Robur der Sieger
von
Julius Verne.
Bibliographische Anstalt Adolph Schumann.
Leipzig
Julius Verne's Reiseromane. Band 51.
[Hinweis: Andere Übersetzungen des Romans "Robur-le-Conquérant"
erschienen unter dem Titel "Robur der Eroberer".]
I.
Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die
ungelehrte.
Paff! ... Paff!
Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben
in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine
Kugel in's Rückgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an.
Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.
Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja
Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt
sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer,
der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die
Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein
letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten
Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei
Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem
amerikanischen verbindet.
Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.
"Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie »Rule
Britannia« war, sagte er.
-- Nein, der »Yankee Doodle«!" versetzte der Andere.
Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der
Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den
Worten einmischte:
"Nehmen wir an, es wäre der »Rule Doodle« und der »Yankee Britannia«
gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück."
Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und
Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs
des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und
Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels auf Goat Island -- einem
neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen -- Platz zu nehmen.
Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen
Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast
brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die
weltbekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie
nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe
dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.
Wer hatte nun Recht -- der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre
schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes
Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht
allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein
Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem
Monate alle Köpfe verwirrte.
»... Os sublime dedit coelumque tueri«
hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man
seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals
den Himmel so vielfach betrachtet.
Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus
der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil
von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt.
Die Einen hatten daraus den »Yankee Doodle«, die Anderen das »Rule
Britannia« zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger
angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island
endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere
Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein Zweifel,
daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als
schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.
Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder
ein Erzengel geblasen hätte? ... Waren es nicht vielmehr lustige
Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von
dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem
Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen
Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen
Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte
sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa,
acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die
Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht
die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?
In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand
deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt
Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde
er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und
wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein
anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die
Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit
dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des
Sonnensystems zu vertauschen.
Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren
Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein
Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene
fast sagenhafte Trompete -- mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle
stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert
und die sich über unserem Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.
Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage,
behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder
verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen,
erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage
-- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig
auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die
Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es
sich überhaupt?
Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese
keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich?
Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend
Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen
aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer
kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über
ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?
Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel
Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles
während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch
wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und
Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist
nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit
unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen
Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte
man solche Ehre angethan!
Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine
Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus
während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein
wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.
Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine
seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für
mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten,
Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man
nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man
nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für
Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen
hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß.
Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis,
wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor
der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das
Land, wo man "frank", d. h. offen spricht.
Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der
Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein
elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht überdauerte. Am
Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet
worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn
zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der
Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den
Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im
Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.
Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen
verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an
verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden,
wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren
Herden aus, die sich durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er
nur einem einzigen solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer
Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde
erreichte.
Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der
Luft bemerkt?
Nein, niemals.
Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?
Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den
leisesten Ton gehört.
Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht mehr aus, noch
ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung.
Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, obwohl Beide die
Behauptung aufstellten, "an der ganzen Sache sei nichts".
"Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine.
-- Eine Gehörstäuschung!" erwiderte das Andere.
Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch allemal
hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu
Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. Rußland bewies
ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, daß
sie Beide Recht hätten, das hänge nur von den Gesichtspunkten ab, auf
die sie sich bezüglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten,
die in der Theorie unmöglich schien und in der Praxis möglich war.
In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, auf
dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St.
Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zürich und des
Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte man sich einer ganz
besonderen Zurückhaltung gegenüber einer Thatsache, die bisher Niemand
zu bekräftigen vermocht hatte -- was gewiß recht vernünftig zu nennen
ist.
In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und
des Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet,
wie auf dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten,
die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des
Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen
Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe
hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur derselben wußten
sie freilich ebenfalls nichts.
In der That begann dieses Geheimnis allmählich die Vertreter der
Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die
Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen
Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet
haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen
und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der
Sache zu beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der
Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28.
zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer
und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt
hatten, daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein
gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es
auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag
es doch keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe,
welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.
In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von
Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders
merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die Norweger doch
einmal über einen Punkt einig zu sein schienen.
Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen
Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata,
auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und
das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.
Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich
zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine
Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der
Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer
ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche
bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont
umschließt.
"Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den es sich
handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine
wäre."
Welcher Scherz!
Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr
lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen
Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus
größte Gebiet einnehmen.
Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege -- er wählt gewöhnlich den,
der am schnellsten zum Ziele führt. So zögerten auch die amerikanischen
Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig
auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer
Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, daß sie dieselben
jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst hätten wieder
ersetzen müssen.
In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von
Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna
denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan
feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur des
beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn
Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur
gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn
des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in mäßiger Höhe über dem
Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach
Columbia ist aber die Entfernung eine so große, daß eine doppelte
Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen
werden konnte.
Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militärakademie,
gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die
gerade Aufsteigung und die Declination des bewußten Körpers bestimmte.
Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem Irrthume
unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur eine Feuerkugel
gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um
diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie könnte auch
eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?
Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren
schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung hinzustellen.
Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute
ebenso wenig getäuscht, wie deren Augen. Unzählige Beobachter hatten
vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehört. In der sehr
dunklen Nacht -- vom 12. zum 13. Mai -- war es den Beobachtern des
Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige
Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in
Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des
bekannten »Chant du départ« -- eines Soldatenliedes beim Auszug zum
Kampfe -- übereinstimmten.
"Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja ein
französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertönen
läßt!"
Scherzen heißt aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das
von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu Boston,
dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie für die
gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.
Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im
Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von
Cincinnati eine Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine
mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt
gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin
aus, daß den weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde
liege, daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr
verschiedenen Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher
Körper zeige, daß über dessen Natur, Größenverhältnisse,
Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil möglich sei.
Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der New-York
Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: "Noch dürfte
der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte
zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem französischen
Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur
Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im südlichen
Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.
"Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der Absicht,
Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, schon mehr eine
Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem
Schlage vernichten sollte.
"Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß dieses
Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mündung der
Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal größeren
Geschwindigkeit, als gewöhnliche Geschosse -- nämlich fünfundsiebzig
bis achtzig geographische Meilen in der Stunde -- hinweg getragen
wurde, daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem
Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren
Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß.
"Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein nicht
anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper sein?"
Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald
... aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte
sich bestimmt keine Trompete befunden.
Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle Beobachter
beobachteten einfach falsch.
Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey
aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!
Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der Alten und der
Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß bemächtigt hätte. Im
Gegentheil, die Erörterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort,
ohne daß irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat
einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß
etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es
sonst war, gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton
aus der Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die Erde
niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden
besonders erschwerte -- etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der
unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen
Oceans? Wer hätte das sagen können?
Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe
von Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen
Phänomens schlechterdings unmöglich war.
Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten Punkten
eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von Kirchen
u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger überrascht durch eine solche
an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Türken auf dem höchsten
Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der
Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straßburger am
obersten Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer
Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des
Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels
der fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk
der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des St.
Peters-Domes, die Engländer am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London,
die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener
an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser
am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der
Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.
Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte
eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.
II.
In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten,
ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen.
"Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ...
-- Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafür vorliegt!
-- Und auch trotz Ihrer Drohungen! ...
-- Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn!
-- Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent!
-- Ich bleibe dabei, daß sich die Schraube nur am Hintertheil befinden
darf!
-- Wir auch! Wir auch! erschallten fünfzig Stimmen wie aus einer Kehle.
-- Sie muß am Vordertheil sein! rief Phil Evans.
-- Am Vordertheil! brüllten fünfzig andere Stimmen eben so stark, wie
jene früheren.
-- Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen!
-- Niemals! ... Niemals!
-- Nun, warum streiten wir dann überhaupt noch?
-- Das ist kein Streit ... es ist nur eine Erörterung!"
Das hätte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung,
die Vorwürfe und das Geschrei hörte, welche den Sitzungssaal seit einer
guten Viertelstunde erfüllten.
Gedachter Saal war nämlich der größte des Weldon-Institutes ... und
jenes vor allen berühmten Clubs in der Walnut Street zu Philadelphia,
Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika.
In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl
eines Gaslaternenanzünders zu öffentlichen Kundgebungen, geräuschvollen
Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schlägen gekommen. Daher
rührte eine noch nicht besänftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch
jene außergewöhnliche Erregung, welche die Mitglieder des
Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine
einfache Vereinigung von "Ballonisten", welche über die noch heutigen
Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten.
Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten
ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago,
Cincinnati und San Francisco überholt hat -- einer Stadt, welche weder
ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder
Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie
der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist -- in einer
Stadt, die an Größe schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien,
Petersburg und Dublin übertrifft -- einer Stadt, die einen Park
besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen
Platz finden -- einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000
Einwohner zählt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als
die fünfte Stadt der Welt betrachtet.
Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen
monumentalen Gebäuden und öffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen
nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das
Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die größte
Eisenbrücke der Erde ist die, welche den Schuylkill überspannt, und
diese befindet sich in Philadelphia. Der schönste Tempel der
Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der
größte Club von Freunden und Beförderern der Luftschifffahrt ebenfalls
in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt hätte, diesen am Abend des
12. Juni zu besuchen, der würde sich dabei ausgezeichnet unterhalten
haben.
In erwähntem großen Saale bewegten, drängten sich, gestikulirten,
sprachen, verhandelten und stritten -- Alle den Hut auf dem Kopfe --
wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Präsidenten, dem
ein Schriftführer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das
keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was
mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und
vor Allem Feinde Derjenigen, welche den Aerostaten Apparate, "schwerer
als die Luft", fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen
beabsichtigen. Daß diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des
Ballons erfinden würden, war gewiß mehr als wahrscheinlich. Auf jeden
Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehörig zu lenken
und zu leiten.
Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Präsident war der Onkel Prudent
-- Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung
"Onkel" betrifft, so braucht man sich in Amerika über diese nicht zu
wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine
Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderwärts Vater von
Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch
haben.
Onkel Prudent war eine gewichtige Persönlichkeit und trotz seines
Namens oft genannt gerade wegen seiner Kühnheit, daneben sehr reich,
was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll.
Wie hätte er das auch nicht sein sollen, da er einen großen Theil der
Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich nämlich in
Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berühmten
Fälle gegründet. Die 7500 Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde
hinabwälzt, können 7 Millionen Dampfpferdekräfte erzeugen. Diese
ungeheure, in einem Umkreise von 500 Kilometer nach allen Fabriken und
Werkstätten vertheilte Kraftmenge lieferte eine jährliche Ersparniß von
1200 Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft
-- speciell in die Taschen des Onkel Prudent -- zurückfloß. Uebrigens
war er Junggeselle, lebte höchst einfach und hatte als häuslichen
persönlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der
eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so kühnen,
unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt einmal Regelwidrigkeiten.
Daß der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich
ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes
Clubs war -- unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte
strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftführer des
Weldon-Institutes zu erwähnen.
Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der
Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtäglich
500 Stück Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten
der Schweiz an die Seite stellen können. Phil Evans hätte also für
einen der glücklichen Menschen der Welt selbst in den Vereinigten
Staaten gelten können, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent
absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von scheinbar
unerschütterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Kühnheit,
und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzüge des
Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu
vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Männer, wie geschaffen, einander
zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu
bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine,
Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum
Uebermaße.
Und woher kam es, daß Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs
ernannt worden war? Die Stimmenzahl für Onkel Prudent und für ihn war
die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung
wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majorität weder für
den Einen, noch für den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche
wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten hätte überdauern
können.
Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit
aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes.
Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten,
ausschließlicher Gemüseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung,
wie alle gegohrenen Getränke verwarfen -- halb Brahmanen und halb
Muselmänner -- der Rival eines Nievmann, Pitmann, Ward und Davie,
welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen
gemacht haben.
Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied
des Clubs unterstützt, von William T. Forbes, dem Director einer großen
Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefelsäure
hergestellt wurde -- ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter
Wäsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser
William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren Töchtern,
der Miß Dorothee, genannt Doll, und der Miß Martha, genannt Mat, die in
der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben.
Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen unterstützte Vorschlag
Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den
Mittelpunkt zu bestimmen.
Wahrlich, dieser Wahlmodus könnte in allen Fällen angewendet werden, wo
es sich darum handelt, den Würdigsten zu erwählen, und sehr viele,
höchst vernünftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei
der Ernennung des Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu
bringen.
Auf zwei tadellos weiße Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie
gezogen. Die Länge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man
hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es
sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer
Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nämlichen Tage
inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden
Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und
gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene
Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am
nächsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen würde, sollte damit zum
Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewählt sein.
Es versteht sich von selbst, daß hierbei jedes Hilfsmittel, jedes
Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend
war. Es galt, nach volksthümlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu
haben.
Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans.
Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem
Mittelpunkte am meisten genähert hatte.
Welches Wunder! Die beiden Männer hatten so vortreffliches Augenmaß
entwickelt, daß die Messungen keinen schätzenswerthen Unterschied
ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt
getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den
beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden obendrein noch gleich
groß zu sein.
Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit.
Zum Glück bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die
Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine
getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Möglichkeit
gewährt noch ein Fünfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf
dem Lineal waren in der That fünfzehnhundert Abtheilungen auf einem
solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der
Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man
folgendes Resultat:
Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs
fünfzehnhundertstel Millimeter genähert, Phil Evans auf nahezu neun
fünfzehnhundertstel.
Daher kam es, daß Phil Evans nur Schriftführer des Weldon-Institutes
wurde, während Onkel Prudent die Würde des Präsidenten desselben
erhielt.
Einer Entfernung von drei fünfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht
bedurft, um Phil Evans mit Haß gegen Onkel Prudent zu erfüllen, mit
einem Haß, der, wenn er ihn auch in sich verschloß, doch nicht minder
grimmig war.
Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten
Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon
einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgerüsteten
Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlängerten Ballon
anbrachte, ferner Dupuy de Lôme, 1872, die Gebrüder Tissandier 1883 und
die Capitäne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige
Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mußte.
Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst,
unter dem Drucke einer Schraube manövrirend, eine schräge Richtung
gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen,
um nach ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, also wirklich gelenkt
worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders günstigen
Umständen erreicht werden. In großen, geschlossenen ausgedehnten Hallen
allerdings! In recht ruhiger Atmosphäre -- das ging auch noch recht
gut. Bei einem leichten Winde von fünf bis sechs Meter in der Secunde
war es vielleicht eben noch zu erzwingen -- Alles in Allem hatte man
eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt.
Gegen einen Windmühlenwind von acht Metern in der Secunde würden jene
Apparate nahezu stationär geblieben sein; vor einer frischen Brise von
zehn Metern in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu
werden; und bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der
Secunde überschreiten, würde man von ihnen kein Stückchen wieder
gefunden haben.
Selbst nach den scheinbar glänzend gelungenen Versuchen der Capitäne
Krebs und Renard dürfte als bewiesen angesehen werden, daß die
Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfähigkeit auch ein wenig gewonnen
hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise
aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmöglich zu
betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu
verwenden.
Während man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der
Aerostaten, das heißt mit den Mitteln beschäftigte, diesen eine eigene
Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft
weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und
der Verwendung der bloßen Muskelkraft waren allmählich die elektrischen
Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren
Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrüder
Tissandier benützten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern
in der Secunde. Die zwölf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen
Maschinen der Capitäne Krebs und Renard gestatteten, eine
Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen.
Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen,
sich dem frommen Wunsche zu nähern, eine "Dampfpferdekraft in einem
Taschenuhrgehäuse" zu erzeugen. Die Effecte der Säule, deren
Zusammensetzung die Capitäne Krebs und Renard geheim gehalten hatten,
wurden ebenfalls bald übertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten
Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen
Verhältniß mit ihrer Kraftwirkung wuchs.
Die Anhänger der Möglichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons hatten also
gewiß Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele
klare Köpfe haben es verworfen, an die Benützung solcher zu glauben. In
der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden
Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner großen Masse in
diese eingetaucht. Und wie könnte derselbe, da er wieder den Strömungen
der Atmosphäre eine so breite Angriffsfläche bietet, jemals, und wenn
sein Triebwerk noch so mächtig wäre, direct gegen einen widrigen Wind
aufkommen?
Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch
Anwendung sehr großer Apparate zu lösen.
Es ergab sich übrigens, daß bei diesem Wettstreite der Erfinder in der
Herstellung eines sehr kräftigen und dennoch leichten Motors die
Amerikaner sich dem gewünschten Ziele am meisten genähert hatten. Ein
auf der Anwendung einer neuen Säule beruhender dynamo-elektrischer
Apparat, dessen Construction vorläufig noch Geheimniß blieb, war seinem
Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft
worden. Mit größter Sorgfalt durchgeführte Berechnungen und mit
äußerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, daß dieser Apparat,
wenn er auf eine Schraube von angepaßter Größe wirkte, eine
Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde
gewährleisten mußte.
Wahrlich, das wäre großartig gewesen!
"Und das Ding ist nicht theuer!" hatte Onkel Prudent hinzu gesetzt, als
er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefüllte Quittung das letzte
Päckchen von hunderttausend Papierdollars einhändigte, mit dem man ihm
seine Erfindung bezahlte.
Unverzüglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um ein
Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht,
so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die
nöthigen Mittel strömten zusammen, so daß selbst die Gründung einer
Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars
(also 600.000 fl. = 1-1/5 Millionen Mark) füllten gleich nach dem
ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung
des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W.
Tinder's, der sich unter tausend Anderen vorzüglich durch drei kühne
Fahrten berühmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis 1200 Meter
erhob, d. h. höher aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel,
Crocé-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, während der er ganz
Amerika von New-York bis San Francisco überflog und um mehrere hundert
Lieues die längste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter
sich ließ, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der
Grafschaft Jefferson elfhundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatte; die
dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der Höhe von
fünfzehnhundert Fuß endigte, bei dem er sich doch nur den rechten
Daumen verstauchte, während der minder vom Glücke begünstigte Pilâtre
de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fuß augenblicklich den
Tod fand.
Zur Zeit, mit der diese Erzählung beginnt, konnte man schon
beurtheilen, daß das Weldon-Institut die Angelegenheit kräftig
gefördert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich schon
ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Füllung mit stark
comprimirter Luft geprüft werden sollte. Vor Allem würde dieser den
Namen eines Monstre-Ballons verdienen.
Wie viel faßte der Géant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der
Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum
hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878?
Fünfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser.
Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes,
dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man
leicht, daß Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaßen Recht
hatten, sich vor Stolz aufzublähen.
Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die höchsten Schichten der
Atmosphäre zu erreichen, nannte sich nicht "Excelsior", eine
Bezeichnung, welche sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein,
er war einfach »Go a head«, d. h. "Vorwärts" getauft, und es erübrigte
also nur noch, daß er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung
seines Capitäns allenthalben entsprach.
Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom
Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte
darauf rechnen, daß der »Go a head« seinen Flug durch das Luftmeer
begonnen haben werde.
Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht
überwunden.
Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht
etwa die Form der Schraube oder deren Größenverhältnisse festzustellen,
sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des
großen Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrüder Tissandier
wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capitäne Krebs und Renard
schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Vertreter
dieser beiden Ansichten bei den bezüglichen Verhandlungen darüber fast
handgemein wurden. Die Gruppe der "Vordermänner" glich an Zahl genau
der der "Hintermänner." Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger
Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wäre, Onkel Prudent, der
unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war,
vermied es klüglich, sich zu äußern.
Bei der Unmöglichkeit, ein Einverständniß herbeizuführen, war es
natürlich auch unmöglich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das
konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung in's
Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber
bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um
das zu kümmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewiß ganz
Recht.
So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht
endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu
wollen -- der wie gewöhnlich mit Injurien begann, sich mit
Faustschlägen fortsetzte, dann zu Stockschlägen überging und mit dem
Knallen der Revolver abschloß -- als ein Zwischenfall um acht Uhr
siebenunddreißig Minuten diesen beliebten Verlauf störte.
Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der stürmischen Wogen
einer Volksversammlung, hatte sich der Thürsteher des Weldon-Instituts
genähert und dem Vorsitzenden eine Karte eingehändigt. Er erwartete
eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben
könnte.
Onkel Prudent ließ die Dampftrompete ertönen, die ihm als
Präsidentenglocke diente, denn hier hätte, um durchzudringen, nicht
einmal die große Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm
der Lärm nur noch zu. Da "entblößte der Präsident den Kopf" und Dank
diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche
Ruhe.
"Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine
Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verließ, zugelangt.
-- Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die
hierüber zufällig einer Meinung waren.
-- Ein Fremdling, geehrte Collegen, wünscht in unseren Sitzungssaal
Eintritt zu erhalten.
-- Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen.
-- Er wünscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den
Beweis zu liefern, daß es der greulichste Wahnwitz sei, an die
Lenkbarkeit von Ballons zu glauben."
Allgemeines Murren beantwortete diese Erklärung.
"Herein, herein mit ihm!
-- Wie nennt sich denn diese merkwürdige Persönlichkeit? fragte der
Schriftführer Phil Evans.
-- Robur, antwortete Onkel Prudent.
-- Robur! ... Robur! ... Robur!" heulte die ganze Versammlung.
Und wenn bei Nennung dieses eigenthümlichen Namens der Träger desselben
so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze
Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschuß
seiner Erbitterung abzuschütteln.
Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt -- wenigstens
scheinbar. Wie könnte übrigens ein Sturm so schnell vorübergehen bei
einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter
der Form von Wirbelwinden entsendet?
III.
In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden
braucht, da sie das selbst besorgt.
"Bürger der Vereinigten Staaten, ich heiße Robur[1] und bin dieses
Namens würdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreißig,
habe eine eiserne Constitution, eine unerschütterliche Gesundheit,
hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der
Strauße als vorzüglich gelten würde."
[1] Zu Deutsch: Die Kraft.
Die Versammlung lauschte. Jedes Geräusch hatte vorläufig aufgehört, als
man diese unerwartete Vorrede »pro facie sua« vernahm. War es ein Narr
oder ein Spötter, diese Persönlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er
machte Eindruck und wußte sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein
Lufthauch durch diese Menge, in der doch kurz vorher ein Orkan wüthete.
Die Windstille nach der hohen See.
Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, für den er sich
ausgab. Von mittlerer Größe mit geometrischer Gestalt, ein regelmäßiges
Trapez bildend, deren größte Parallelseite von der Schulterbreite
ausgefüllt wurde; auf dieser Linie saß wieder auf einem kräftigen Halse
ein gewaltiger sphäroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu
vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit
hochintelligentem Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der
geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und über
letzteren waren die Augenbrauenmuskeln -- ein Zeichen entwickelter
Energie -- fortwährend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren
kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trüge er ein Toupet
von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit
Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hände, Beine und
Füße erwiesen sich des Rumpfes völlig würdig.
Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken
Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der
Kinnlade frei ließ, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln
mußten. Man hat berechnet -- was berechnet man denn nicht? -- daß der
Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewöhnlichen Umständen dem von
vierhundert Atmosphären gleich kommt, während der eines Jagdhundes von
mittlerer Größe hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende
merkwürdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm
Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren
zwölf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur hätte deren gewiß zehn
entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser
Beziehung die Mitte.
Aus welchem Lande dieses merkwürdige Menschenkind stammte, hätte man
nur schwer errathen können. Jedenfalls drückte sich der Mann ganz
geläufig englisch aus und ohne jenen schleppenden Tonfall, der den
Yankee von Neu-England unterscheidet.
Er fuhr folgendermaßen fort:
"Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen,
ehrenwerthe Bürger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige
Natur seiner körperlichen nicht nachsteht. Ich fürchte mich vor Nichts
und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem
Anderen gewichen ist. Hab' ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so würde
ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbünden, mich von
Erreichung desselben abzuhalten. Hab' ich einen Gedanken, so erwarte
ich, daß Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich
betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe Bürger, weil Sie mich gründlich
kennen lernen müssen. Sie finden vielleicht, daß ich zu viel von mir
selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber überlegen Sie sich Alles, ehe
Sie mich unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu
sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen dürften."
Ein Grollen wie das der Brandung lief längs der ersten Bänke des Saales
hin, ein Zeichen, daß das Meer bald wieder hoch aufwogen werde.
"Reden Sie, ehrenwerther Fremdling," begnügte sich Onkel Prudent, der
Mühe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten.
Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder
Mißfallen seiner Zuhörer zu kümmern.
"Ja wohl, ich weiß Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder
Experimente, die zu Nichts geführt, nach Versuchen, die ergebnißlos
verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche
hartnäckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. Sie erdenken irgend
einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre
anspruchsvollen, dünnen Hüllen angebracht wurde, welche letztere den
atmosphärischen Strömungen so breite Angriffsflächen darbieten. Sie
bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu können, wie
man etwa ein Schiff auf der Oberfläche des Meeres beherrscht. Weil
einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den
Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz
leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von
Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, zu praktischen Erfolgen
führen? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Männer, die an die
Verwirklichung ihrer Träume glauben und viele Tausende von Dollars
nicht in's Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heißt
gegen eine Unmöglichkeit kämpfen!"
Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenüber dieser
Behauptung jetzt kein Wort, als wären sie eben so taub wie langmüthig
geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser
kühne Widersacher zu gehen wagen würde?
Robur fuhr fort:
"Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, muß
derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch
macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der
Druck einer steifen Brise auf das Großsegel eines Schiffes der Kraft
von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglücksfalle mit der
Taybrücke gesehen hat, daß ein Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf
den Quadratmeter auszuüben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch
niemals ein fliegendes Geschöpf nach diesem System geschaffen hat, ob
dasselbe nun mit Flügeln, wie die Vögel, oder mit Membranen, wie
gewisse Fische und Säugethiere, ausgerüstet wurden ...
-- Säugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs.
-- Gewiß, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre.
Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, daß
die Fledermaus ein Säugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus
Fledermauseiern bereiten sehen?"
Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner für sich,
Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort:
"Wäre damit aber gesagt, daß der Mensch darauf verzichten müsse, das
Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren
Beförderungsmittels die Zustände der alternden Welt umzuwandeln? Gewiß
nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit
Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft
werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt
müssen jene schwerer sein, um mächtiger sein zu können."
Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite
von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie
eben so viele Gewehrläufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht
antworten auf solch' offenbare, in's Lager der Ballonisten
geschleuderte Kriegserklärung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen
dem "leichter" und "schwerer als die Luft" ausgesprochener Maßen wieder
aufgenommen?
Robur verzog keine Miene. Die Arme über der Brust gekreuzt wartete er
es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war.
Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen.
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