"Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehört den Flugmaschinen. Die Luft
bietet den hinreichenden, soliden Stützpunkt. Man verleihe einer Säule
dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter in der Secunde,
und ein Mensch würde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die
Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberfläche boten.
Würde die Geschwindigkeit der Luftsäule auf 90 Meter gesteigert, so
könnte er mit bloßen Füßen darauf gehen. Treibt man nun durch die
Flügel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben
Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat."
Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhänger der sogenannten
Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lösung
des vorliegenden Problems zu führen versprechen.
Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton
d'Annécourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Bélégnic,
Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives,
Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison,
Planavergue und noch einer Menge anderer Männer zu. Mehrmals aufgegeben
und wieder aufgenommen, mußte denselben doch eines Tages der Sieg zu
Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation,
welche behaupteten, daß der Vogel nur durch Erwärmung der Luft, mit der
er sich aufbläht, fliege, auf Antwort warten müssen? Hatten die
Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, daß ein 5 Kilogramm
wiegender Adler sich hätte mit 50 Cubikmeter jenes erwärmten Fluidums
anfüllen müssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten?
Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber
inmitten eines Heidenlärmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum
Schluß warf er den Ballonisten noch folgende Worte in's Gesicht:
"Mit Ihren Aerostaten können Sie nichts ausrichten, werden Sie zu
nichts kommen und niemals etwas wagen dürfen. Der kühnste Ihrer
Aeronauten, John Wise, mußte, obwohl er schon eine Luftreise von 1200
Meilen über das Festland Amerikas zurückgelegt hatte, doch auf die
Absicht, über den atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit
jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem
Wege vorwärts gekommen.
-- Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemühte,
ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher
Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfière aufstieg, also
zur Zeit der Geburt des Ballons. "Jetzt ist das nur ein Kind, aber es
wird wachsen!" lautete seine Prophezeiung. und es ist gewachsen!
-- Nein, Herr Präsident, nein, es ist nicht gewachsen ... es ist nur
größer und dicker geworden, und das ist nicht das Nämliche". [2]
[2] Wegen des Doppelsinnes des französischen »grandir«, welches sowohl
körperlich wachsen, als auch an Bedeutung und Ansehen zunehmen
ausdrückt, nicht ganz wiederzugebendes Wortspiel. D.Ueb.
Das war ein directer Angriff gegen die Pläne des Weldon-Instituts,
welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, unterstützt
und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich
bedrohliche Ausrufe in dem geräumigen Saale, wie:
"Nieder mit dem Eindringling!
-- Werft ihn von der Tribüne herunter!
-- Um ihm zu beweisen, daß er schwerer ist als die Luft!"
Und Aehnliches mehr.
Man begnügte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thätlichkeiten
überzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und
laut hinausrufen:
"Fortschritte, Bürger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten,
sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt
auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! ...
-- Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er
fliegt gegen alle Regeln der Mechanik.
-- Ach so!" erwiderte Robur, die Achseln zuckend.
Dann fuhr er fort:
"Seit man den Flug der größeren und kleineren fliegenden Thiere genau
beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund
getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese täuscht
sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flügelschläge in der
Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht ...
-- Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme.
-- Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde
zählte ...
-- Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz.
-- Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreißig fertig bringt ...
-- Dreihundertdreißigundeinhalb!
-- Und dem Mosquito, der Millionen macht ...
-- Nein ... Milliarden!"
Robur ließ sich durch alle diese Einreden nicht außer Fassung bringen.
"Zwischen diesen verschiedenen Zahlen ... nahm er wieder das Wort.
-- Ist ein großer Unterschied! ließ sich eine Stimme hören.
... Wird man die richtige wählen müssen, um eine praktische Lösung der
Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, daß
der Hirschkäfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein
Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundert Mal so viel wie sein
eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der
Aviation gelöst. Außerdem wurde nachgewiesen, daß die Flächenausdehnung
der Flügel in gleichem Verhältniß abnimmt, wie die Größe und das
Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig
verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgeführt ...
-- Die noch niemals haben fliegen können! rief der Schriftführer Phil
Evans.
-- Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur,
ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren,
Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem
lateinischen »navis« die Silbe »nef« anhängt, meinetwegen auch nach dem
Worte »avis« die Silbe »efs« -- jedenfalls kommt man zu dem Apparate,
dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres
machen muß.
-- Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine
Schraube ... so weit man das weiß!
-- Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet
eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach
Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft ...
... "Vor solchem Uebel,
Heilige Helice[3], behüte uns!" ...
trällerte einer der Zuhörer, der zufällig dieses Motiv aus Hérold's
Zampa im Kopfe behalten hatte.
[3] Der Name Helice in der Bedeutung Schraube gebraucht. D. Ueb.
Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen
sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte.
Dann, als die letzten Töne in einem entsetzlichen Durcheinander
verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Benützung eines
augenblicklichen Stillschweigens sagen zu müssen:
"Bürger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu
unterbrechen ..."
Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die
früheren Einwürfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht für
Unterbrechungen, sondern nur für einfachen Meinungsaustausch hielt.
"Jedenfalls, fuhr er fort, muß ich Sie daran erinnern, daß die Theorie
der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und
fremden Ingenieure verurtheilt und völlig verworfen worden ist. Ein
System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant's in Constantinopel,
der des Mönches Voador in Lissabon, der Letuo's im Jahre 1852 und der
Groof's 1864 steht, ohne die Opfer zu zählen, die ich augenblicklich
vergessen habe, und wäre es nur der mythologische Icarus ...
-- Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther,
als das, dessen Opferliste die Namen eines Pilâtre de Rozier in Calais,
der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in
den Michigan-See fielen, eines Swel, Crocé-Spinelli, Eloy und so vieler
Anderer enthält, welche gewiß nicht so leicht der Vergessenheit
anheimfallen."
Das hieß "mit einem Hieb parirt", wie man in der Fechtkunst sagen
würde.
"Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie übrigens, dieselben
mögen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle
Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde
zu vollenden -- was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen dürfte."
Neue wüthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten
anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte.
"Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der
Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen?
-- Ja, gewiß!
-- Und Sie hätten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden?
-- Vielleicht, mein Herr.
-- Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend.
-- Nun ja, Robur, der Sieger -- ich nehme diesen Namen an und werde ihn
führen, denn ich habe das Recht dazu.
-- Wir erlauben uns indeß daran zu zweifeln! rief Jem Cip.
-- Meine Herren, erklärte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten,
wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld' ich es nicht,
daß mir Jemand eine Unzuverlässigkeit meiner Worte vorwirft, und ich
würde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise
unterbrach.
-- Ich heiße Jem Cip ... und bin Vegetarianer.
-- Bürger Jem Cip, antwortete Robur, ich weiß, daß die Pflanzenesser
gewöhnlich längere Eingeweide haben, als andere Menschen -- mindestens
um einen Fuß länger. Das ist schon viel ... Nun verleiten Sie mich
nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlängern, indem ich bei den Ohren
anfange ...
-- Durch die Thür!
-- Hinaus auf die Straße!
-- Man viertheile ihn!
-- Lynchen, lyncht den Kerl!
-- Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! ..."
Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen
sie von den Stühlen auf und umdrängten die Tribüne. Robur verschwand
unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme
getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens ließ die Dampftrompete ihren
heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem Abende konnte
Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner
Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum
Löschen desselben nicht hinreichen.
Plötzlich entstand in der lärmenden Masse eine Bewegung nach rückwärts.
Robur hatte eben die Hände wieder aus den Taschen gezogen und streckte
sie gegen die vorderste Reihe der wüthenden Gegner aus.
Seine beiden Hände zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fäuste,
welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens
ihre überall verständliche Sprache reden lassen -- zwei kleine
Taschen-Mitrailleusen.
Dann rief er, das Zurückgehen der Angreifer und die vorübergehende
Stille, welche dabei eintrat, schnell benützend:
"Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt
hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Bürger
Ballonisten! Sie sind nur Cabo..."
In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fünf Schüsse in die
Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand
der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm
keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein
Aviations-Apparat ihn in die Lüfte entführt hätte.
IV.
In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den
Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht.
Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des
Weldon-Instituts, wenn sie nach stürmischen Verhandlungen aus den
Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraßen noch streitend
und lärmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses
Stadttheiles Klagen eingegangen über die geräuschvollen Ausläufer
solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und
mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten müssen, um wenigstens
Verkehrsstörungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig
oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden
Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie
so große Verhältnisse angenommen, niemals wären jene Klagen mehr
begründet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger
gewesen.
Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde
Umbände zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier
Pfählen, wie sie eben erlitten, gewiß nicht versehen hatten. Den
übereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes "leichter, als die Luft"
hatte ein nicht minder energischer Vertreter des "schwerer, als die
Luft" höchst unangenehme Dinge in's Gesicht gesagt; und als ihm dafür
die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann
spurlos verschwunden.
Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen,
hätten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben müssen. Die
Nachkommen Amerigo's als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht
eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie
eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war?
Die Mitglieder des Clubs stürzen sich also truppweise erst in die
Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraßen und dann in das ganze
Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden.
Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Häuser vornehmen zu
lassen, um sich später wegen des gewaltthätigen Angriffs in das
Privatleben ihrer Mitbürger zu entschuldigen, was gerade bei den
Völkern von angelsächsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt
wird. Vergebliches Aufgebot von Belästigungen und Nachforschungen.
Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur
hinterlassen. Und wenn er mit dem »Go a head«, dem Ballon des
Weldon-Instituts, davongefahren wäre, hätte er nicht mehr unauffindlich
gewesen sein können. Nach einstündigen Haussuchungen mußten sie darauf
verzichten, und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die
eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen über das ganze Gebiet Nord-
und Südamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen.
Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt.
Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu
die Städte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe
Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten
jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen häuslichen
Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich
William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Miß Doll und Miß Mat
ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose
versüßt hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein,
deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entfernteren
Vorstädte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem öffentlich nachgesagt
worden war, einen um einen Fuß längeren Darmcanal zu haben, als der
Mensch ihn sonst mit sich herumträgt, begab sich nach seinem Eßzimmer,
wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete.
Zwei der bedeutendsten Ballonisten -- aber nur zwei -- schienen nicht
daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die
Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es
waren das die beiden Unversöhnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der
Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts.
An der Thür des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel
Prudent, wie gewöhnlich seinen Herrn.
Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den
Gegenstand des Gesprächs zu kümmern, der die beiden Collegen schon in
die Hitze gebracht hatte.
Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort "plaudern" für die
Thätigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs
sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie
sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalität zu
suchen war.
"Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, hätte ich die Ehre
gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu präsidiren, es
wäre niemals zu einem solchen Scandal gekommen!
-- Und was würden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt hätten?
fragte Onkel Prudent.
-- Ich hätte jenem öffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch
ehe er den Mund öffnete.
-- Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, müsse man ihm ein
solches wenigstens erst aussprechen lassen.
-- Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!"
Und während sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in's
Gesicht warfen, schlenderten die beiden Männer mehrere Straßen dahin,
die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten
Quartiere, deren Lage sie später zu großen Umwegen zwingen mußte.
Frycollin folgte noch immer nach, fühlte sich aber doch etwas
beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin
verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzüglich nicht so
kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der
zunehmende Mond war eben nur dabei, "seine achtundzwanzigtägige
Rundreise" zu beginnen.
Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von
verdächtigen Schatten belauscht würden, und wirklich, er glaubte fünf
oder sechs große Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu
verlieren schienen.
Instinctiv näherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt
hätte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprächs zu
unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte.
Der Zufall fügte es, daß der Vorsitzende und der Schriftführer des
Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem
Fairmont-Park verirrten. Hier überschritten sie, in lebhaftem
Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berühmten
Eisenbrücke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich
endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite
als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem
Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in
der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden.
Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin plötzlich noch mehr zu, und
das mit um so größerer Berechtigung, da fünf bis sechs jener Schatten
ihnen auch über die Strombrücke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner
Augen hatte sich dabei so erweitert, daß sie bis an den Rand der Iris
reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Körper zusammen und
zog sich zurück, als besäße er jene eigenthümliche Zusammenziehbarkeit,
welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist.
Der Diener Frycollin war nämlich ein vollständiger Hasenfuß.
Ein richtiger Neger und Südcaroliner, mit vierschrötigem Kopfe auf
einem mageren Rumpfe. Er zählte jetzt gerade 21 Jahre, war also nicht
einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber
nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul
und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er
seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon
nahe daran gewesen, vor die Thüre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn
behalten -- um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch
lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkühnsten
Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen
sein Hasenherz auf die härtesten Proben gestellt werden mußte. Dafür
fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere
Vorwürfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner
Trägheit. Ach, armer Frycollin, hättest Du in der Zukunft lesen können!
Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen
Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz
anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen
vorkamen? War für Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht
das des Onkel Prudent, wo das kühne Wagen in Permanenz erklärt war?
Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit
an seine Fehler gewöhnt, übrigens besaß er doch -eine- gute
Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie
diese gewöhnlich -- und das hat einigen Werth, denn nichts ist so
widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des
besitzanzeigenden Fürwortes und des Infinitivs bis zum Mißbrauch
getrieben wird.
Es steht also fest, daß der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war,
und zwar nannte man ihn einen "Prahlhans gleich dem Monde".
Es erscheint übrigens nur gerecht, gegen diesen für die blonde Phöbe
beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die
sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der
Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets
der Erde gerade in's Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rücken
zuzuwenden?
Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde -- es war jetzt bald
Mitternacht -- begann die "blasse, verdächtige Scheibe" schon im Westen
hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das
Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den
Erdboden, so daß es unter den Bäumen noch etwas finsterer war.
Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu
lassen.
"Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen
sie näher heran."
Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu.
"Master Onkel!" redete er ihn an.
So nannte er ihn gewöhnlich und so wollte der Vorsitzende des
Weldon-Instituts auch genannt sein.
Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste
entbrannt; und da sie einander spazieren führten, wurde Frycollin sehr
grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht
und Schuldigkeit sei.
Und während die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel
Prudent immer weiter hinaus nach den verödeten Grasgründen des
Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der
Brücke, die sie zur Rückkehr nach der Stadt unbedingt überschreiten
mußten.
Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bäume, in
deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum
derselben schloß sich eine größere Lichtung an, ein weiter, ovaler
Wiesenplan, wie geschaffen für Wettrennen. Hier hätte nicht die
kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestört und
kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der
mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert.
Und doch, wären Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten
nicht gar so sehr vertieft gewesen, hätten sie sich nur einigermaßen
aufmerksam umgesehen, so hätte ihnen nicht entgehen können, daß der
weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein
Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man hätte
das Ganze mit seinen vielen Windmühlen für ein Zauberwerk erklären
können, wenn man die Mühlenflügel sah, die, jetzt unbeweglich, im
Halbdunkel Grimassen zu machen schienen.
Doch weder der Präsident, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts
bemerkte diese auffällige Veränderung der Ansicht des Fairmont-Parks;
Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen
Gestalten sich näherten und zusammenduckten, als rüsteten sie sich zu
einem räuberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern
und war doch gleichzeitig wie gelähmt, so hatte ihn die Furcht vor den
nächsten Minuten ergriffen.
Obwohl ihm die Kniee förmlich schlotterten, gewann er doch noch die
Kraft, einmal zu rufen:
"Master Onkel! ... Master Onkel!
-- Nun, was giebt es denn?" antwortete Onkel Prudent.
Vielleicht wären er und Phil Evans nicht böse darüber gewesen, ihren
Zorn dadurch abzukühlen, daß sie dem unglücklichen Diener eine tüchtige
Tracht Prügel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie
letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben.
Unter den Bäumen gellte plötzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig
flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf.
Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung,
daß der Augenblick zu irgend einer Gewaltthätigkeit gekommen sei.
Schneller, als man es ausdenken kann, stürzten sich schon sechs Männer
durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und
zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz überflüssiger
Weise, denn der Neger wäre ganz unfähig gewesen, sich zu wehren.
Obgleich überrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und
der Schriftführer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu
leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen
Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde,
blind durch eine Binde über die Augen, und wurden, überwältigt und
gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was
konnten sie anders annehmen, als daß sie einer Rotte jener
gewissenlosen Herumlungerer in die Hände gefallen seien, welche Jeden
ausrauben, den sie noch zu später Stunde im Walde antrafen? Und doch
täuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl
Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute,
mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich führte.
Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fühlten Onkel Prudent, Phil
Evans und der Diener Frycollin, daß sie, ohne daß ein Wort zwischen den
Angreifern gewechselt worden wäre, nicht auf den Rasen der Waldblöße,
sondern auf eine Art Fußboden niedergelegt wurden, der unter ihrem
Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf
hörte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte
die drei Männer, daß sie gefangen seien.
Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Geräusch, wie ein
Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne daß in
der so ruhigen Nacht etwas Anderes hörbar geworden wäre.
* * * * *
Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den
Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung
des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes räthselhaften
Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur -- Robur der Sieger! -- die
Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten
erregt, und endlich sein unerklärliches Verschwinden.
Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man später
davon hörte, daß auch der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs
in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien.
Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen
angestellt! Vergeblich -- alle vergeblich. Die Zeitungen von
Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die
von ganz Amerika bemächtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklärten
ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch
Annoncen und Maueranschläge wurden beträchtliche Preise ausgesetzt --
nicht allein für Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden
würde, sondern auch für Jeden, der nur auf eine Fährte hinweisen
könnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg.
Und hätte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so
konnten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts
nicht vollständiger von der Oberfläche der Erdkugel verschwunden sein.
Die Regierungsblätter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen
hervor, das Personal der Polizei in beträchtlichem Maßstabe zu
vermehren, weil ähnliche Attentate gegen die besten Bürger der
Vereinigten Staaten sich wiederholen könnten -- und sie hatten damit
Recht.
Freilich verlangten die Blätter der Opposition, daß das Personal
vollständig, und zwar als unnütz verabschiedet werde, da derartige
Raubanfälle sich doch wiederholen könnten, ohne daß es möglich würde,
die Urheber derselben zu entdecken -- und vielleicht hatten sie damit
nicht Unrecht.
Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in
der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden
wird.
V.
In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden
und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird.
Eine Binde über den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen
Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knöchel zu haben,
d. h. also jeder Möglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen,
beraubt zu sein, das war für den Onkel Prudent keine Lage, in der er
sich hätte wohl fühlen können, und ebenso wenig für Phil Evans und den
Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber
dieser Entführung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und
welches Loos man zu erwarten habe -- das mußte gewiß auch das
allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehörten die
Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im
geringsten zur Familie der Lämmer. Berücksichtigt man die natürliche
Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in
welcher Gemüthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte.
Jedenfalls mußten Phil Evans und er langsam einsehen, daß es für sie
Schwierigkeiten haben werde, am nächsten Abend ihre Plätze im Bureau
des Clubs einzunehmen.
Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde
überhaupt unmöglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt,
als lebendig.
Während einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung
ein. Kein Mensch ließ sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen
wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben,
nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf
erstickte Seufzer, auf ein dumpfes, "Ach!" angewiesen, das sich kaum
durch ihre Knebel preßte, und beschränkt auf schwache Bewegungen, wie
sie etwa ein seinem natürlichen Element entrissener absterbender
Karpfen ausführt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch'
verhaltene oder vielmehr eingeschnürte Wuth das in ihnen erzeugen
mußte. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten
sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn
augenblicklich abging, bemühten sie sich, vielleicht durch den
Gehörsinn einige Aufklärung über diesen beunruhigenden Zustand der
Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes
Geräusch zu hören, als das ununterbrochene und unerklärliche "frrr",
das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien.
Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe aus Werk ging,
den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann löste
sich allmählig der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht
aneinander, und endlich erlangten seine Hände wieder die gewohnte
Bewegungsfreiheit.
Durch kräftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen
Blutumlauf wieder her, und in der nächsten Minute schon hatte Phil
Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus
seinem Munde gelöst und alle Stücke mit der feinen Klinge seines
"Bowie-Messers" zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein
Bowie-Messer in der Tasche hätte, wäre eben kein Amerikaner mehr.
Wenn Phil Evans aber hieraus die Möglichkeit, sich zu bewegen und zu
sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen
fanden keine Gelegenheit zu nützlicher Thätigkeit -- wenigstens jetzt
nicht, denn in der Zelle, die sie einschloß, herrschte vollständige
Finsterniß. Ein ganz schwacher Lichtschein drang nur durch eine Art
Schießscharte herein, die in sechs bis sieben Fuß Höhe in der Wand
angebracht war.
Es versteht sich von selbst, daß Phil Evans keinen Augenblick zögerte,
auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Züge mit dem Bowie-Messer
genügten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Füße und Hände
fesselten. In heller Wuth riß sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf
den Füßen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus
und stammelte mit erstickter Stimme:
"Ich danke Ihnen!
-- Nein! ... Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere.
-- Phil Evans?
-- Onkel Prudent?
-- Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftführer des
Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr.
-- Sie haben Recht, bestätigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei
Männer, die sich zu rächen haben an einem Dritten, dessen Gewaltstreich
die strengste Wiedervergeltung herausfordert.
-- Und dieser Dritte ...
-- Ist jener Robur! ...
-- Ja, jener Robur!"
Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezüglich dessen die beiden
Ex-Concurrenten völlig übereinstimmten, ein Streit über diesen
Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen.
"Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf
Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir müssen auch ihn befreien.
-- Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er würde uns mit seinen
Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun,
als auf sein Jammern zu achten.
-- Und was denn, Onkel Prudent?
-- Uns zu retten, wenn es möglich ist.
-- Und selbst wenn es unmöglich ist!"
Ein Zweifel daran, daß diese Entführung jenem Fremdling, dem Robur,
zuzuschreiben sei, konnte dem Präsidenten und seinem Collegen gar nicht
in den Sinn kommen. In der That hätten ja einfache, ehrsame Räuber sie
unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies
entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den
Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einschließen in ... Ja, in was? --
Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lösung verdiente,
ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen
zu ihrer Flucht denken konnten.
"Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir hätten wahrlich
besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt
Liebenswürdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurückkommen wollen,
auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wären. Verließen
wir die Straßen von Philadelphia nicht, so wäre das Alles nicht
geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein
Auftreten im Club bewirken würde, er muthmaßte die Wuthausbrüche,
welche seine Herausforderungen entfesseln mußten, und hatte vor der
Thüre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle
beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Straße verließen, spürten uns
seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, daß wir
uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da
hatten sie ja leichtes Spiel.
-- Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht
gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen.
-- Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben," versetzte Onkel
Prudent.
Da ertönte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der
Zelle.
"Was war das? fragte Phil Evans.
-- O nichts ... Frycollin träumt nur."
Und Onkel Prudent fuhr ungestört fort:
"Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der
Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf,
sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, daß jene
Leute uns nicht über den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben.
-- Denn wenn das geschehen wäre, hätten wir doch von der Fortschaffung
etwas verspüren müssen.
-- Einverstanden, erklärte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem
Zweifel, daß wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt
sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem
Gefährte von Seiltänzern.
-- Ohne Zweifel. Befänden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom
vertäuten Schiffe, so müßte sich das durch ein leichtes Schwanken von
Bord zu Bord, veranlaßt durch die Strömung, zu erkennen geben.
-- Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich
meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder
nie der geeignete Moment zur Flucht, um später jenen Robur wieder
aufzuspüren ...
-- Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Bürger der
Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen!
-- Theuer ... sehr theuer!
-- Doch, wer ist dieser Mann? ... Woher kommt er? ... Ist es ein
Engländer, ein Deutscher, ein Franzose ...
-- Jedenfalls ein elender Wicht, das genügt, antwortete Onkel Prudent.
Und nun an's Werk!"
Mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern tasteten Beide an der
Wand des kleinen Raumes umher, um einen Riß oder eine Spalte zu
entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der
Thür. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wäre
unmöglich gewesen, das Schloß derselben zu sprengen. Man mußte also ein
Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat
nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im
Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem
Vorhaben gar zerbrechen würden.
"Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhört? fragte Phil
Evans, der sich über das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen
konnte.
-- Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent.
-- Der Wind? ... Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig
gewesen wäre ...
-- Gewiß, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was
halten Sie denn für die Ursache?"
Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers
aufgeklappt, in die Wand nahe der Thür einzuschneiden. Vielleicht
genügte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von außen zu öffnen.
wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlüssel im
Schlosse stecken geblieben war.
Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu
verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine
tausendzähnige Säge zu verwandeln.
"Es greift wohl nicht, Phil Evans?
-- Nein.
-- Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden?
-- Das nicht, Onkel Prudent; diese Wände geben angeschlagen keinen
metallischen Ton.
-- Also vielleicht aus Eisenholz?
-- Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz.
-- Aus was bestände sie denn dann?
-- Das ist unmöglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine
Substanz, welche der Stahl nicht angreift."
Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den
widerhallenden Boden mit den Füßen und seine Hände suchten einen
eingebildeten Robur zu erwürgen.
"Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie
einmal Ihr Glück."
Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine
Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen
vermochten, als ob diese aus Krystall wäre.
Eine Flucht erschien also ganz unausführbar, denn ohne Oeffnung der
Thür war an eine solche doch gar nicht zu denken.
Es galt demnach, für jetzt darauf zu verzichten, was dem
Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom
Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal
zuwider ist. Natürlich geschah das nicht ohne Verwünschungen,
furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur's gerichtete schwere
persönliche Beleidigungen, während er doch gar nicht der Mann dazu
schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er
sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im
Weldon-Institute.
Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner
unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krümmen im Magen
empfand oder die Einschnürung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen
hatte, jedenfalls begann er jämmerlich zu lamentiren.
Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu müssen, indem er
die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt.
Fast hätte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern.
Sofort begann Jener nämlich eine endlose Litanei, in der Ausbrüche des
Entsetzens und -- Klagen über Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin
litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, so, es wäre schwierig gewesen,
zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem
Jammern des Negers beizumessen war.
"Frycollin!" rief Onkel Prudent.
"Master Onkel! Master Onkel!" antwortete der Neger mit kläglichem
Geschrei.
"Es ist möglich, daß wir verdammt sind, in diesem Gefängnisse Hungers
zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar
erscheint, zu verbuchen, um unser Leben zu verlängern.
-- Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin.
-- Wie man es unter solchen Umständen mit einem Neger stets macht!
Sorge also, Frycollin, daß Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst ...
-- Oder Du wirst fri--cas--sirt!" setzte Phil Evans hinzu.
Frycollin bekam wirklich Angst, daß sein Leichnam in Anspruch genommen
werden könnte, das Leben zweier Männer zu verlängern, das jedenfalls
werthvoller war, als das seinige. Er begnügte sich also, nur noch im
Stillen zu seufzen.
Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thür oder die Wand
gewaltsam zu öffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese Wand
bestand, ließ sich unmöglich feststellen. Metall war das nicht, Holz
war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fußboden der Zelle schien
übrigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stieß man mit dem
Fuße auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die
bekannten Geräusche zu classificiren, Onkel Prudent gewiß viele Mühe
gemacht hätte.
Dabei bemerkte man noch, daß der Fußboden entschieden hohl klang, so,
als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, er schien
bei dem unerklärlichen frrr selbst leise zu erzittern. Alles das war
nicht gerade beruhigender Natur.
"Onkel Prudent, begann Phil Evans.
-- Phil Evans? antwortete der Gefragte.
-- Meinen Sie, daß unsere Zelle ihre Lage verändert hat?
-- Keineswegs.
-- Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den
frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bäume des Parkes
wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es
erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wäre.
-- Das ist freilich wahr.
-- Doch, wie soll man das erklären?
-- Erklären wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht
durch die Hypothese, daß unser Gefängniß eine Ortsveränderung erlitten
habe. Ich wiederhole, daß wir es unbedingt hätten fühlen müssen, wenn
wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem
dahingleitenden Schiffe befänden."
Frycollin ließ einen langgedehnten Seufzer hören, den man hätte für
seinen letzten halten können, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt
wären.
"Ich gab mich der Hoffnung hin, daß Robur uns bald veranlagen werde,
vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort.
-- Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in's
Gesicht sagen ...
-- Was?
-- Daß er erst wie ein Unverschämter in unsere Verhandlungen
eingegriffen hat, um schließlich gleich einem Schurken zu handeln!"
Eben jetzt bemerkte Phil Evans, daß der Tag zu grauen begann. Ein noch
schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der
Thür gegenüberliegenden Wand angebrachte Schießscharte herein. Es
mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser
Breite färbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit
den ersten Morgenstrahlen.
Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen ließ, ein
Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war --
meldete diese, daß es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr
inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte.
"Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht
sein.
-- Meine Uhr müßte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel
Prudent.
-- Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!" rief Phil Evans beleidigt.
Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich
die Schießscharte weiß von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und
doch, wenn das Morgengrauen frühzeitiger auftrat, als es entsprechend
dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so
erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den
niedrigen Breiten.
Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwähnte der fast
unerklärlichen Erscheinung.
"Wir konnten vielleicht bis nach der Schießscharte hinaufklimmen",
bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir
überhaupt sind.
-- Das können wir," stimmte Onkel Prudent zu.
Dann wandte er sich an Frycollin:
"Nun munter, Fry, auf die Füße!"
Der Neger erhob sich.
"Lehne Dich mit dem Rücken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort,
und Sie, Phil Evans, steigen gefälligst auf die Schultern dieses
Burschen, während ich Sie von rückwärts halte.
-- Recht gern," antwortete Phil Evans.
Einen Augenblick später kletterte er schon auf Frycollin's Schultern,
so daß er zu der Schießscharte hinaussehen konnte.
Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die
Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewöhnliche Planscheibe.
Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien
Ausblick Phil Evans', dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschränkt
wurde.
"So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht
können Sie dann besser sehen."
Phil Evans führte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines
Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab,
aber nicht zerbrach.
Ein zweiter, noch kräftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat.
"Schön, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!"
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