so unglücklich gewesen, auf dem Meere bin ich so glücklich. Ich fürchte
mich ordentlich vor dem Lande. Ach, wenn Du erst ein großer Handelsherr
bist und eigne Schiffe hast, dann... dann fahr' ich nur für Dich, das
versprech' ich Dir!
-- Wir wollen ernsthaft sprechen, Grip. Bedenk' einmal, daß Du Dich
später doch einmal recht vereinsamt fühlen könntest. Wenn Dir's nun
einfiele, zu heiraten...
-- Zu hei...raten!... Ich?
-- Ja, Du!
-- Was? Ich, der heimatlose Grip, ich sollte eine Frau haben?... Und
Kinder noch obendrein?
-- Natürlich... so wie alle andern Leute, bemerkte Bob mit dem Tone
eines Mannes von gereiftester Erfahrung.
-- Wie alle andern?
-- Gewiß, Grip, ich selbst sogar...
-- Nun hör' einer den Knirps... was der davon versteht!
-- Er hat aber Recht, erklärte Findling.
-- Und Du, mein Boy, Du denkst wohl auch daran...
-- Das könnte später wohl der Fall sein.
-- Sehr schön! Da ist der eine dreizehn, der andre kaum neun Jahre alt,
und sie sprechen schon vom Heiraten!
-- Von uns ist nicht die Rede, Grip, doch von Dir, der Du bald
fünfundzwanzig Jahre alt bist.
-- Nein, mein Junge, überlege Dir doch! Ich... mich verheiraten!...
Ein Heizer, der während zwei Dritteln seines Lebens schwarz aussieht wie
ein Neger!
-- Aha, rief Bob lachend, Grip fürchtet, seine Kinder könnten auch
kleine Negerbuben werden.
-- Das wäre schon möglich, antwortete Grip. Ich dürfte eigentlich nur
eine Negerin heiraten oder höchstens eine Rothhaut aus dem Innern von
Amerika.
-- Grip, nahm Findling wieder das Wort, Du thust unrecht, zu scherzen.
Wir sprechen ja einzig in Deinem Interesse. Die Zeit wird kommen, wo es
Dich reuen dürfte....
-- Was willst Du denn, mein Boy... Ich weiß ja, Du bist verständig...
es wäre auch so schön, beieinander zu wohnen. Bisher hat mich mein Beruf
aber ernährt; er wird mich auch später ernähren, und ich kann's mir gar
nicht vorstellen, ihn aufgeben zu sollen.
-- Nun, wie Du willst, Grip. Hier wird immer Raum für Dich sein, und
es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich Dich nicht eines Tages noch
hinter dem Pulte als Geschäftstheilhaber sitzen sähe.
-- Da müßt ich mich erst stark verändert haben....
-- Das wird schon kommen, Grip. Jeder Mensch verändert sich, und das ist
auch ganz recht, denn es geschieht, um sich zu verbessern...«
Grip gab jedoch keinem Zureden nach. Er liebte einmal seinen Beruf,
stand bei seinen Rhedern gut angeschrieben, der Kapitän des »Vulcan«
schätzte und seine Kameraden liebten ihn. Um Findling aber nicht gar so
sehr zu betrüben, sagte er:
»Wir werden ja sehen... bei meiner Rückkehr!«
Wenn er dann wiederkam, wiederholte er freilich nur, was er bei der
Abreise gesagt hatte:
»Wir werden ja sehen... werden ja sehen!«
Little Boy and Co. mußten also für die schriftlichen Arbeiten einen
Commis anstellen. O'Brien sendete ihnen einen alten Buchhalter, Balfour
mit Namen, zu, für den er gutsagte und der seine Sache aus dem Grunde
verstand. Grip war es aber doch nicht!
Das Jahr verlief vortrefflich, und als genannter Balfour aus den Büchern
die Lage des Geschäftes feststellte, ergab sich -- an Waaren und an
Depositen bei der Bank von Irland -- ein Vermögensstand von tausend
Pfund Sterling.
Zu dieser Zeit -- im Januar 1885 -- trat Findling ins vierzehnte
Lebensjahr und Bob war nun neuneinhalb Jahre alt. Gesund und kräftig,
spürten sie nichts mehr von dem früheren elenden Leben. Es war edles
gaëlisches Blut, das in ihren Adern floß, wie der Shannon, die Lee oder
die Liffey, die durch Irland strömen, um es immer frisch zu beleben.
Der Bazar blühte immer weiter. Findling war offenbar auf dem Wege zu
Glück und Wohlstand. Von gewagten Speculationen hielt er sich fern,
obgleich er nicht der »Mann« dazu war, eine sich bietende günstige
Gelegenheit unbenützt zu lassen.
Immerfort beunruhigte ihn jedoch das Schicksal der Mac Carthy's. Auf
Erkundigungen, die er von Melbourne in Australien einzog, wurde ihm nur
die Antwort zutheil, daß man die Spuren der gesuchten Familie gänzlich
verloren habe, was in dem großen, in seinem Innern kaum bekannten Lande
ja so häufig vorkommt. Mittellos, wie sie waren, hatten Martin und
seine Kinder wahrscheinlich nur auf irgend einer weit entlegenen
Schafzüchterei Arbeit finden können, doch wo?... Wer hätte das zu sagen
vermocht?
Ueber Pat war seit dem Abgange von der Firma Macuard auch nichts bekannt
geworden, und möglicherweise hatte sich dieser zu seinen Eltern nach
Australien begeben.
Neben der Sorge um die Mac Carthy's bekümmerte Findling nur noch die um
Sissy, seine Leidensgenossin bei der Hard. An die letztere selbst, sowie
an den grausamen Thornpipe und an die hochfahrenden Piborne's dachte er
gar nicht mehr.
Höchstens bezüglich der Miß Anna Walston wunderte er sich, sie noch
niemals auf einem Dubliner Theater wieder haben erscheinen zu sehen,
doch war er unschlüssig, ob er, wenn das doch einträte, zu ihr gehen
sollte oder nicht.
»Und Carker?... Ist der endlich gehenkt worden?«
So lautete unverändert Grips Frage nach jeder Heimkehr des »Vulcan«,
sobald er den Laden »Zum kleinen Geldbeutel« betrat. Auf die Antwort,
daß man ihm darüber nichts sagen könne, durchwühlte Grip die alten
Zeitungen, ohne etwas zu finden, was sich »auf den vollendetsten
Galgenstrick der Lumpenschule« bezogen hätte.
»Nun, wir wollen's abwarten. Nur ein wenig Geduld!
-- Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein
können?
-- Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann könnte es
einem leid werden, ehrenhaft zu sein.«
Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war,
stimmte mit Grip darin überein, wie überhaupt in allem, bis auf den
einen Punkt, daß Kat den Grip stets drängte, das Seefahren aufzugeben,
was dieser wieder hartnäckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn
diese Frage auch um keinen Schritt vorwärts gekommen.
Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In großen
Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde
hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in
der warmen Stube bleibt.
Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief
eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer
Rechnung drohte dort einen Proceß herbeizuführen, und Processe soll man
in jedem Falle möglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die
Ansicht O'Brien's, und dieser drängte den Knaben auch, selbst nach
Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie möglich persönlich
zu erledigen.
Findling mußte ihm Recht geben und beschloß diesem Rathe sofort zu
folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert
Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben
Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mußte genügen, mit seinem
Geschäftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er
wieder zu Hause sein zu können.
Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten
der Fahrt keine große Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr
schnell dahin, einmal längs der Küste und dann wieder mehr im Innern des
Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath
und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden
Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem
eine Meile davon entfernten berühmten Schlachtfelde von Boyne, das den
schließlichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der
Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ältesten Städte
der Grünen Insel, wo der berühmte Robert Bruce einst gekrönt wurde.
Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft
Donegal unsern jungen Reisenden an sein früheres Elend erinnerte. Nach
Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down überschritt der Zug
endlich die Grenze von Antrim.
Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Höhlen, hat
Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen
Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch
ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Köpfen, durch
ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre
Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien
beschäftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren
Bedeutung das Queen's-College Zeugniß giebt.
Belfast liegt an der engen Ausmündung des Laganflusses, von dem ein
Canal durch die vorgelagerten Sandbänke führt. Leichtbegreiflicherweise
herrschte an einem so gewerbthätigen Punkte, wo die politische Erregung
durch die Berührung, oder besser durch den Zusammenprall persönlicher
Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen
Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhängigkeit,
die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei »Oranien«,
die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft
miteinander ins Handgemenge, regelmäßig aber am 7. Juli, dem Jahrestage
der Schlacht von Boyne.
Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad
unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die
Parnelliten und die Parteigänger der »Land League« und des Landlordismus
waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der »Gesellschaft zur
Verbreitung der Leincultur«, an den sich die meisten Fabriken der Stadt
anschließen, hatte sogar ganz besonders geschützt werden müssen.
Findling, der ja nicht im entferntesten um politischer Streitfragen
willen hierher gekommen war, begab sich zunächst zu seinem Lieferanten,
den er auch glücklicherweise antraf.
Der Mann war nicht wenig erstaunt, als sich ihm ein so junger Knabe
in seinem Bureau vorstellte, ebenso aber über den Scharfsinn und die
Einsicht, womit dieser seine Interessen vertrat. Bald war alles
zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet. Zwei Stunden hatten dazu
hingereicht und Findling wollte nun in der Nähe des Bahnhofs zum Essen
gehen. Hatte er die heutige Reise schon nicht zu bereuen, da sie ihm
einen Proceß ersparte, so sollte der Besuch von Belfast ihm doch noch
eine andre Ueberraschung bereiten.
Es wurde bereits dunkel und hatte zu schneien aufgehört, nur herrschte
noch eine recht empfindliche Kälte.
Vor einer großen Fabriksanlage der Stadt vorübergehend, wurde Findling
durch einen Haufen von Menschen aufgehalten, der die Straße völlig
sperrte. Es war grade Zahltag in den Fabriken, und eine für die folgende
Woche angekündigte Lohnverkürzung hatte eine große Arbeiterschaar
gewaltig in Erregung versetzt.
Die Leinindustrie wurde in Belfast von Emigranten nach Aufhebung des
Edicts von Nantes eingeführt, deren Nachkommen noch heute in derselben
thätig sind. Die betreffende Fabrik gehörte einer anglicanischen
Gesellschaft, deren Arbeiter aber zum größten Theile Katholiken waren,
und diese gaben ihrem Unwillen nun in lärmendster und rohester Weise
Ausdruck.
Auf das anfängliche Geschrei folgten schwere Drohungen und bald wurden
Thüren und Fenster des Etablissements mit Steinen beworfen. Da trabte
aber auch schon eine Abtheilung Polizisten in die Straße ein, um die
Zusammenrottung zu zerstreuen und die Rädelsführer zu verhaften.
Um den Zug nicht zu versäumen, suchte Findling aus dem Tumulte zu
entkommen; vergeblich. Der Gefahr ausgesetzt, umgeworfen, gesteinigt
oder durch den Angriff der berittenen Constabler zermalmt zu werden,
flüchtete er sich in eine Hausthüröffnung, als gerade fünf oder sechs
Arbeiter, von wuchtigen Schlägen getroffen, in der Nähe niederstürzten.
Neben ihm lag ein junges weibliches Wesen, eines jener armen, blassen
entkräfteten Fabriksmädchen, die, obwohl achtzehn Jahre zählend, doch
kaum zwölf Jahre alt zu sein schien. Zur Erde geworfen, rief sie noch:
»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«
Diese Stimme?... Findling glaubte sie zu kennen; es dämmerte wie eine
alte Erinnerung in ihm auf... er konnte kein Wort hervorbringen...
sein Herz schlug zum Zerspringen...
Als die zum Theil zurückgetriebene Menge die Straße etwas frei ließ,
beugte er sich über das arme Mädchen nieder. Diese war bewußtlos. Er
hob ihren Kopf in die Höhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer
Gasflamme zu....
»Sissy!... Sissy!« murmelte er.
In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hören konnte.
Ohne sich über seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die
Unglückliche, als ob sie ihm angehört hätte, und wie ein Bruder die
Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne daß das Mädchen noch wußte,
was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof.
Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coupé erster Classe bequem
und noch immer halb bewußtlos auf den Polstern und neben ihr kniete
Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte....
Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefährtin seiner
Leiden, zu entführen, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf
Samariterhilfe besaß, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie früher
so oft gegen die Mißhandlungen durch die abscheuliche Hard geschützt
hatte.
XIII.
Farben- und Standeswechsel.
Am 16. November 1885 gab es in ganz Irland -- vielleicht nirgends auf
der Erde -- eine so große Summe von Glück, wie im Bazar »Zum kleinen
Geldbeutel«.
Sissy ruhte noch im besten Zimmer des Hauses. Findling stand an ihrem
Lager. Jetzt hatte sie in ihm das Kind wiedererkannt, das einst durch
ein Mäuseloch aus der Höhle der Hard entwichen und das jetzt zum
kräftigen, blühenden Knaben geworden war.
Zur Zeit ihrer Trennung von einander zählte sie kaum sieben Jahre, heute
war sie achtzehn Jahre alt, doch schien es fraglich, ob sie nach so
vielen Anstrengungen und Entbehrungen sich zu dem schönen jungen
Mädchen entwickeln würde, das sie zu werden versprach, wenn sie unter
günstigeren Verhältnissen gelebt hätte. Seit fast elf Jahren hatten die
beiden sich nicht gesehen, und doch erkannte Findling Sissy sofort schon
an der Stimme, und auch das junge Mädchen erinnerte sich genau an alles,
was den kleinen schwächlichen Knaben von früher betraf.
Von diesen Dingen sprachen sie, sich an den Händen haltend, und blickten
in die Vergangenheit wie in einen Spiegel ihres Elends zurück.
Kat, die dabei war, konnte ihre zärtliche Theilnahme nicht verhehlen.
Bob gab seiner Freude in lauten Jubelrufen Ausdruck, denen Birk mit
verhaltenem Bellen antwortete. Auch O'Brien fehlte als Zeuge dieser
Scene nicht. Selbst der Commis Balfour würde die allgemeine Aufregung
getheilt haben, wäre er nicht im Comptoir mit dem Rechnungswesen des
Hauses Little Boy and Co. angestrengt gewesen. Alle hatten von Sissy --
wie von der Familie Mac Carthy -- so häufig sprechen hören, daß sie nur
noch deren persönliche Bekanntschaft zu machen brauchten. Für alle war
sie eine ältere Schwester Findlings, die ins Haus zurückkehrte, als
hätte sie es erst gestern verlassen.
Nur Grip fehlte in dem Kreise; man darf aber glauben, daß er das junge
Mädchen seines Boy, obwohl er diese nie gesehen hatte, auf den ersten
Blick erkannt hätte. Der »Vulcan« konnte übrigens nicht mehr lange
ausbleiben, und dann erst würde die Familie vollzählig sein.
Das Leben des jungen Mädchens war bisher das aller armen Kinder in
Irland gewesen. Sechs Monate nach Findlings Flucht starb die Hard
in einem Tobsuchtsanfalle und Sissy war in das Armenhaus von Donegal
zurückgebracht worden, wo sie noch zwei Jahre blieb. Dann mußte sie hier
andern Unglücklichen Platz machen. Sie zählte damals neun Jahre, und
mit diesem Alter muß man schon selbst für sich sorgen können. Kann ein
Mädchen dann nicht in Dienst gehen, eine »Maid« werden, als welche sie
ohne Lohn nur für Wohnung und Beköstigung arbeitet, so findet sie wohl
Beschäftigung in einer Fabrik. Deshalb sandte man Sissy nach Belfast, wo
die Spinnereien ein ganzes Heer von Arbeitern brauchen. Da lebte sie
von einem Tagesverdienst von einigen Pence inmitten einer ungesunden
Atmosphäre, hier- und dorthin gestoßen und hart angefahren, ohne jemand
zur Vertheidigung zu haben, doch immer gut, sanft, dienstbereit, und
übrigens an Widerwärtigkeiten des Lebens schon lange Zeit gewöhnt.
Jener Zeit hielt Sissy eine Besserung ihrer Lage für ganz unmöglich;
doch gerade, als sie verzweifelte, daß irgend jemand sie dieser
entreißen könnte -- da ergriff sie eine rettende Hand, die Hand des
Kleinen, dem ihre ersten Liebkosungen gegolten hatten und der jetzt der
Chef eines Handelshauses war. Ja, er hatte sie aus der Hölle in Belfast
befreit, und jetzt befand sie sich bei ihm, wo sie Geschäftsdame werden
sollte, nicht etwa Dienerin....
Sie?... Eine Dienerin?... Das hätte die Kat nicht gelitten und Bob
ebensowenig, wie Findling es erlaubt hätte.
»Da willst mich also bei Dir behalten? fragte sie.
-- Ob ich das will, Sissy!
-- Ich werde aber wenigstens arbeiten, um Dir keine Last zu sein.
-- Jawohl, liebe Sissy.
-- Und was werd' ich zu thun haben?
-- Vorläufig gar nichts, Sissy.«
Weiter war jetzt nicht zu kommen, in der That wurde Sissy aber acht Tage
später -- auf ihren bestimmten Wunsch -- im Laden angestellt, nachdem
sie sich mit dem Verkauf vertraut gemacht hatte, und hier bildete das
zierliche junge Mädchen, die schon wieder merkwürdig aufgeblüht war, ein
neues Zugmittel für die Kundschaft.
Ein lebhafter Wunsch Sissys war es da, den ersten Heizer des »Vulcan«
einmal die Schwelle des Hauses überschreiten zu sehen. Sie kannte
das Verhalten Grips in der =Ragged-School= und wußte, daß er ihre
Schützerrolle gegenüber dem Kinde, nachdem sich dieses der rohen Hard
entzogen, übernommen hatte. Wie sie ihn einst gegen die Hard schützte,
so hatte er den Knaben später gegen Carker und dessen Spießgesellen
in Schutz genommen. Ohne die Aufopferung des wackern Burschen wäre der
Kleine ja gar in den Flammen umgekommen. Der erste Heizer konnte bei
seiner Rückkehr also auf den besten Empfang rechnen. Besondre Umstände
verzögerten die Heimkehr des Schiffes diesmal aber bis zum Ende des
laufenden Jahres.
Die am 31. December 1886 gezogene Bilanz ergab ein noch günstigeres
Resultat als die früheren. Mehr als zweitausend Pfund Sterling betrug
schon das reine Vermögen des Hauses »Zum kleinen Geldbeutel«. O'Brien
hatte das nach Durchsicht der Bücher bestätigt. Der ehrliche Kaufmann
konnte den jungen Chef zu diesem Erfolge nur beglückwünschen, legte ihm
dabei aber ans Herz, immer mit so weiser Vorsicht wie bisher zu Werke zu
gehen.
»Schwerer ist es oft, sich sein Vermögen zu erhalten, als es zu
erwerben, sagte er zu Findling bei Zurückgabe der Geschäftsbücher.
-- Sie haben Recht, erwiderte dieser, doch glauben Sie mir, Herr
O'Brien, daß ich mich nie auf Irrwege locken lassen werde. Immerhin
bedaure ich, daß die in der Bank von Irland liegenden Summen keine
lohnendere Verwendung finden sollen. Das ist Geld im Schlaf, und wenn
man schläft, arbeitet man nicht.
-- Nein, mein Sohn, man ruht aber aus, und Ruhe ist dem Gelde ebenso
nothwendig, wie dem Menschen.
-- Und doch, Herr O'Brien, wenn sich eine gute Gelegenheit böte...
-- Die dürfte nicht nur gut, sie müßte ausgezeichnet sein.
-- Zugegeben, in einem solchen Falle aber weiß ich, würden Sie mir
selbst rathen...
-- Davon Nutzen zu ziehen?... Natürlich, mein Sohn, wenigstens wenn die
Sache zu Deinem jetzigen Geschäftsbetriebe paßt.
-- Das ist auch für mich Bedingung, Herr O'Brien, und es wird mir nie
einfallen, mich auf Speculationen einzulassen, die auf mir unbekanntem
Gebiete liegen. Wenn man jedoch mit Klugheit vorgeht, kann man wohl
versuchen, sein Geschäft zu erweitern.
-- Es wäre unrecht von mir, Dich davon abzuhalten, mein Sohn, und wenn
ich ein ganz sicheres Geschäft aufspüre... nun ja... vielleicht...
doch, das wird sich finden.«
Aus kluger Vorsicht wollte sich der Exkaufmann nicht zu sehr binden.
Ein Tag, der im Kalender des »Kleinen Geldbeutels« roth angestrichen zu
werden verdient hätte, war der 23. Februar.
Auf einer hohen Leiter stehend, wäre Bob beinahe heruntergepurzelt, als
er sich anrufen hörte mit den Worten:
»He, da sitzt einer auf der Bramstenge!... Heda!
-- Grip! rief Bob, der herunterglitt, wie die Jungen auf einem
Treppengeländer.
-- Ja, ich bin's, and Co!... Findling geht es doch gut, Knirps?...
Kat ebenfalls?... Und Herrn O'Brien auch?... Ich habe doch keinen
vergessen?
-- Keinen?... Und mich, Grip?«
Diese Worte kamen von einem jungen Mädchen, die freudestrahlend auf den
ersten Heizer des »Vulcan« zutrat und ihm ohne Umstände einen Kuß auf
jede Wange drückte.
»Wa... was? rief Grip ganz verdutzt. Mein Fräulein... ich kenne Sie
ja gar nicht... Umarmt und küßt man denn hier die Leute, ohne sie zu
kennen?
-- Nun so fange ich erst wieder an, wenn wir mit einander bekannt
geworden sind....
-- Das ist ja Sissy, Grip!... Sissy!... Sissy!« wiederholte Bob laut
auflachend.
Eben traten Findling und die Kat ein. Der Teufelskerl, der Grip, wollte
jetzt aber nichts von einer weiteren Erklärung hören, als bis er dem
Mägdlein die erhaltenen Küsse richtig heimgezahlt hätte. Bei Sanct
Patrick! Sissy erschien ihm doch gar zu reizend und thaufrisch! Und da
er von Amerika ein kostbares Herren-Reisenecessaire mit Stiefelknecht,
Rasiermesser und Seifenbecken -- für die spätere Zeit seines Boy
bestimmt -- mitgebracht hatte, behauptete er flottweg, dieses für Sissy
gekauft zu haben, deren Anwesenheit im Bazar des Little Boy er
geahnt hätte -- und Sissy mußte sich schon drein fügen, sein Geschenk
anzunehmen, was der eigentliche Empfänger desselben auch ohne Murren
geschehen ließ.
Jetzt gab es in dem Magazin der Bedford-Street herrliche Tage. War er
nicht an Bord zurückgehalten, so »lichtete« Grip »hier gar nicht mehr
die Anker«. Im Comptoir des »Kleinen Geldbeutels« befand sich offenbar
ein Magnet, dessen Anziehungskraft bis zu den Docks reichte und der ihn
bei Sissy festhielt. Den Naturgesetzen kann einmal keiner widerstehen.
Findling hatte es sehr bald bemerkt.
»Nicht wahr, sie ist nett, meine große Schwester? fragte er eines Tages
Grip.
-- Deine große Schwester, mein Boy?... O, es wäre gar nicht hübsch, es
wäre häßlich von ihr, wenn sie das nicht ganz von selbst wäre!... Es
wäre garstig von ihr!
-- Garstig... Sissy?... Ich bitte Dich, Grip!...
-- Ja, ja, ich spreche dummes Zeug... das heißt, weil ich's nicht
besser von mir geben kann. Ja, wenn ich mich auszudrücken verstände...«
Er drückte sich ja ganz gut aus, mindestens nach Ansicht der Kat, und
seit der Rückkehr Grips waren kaum drei Wochen verstrichen, als sie zu
Findling sagte:
»Unser Grip gleicht jetzt den Thieren in der Mauser. Erst ganz schwarz,
bekommt er schon langsam die natürliche Farbe wieder, die weiße Farbe,
und mir ahnt, er wird nicht mehr lange auf dem »Vulcan« bleiben.«
Das war auch die Meinung O'Brien's.
Und doch war, als der »Vulcan« am 15. März nach Amerika abdampfte,
dessen erster Heizer, den die ganze Familie nach dem Hafen begleitet
hatte, wieder auf seinem Posten, als hätte der Dampfer gerade seiner
Dienste nicht entrathen können.
Als er am 13. Mai nach achtwöchentlicher Abwesenheit zurückkehrte,
erschien seine »Farbenveränderung« noch bemerkbarer als früher.
Natürlich wurde ihm der herzlichste Empfang zu Theil. Findling, die Kat
und Bob drückten ihn an sich. Er selbst blieb aber etwas zurückhaltender
und begnügte sich, Sissy einen Kuß auf die linke Wange zu geben, so wie
diese ihn nur mit einem einzigen auf die rechte Wange begrüßt hatte.
Grip wurde nachdenklicher und Sissy immer ernsthafter, wenn sie bei
einander waren, und das drückte sich auch durch eine gewisse Geniertheit
bei dem abendlichen Zusammensein aller aus. Sagte dann Findling, wenn
die Abschiedsstunde Grips gekommen war, zu diesem:
»Nun, also auf Wiedersehen morgen!«
... so antwortete dieser wohl:
»Nein... morgen glaub' ich nicht... ich habe dringende Arbeiten in der
Heizkammer.... Es wird unmöglich sein!«
Am nächsten Tage stellte sich der gute Grip aber ebenso ein wie vorher,
womöglich noch eine Stunde früher, und -- wunderbar! -- seine Haut wurde
von Tag zu Tag weißer.
Grip war jetzt offenbar in der Seelenstimmung, einen Antrag, seinen
bisherigen Beruf zu verlassen, gern anzunehmen und als Theilhaber in
die Firma Little Boy and Co. einzutreten. Findling hütete sich aber
weislich, diese Angelegenheit wieder zu berühren. Besser, Grip käme
selbst darauf zu sprechen.
Das war auch zu Anfang des Juni in bescheidenem Maße der Fall.
»Na, das Geschäft geht noch immer nach Wunsch? hatte Grip gefragt.
-- Urtheile selbst, erwiderte Findling. Unsre Läden werden niemals
leer....
-- Ja... es sind immer Käufer da.
-- Sogar viele, Grip; vorzüglich seitdem Sissy im Verkauf mit thätig
ist.
-- Das ist kein Wunder, mein Boy! Ich begreife überhaupt nicht, wie
jemand in Dublin... nein, in ganz Irland bei irgend einem andern noch
irgendwas kaufen mag als bei ihr.
-- Thatsächlich könnte man nirgends so bedient werden, wie von diesem
liebenswürdigen...
-- O, noch mehr... mehr... fiel Grip ein, ohne das rechte Wort zu
finden.
-- Nun ja, von diesem bezaubernden jungen Mädchen! setzte Findling
hinzu.
-- Es geht also alles gut?
-- Wie ich Dir gesagt habe.
-- Und der Herr Balfour?...
-- Mit Herrn Balfour ebenso.
-- Ich spreche nicht von seinem Gesundheitszustande, antwortete Grip
etwas lebhafter. Was geht mich Herrn Balfour's Gesundheit an?...
-- Wohl aber mich, lieber Grip. Er ist uns sehr nützlich. Er ist ein
vorzüglicher Buchhalter....
-- Er versteht also seine Sache?
-- Vollkommen.
-- Mir kommt er schon etwas alt vor.
-- Nein, davon merkt man nichts.
-- Hm!«
Dieses Hm! schien zu sagen, daß der Herr Balfour doch baldigst die
Grenze des leistungsfähigen Alters erreichen müsse.
Hiermit brach das Gespräch ab. Als Findling der Kat davon erzählte,
konnte diese ein leises Kichern nicht unterdrücken.
Sogar Bob machte sich darüber seine eignen Gedanken, und mehrere Tage
später fragte er Grip:
»Der »Vulcan« wird wohl bald wieder abdampfen?
-- Ja... man spricht davon... es scheint so, erwiderte Grip, dessen
Stirn sich bewölkte, wie der Himmel bei einem Südwestwinde.
-- Und da wirst Du, fuhr and Co. fort, auch wieder die Kessel bedienen?«
Die Augen des ersten Heizers leuchteten auf, als hätte er die Kohlen auf
dem Kesselroste schon durch einen Blick allein haben anzünden können.
Das kam jedoch wohl nur daher, daß Sissy gerade lächelnd durch den Laden
ging und stehend bleibend sagte:
»Grip, würden Sie mir da den Kasten mit Chocolade herunterholen... ich
bin nicht groß genug....«
Der Heizer holte sofort den Schubkasten.
... oder auch:
»Würden Sie mir wohl jenen Laib Zucker heruntergeben... ich bin nicht
stark genug dazu.«
Und Grip brachte ihr den schweren Zuckerhut.
»Wird Deine diesmalige Reise lange dauern? fragte Bob, dem es -- man sah
es an seinen verschmitzten Blicken -- Spaß machte, den Freund etwas auf
die Folter zu spannen.
-- Ich fürchte, sehr lange! antwortete der Heizer, den Kopf schüttelnd.
Wenigstens vier bis fünf Wochen.
-- Bah, fünf Wochen! Die sind bald dahin. Ich glaubte, Du wolltest fünf
Monate sagen.
-- Fünf Monate?... Warum nicht gar gleich fünf Jahre! rief Grip,
erschrocken wie ein armer Teufel, der eben zu fünf Jahren Gefängniß
verurtheilt wurde.
-- Na... da bist Du also ganz glücklich, Grip?
-- Sapperment... was soll ich denn sein?... Natürlich bin ich's!
-- Nein, Du bist ein rechter... Querkopf!«
Bob lief dabei mit einer bezeichnenden Grimasse davon.
In der That lebte Grip eigentlich gar nicht mehr, denn man kann es nicht
leben nennen, wenn einer, in Gedanken versunken, sich überall an den
Kopf stößt, wie die Fliege an einer Lampenglocke. So war es für ihn, da
er einmal noch nicht zu dem Entschlusse, dazubleiben, kam, ganz gut, daß
sein Schiff am 22. Juni wieder abfuhr.
Während seiner jetzigen Abwesenheit ließ sich die Firma Little Boy auf
ein auch von O'Brien gern gutgeheißenes Geschäft ein, das reichlichen
Gewinn versprach. Es handelte sich um ein neues Spielzeug, von dessen
Erfinder Findling das Patent erwarb.
Dieses Spielzeug machte umsomehr Aufsehen, weil es das Haus Little
Boy and Co., d. h. weil es zwei Knaben waren, die den Alleinverkauf
desselben in die Hand genommen hatten. Zu Beginn der Sommerreisen nach
den Seeküsten wollte die ganze kindliche Gentry das Ding haben, das
übrigens nicht zu billig war, und Bob, dem der Verkauf zufiel, vermochte
oft die Wünsche der Kunden kaum zu befriedigen. Sissy mußte ihm
beispringen, und deshalb ging der Handel gewiß nicht schlechter und
übertraf in den Einnahmen sogar die der andern Branchen des Geschäfts.
Jener besondre Artikel bereicherte die Casse allein um mehrere hundert
Guineen. Voraussichtlich betrug das Vermögen des Hauses am Ende des
Jahres, den noch regeren Weihnachtsumsatz eingerechnet, gut dreitausend
Pfund Sterling.
Das gestattete nun dem jungen Inhaber des »Kleinen Geldbeutels«, Sissy,
wenn diese sich verheiraten sollte, eine hübsche Aussteuer mit auf den
Weg zu geben. Grip war ja ein recht hübscher junger Mann, der einen
vollkommenen Ehemann abgeben mußte und der ihr offenbar gefiel, wenn sie
sich auch hütete, das merken zu lassen. Alle im Hause wußten es jedoch
ganz gut. Nur Grip schien zu keiner Entscheidung zu kommen; er that, als
ob ohne ihn die ganze Maschinerie seines Dampfers in Unordnung kommen
müßte, und hatte damals, als Findling von seiner etwaigen späteren
Verheiratung sprach, vor Lachen fast bersten wollen.
Natürlich erschien unter diesen Umständen der erste Heizer des am 29.
Juli zurückgekehrten »Vulcan« nur noch linkischer, grübelnder, düsterer,
kurz, unglücklicher als vorher. Sein Schiff sollte am 15. September
wieder auslaufen, und man fragte sich, ob er wohl auch diesmal wieder
mitfahren würde.
Das war fast anzunehmen, da Findling -- welche Bosheit! -- fest
entschlossen war, die Lösung der in der Luft schwebenden Frage nicht
zu beschleunigen, so lange es Grip nicht über sich gewonnen hätte,
ausdrücklich davon zu reden und ihn darum zu fragen. Es handelte sich ja
um seine große Schwester, die von ihm abhing, für deren Lebensglück er
die Verantwortung trug. Die erste Bedingung -- das =sine qua non= -- die
er stellte, war aber die, daß Grip seine Seemannslaufbahn aufgab und als
Theilhaber in das Handelsgeschäft eintrat.
Einmal wurde nun Grip bezüglich seiner Herzensangelegenheit so sehr an
die Mauer gedrückt, daß er sich eigentlich hätte erklären müssen.
Eines Tags, als er sich um die Kat zu thun machte -- und dieser würdigen
Frau hätte er sich zuerst vielleicht am liebsten offenbart -- begann die
Kat ganz hingeworfen:
»Ist's Ihnen nicht aufgefallen, Grip, daß die Sissy von Tag zu Tag
reizender wird?
-- Nein, antwortete Grip, das hab' ich nicht bemerkt. Warum sollte mir's
auch aufgefallen sein?... Ich achte doch darauf nicht so besonders...
-- Ah, so, Sie bemerken das also nicht?... Nun, dann machen Sie
nur einmal die Augen ordentlich auf, da werden Sie ja sehen, welch
wunderhübsches Mädchen wir hier haben. Wissen Sie denn, daß sie bald
neunzehn Jahre alt wird?
-- Was?... Schon?... versetzte Grip, der das Alter Sissys auf die
Stunde genau kannte. Sie irren sich wohl, Kat!
-- Nein, gewiß nicht... neunzehn Jahre... sie wird nun bald heiraten
müssen... Findling wird einen braven Mann für sie suchen, so einen
von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren... ja, ungefähr wie Sie. Es muß
natürlich einer sein, zu dem man volles Vertrauen haben kann... und der
nicht der Marine angehört... nicht der Marine... Seemann... Ehemann,
das stimmt nicht gut zusammen. Da Sissy außerdem eine hübsche Mitgift
bekommt...
-- Die braucht sie gar nicht, warf Grip dazwischen ein.
-- Das ist wahr... eine so liebreizende Person... am letzten Ende ist
es aber doch nicht schädlich.... Na, unser junger Herr wird wohl bald
den Rechten finden....
-- Er hat wohl schon einen im Auge?
-- Ich glaub' es.
-- Einen, der häufig nach dem Bazar kommt?
-- Sehr häufig.
-- Kenne ich ihn?
-- Nein... mir scheint, Sie kennen ihn nicht, antwortete Kat mit einem
Blicke auf Grip, der die Augen niederschlug.
-- Und... der... der gefällt auch Mamsell Sissy? fragte er, wobei ihm
die Worte halb in der Kehle stecken blieben.
-- Ja, wer kann das wissen? Bei Leuten, die nicht von der Leber weg
reden...
-- Herr Gott, was giebt es doch für Schwachköpfe! rief Grip.
-- Ja, das find' ich allerdings auch!« stimmte die gute Kat ihm zu.
Auch dieser Wink mit dem Zaunpfahle verhinderte den Heizer nicht, acht
Tage später mit abzufahren. Als er am 29. October wiederkam, sah man's
ihm auf dem Gesicht an, daß er einen großen Entschluß gefaßt hatte, nur
gelang es ihm noch nicht, diesen in Worte zu kleiden.
Jetzt hatte er freilich genügende Zeit dazu. Der »Vulcan« sollte zwei
Monate lang hier liegen bleiben, um verschiedene nothwendig gewordene
Reparaturen daran auszuführen, und zwei Monate reichen doch übrig dazu,
ein einziges kleines Wort auszusprechen.
»Mamsell Sissy ist doch noch nicht verheiratet? hatte er die Kat beim
ersten Besuche gefragt.
-- Das noch nicht... lange wird's aber nicht mehr dauern... Es brennt
schon!« antwortete darauf die gute Frau.
Nach Abtakelung des »Vulcan« hatte Grip an Bord selbstverständlich
nichts zu thun, und folglich hielt er sich sehr häufig -- sagen wir
lieber immer -- im Bazar von Little Boy auf. Höchstens wenn er hier
gleich wohnte, hätte er noch mehr daselbst sein können. Während seiner
ganzen Urlaubszeit kamen die Sachen jedoch keinen Schritt weiter.
Als die Reparaturen des »Vulcan« in der dazu bestimmten Frist beendigt
waren, sollte er eine Woche später wieder in See gehen. Und dieser
Schwachkopf von Grip hatte den Mund noch immer nicht aufgethan --
wenigstens nicht, um das zu sagen, was man von ihm erwartete.
Da ereignete sich in der ersten Decemberwoche ein unerwarteter
Zwischenfall.
Ein an O'Brien gerichteter Brief, die Antwort auf dessen letzte Anfrage
in Australien, brachte folgende Nachrichten:
Martin und Martine Mac Carthy, Murdock, dessen Frau und Töchterchen,
sowie Sim und Pat, die jenen gefolgt waren, hatten sich in Melbourne zur
Rückkehr nach Irland wieder eingeschifft. Das Glück war ihnen auch hier
nicht günstig gewesen und sie kamen ebenso elend heim, wie sie einst
fortgegangen waren. Das Emigrantenschiff, auf dem sie sich befanden, der
Segler »Queensland«, konnte vor Ablauf von drei Monaten in Queenstown
schwerlich eintreffen.
Unsern Findling betrübten diese Nachrichten recht schmerzlich, meldeten
sie ihm doch, daß die Familie Mac Carthy auch heute noch unglücklich,
ohne Arbeit und ohne Mittel sei. Er sollte aber wenigstens seine
Adoptiveltern wiedersehen, sollte endlich die Genugthuung haben, ihnen
beistehen zu können. Ja, wenn er zehnmal so vermögend gewesen wäre, um
ihre Lage zehnmal besser gestalten zu können!
Den Brief, den er sich von O'Brien erbeten hatte, verschloß er in
seinem Schreibtische, und -- wunderbar! -- von jenem Tage ab erwähnte er
desselben mit keiner Silbe und sprach auch überhaupt nicht mehr von den
früheren Pächtern von Kerwan.
Jene Nachrichten übten aber einen unerwarteten Einfluß auf Grip aus. Das
Menschenherz bleibt ja immer gleich, selbst in der Brust eines ersten
Heizers. Da sollten die Mac Carthy's heimkehren, die beiden Brüder Sim
und Pat, gewiß jetzt ein paar prächtige Burschen, die Findling fast wie
leibliche Brüder liebte... wer konnte wissen, ob er nicht einem von
diesen diejenige, die fast seine Schwester war, zugedacht hatte? Kurz,
Grip wurde eifersüchtig, entsetzlich eifersüchtig, und am 9. December
war er fest entschlossen, der Ungewißheit ein Ende zu machen, als
Findling ihn zur Seite nahm und sagte:
»Komm nach meinem Comptoir, Grip, ich habe mit Dir zu sprechen.«
Ganz bleich -- er hatte das Vorgefühl, daß es sich um etwas sehr
wichtiges handelte -- folgte Grip der Aufforderung Findlings.
Als sie sich allein gegenüber saßen, begann der Chef des »Kleinen
Geldbeutels« trocknen Tones:
»Ich werde mich voraussichtlich auf ein umfänglicheres Geschäft
einlassen, und dazu braucht' ich Dein Geld.
-- Na, meinte Grip, das giebt nicht sehr viel. Wie viel brauchst Du
denn?
-- Alles, was Du in der Sparcasse liegen hast.
-- Nimm, was Du willst.
-- Hier ist Dein Sparbuch. Du mußt es unterzeichnen, damit ich das Geld
erheben kann.«
Grip schlug das Buch auf und unterschrieb.
»Was Deine Zinsen betrifft, fuhr Findling fort, sprech' ich davon jetzt
nicht.
-- Das ist auch nicht der Mühe werth....
-- Nein, weil Du von heute an Theilhaber der Firma Little Boy and Co.
bist.
-- In welcher Eigenschaft?...
-- Nun, als richtiger Associé.
-- Ja... aber mein Schiff?
-- Du verlangst Deine Entlassung.
-- Und mein Beruf?
-- Den giebst Du auf.
-- Weshalb müßt' ich den aufgeben?
-- Weil Du Sissy heiraten sollst.
-- Heiraten?... Ich?... Die Mamsell Sissy! rief Grip, der das gar
nicht fassen zu können schien.
-- Ja, ja, sie will es selbst.
-- Wa...s? Sie selbst wollte...
-- Gewiß; und da es Dein Wunsch auch ist...
-- Mein Wunsch... ich weiß nicht... freilich...«
Grip wußte gar nicht, was er antwortete, und hörte kein Wort mehr von
dem, was Findling zu ihm sagte. Er ergriff seinen Hut, stülpte ihn auf
den Kopf, nahm ihn wieder ab, legte ihn auf einen Stuhl und setzte sich
dann selbst darauf, ohne es zu merken.
»Achtung, rief Findling lachend, nun wirst Du Dir zur Hochzeit einen
neuen anschaffen müssen.«
Natürlich kaufte er gern einen andern Hut, doch wie er überhaupt zu
dieser Heirat gekommen war, das begriff er nimmermehr. Lange Zeit konnte
ihn niemand aus seiner Verwunderung reißen... nicht einmal Sissy. Doch,
so etwas geht ja mit der Zeit vorüber.
Jedenfalls legte Grip am frühen Morgen des Weihnachtsheiligabends ganz
schwarze Kleidung an, als ob er zu einer Beerdigung -- und Sissy ein
ganz weißes Gewand, als ob sie zu einem Balle gehen wollte. Findling,
Bob und Kat zogen ebenfalls den Sonntagsstaat an, obwohl es Freitag war.
Dann holten zwei Wagen alle an der Thür des »Kleinen Geldbeutels« ab, um
sie nach der Kapelle in der Bedford-Street zu bringen. Und als Grip und
Sissy eine halbe Stunde später das Gotteshaus wieder verließen, da waren
sie plötzlich Mann und Frau geworden.
Außer dieser Kleinigkeit hatte sich nichts verändert, als die fröhliche
Gesellschaft nach dem Bazar von Little Boy and Co. zurückkehrte. Sofort
wurde der Verkauf wieder aufgenommen, denn am Abend vor Weihnachten
konnte man doch der zahlreich herbeiströmenden Kundschaft einen so
reichlich ausgestatteten Laden nicht verschließen.
XIV.
Das Meer von drei Seiten.
Am 15. März, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys,
verließ der Schooner »Doris« den Hafen von Londonderry und stach bei
günstigem Nordostwind ins Meer.
Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die
im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen
Londonderry, weil diese Grafschaft fast gänzlich Körperschaften der
Hauptstadt der Britischen Inseln gehört -- freilich nur in Folge
früherer Confiscationen -- und weil Londoner Capital die Stadt wieder
aus ihren Ruinen erstehen ließ. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders
zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum
tadeln wollen.
Der am linken Ufer und nahe der Mündung der Foyle gelegne Hauptort der
Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen,
gut unterhaltenen Straßen zeigen, trotz einer Bevölkerung von
fünfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergänge
an der Stelle der alten Wälle, eine bischöfliche Kathedrale auf einem
Hügel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba
und des Tempal More, eines merkwürdigen Gebäudes aus dem zwölften
Jahrhundert.
Der belebte Hafen führt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art,
Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele
dieser von der Noth vertriebenen unglücklichen Irländer kehren aber
schließlich in die Heimat zurück!
Es ist kein besondres Ereigniß, daß ein Schooner den Hafen von
Londonderry verläßt, wo täglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des
Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt
der »Doris« auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jährlich auf
sechsmalhunderttausend Tonnen beläuft?
Das ist ja richtig. Die Goëlette verdient aber unsre besondre
Aufmerksamkeit, weil sie »Cäsar und sein Glück« trug. Cäsar war in
diesem Falle freilich Findling, und sein Glück (oder Vermögen) war die
Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte.
Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der
»Doris« aber aus folgenden Gründen:
Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der »Kleine Geldbeutel«
wegen des neuen Jahres sehr stark beschäftigt gewesen. Da galt es, die
Inventur aufzustellen, die zahlreichen Käufer zu befriedigen, den Bazar
noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tüchtig ins Zeug gegangen,
obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht überwunden hatte.
Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie
ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden könnte.
»Ich versichere Dir aber, daß Du verheiratet bist, sagte ihm Bob
wiederholt.
-- Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's
gar nicht glauben.«
Das Jahr 1887 begann also unter den günstigsten Verhältnissen. Findling
konnte nur wünschen, daß alles in gleicher Weise fortginge; nur eine
schwere Sorge drückte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen,
wenn die armen Leute den Fuß wieder auf irischen Boden setzen würden.
Ueber den »Queensland«, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu
hören gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte.
Erst am 14. März fand er in der »Shipping-Gazette« folgende Zeilen:
»Der Dampfer »Burnside« hat am 3. laufenden Monats den Segler
»Queensland« bei Assuncion getroffen.«
Segelschiffe, die von Süden her kommen, können ihre Fahrt nicht
durch Benützung des Suezcanales abkürzen, denn es ist schwierig, ohne
Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der »Queensland« mußte
also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung
einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei
günstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown
eintreffen. Bis dahin hieß es also sich zu gedulden.
Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig.
Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der
»Shipping-Gazette« zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand:
»Londonderry, den 13. März. -- Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung
des Schooners »Doris« von Hamburg zur öffentlichen Versteigerung. Diese
beträgt hundertfünfzig Tonnen und umfaßt Alkohol und Wein in Fässern,
Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Säcke mit Gewürzen u. s. w. --
Der Verkauf findet statt auf Antrag der Gläubiger, der Herren Gebrüder
Harrington u. s. w.«
Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, daß hier vielleicht
etwas zu verdienen sei, da die Fracht der »Doris« bei einer Auction
voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren paßte
ja für sein eignes Geschäft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe
herum, daß er O'Brien deshalb um Rath fragte.
Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hörte die Erwägungen des Knaben an
und antwortete nach einiger Ueberlegung:
»Ja, hier wäre wohl ein Geschäft zu machen. Alle diese Waaren ließen
sich, wenn man sie billig ersteht, mit hübschem Nutzen verwerthen...
doch unter zwei Bedingungen: erstens, daß sie tadelloser Qualität
sind, und zweitens, daß man sie fünfzig bis sechzig Procent unter dem
Marktpreise erhält.
-- Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es
läßt sich etwas bestimmtes über die Sache nicht eher sagen, als bis man
die Ladung der »Doris« selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend
nach Londonderry zu fahren.
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