: Wie-kommts--ich kann mirs nicht erdenken
Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht.
Und andere Gesetze beide lenken?"
"Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ists kein Wunder--weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht."
Sie sprachs, und dann: "Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verkünden werd; allein
Betracht es ganz genau mit scharfen Blicken.
Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile
Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.
Die größre Güte wirkt in größerm Heile,
Und größres Heil füllt größeres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zuteile.
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.
Darum, wenn du dein Maß dem Innern preise,
Und nicht dem äußern Umfang angelegt
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,
So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen
In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt."
Wie rein das Blau erglänzt aus Äthers Höhen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,
Aus der gelinder seine Hauche wehen,
So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,
Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,
Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.
Und als ihr heilges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht als siedend Eisen
Sich jene Kreise, funkensprühend, dar.
Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In größrer Meng, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.
Dem festen Punkt, der sie ohn Änderung
Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.
"Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,"
Sie sprachs, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
"Und Seraphim und Cherubim drin walten.
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,
Um, wie sie können, ihm sich anzuschließen,
Und können, wie sie hoch im Schauen sind.
Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,
Die Throne sinds von Gottes Angesicht,
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.
So groß ist aller Wonn, als ihr Gesicht
Tief in die ewge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.
Durch Schaun wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schaun, wie ihrem Quell, entsprungen.
Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensgüt erwirbt, ist Maß dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.
Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ewgen Lenzes blüht, und welcher nie
Das Laub entfällt bei nächtgen Widders Grauen,
Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannagesang in dreien selgen Scharen,
Und also eins aus dreien bilden sie.
Herrschaften sinds, die erst sich offenbaren,
Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mächte zu gewahren.
Die Fürstentümer sieh zunächst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb erproben;
Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.
Die Ordnungen schaun allesamt nach oben;
Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben.
Und Dionysius rang so brünstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Daß er sie nannt und unterschied wie ich.
Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,
Doch er belächelte dann seinen Wahn.
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.
Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan,
So staune nicht; von ihm, der alles schaute,
Hatt er davon auf Erden Kund empfahn,
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute."
Neunundzwanzigster Gesang
So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,
Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:
So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.
"Ich red und frage nicht," so sprach sie dann,
"Da, was du hören willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.
Nicht daß er--was nicht sein kann--selbst gewönne,
Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz ich bin verkünden könne,
Hat er, der Ewge, außerhalb der Zeit
Und des Begriffs, wies ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb an ewiger geweiht.
Nicht daß, wie starr, erst seine Kräfte ruhten;
Denn früher nicht und später nicht ergoß
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.
Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entsproß
Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.
Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;
So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Tätigkeit gespendet.
Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,
Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknüpft und nie von diesem Band befreit.
Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;
Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heilgen Schrift bewähren,
Wies dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.
Auch die Vernunft kann dies beinah erklären;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.
Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du--nun, so daß in dem Gehörten
Dir schon dreifache Labung angedieh.
Allein bevor man zwanzig zählt empörten
Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun
Im Fall der Elemente trägstes störten.
Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzücken,
Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn.
Grund war des Falls, daß jener sich berücken
Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken--
Die du bei Gott hier siehest, sahn auf ihn
Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schaun verliehn.
Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.
Und zweifelfrei verkünd es einst der Welt:
Verdienstlich ists, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr die Lieb erhält.
Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.
Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklären,
Verstand, Erinnerung und Willen leihn,
So zeig ich, um dich völlig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.
Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ewgen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.
Drum unterbricht das Neu ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer.
So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.
Der eine Weg ists nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.
Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmäht,
Als wer die Heilgen Schriften leeren Possen
Hintansetzt und sie freventlich verdreht.
Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszusähn; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.
Zu glänzen strebt ein jeder itzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.
Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn herabzuscheinen wehrte.
Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,
So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,
Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.
Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund!--
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.
Von ihr ertönt im Kampf des Jüngers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.
Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.
Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,
Daß, säh mans, es den Wert dem Ablaß raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Daß, möcht ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.
Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch ärger sind denn Sauen,
Falschmünzer, reich an trügerischem Schein.
Doch seitwärts führt ich dich von diesen Auen;
Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,
Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen--
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzählbaren selgen Engel Scharen,
Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.
Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,
So vielfach wirds von ihnen aufgenommen,
Als Engel schaun in Gottes Angesicht.
Drum, da vom Schaun der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Süßigkeit
Hier lauer, dorten glühender entglommen.
Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit
Der ewgen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,
Und ein in sich bleibt ewiglich und immer."
Dreißigster Gesang
Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget
Der Mittag auf, indes schon diese Welt
Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;
Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt,
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,
Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen.
So der Triumph, der ewiglich im Tanz
Den Punkt umkreist, der alles hält umschlungen,
Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.
Er schwand allmählich, meinem Aug entschwungen,
Drum kehrt ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nichtschaun und von Liebesdrang gezwungen.
War alles, was bis jetzo mein Gedicht
Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen,
Doch gnügend wärs für diesen Anblick nicht.
Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,
Weit überschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen.
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,
Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragöd je überwunden ward.
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,
Vergeht vor ihren- Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen.
Vom ersten sag, da mir der Herr beschied,
Ihr Angesicht zu schaun in diesem Leben,
Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.
Doch muß ich jetzt des Folgens mich begeben,
Ein Künstler, der sein höchstes Ziel errang,
Und hoher nicht vermag emporzustreben.
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,
Sprach sie, mit Ton, Gebärd und Angesichte
Eifrigen Führers froh zu mir: "Du bist
Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,
Von geistgem Licht, das nur ein Lieben ist,
Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren,
Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt.
Du siehst hier beide Himmelskriegerscharen
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