Wirklich mußte diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders
Siemens gehärteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten
Schläge ganz blieb.
Uebrigens war es jetzt draußen hell genug, um ziemlich weit sehen zu
können, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der
Schießscharte frei ließ.
"Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent.
-- Nichts.
-- Wie? Keinen Wald?
-- Nein.
-- Nicht einmal die Gipfel der Bäume?
-- Auch diese nicht.
-- Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung?
-- Weder in der Lichtung, noch überhaupt im Park.
-- Erkennen Sie denn auch nicht die Dächer der Häuser, die Spitzen der
Denkmäler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttäuschung schon in einem
Grade zunahm, daß sie nahe an Wuth grenzte.
-- Weder Dächer, noch Spitzen.
-- Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen
Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein?
-- Nichts -- nichts als die leere Luft."
Eben jetzt öffnete sich die Thür der Zelle, in der ein Mann sichtbar
wurde. Das war Robur.
"Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun frei,
nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen ...
-- Frei! rief Onkel Prudent.
-- Ja ... das heißt innerhalb der Grenzen des "Albatros"!
Onkel Prudent und Phil Evans stürzten aus der Zelle.
Und was sahen sie da?
Zwölf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberfläche eines
Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemühten.
VI.
Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten
überschlagen.
"Wann wird der Mensch einmal aufhören, in der Tiefe umherzukriechen, um
im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?"
Die Antwort auf diese Frage Camille Flammarion's ist ziemlich leicht.
Das wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem
der Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lösen gestatten,
und vor Ablauf weniger Jahre -- das sah man ja voraus -- mußte eine
praktische Verwerthung der Elektricität zur Lösung dieses Räthsels
führen.
Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brüder Montgolfier
ihre erste Montgolfière und der Physiker Charles seinen ersten
Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne abenteuerliche Köpfe
davon geträumt, mittelst mechanischer Apparate die Luft so zu sagen zu
erobern. Die ersten Erfinder hatten also keineswegs an Apparate
gedacht, welche leichter als die Luft waren, was schon der Standpunkt
der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht erlaubte. Sie gingen
darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch specifisch schwerere
Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung des Vogels
nachahmten, zu ermöglichen.
Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des
Daedalus, gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flügel ihm bei der
Annäherung an die Sonne abfielen.
Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurückzugehen, ohne eines
Archytas von Tarent zu erwähnen, begegnet man schon in den Arbeiten
eines Dante von Perousa, eines Leonard de Vinci und Guidotti der Idee
von Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphäre zu
bewegen. Zweieinhalb Jahrhunderte später traten weit zahlreichere
Erfinder auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville
ein System von Flügeln, versucht dasselbe über der Seine und bricht
beim Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem
Apparat mit zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung. 1781 baut
Meerwein, der Architekt des Fürsten von Baden, eine Maschine zur
Nachahmung des Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von
Ballons, welche eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und
Bienvenu eine Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808
Fliegversuch des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein
Schriftchen von Deniau aus Nantes, in dem der Grundsatz des "schwerer,
als die Luft" beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811-40 fallen die
Untersuchungn und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und
Cagniard de Latour. 1842 tritt der Engländer Henson mit seinem System
der geneigten Ebene und durch Dampf bewegter Schraube auf; 1845 Cossus
mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille Vert
mit seiner Helicoptere aus Federbügeln; 1852 Letur mit seinem lenkbaren
Fallschirm, dessen praktische Prüfung ihm das Leben kostete. In
demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem Vorschlage, bei dem
die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich drehenden Flügeln
gebracht ist. 1853 Béléguic mit seinem durch Zugschrauben bewegten
Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit seinem lenkbaren Drachen; Georges
Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die ein Gasmotor treiben sollte.
Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef Bline, der Patente auf
verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, Bréant, Carlingfort,
Le Bris, Du Temple, Bright, dessen Steigschrauben sich in verkehrter
Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, Crosnier u. A. m. Endlich wird im
Jahre 1863 auf Betreiben Nadar's in Paris eine Gesellschaft "Schwerer,
als die Luft" gegründet; hier führen die Erfinder ihre Maschinen vor,
von denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton
d'Amécourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle's System einer
Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen;
Louvrié's Aeroscaph; Esterno's mechanischer Vogel; Groof's Apparat mit
durch Hebel bewegten Flügeln. Jetzt, nachdem der Anstoß gegeben ist,
erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die
willkürliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung
zuzuführen verspricht. Bourcart, Le Bris, Kaufmann, Smyth,
Stringfellow, Prigent, Danjard, Pomès und de la Panze, Moy, Rénaud,
Jobert, Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, Duchesne, Danduran,
Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, Tatin, Dandrieux,
Edison erdenken, construiren, erbauen und vervollkommnen -- die Einen
unter Anwendung von Flügeln oder Schrauben, die Anderen unter den von
geneigten Ebenen -- Maschinen, welche bereit sein werden, an dem Tage
zu functioniren, wo ihnen ein glücklicher Erfinder einen Motor von
hinreichender Kraft und außerordentlicher Leichtigkeit hinzufügt.
Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um
freundliche Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die
Einzelstufen jener Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel
jetzt Robur der Sieger erscheint, vorzuführen. Ohne die schwachen
Versuche und die kühnen Experimente seiner Vorgänger, hätte der
Ingenieur ja unmöglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren
vermocht. Und wenn er nur ein verächtliches Achselzucken für Diejenigen
hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit
von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhänger des
Grundsatzes "schwerer als die Luft" in hohem Ansehen, ob das nun
Engländer, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder
Franzosen waren -- vor Allem letztere, deren durch ihn vervollkommnete
Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine Flugmaschine, den
"Albatros", zu ersinnen und auszuführen, jenes Ungeheuer, das jetzt das
Luftmeer durchmaß.
"Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhänger des
"Albatros" gerufen.
-- Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt über die
Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger derselben Theorie
hinzugesetzt.
-- Mit der Locomotive, der Aeromotive!" hatte der lustigste von Allen
hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um die Alte
und die Neue Welt für die Sache zu interessiren.
In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, daß die Luft
ein sehr widerstandsfähiger Stützpunkt sein kann. Ein Kreis von einem
Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das Eindringen in
die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar isochronisch zu
machen. Das war schon längst bekannt.
Ebenso wußte man, daß die Einwirkung der Schwerkraft, wenn die
Fortbewegung eines Körpers eine sehr schnelle ist, etwa im umgekehrten
Verhältnisse des Quadrats zur Schnelligkeit abnimmt und zuletzt
ziemlich bedeutungslos werden kann.
Man wußte ferner, daß sich bei zunehmendem eigenen Gewichte eines
fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige
Oberfläche der Flügel nicht in gleichem Maße vergrößert, obwohl die
Bewegungen, die es ausführt, etwas langsamer sein müssen.
Ein Aviations-Apparat muß demnach so construirt sein, daß er diesen
Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, "dem
wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft", wie Doctor Marey im
französischen Institut sich ausgedrückt hat.
Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lösen vermögen,
zerfallen in folgende drei Arten:
1. Die Helicopteren oder Spiraliferen, welche nur aus Schrauben mit
verticalen Achsen bestehen.
2. Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natürlichen
Flug der Vögel nachzuahmen bestimmt sind.
3. Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die
Papierdrachen der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben
oder gezogen.
Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene
Anhänger, welche ihre Ansichten unabänderlich als die richtigen
hinstellen.
Aus mancherlei Gründen hatte Robur jedoch die beiden letzteren
verworfen.
Es unterliegt zwar keinem Zweifel, daß die Orthoptere, der mechanische
Vogel, gewisse Vorzüge aufweist. Die Arbeiten Renaud's haben dafür 1884
den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem Genannten auch
eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen wollen. Die
Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hasen und die
Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man
Räder, welche doch keine Beine sind, dem letzteren Schrauben, welche
gewiß nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen doch
recht gut. Uebrigens weiß man noch gar nicht genau, wie der Flug der
Vögel, welche sehr complicirte Bewegungen ausführen, eigentlich zu
Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung ausgesprochen, daß
die Federn der Flügel sich beim Aufschlag öffnen, um die Luft
durchzulassen -- ein Vorgang, der durch eine künstliche Maschine
schwerlich herzustellen sein möchte.
Andererseits ist es nicht zweifelhaft, daß auch die Aeroplane einige
gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den Luftschichten
eine schiefe Ebene entgegen, so müßte daraus eine ansteigende Bewegung
hervorgehen, und kleine Versuchs-Apparate haben bewiesen, daß das
disponible Gewicht, dasjenige, über welches man noch über das
Eigengewicht des Apparates hinaus verfügen könnte, mit dem Quadrate der
Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt offenbar ein großer Vortheil, der
die der Aerostaten, welche aufgetrieben werden sollen, weit übertrifft.
Nichtsdestoweniger glaubte Robur, daß, wenn es etwas noch Besseres
gäbe, das auch noch einfacher sein müsse. Auch die Schrauben -- die ihm
im Weldon-Institut durch ein glückliches Wortspiel direct an den Kopf
geworfen worden waren -- konnten ja wohl allen Ansprüchen an seine
Flugmaschine genügen. Die Einen sollten dieselbe in der Luft schwebend
erhalten, die Anderen sie unter den besten Verhältnissen der
Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen fortbewegen.
Theoretisch müßte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in der Fläche
großen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst ausgesprochen hatte, dahin
gelangen, "wenn man es auf das Aeußerste triebe, in ungeheures Gewicht
durch verschwindend kleine Kraft zu heben".
Wenn die Orthoptere -- durch Flügelschläge gleich einem Vogel -- sich
erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die Luft stürzt, so
steigt die Helioptere auf, indem sie mit ihren Schraubenflügeln schräg
dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte Ebene hinaufklimme. Im Grunde
hat sie ja nur schraubenförmig gewundene, an Stelle der schaufelartigen
Flügel. Die Schraube bewegt sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse
fort. Ist diese vertical, so bewegt sie sich vertical; ist sie
horizontal angebracht, so treibt sie in horizontalem Sinne.
Der große Flugapparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen beiden
Wirkungen.
Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche füglich in
drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und
Treibmaschinen und die äußere Maschinerie.
Verdeck. Das war ein dreißig Meter langes, vier Meter breites Bauwerk,
ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines Rammsporns.
Darunter wölbte sich der festgefügte Rumpf, der die Apparate zur
Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich da die
Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin für Vorräthe aller
Art, darunter auch die Wassergefäße des Fahrzeugs. Rund herum standen
leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter einander verbunden, die
Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei Ruffs,[4] deren
Räumlichkeiten zur Wohnung für das Personal und für die Maschinerie
bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, welche das
Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine für die
vordere Treibschraube, im hinteren die für die hintere Schraube, so daß
diese drei von einander völlig unabhängig wirken. Nahe dem Vordertheile
befindet sich der Ruff für die Werkstatt die Küche und die
Mannschaftswohnung. Nahe dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere
Cabinen, unter anderen die des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darüber
ein kleiner verglaster Raum, in dem sich der Steuermann aufhält, der
das Ganze mittelst eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle
diese Ruffs werden durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus
Hartglas bestehen, das eine zehnfach größere Widerstandsfähigkeit als
gewöhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von
biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Stöße zu mildern,
obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, so
sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates.
[4] Ruffs nennt man auf Seeschiffen die auf Deck stehenden kleinen
Holzbauwerke, welche als Wohnung für die Mannschaft dienen.
Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht
siebenunddreißig Achsen, von denen je fünfzehn an Back- und Steuerbord
und sieben höhere in der Mitte errichtet waren, so daß das Ganze einem
Schiffe mit siebenunddreißig Masten ähnlich wurde; nur trugen diese
Masten an Stelle der Segel jeder zwei horizontale Schrauben von kurzer
Steigung und geringem Durchmesser, denen aber eine ungeheure
Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden konnte. Jede dieser Achsen
empfängt ihre Bewegung unabhängig von der anderen, und außerdem drehen
sich je zwei und zwei in entgegengesetztem Sinne -- eine nothwendige
Maßregel, um den ganzen Apparat nicht in wellenförmige Bewegung kommen
zu lassen. Auf diese Weise aber halten sich alle Schrauben, während sie
eine wie die andere auf verticalen Luftsäulen emporzusteigen streben,
gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit
vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerüstet, deren drei Arme
äußerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, als
Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausnützen hilft. Am
Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen
montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der
Fortbewegung des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an
Durchmesser die Auftriebsschrauben übertreffen, können sich ebenfalls
mit der größten Geschwindigkeit drehen.
Alles in Allem schließt sich dieser Apparat an die Systeme an, welche
von Cossus, de la Landelle und de Ponton d'Amécourt aufgestellt und vom
Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen gebührt ihm bezüglich der
Wahl und der Verwendung der motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des
Erfinders.
Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flüssigkeiten,
weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und
endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fähig sind, eine
mechanische Wirkung auszuüben, entlehnte Robur die notwendige Kraft,
seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm dazu
die Elektrizität in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst die
Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine
dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben
jedoch nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es
Robur's Geheimniß, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner
Elemente und welche Säuren er zur Erregung derselben anwendete;
dasselbe galt für die Accumulatoren. Niemand wußte, woraus deren
positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich aus
gewissen Gründen wohl gehütet, darauf ein Patent zu nehmen.
Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine außerordentliche
Ergiebigkeit, die Säuren eine fast vollständige Widerstandsfähigkeit
gegen Verdunstung und Frieren, seine Accumulatoren eine unverkennbare
Ueberlegenheit über die von Faure, Sellon, Volckmar, und endlich
lieferten seine Ströme Ampères von bisher unerreichter Anzahl. Daraus
aber ergab sich eine so zu sagen unendliche Menge elektrischer
Pferdekräfte zur Bewegung der Schrauben, welche dem Apparate eine
seinen Bedürfnissen weit überlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen
Umständen verliehen.
Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieur Robur und
darüber bewahrte er ein unverbrüchliches Geheimniß, und wenn der
Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht das Glück
haben, dasselbe zu durchdringen, so dürfte es wahrscheinlich auf immer
für die Menschheit verloren sein.
Es versteht sich von selbst, daß dieser Apparat infolge der glücklich
gewählten Lage seines Schwerpunktes hinreichende Stabilität zeigte. Man
brauchte also niemals zu fürchten, daß er mit der horizontalen
bedenkliche Winkel bilden oder gar umschlagen könnte.
Es erübrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur Robur
seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der für den "Albatros"
besonders geeignet erscheint. Welches war der so harte Stoff, daß das
Bowie-Messer Phil Evans' ihn nicht zu ritzen und dessen Natur Onkel
Prudent nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach -- Papier!
Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben große
Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Blätter mit Dextrin und
Stärkemehl imprägnirt wurden, bildet unter der Wirkung der
hydraulischen Presse ein Material von der Härte des Stahls. Man erzeugt
daraus Rollen, Schienen und Wagenräder, welche haltbarer und
gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese große
Haltbarkeit bei außerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei der
Erbauung seiner Luftlocomotive zu benützen gesucht. Alles, Rumpf,
Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem Drucke
metallähnlich geworden war und das sich -- ein Umstand, bei einem in
großer Höhe dahinschwebenden Apparate gewiß von Werth -- auch als
unverbrennlich erwies.
Für die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie für
die Flügel der Schrauben hatte gelatiniertes Fasergewebe als ebenso
widerstandsfähiges, wie biegsames Material gedient und von diesem auch,
da es sich allen Formen anpaßte, in den meisten Gasen und
Flüssigkeiten, Säuren und Salzen unlöslich war -- ohne von seinen
isolirenden Eigenschaften zu sprechen -- in der elektrischen
Maschinerie des "Albatros" der ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden.
Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker
mit zwei Gehilfen, zwei Bootsmänner und ein Koch -- Alles in Allem
acht Personen -- bildeten die ganze Besatzung des "Albatros", welche
für die bei der Fahrt durch die Luft nöthigen Manöver übrig
ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, Fischergeräthe, elektrische Lampen,
Beobachtungsinstrumente, Boussolen und Sextanten zur Erkennung der
Fahrtrichtung, Thermometer zur Messung der Temperatur; verschiedene
Barometer, die einen, um die erreichte Höhe, die anderen, um die
Veränderung des Luftdruckes zu messen, ein "Stormglas" zum Erkennen
drohender Stürme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare
Druckerei, ein Geschütz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von
rückwärts geladen, ein Geschoß von sechs Centimeter Durchmesser
schleuderte; der nöthige Vorrath an Pulver, Kugeln, Dynamitpatronen;
eine Küche, in der die von Accumulatoren gelieferten Ströme zur
Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, Fleisch und Gemüse, die in
einer Cambüse ad hoc neben Gefäßen mit Brandy, Whisky und Gin
aufgestapelt waren, endlich Alles, was während einiger Monate gebraucht
werden konnte, ohne landen zu müssen -- das bildete das Material und
die Vorräthe des "Albatros" -- ohne die berühmte Trompete zu rechnen.
Außerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an
Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem
Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden
Unglücks führte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an Unfälle
dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander
unabhängig; der Stillstand der einen blieb auf die übrigen ohne
Einfluß. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte es
schon aus, den "Albatros" in seinem natürlichen Element zu erhalten.
"Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine
Passagiere -- Passagiere wider Willen -- zu äußern, mit ihm bin ich
Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Größe Australien und Afrika,
Oceanien, Asien, Amerika und Europa übertrifft, jenes Icariens der
Luft, das eines Tages noch Tausende von Icarussen bevölkern werden!"
VII.
In welchem der Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht
überzeugen lassen wollen.
Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war höchst erstaunt, sein Gefährte
geradezu verblüfft. Aber weder der Eine, noch der Andere wollte sich
diese so natürliche Regung anmerken lassen. Der Diener Frycollin
dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord einer solchen
Maschine in den Luftraum entführt zu sehen, im Gegentheil, er gab das
offen zu erkennen.
Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig über
ihren Köpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich ging, hätte sie
doch noch um das Dreifache gesteigert werden können, im Fall der
"Albatros" höhere Zonen erreichen wollte.
Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen mittelmäßigen Gang
zeigten, verliehen dem Apparate nur eine Fortbewegung von zwanzig
Kilometern in der Stunde.
Sich über das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des
"Albatros" ein langes, gewundenes, flüssiges Band wahrnehmen, das sich
gleich einem Bächlein durch wellenförmiges Land schlängelte, in dem
auch einzelne kleinere Seen die Strahlen der Sonne glänzend
widerspiegelten. Dieser Bach war übrigens ein Fluß, und zwar einer der
bedeutendsten des betreffenden Gebiets. An seinem linken Ufer erhob
sich eine Bergkette, deren Fortsetzung sich über Gesichtsweite hinaus
verlor.
"Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel Prudent
mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme.
-- Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur.
-- Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans hinzu.
-- Durch den Luftraum.
-- Und das dauert, wie lange? ...
-- So lange es Zeit erfordert.
-- Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte Phil
Evans ironisch.
-- Noch mehr als das, erwiderte Robur.
-- Und wenn eine solche Reise uns nicht paßt? ... versetzte Onkel
Prudent.
-- So wird sie ihnen eben passen müssen!"
Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich
zwischen dem Herrn des "Albatros" und seinen Gästen, um nicht zu sagen,
seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte Jener
ihnen jedoch erst Zeit gönnen, sich zu sammeln, den außerordentlichen
Apparat zu bewundern, der sie durch die Lüfte trug, und ohne Zweifel
auch, um dem Erfinder ihre Glückwünsche darbringen zu können. Dieser
schlenderte scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen;
sie dagegen hatten vollständige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie
und die Gesammtausrüstung des "Aeronefs" zu betrachten, oder auch ihre
Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren Relief sich
unter ihren Füßen so zu sagen aufrollte.
"Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht täusche,
müssen wir über den mittleren Gebietstheilen von Canada hinschweben.
Jener nach Nordwest verlaufende Fluß ist wahrscheinlich der St. Lorenz,
und die Stadt, die wir da hinter uns lassen, ist Quebec."
Es war in der That die alte Stadt Champlain's, deren Weißblechdächer
wie Reflectoren in der Sonne glänzten. Der "Albatros" hatte sich bis
zum sechsundvierzigsten Grade der Breite erhoben -- was den vorzeitigen
Anbruch des Tages und die abnorme Verlängerung des Morgenrothes
hinlänglich erklärte.
"Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt eines
Amphitheaters, der Hügel, der ihre Citadelle trägt, dieses Gibraltar
Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die französische
Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner Kuppel und der
englischen Fahne darauf!"
Phil Evans hatte kaum ausgesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon
wieder in der Ferne zu verschwinden begann. Der Aeronef trat in eine
Schicht kleinere Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde
allmählich verhinderten.
Als Robur jetzt sah, daß der Vorsitzende und Schriftführer des
Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der äußeren Construction des
"Albatros" zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte:
"Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Möglichkeit einer
Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind als
jene?"
Es wäre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu
widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort.
"Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert Sie
der Hunger am Sprechen ... doch, wenn ich es unternommen habe, Sie
durch die Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, daß ich Sie auch
mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernähren wollte. Ihr erstes
Frühstück erwartet Sie."
Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht quälenden Hunger
verspürten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstände zu machen.
Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie erst
wieder auf der Erde abgesetzt hätte, rechneten sie nach wie vor darauf,
ihm gegenüber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu erhalten.
Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen
»dining-room«, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an
welchem sie während der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug
derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus
gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein
wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzügliche nahrhafte
Suppe liefert; ferner Schnitte von geräuchertem Schinken und als
Getränk Thee.
Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt
er eine tüchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mußte gewaltigen Hunger haben,
um essen zu können, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich aus
Furcht und hätten ihm jeden anderen Dienst versagt.
"Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!" wiederholte der
unglückliche Neger. Das machte ihm fortwährend Angst. Aber man denke
nur ... ein Sturz von fünfzehnhundert Meter, der ihn in Pulver
verwandelt hätte!
Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans
wieder auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile
folgte der Steuermann in seinem Glashäuschen, das Auge auf den Compaß
gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse.
Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frühstück in ihrem
Logis zurückgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun die
Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen
umher.
War die Geschwindigkeit des Apparats jetzt auch eine große, so konnten
die beiden Collegen darüber doch nur unvollkommen urtheilen, obgleich
der "Albatros" aus jener Wolkenschicht wieder hervorgetreten war und
sich der Erdboden fünfzehnhundert Meter unter ihnen deutlich zeigte.
"Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans.
-- So glauben wir nicht daran," antwortete Onkel Prudent.
Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und ließen die Blicke über
den Horizont im Westen schweifen.
"Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans.
-- Können Sie dieselbe erkennen?
-- Ja, es scheint mir Montreal zu sein.
-- Montreal? ... Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden
verlassen!
-- Das beweist, daß diese Maschine sich mit einer Geschwindigkeit von
mindestens fünfundzwanzig Lieues die Stunde bewegt."
Das war in der That die Größe der Geschwindigkeit des "Albatros", und
wenn die Passagiere davon keine Belästigung verspürten, lag das daran,
daß sie mit dem Winde forttrieben. Bei stillem Wetter hätte sie diese
Schnelligkeit schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Expreßzuges
gleichkommt. Bei widrigem Winde wäre dieselbe ganz unerträglich
gewesen.
Phil Evans täuschte sich nicht. Unter dem "Albatros" erschien Montreal,
das an seiner Victoria-Brücke, einer Röhrenbrücke über den St. Lorenz
gleich dem Bahnviaduct über die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich
war. Bald unterschied man auch seine breiten Straßen, die ungeheuren
Magazine, die Paläste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings nach
dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica und endlich
den Mont-Royal, der die ganze Stadt überragt und zu einem herrlichen
Park umgeschaffen ist.
Es war ein Glück zu nennen, daß Phil Evans die Hauptstadt Canadas schon
früher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres erkennen, ohne Robur
erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie etwa einhalb zwei Uhr
Nachmittags, über Ottawa hinweg, dessen Fälle, von oben gesehen, einem
ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein furchtbares
Ueberschäumen einen großartigen Effect hervorbrachte.
"Da ist der Parlaments-Palast," sagte Phil Evans.
Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nürnberger Spielzeug, das auf
einem Hügel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner vielfarbigen
Architektur glich dem Parlamenthaus zu London, wie die Kathedrale von
Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger war und
blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa.
Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem
Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf
der Erde.
Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein
Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei
Worte. Letzter übermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder-
und im Hinterruff. Auf ein Zeichen veränderte der Steuermann die
Richtung des "Albatros", so daß dieser um zwei Grade nach Südwesten
abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil Evans wahrnehmen,
daß den Treibschrauben des Aeronefs eine größere Schnelligkeit
verliehen wurde.
Diese Schnelligkeit hätte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden
können, und man hätte damit eine Maschine erhalten, welche alle
Erdmaschinen weit hinter sich lassen mußte.
Man urtheile selbst: Torpedoboote können zwanzig Knoten oder vierzig
Kilometer in der Stunde zurücklegen. Die schnellsten Eisenbahnzüge
bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf den übereisten Seen
der Vereinigten Staaten bis auf hundertfünfzehn; eine in der Werkstatt
Patterson's erbaute Maschine mit Zahnrädern hat über den Erie-See
hinweg hundertdreißig erreicht und eine andere Locomotive zwischen
Trenton und Jersey gar hundertsiebenunddreißig Kilometer.
Der "Albatros" aber konnte beim Maximum seiner Kraftäußerung mittelst
seiner Treibschrauben sich zweihundert Kilometer in der Stunde, das
heißt fast fünfzig Meter in der Secunde, fortbewegen.
Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bäume
entwurzelt, die jenes Windstoßes, der bei dem Sturm vom 21. September
1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde
dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche
nur noch von der gewöhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern in
der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern)
übertroffen wird.
Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der "Albatros" hätte bei
Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt um die Erde
binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht acht Tagen
zurücklegen können.
Ob die Erde jener Zeit schon 450.000 Kilometer Eisenstraßen besaß, d. h.
eine Länge, welche elfmal den Aequator umspannt hätte -- so blieb das
doch für diese fliegende Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das
ganze große Luftmeer offen?
Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufügen? Jenes Phänomen, dessen
Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt hatte, war
der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die schmetternden
Fanfaren in den Lüften ertönen ließ, war die des Obersteuermanns Tom
Turner. Die Flaggen, welche man auf den Hauptbauwerken Europas, Asiens
und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, war die Flagge Robur's des
Siegers und seines "Albatros".
Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um
nicht erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren
war, die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtströme erhellte,
während er den Tag über jenseits der Wolken zu verschwinden trachtete,
so schien er sein Geheimniß doch jetzt nicht mehr bewahren zu wollen.
Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich in dem
Sitzungssaale des Weldon-Instituts vorgestellt hatte, konnte er da
etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren
Entdeckung, um selbst die Ungläubigsten ipso facto zu überzeugen?
Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche
Repressalien er gegenüber dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des
bekannten Clubs zu ergreifen gedachte.
Inzwischen hatte sich Robur den beiden Männern genähert. Diese stellten
sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten über das, was
sie vor sich sahen: offenbar setzte sich allmählich unter diesen beiden
angelsächsischen Schädeln ein Starrsinn fest, der nur schwierig
auszurotten sein würde.
Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele
ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gespräch fort,
das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war:
"Sie haben sich ohne Zweifel damit befaßt, meine Herren, ob dieser für
die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch eine noch
größere Geschwindigkeit annehmen könne. Er wäre indeß nicht würdig, den
Luftraum sozusagen besiegt zu haben, wenn er sich denselben nicht
gänzlich unterwürfig machen könnte. Ich bin darauf ausgegangen, die
Luft als festen Stütz- und Angriffspunkt zu benützen, und als solcher
dient sie mir. Ich sah längst ein, daß man, um gegen den Wind
anzukämpfen, stärker sein müsse, als dieser, und ich bin stärker. Ich
bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder Räder, die mich
treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter fortzukommen -- nur
Luft ... nichts weiter! Luft, die mich ganz ebenso umgiebt, wie das
Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine Propeller sich
drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das ganze Geheimnis,
wie ich das Problem der Aviation löste; da haben Sie, was weder ein
Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die Luft ist, jemals
leisten wird."
Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne daß sich der
Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen ließ. Er begnügte sich,
verstohlen zu lächeln, und fuhr in folgenden Fragesätzen fort:
"Sie fragen vielleicht, ob der "Albatros" mit dieser Kraft, die ihn
horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft verbindet, um
sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob er, wenn es
sich darum handelte, große Höhen zu erreichen, werde noch mit einem
Aerostaten wetteifern können? Nun, ich würde Ihnen nicht rathen, den
»Go a head« mit ihm um den Preis kämpfen zu lassen."
Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht
der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu können glaubten.
Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und
nachdem der "Albatros" etwa noch eine Meile in gleicher Richtung dahin
geschwebt war, blieb auch er unbeweglich.
Auf ein zweites Zeichen Robur's setzten sich die Auftriebsschrauben in
Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man füglich hätte
mit den zu akustischen Experimenten benützten Sirenen vergleichen
können. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast eine ganze Octave,
während dessen Intensität wegen der jetzt dünneren Luft abnahm, und der
Apparat strebte lothrecht in die Höhe, wie eine Lerche, welche ihre
hellen Töne durch die Lüfte schmettert.
"Herr! Bester Herr! ... rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht Alles
in Stücke geht!"
Ein verächtliches Lächeln war Robur's ganze Antwort. Nach wenigen
Minuten hatte der "Albatros" eine Höhe von zweitausendsiebenhundert
Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf siebenzig Meilen ausdehnte
-- dann eine solche von viertausend Metern, was der bis auf
vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende Barometer anzeigte.
Nach dieser gelungenen Vorführung sank der "Albatros" wieder herab. Die
Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten bedingt bekanntlich
eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und deshalb auch im
Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unfälle, welche schon Hunderten
von Luftschiffern zugestoßen sind. Robur aber hielt es für nutzlos,
sich einem solchem auszusetzen.
Der "Albatros" gelangte also nach derjenigen Höhe zurück, die er mit
Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in Thätigkeit gesetzten
Treibschrauben führten ihn jetzt mit vermehrter Geschwindigkeit nach
Südwesten hin.
"Jetzt, meine Herren, können Sie sich, wenn Sie nur darnach fragten,
selbst Antwort geben."
Hiermit neigte er sich über die Reeling hinaus und blieb so in
Betrachtung versunken stehen.
Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der
Schriftführer des Weldon-Institut vor ihn hingetreten.
"Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu
bemeistern suchte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns
keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf
welche wir jedenfalls Antwort erwarten.
-- Reden Sie!
-- Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im Fairmont-Park
überfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle eingeschlossen? Mit
welchem Rechte entführen Sie uns wider Willen an Bord dieser fliegenden
Maschine?
-- Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete Robur,
mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem Club
bedroht, und zwar in einer Weise, daß ich mich selbst wundere, lebend
davon gekommen zu sein.
-- Fragen heißt nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich
wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie?
-- Sie wollen das wissen? ...
-- Wenn es Ihnen gefällig ist.
-- Nun wohl, mit dem Rechte des Stärkeren!
-- Das ist cynisch!
-- Aber es ist so.
-- Und wie lange, Bürger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem nun die
Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns gegenüber
auszunützen?
-- Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie können Sie nur
eine solche Frage stellen, da Sie nur den Blick zu senken brauchen, um
ein Schauspiel zu genießen, das in der Welt nicht seines Gleichen
findet?"
Der "Albatros" spiegelte sich eben in der ungeheuren Fläche des
Ontario-Sees, er war eben über das von Cooper so hoch poetisch
besungene Land gekommen, dann folgte er der Südgrenze dieses weiten
Wasserbeckens und wandte sich dem berühmten Flusse zu, der ihm die
Gewässer des Erie-Sees, aber zerstäubt im seinen Katarakten, zuführt.
Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majestätisches Geräusch,
gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als ob sich ein
feuchter Dunst in den Lüften verbreitete, wurde die Temperatur merklich
kühler.
Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen
hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich
zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des
Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglänzten. Es war ein wirklich
erhebender Anblick.
Vor diesen Fällen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte schmale
Brücke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten -- etwa drei Meilen
entfernt war eine Hängebrücke darüber geschlagen, über welche sich eben
ein Bahnzug hinschlängelte, der von dem canadischen Ufer nach dem
amerikanischen zu dampfte.
"Die Niagarafälle!" rief Phil Evans.
Und dieser Ausruf entfuhr ihm, während Onkel Prudent sich die
erdenklichste Mühe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen
entrollten, scheinbar nicht zu beachten.
Eine Minute später hatte der "Albatros" den Strom überschritten, der
die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada scheidet, und er
schwebte nun über den unendlich weiten Gebieten des nördlichen Amerika.
VIII.
Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf die ihm
vorgelegte wichtige Frage zu antworten.
In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent
und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerstätten, Wäsche, eine hinreichende
Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst Mänteln und Reisedecken
vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer hätte ihnen mehr
Bequemlichkeiten bieten können. Wenn sie nicht in einem fort schliefen,
so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr
beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch' unberechenbares
Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren
Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie würde die ganze
Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur
Robur? -- Das war gewiß genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu
erfüllen.
Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom
"Albatros" zusammenstoßenden Cabine untergebracht worden. Diese
Nachbarschaft mißfiel ihm keineswegs -- er liebte es, sich mit den
großen dieser Erde auf guten Fuß zu stellen. Doch wenn er endlich
einschlief, so träumte der arme Teufel nur vom Herabstürzen durch die
Luft, was seinen Schlummer zum fortwährenden Alpdrücken verunstaltete.
Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben
durch die Atmosphäre, deren Strömung sich am Spätabend ganz gelegt
hatte. Außer dem Schwirren der Schraubenflügel drang kein Geräusch nach
dieser Höhe, höchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen
Locomotive, die auf ihrer Eisenstraße dahinrollte, oder kaum
vernehmbare Laute von Hausthieren. -- Ein eigenthümlicher Instinct
schien diesen Erdengeschöpfen zu verrathen, daß die Flugmaschine über
ihnen hinglitt, und das veranlaßte sie, einen Angstschrei von sich zu
geben.
Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil
Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des "Albatros". Eine
Veränderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am
vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber
hier ein Wachtposten? Fürchtete man auch mit der ersten Maschine dieser
Art einen etwaigen Zusammenstoß? Nein, das gewiß nicht. Robur hatte ja
noch keine Nachahmer gefunden. Die Möglichkeit, einem in den Lüften
schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, daß sie
füglich außer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wäre der
Aerostat am schlimmsten daran gewesen -- wie bei einem Zusammenstoß des
eisernen Topfes mit dem irdenen. Der "Albatros" hatte von einer solchen
Collision ja so gut wie nichts zu fürchten.
Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht
ausgeschlossen, daß der Aeronef unversehens auf eine Küste zusteuerte,
wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den
Weg versperrte. Ein solcher Berg wäre also eine Klippe in der Luft, und
diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu
meiden hat.
Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitän die Fahrtrichtung
angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen Höhe, in der sich der
Apparat halten mußte, um auch die höchsten Berggipfel der betreffenden
Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark
gebirgigem Lande befand, war es gewiß nur ein Gebot der Klugheit,
sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom
richtigen Laufe abwich.
Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel
Prudent und Phil Evans einen großen Binnensee, dessen nach Süden
gelegene Spitze der "Albatros" bald erreichen mußte. Sie schlossen
daraus, daß sie während der Nacht über den Erie-See in seiner ganzen
Länge weggekommen wären. Da der Aeronef nun direct nach Westen
steuerte, so mußten sie später den äußersten Theil des Michigan-Sees
erreichen.
"Hier ist kein Zweifel möglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von
Dächern am Horizonte ist Chicago!"
Er täuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn
Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Königin des Westens, das ungeheure
Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri
und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenströmen, welche den
westlichen Theil der Union bilden.
Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem
Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebäude jener
Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die öffentlichen Bauten,
die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Hôtel Sheeman
zeigen, das einem großen Würfel, wie man solche zum Spielen gebraucht,
glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder
Seite erschienen.
"Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen,
daß wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, als es
wünschenswert wäre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurückzukehren."
Der "Albatros" entfernte sich in der That in gerader Linie von der
Hauptstadt Pennsylvaniens.
Hätte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach
Osten zurückzuführen, so wäre das jetzt wenigstens unmöglich gewesen.
Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben,
seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen
Arbeiten beschäftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden
Collegen mußten also frühstücken, ohne ihn gesehen zu haben.
Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verändert. Bei
der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht lästig, und
da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um
hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine
erträgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil
Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben -- wenn
der Ausdruck erlaubt ist -- welche immerhin eine so schnelle
Drehbewegung einhielten, daß die Strahlen ihrer Flügel zu einer
halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.
In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise längs seiner
Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den Vater der
Gewässer, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht größer als
gewöhnliche Kähne erschienen. Dann wendete sich der "Albatros" nach
Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.
Einzelne Hügelketten, die "Bluffs", schlängelten sich von Süden nach
dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mäßige Höhe machte keine
besondere Aufsteigung des Aeronefs nöthig. Diese Bluffs mußten auch
bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz
zu machen, welche sich über dessen ganzen nördlichen Theil, wie über
Nebraska ausdehnen -- ungeheure Prairien, welche bis zum Fuß der
Felsengebirge heranreichen. Da und dort glänzten zahlreiche Rios,
Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Städte und
Dörfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der "Albatros"
schneller nach dem Far-West über sie hinwegglitt.
Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und
Phil Evans blieben sich gänzlich selbst überlassen. Kaum bemerkten sie
einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen
geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er
nicht etwa an Schwindelzufällen, wie man hätte glauben können. Wegen
Mangels an Vergleichsobjecten hätte sich dieser Schwindel überhaupt
nicht in derselben Weise äußern können, wie etwa auf dem Dache eines
hohen Gebäudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in
der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm
schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten gähnt gar kein Abgrund,
sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt
denselben.
Um zwei Uhr glitt der "Albatros" über Omaha an der Grenze von Nebraska
hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes
fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San
Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen
Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und
Steinhäusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schloß
eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.
Zweifellos mußten, während die Passagiere des Aeronefs alle diese
Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen
Apparat wahrgenommen haben.
Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen,
konnte gewiß nicht größer sein, als das des Vorsitzenden und des
Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu
befinden.
Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der
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