-- Ich habe keine....
-- O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben dürfen.
-- Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen
durchzukommen.
-- Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe,
und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir.«
Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewußt.
»Nein, Bob; den Wagen muß man nicht nachlaufen.
-- Warum denn nicht?
-- Weil es nicht recht ist, zu betteln.
-- Ach!... stieß Bob nachdenklich werdend hervor.
-- Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine?
-- Ja, aber groß sind sie nicht.
-- Nun, wir haben heute einen tüchtigen Marsch vor uns, wenn wir die
Nacht schon in Cork schlafen wollen.
-- In Cork?...
-- Ja freilich... das ist eine schöne Stadt da unten... mit
Schiffen...
-- Schiffen... ja ich weiß.
-- Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen?
-- Nein, noch nicht.
-- Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist groß!... Nun
vorwärts!«
Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her.
Zwei Meilen weiter hin verläßt die Straße das Ufer der Dripsey und
begleitet dafür das der Lee, die in der Bai von Cork ausmündet. Hier
erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden
der Grafschaft begaben.
Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: »Copper...
Copper!«
Findling holte ihn zurück.
»Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er.
-- Warum denn?
-- Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln.
-- Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben?«
Findling antwortete nicht und Bob fühlte sich sehr beunruhigt wegen
seines Frühstücks, bis er in einem Gasthause der Landstraße am Tische
saß. Hier thaten sich für sechs Pence drei -- der große Bruder, der
kleine Bruder und der Hund -- gütlich.
Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besaß ja einen Geldbeutel
mit Schillingen darin, und von diesen blieb noch übrig, als die Rechnung
des Wirthes bezahlt war.
»Woher hast Du denn das schöne Geld?
-- Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit....
-- Durch Arbeit?... O, ich möchte wohl auch arbeiten, ich weiß aber
nicht, wie ich's anfangen soll.
-- Das werd' ich Dir lehren, Bob.
-- Gleich jetzt?
-- Nein; erst wenn wir da unten sind.«
Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu
verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und
gingen so schnell, daß sie zwischen vier und fünf Uhr in Woodside waren.
Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich
bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern.
»Du bist doch nicht zu müde, mein Junge? fragte Findling.
-- Ach nein... es geht... es geht an,« versicherte das Kind.
Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestärkt hatten,
setzten beide ihre Wanderung fort.
Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstädte Corks. Hier fanden sie
bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern
hoffnungsfreudig ein.
VII.
Sieben Monate in Cork.
Sollte Findling nun in Cork, der Hauptstadt der Provinz Munster, sein
Glücksstern aufgehen? Die dritte Stelle in Irland einnehmend, zeichnet
sich diese Stadt durch ihren Handel, ihre Industrie, doch auch durch
wissenschaftliches Streben aus. Doch was konnte alles das einem Knaben
von elf Jahren im Beginn seiner selbstständigen Laufbahn nützen? Er war
ja vielleicht nur hierher gekommen, um die Zahl der Elenden, von denen
es in den Seestädten des Vereinigten Königreichs wimmelt, noch weiter zu
vermehren.
Findling hatte nach Cork gewollt, er war jetzt da, freilich unter
weniger günstigen Verhältnissen zur Durchführung seiner Zukunftspläne.
Einst, als er noch auf dem Strande bei Galway umherschweifte, und
später, als Pat Mac Carthy von seinen Reisen erzählte, da begeisterte er
sich für das einträgliche Handelswesen. Waaren im Auslande zu kaufen und
sie daheim theurer wieder abzusetzen... welch schöner Traum! Seit dem
Weggange von Trelingar-castle hatte er aber tiefer nachdenken gelernt.
Um aus dem Kinde vom Armenhaus in Donegal einen Befehlshaber eines
schönen, tüchtigen Schiffes zu machen, das die Weltmeere durchkreuzte,
mußte er von unten beginnen, als Schiffsjunge, als Leichtmatrose,
als Vollmatrose und als Bootsmann dienen, dann erst konnte er hoffen,
Offizier und Kapitän für lange Fahrt zu werden. Jetzt aber, wo er für
Bob und Birk zu sorgen hatte, war an so etwas nicht zu denken. Was hätte
auch aus beiden werden sollen, wenn er sie verließ? Da er -- mit Hilfe
Birks -- Bob das Leben gerettet hatte, fühlte er sich verpflichtet, es
ihm zu erhalten.
Am folgenden Tage einigte sich Findling mit dem Wirthe über den
Miethzins für eine Dachkammer mit einfacher Strohmatratze, der übrigens
nicht hoch war, nämlich zwei Pence, an jedem Morgen zu zahlen. Ihre
Mahlzeiten wollten sie einnehmen, wo sich das gerade machen ließ. So
gingen die beiden Knaben mit dem Hunde aus, als die Sonne eben die
Morgennebel zerstreute.
»Und die Schiffe?... fragte Bob.
-- Welche Schiffe?
-- Die von denen Du mir gesprochen hast.
-- Warte nur, bis wir an den Fluß kommen.«
Nun trollten sie durch eine ausgedehnte Vorstadt von etwas ärmlichem
Aussehen dahin, um die Schiffe zu suchen. Bei einem Bäcker unterwegs
wurde ein Stück Brod erkauft. Wegen Birks brauchten sie sich nicht zu
beunruhigen -- der fand schon sein Futter in den Abraumhaufen auf den
Straßen.
Am Quai der Lee, die Cork mit zwei Armen umfaßt, lagen wohl einige
Barken, doch keine Schiffe -- wenigstens nicht solche, die den Canal
Saint-Georges oder das irische Meer und gar den Atlantischen Ocean
hätten überschreiten können.
Der eigentliche Hafen liegt auch weiter stromabwärts bei Queenstown, dem
alten Cowes, und dahin kann man mittelst rascher Dampffähre bequem und
billig gelangen.
Bob an der Hand führend, betrat Findling nun die eigentliche Stadt.
Auf der Hauptinsel des Flusses erbaut, verbinden sie mehrere Brücken
mit dem Festlande. Andre, weiter oben oder unten gelegene Inseln sind
in Spaziergänge und Gärten verwandelt, die das herrlichste Grün
und erquickenden Schatten bieten. Da und dort erheben sich einzelne
Denkmäler, daneben eine stillose Kathedrale mit sehr altem Thurme, die
Kirche Sainte-Marie und Saint-Patrick. An Kirchen fehlt es in Irland
überhaupt nicht, auch nicht an Armen- und Krankenanstalten und
Workhouses. Im Lande Erins giebt es recht viele fromme Leute, doch
auch ebenso viele Arme. Der Gedanke, etwa in eine solche Armenanstalt
zurückkehren zu müssen, erfüllte Findling mit Abscheu und Schrecken. Ja,
da hätte er das Queenscollege, ein prächtiges Gebäude, weit vorgezogen.
Um da Aufnahme zu finden, wird freilich etwas mehr verlangt, als lesen,
schreiben und rechnen zu können.
Die Straßen der Stadt waren ziemlich belebt... belebt von Leuten, die
schon frühzeitig ihre Arbeit beginnen; jetzt öffneten sich die Läden
oder die Thüren der Häuser, aus denen die Dienstmädchen, den Besen in
der Hand oder einen Korb am Arme, heraustraten, jetzt knarrten viele
Wagen und zeigten sich viele Hausierer mit ihren zur Schau gelegten
Kleinwaaren, und es summte auf den Märkten, wo die Lebensmittel für
eine Bevölkerung von hunderttausend Seelen -- Queenstown eingerechnet --
feilgeboten werden. Auf dem Wege durch das Handels- und Industrieviertel
sah man Fabriken für Leder, Papier und Tuche, Brennereien und Brauereien
u. s. w., vom wirklichen Hafen- und Seeleben aber noch nichts.
Nach einem angenehmen Spaziergange ließen sich Findling und Bob auf der
Steinbank an der Ecke eines großen Gebäudes nieder. Hier »roch« es schon
mehr nach Welthandel, denn hier lagerten Salzfleisch, scharfe Gewürze,
Colonialwaaren aller Art, und auch Butter, wofür Cork ein Hauptmarkt
nicht nur für das Vereinigte Königreich, sondern fast für ganz Europa
ist. Findling sog den ihm fremden Duft mit größtem Wohlbehagen ein.
Das betreffende Gebäude erhob sich an der Vereinigung der beiden Arme
der Lee, die von hier aus vereinigt nach der Bai hinabströmen. Jenes
war das Zollamt mit seinem unaufhörlichen Menschenverkehr. Von diesem
Zusammenflusse aus spannt sich keine Brücke mehr über den Strom, und
so findet die Schiffahrt keinerlei Hindernisse zwischen Queenstown und
Cork.
Ebenso wie er vorher nach den Schiffen gefragt hatte, rief Bob jetzt:
»Nun, aber das Meer?«...
Ja, das Meer, das ihm sein großer Bruder versprochen hatte...
»Das Meer ist weiter draußen, Bob; dahin werden wir schon auch noch
kommen.«
Dazu brauchten sie nur eins der Fährboote zu besteigen, die den Verkehr
in der Bai vermitteln; das ersparte ihnen Zeit und Mühe. Das Fahrgeld
für zwei Personen betrug nur wenige Pence. Das konnten sie sich am
ersten Tage wohl erlauben, zumal da Birk ganz frei mitfuhr.
Wie freute sich Findling, auf der Lee in dem schnellen Dampfboote
hinabzugleiten. Er gedachte dabei der vornehmen Familie der Piborne's
und deren Besuchs auf der Insel Valentia, hinter der das weite, weite
Meer sich ausdehnte. Während der Fahrt kamen Schiffe von jeder
Größe vorüber. An den Ufern lagen große Speicher, Badeanstalten und
Schiffswerfte, die die auf dem Vorderdeck des Fährschiffes sitzenden
Knaben mit Interesse betrachteten.
Schließlich gelangten sie nach Queenstown, einem schönen, acht bis neun
Meilen langen, und von Ost nach West gegen sechs Meilen breiten Hafen.
»Ist das nun das Meer? fragte Bob.
-- Nein, kaum ein Stückchen davon, erwiderte Findling.
-- Da ist es also wohl noch größer?
-- Gewiß. Man kann kein Ende desselben sehen.«
Da das Fährboot aber nur bis Queenstown ging, kam Bob das, wonach er
sich so sehr sehnte, jetzt nicht vor Augen.
Schiffe jeder Größe gab es hier zu Hunderten, solche der langen Fahrt
ebenso wie Küstenfahrzeuge. Das erklärte sich damit, daß Queenstown
nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein Provianthafen ist. Die großen
transatlantischen Dampfer der englischen oder amerikanischen Linien,
die von den Vereinigten Staaten kommen, liefern hier die Postbeutel für
England ab, die dadurch einen halben Tag früher eintreffen. Dann steuern
die Dampfer weiter nach London, Liverpool, Cardiff, Newcastle, Glasgow,
Milford und nach andern Häfen des Vereinigten Königreichs, kurz, es
herrscht hier ein Schiffsverkehr, der sich auf zwölfhunderttausend
Tonnen beläuft.
Bob verlangte nach Schiffen.... Niemals jedoch hätte er geahnt, daß
es deren so viele gebe -- Findling übrigens auch nicht -- die einen
verankert oder von Tauen gehalten, die andern ein- oder ausfahrend,
die einen von überseeischen Ländern herkommend, die andern nach weit
entfernten Ländern aussegelnd, die hier in vollem Schmuck ihrer sich vor
der Brise aufblähenden Segel, und die dort wieder, das Wasser der Bai
von Cork mit ihren mächtigen Schrauben aufwirbelnd.
Und während Bob mit fast verdutzten Augen das rege Leben auf der Bai
betrachtete, grübelte Findling über die Handelsthätigkeit, die sich
vor seinen Blicken entrollte, über die reichen Ladungen im Raume jener
Schiffe, die Baumwollen- und Wollenballen, die Weintonnen, die Gefäße
mit Alkohol, über die Säcke mit Zucker, die Kisten mit Kaffee, und er
sagte sich, daß alles das gekauft und verkauft werde... daß das ein
richtiges Abbild der Handelsthätigkeit darstelle.
Auf dem Quai von Queenstown zu lange zu verweilen, hier, wo so vieles
Elend neben so großen Reichthümern sichtbar ist, hätte ihnen auch nichts
nützen können. Mit Schrecken sahen sie da und dort große Haufen von
»Mudlarks«, kleinen, armen Kindern und alten elenden Frauen, die den
von der Ebbe freigelegten Schlamm durchwateten, und an den Straßenecken
andre Unglückliche, die sich mit den Hunden um einige Abfälle stritten.
So bestiegen beide wieder das Fährboot und kehrten nach Cork zurück.
Die Spazierfahrt war unterhaltend und belehrend gewesen, hatte aber viel
gekostet. Vom nächsten Tage ab galt es nur daran zu denken, etwas
mehr zu verdienen als auszugeben, wenn die kostbaren Guineen nicht
zusammenschmelzen sollten, wie ein Stück Eis in der warmen Hand.
Wir wollen nicht auf alle Einzelheiten des Leben Findlings und seines
Freundes Bob während der sechs Monate nach seinem Eintreffen in Cork
eingehen. Der lange und rauhe Winter wäre für an Hunger und Kälte
weniger gewöhnte Kinder gewiß verderblich gewesen. Jetzt machte die Noth
aus diesem Knaben von elf Jahren schon einen Mann. Einstmals, bei der
Hard, lebte er von nichts, und wenn er heute von wenig lebte, so lebte
er doch, und Bob noch mit ihm. Mehr als einmal hatten sie freilich des
Abends nur ein Ei zu theilen, das sie mit einem Stück Brod verzehrten,
dennoch sprachen sie nie um ein Almosen an. Bob hatte eingesehen, daß
das Betteln eine Schande war. Beide besorgten sie kleine Aufträge,
holten Wagen von den Halteplätzen und trugen, manchmal ziemlich
schweres, Reisegepäck, das die Fremden ihnen beim Verlassen des Bahnhofs
übergaben.
Findling verstand von dem Reste seines Lohnes von Trelingar-castle
möglichst viel zu erhalten. Nur in den ersten Tagen des Aufenthaltes in
Cork hatte er einen Theil davon opfern müssen. Bob brauchte ja Kleider
und Schuhe und freute sich unbändig, als er einen ganz neuen Anzug für
dreizehn Schillinge auf dem Leibe hatte. Er konnte ja aber auch nicht
in Lumpen und barfuß nebenher gehen, wenn sein großer Bruder anständig
gekleidet erschien. Nach dieser einmaligen Ausgabe galt es aber, von dem
zu leben, was tagsüber verdient wurde. Zuweilen, wenn ihnen der Magen
ein wenig knurrte, beneideten sie wohl Birk, der sein Futter auf der
Straße fand.
»Ich möchte fast auch ein Hund sein! meinte Bob.
-- Nun, verwöhnt bist Du offenbar nicht!« antwortete Findling.
Mit dem Miethzins im Gasthaus blieben sie nie im Rückstand. Der
Eigenthümer, der sich für die beiden Kinder interessierte, bedachte sie
von Zeit zu Zeit einmal mit einer guten warmen Suppe, und die konnten
sie ja wohl ohne Erröthen annehmen.
Wenn Findling darauf hielt, die beiden Pfund, die ihm nach den ersten
Einkäufen noch verblieben, zu bewahren, so geschah das, weil er auf die
Gelegenheit wartete, dieses Capital »ins Geschäft zu stecken«, wie er
sagte. Bob riß die Augen weit auf, als er ihn so sprechen hörte,
und Findling erklärte ihm dann, das bestehe darin, irgendwo Dinge
einzukaufen und sie um höheren Preis wieder zu verkaufen.
»Dinge, die man essen kann? fragte Bob.
-- Die man essen kann oder nicht, das hängt vom Zufall ab.
-- Ich würde lieber Sachen kaufen, die eßbar sind.
-- Warum denn, Bob?
-- Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens
selbst verzehren.
-- Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verständniß für den Handel! Es
kommt indeß darauf an, gut auszuwählen, was man einkauft, dann wird man
das wohl immer mit Nutzen wieder los.«
Hieran dachte unser Held unablässig, und er machte auch einige
schüchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier,
Bleistiften und Streichhölzchen auch -- wegen starker Concurrenz --
nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem
Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nähe des Bahnhofs
aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzüglich so
grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und höflich an, daß
nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale,
die Coursbücher der Eisenbahnen, oder Fahrpläne und kleine billige
Reisebücher abzunehmen. Findling und Bob besaßen jeder einen Kasten,
in dem die Zeitungen und Bücher so lagen, daß man die Titel und auch
etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um
wiederzugeben, fehlte es niemals. Natürlich verließ Birk seinen Herrn
auch hier nie; er mochte sich als Geschäftstheilhaber oder wenigstens
als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem
Zeitungsblatt in den Zähnen auf Vorübergehende zu und bot es diesen mit
bezeichnenden Sprüngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf
dem Rücken, worin die Preßerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein
Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schützte.
Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewiß kein so übler. Die
Käufer mußten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so
durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's
freilich mit tollen Sprüngen und mit Spielen mit Hunden aus der
Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere näherten,
da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige
Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zähne. In der Umgebung des
Bahnhofs sprach man schon überall von dem Hunde der kleinen Händler. Ja
man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Käufer entnahmen dem Korbe
das gewünschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafür in eine
Sparbüchse, die an Birks Halse hing.
Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, »sein Geschäft«
auszudehnen. Dem Handel mit Büchern und Journalen fügte er noch
Streichhölzer, Tabak, billige Cigarren und ähnliches hinzu. In Folge
davon trug Birk allmählich einen ganzen Kramladen auf den Schultern.
An manchem Tage vereinnahmte er sogar mehr als seine Herrn, die deshalb
nicht eifersüchtig wurden -- im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit
einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei
Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wäre ein Glück, wenn alle
Familien so einig wären, wie hier der Hund und die beiden Kinder!
Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der
siebenundeinhalbjährige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste
als sein größerer Bruder, war dafür lustiger und ließ seiner natürlichen
Fröhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen
konnte, unterließ es Findling selbstverständlich nicht, ihn bald darin
zu unterrichten. Er mußte doch wenigstens die Titel der Blätter angeben
und lesen können, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und
er machte schnell Fortschritte. Nach den großen Buchstaben der Titel
erlernte er die kleinen im Texte der Blätter. Dann ging's ans Schreiben
und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch überwand
er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der
den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schönsten Straße
von Cork eine weit leuchtende Firma mit »=Bookseller=« darauf hatte.
Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner
Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er
sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die
Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der
Landstraße hinter den Wagen hergelaufen war.
Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natürlich jeden
Tag Buch und Rechnung geführt, und so und so viel für die Wohnung, für
Essen und Trinken, für Wäsche und für Heizung und Licht ausgeworfen.
Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren
bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben
und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso
einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des
Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse -- wenn er eine Casse
besessen hätte. Dafür hatte ein wohlwollender Händler, bei dem er
gewöhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfügung
gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschuß
eingelegt, für den er sogar schon einige Zinsen erhielt.
Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten
Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewiß nicht unberechtigte
Ehrgeiz, seine Geschäfte zu vergrößern. Das wäre ihm, auch wenn er
dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich
jedoch, nicht ohne Grund, daß eine bedeutendere Stadt, z. B. Dublin,
die Hauptstadt Irlands, dafür günstigere Aussicht bieten müsse. In Cork
laufen ja die Schiffe nur vorübergehend an und der Waarenumsatz ist
verhältnißmäßig beschränkt... während Dublin... Dublin lag nur gar
so weit von hier!... Doch das war ja zu überwinden. Wenn auch die
Möglichkeit vorlag, daß der Knabe dabei den Sperling aus der Hand für
die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Träume für verwirklicht
ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu
träumen.
Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres
1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob
brauchten jetzt ja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom
Morgen bis zum Abend auf den Straßen umherzulaufen. Immerhin ist es
beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Plätzen und an Straßenecken
längere Zeit auszuhalten. Sie waren das indeß von früher Jugend an
gewöhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie
wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei
jeder Witterung standen sie Tag für Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften
dann ihre Vorräthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu
sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Züge
die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene
Stadttheile, während Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rücken
trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Königreich alle Städte,
Flecken und Dörfer feiern, gönnten sie sich einige Ruhe, besserten
die Kleidung aus, räumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so
sauber wie möglich her, wonach der eine seine Buchführung in Ordnung
brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen übte. Am
Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach
Queenstown -- zwei wackre kleine Bürger, die nach einer Woche fleißiger
Arbeit zur Erholung lustwandelten.
Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren,
und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer.
»Und weiter draußen, fragte er, wenn man auf dem Wasser immer, immer
weiter fährt, was findet man denn da?
-- Ein großes Land, Bob.
-- Größer als unsres?...
-- Tausendmal so groß, Bob, und die großen Schiffe, die Du siehst,
brauchen zur Reise dahin wenigstens acht volle Tage!
-- Giebt's denn in jenem Lande auch Zeitungen?
-- Zeitungen, Bob?... O, zu hunderten... Zeitungen, die das Stück
sogar mit sechs Pence verkauft werden.
-- Das weißt Du bestimmt?
-- Ganz bestimmt... ich weiß auch, daß man Monate brauchen würde, um
sie alle durchzulesen!«
Bob betrachtete mit Bewunderung den erstaunlichen Findling, der im
Stande war, so etwas zu versichern. Bezüglich der gewaltigen Schiffe,
der mächtigen Dampfer, die gewöhnlich in Queenstown vor Anker gingen,
fühlte er das lebhafteste Verlangen, einmal deren Deck zu betrachten
und auf den Masten herumzuklettern, während Findling es sicherlich
vorgezogen hätte, den Laderaum und die Fracht in Augenschein zu nehmen.
Bisher hatten aber beide nicht gewagt, an Bord eines solchen zu gehen
ohne Erlaubniß des Kapitäns -- einer Persönlichkeit, von der sie sich
die übertriebensten Vorstellungen machten. Ihn zu fragen, dazu fehlte
ihnen der Muth. Der Kapitän ist auf dem Schiffe ja »der Nächste nach
Gott«, wie es Findling gehört und es Bob wieder gesagt hatte.
So blieb der Wunsch der beiden Knaben noch immer unbefriedigt.
Hoffentlich sollte er noch einmal in Erfüllung gehen, gleich den andern
Wünschen, die in ihnen erwachten.
VIII.
Ein erster Heizer.
So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven
Findlings mit so vielen glücklichen und unglücklichen Conten, mit der
Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er
nie wieder etwas gehört hatte, mit den drei auf Trelingar-castle
zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung
in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand.
Während der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar
noch nicht, er schien aber seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Da
Findling einsah, daß er unter solchen Umständen nicht weiter
vorwärts kommen könne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun
eine einträglichere Operation -- nicht in Cork, sondern in einer
bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafür Dublin im
Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein
Vorhaben auszuführen.
Januar, Februar und März verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie
konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermögen nahm einmal auch plötzlich
mehr zu, als ihnen ein besonders »Geschäft« mit recht gutem Nutzen
zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezüglich
der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straßen von Cork und von
Queenstown Findling das ausschließliche Recht erhielt. Wer die Broschüre
kaufen wollte, mußte sich also an ihn, allein an ihn wenden, und
Birk trug einen hübschen Posten davon auf dem Rücken. Die Sache hatte
überraschenden Erfolg, und beim Abschluß der Rechnung zu Anfang des
April befanden sich in der Cassa dreißig Pfund, achtzehn Schillinge und
sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen.
Jetzt entstanden lange Verhandlungen über die Frage der Ermiethung eines
kleinen Ladens in der Nähe des Bahnhofs. Es wäre ja so hübsch gewesen,
ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar
schien, drängte mehr und mehr dazu. Da wäre nun ein Zeitungs- und
Bücherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von
acht Jahren -- Ladeninhabern, die nun schon hätten Steuern entrichten
müssen. Voraussichtlich hätten die Kinder, die bereits das öffentliche
Interesse erregt hatten, auch gute Geschäfte gemacht. Findling dachte
jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen
Richtungen. Vor allem beschäftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung
nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zögerte er und
fügte sich Bobs Einwürfen, als sich etwas ereignete, was für seine
Zukunft sofort entscheidend werden sollte.
Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich
vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzüglich bestimmte
sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschänke zu
frühstücken und zu speisen.
»Da giebts wohl Fische? fragte Bob.
-- Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann
wenigstens Krabben, wenn Du diese magst....
-- Ich?... Natürlich!«
Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen
blank gewichste Stiefeln an die Füße und brachen frühzeitig mit dem
glattgebürsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf.
Heut' war prächtiges Wetter, glänzend strahlte die Frühlingssonne herab
und über dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der
Lee in einem Fährboot machte ihnen schon das größte Vergnügen. Hier
befanden sich nämlich Musiker an Bord, Straßenvirtuosen, deren Vorträge
Bob geradezu entzückten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und
es war nur zu wünschen, daß er ebenso endigte.
Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine
Schänke mit der Firma zum »=Old Seaman=«, die ihm ganz passend erschien,
um darin einzukehren.
Vor der Thür stand ein Kübel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere
ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf
wanderten, wenn ein Gast den dafür verlangten Preis anlegen wollte.
Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfählen im
Wasser befestigten Schiffe übersehen.
Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schänke
eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein großes Dampfschiff
abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und
noch seine Sonntagstoilette machte.
Es war der »Vulcan«, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der
von Amerika kam und am nächsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte.
Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf
dessen Fragen mitgetheilt.
Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellänge vom Quai vertäute
Fahrzeug, als sich ein großer Bursch mit geschwärztem Gesicht und
noch schwärzeren Händen Findling näherte, ihn ansah und den Mund weit
aufsperrend rief:
»Du... Du!... Bist Du es wirklich?«
Findling wurde ganz bestürzt, und Bob war es nicht minder. Der junge,
fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier
mußte ein Irrthum vorliegen.
Der vermeintliche Neger ließ sich durch die Zurückhaltung des Knaben
jedoch nicht abschrecken.
»Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... Die
=Ragged-School=... Grip!...
-- Grip!« wiederholte Findling ganz außer sich.
In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und
küßten sich mit solcher Innigkeit, daß Findling selbst dabei so schwarz
wie ein Kohlenträger wurde.
Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule
war jetzt ein großer, kräftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der
durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder höchstens
nur dadurch, daß sein Gesicht noch den gleichen gutmüthigen Ausdruck
zeigte.
»Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer
wieder.
-- Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein
Junge!
-- Und Du bist jetzt Matrose?...
-- Nein, Heizer an Bord des »Vulcan«!«
Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte,
einen sehr tiefen Eindruck.
»Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?...
-- Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich
heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die
dann das Schiff vorwärts treibt.«
Findling stellte seinem alten Beschützer aus der =Ragged-School= nun
seinen Bob vor.
»Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstraße gefunden habe...
und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft
erzählt. Ach, mein guter Grip, wie viel mußt Du mir erst zu erzählen
haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind!
-- Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer.
-- Nun, komm, komm, frühstücke mit uns... dort in jener Schänke, in die
wir eben gehen wollten....
-- O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir
frühstücken. Zunächst kommt jedoch einmal mit an Bord....
-- An Bord des »Vulcan«?...
-- Natürlich.«
Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? -- Findling und Bob wagten
kaum, Grip zu glauben. Das war ja für sie dasselbe, als hätte man ihnen
vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten.
»Ja, aber unser Hund?...
-- Welcher Hund?...
-- Birk.
-- Das Thier, das hier um mich herumstolziert?... Ist das Euer Hund?
-- Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du!«
Wer weiß, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt
fühlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden
war.
»Doch der Kapitän?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke
Zurückhaltung auferlegte.
-- Der Kapitän ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie große
Herren empfangen!«
Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger.
Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten!
»Uebrigens, fuhr Grip fort, muß ich noch ein bischen Toilette machen und
mich vom Kopf bis zu den Füßen waschen, da mein Dienst zu Ende ist.
-- Du hast also den ganzen Tag frei, Grip?
-- Den ganzen Tag.
-- Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu
fahren!
-- Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob.
-- Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mußt Dich auch etwas
abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heißt doch
noch immer so?
-- Jawohl, Grip.
-- Das ist mir lieb.
-- Grip... ich möchte Dich noch einmal umarmen!
-- Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in
den Kübel!
-- Nun, und ich? ließ sich Bob vernehmen.
-- Du auch!«
Der junge Mann küßte auch den Kleinen, der davon ebenso negerähnlich wie
Grip selbst wurde.
Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des »Vulcan« und in der
kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hände wieder
reinigen. -- An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht
daran glauben!
Einen Augenblick danach bestiegen alle drei -- Birk nicht zu
vergessen -- das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens
vorwärts trieb -- zur größten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt
zu sehen -- und binnen zwei Minuten legten sie am »Vulcan« an.
Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und
der Heizer ließ seine Gäste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen,
während Birk auf dem Verdeck umhertrottete.
Hier wurde ein Faß neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefüllt, so
daß sie ihre natürliche Farbe wieder erlangen konnten. Während er sich
dann umkleidete, erzählte Grip seine Geschichte.
Beim Brande der =Ragged-School= ziemlich ernstlich verwundet, hatte
er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glück
wieder völlig hergestellt verließ, nur daß es ihm an allen Mitteln zum
Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder
herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Straße
liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach
zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen,
dahin zurückzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kriß
zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zu
überwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch
Findling nicht mehr dort. Grip wußte zwar, daß diesen eine schöne Dame
mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und
als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen
danach leider ohne jeden Erfolg.
Grip verließ also Galway und durchstreifte auf gut Glück das Land. Zur
Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschäftigung, doch keine
feste Anstellung, was ihn natürlich beunruhigte. So wanderte er von Ort
zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glücklicher
als früher in der Lumpenschule.
Ein Jahr später war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See
gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer.
Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spät, Schiffsjunge, ja sogar
Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen
konnte, schon weil ihm die dazu nöthigen Kenntnisse fehlten, so begnügte
er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an
Bord des »Vulcan« aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer
von schwarzem Rauch geschwängerten Luft zu verweilen und noch dazu
bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des
Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber
und eifrig von Natur, gewöhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord.
Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des
Kapitäns und der Officiere, die sich für den armen Teufel ohne Familie
interessierten.
Der »Vulcan« fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Häfen der
Ostküste von Amerika. In zwei Jahren war Grip vielmals über den Ocean
gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu füllen und das
Heizmaterial vor die Feueröffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der
Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer
verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und
er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit
erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von
der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder.
Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem
unsinniges Zechen zuwider war, während das bei Matrosen der
Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist,
hatte seinen Lohn stets zum größten Theil zurückgelegt. Er besaß also
ein kleines Vermögen, das er mit Vergnügen wachsen sah -- einige sechzig
Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem
Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn
kommen; war es ja schon wunderbar genug, daß Grip überhaupt vorräthige
Geldmittel sein eigen nannte.
Das war die Geschichte, die Grip lustig erzählte und nach der auch
Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und
Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem künstlerischen
Erfolge der Miß Anna Walston hörte, von der glücklichen, schönen Zeit
in der Farm von Kerwan, von dem Unglück, das die ehrenwerthe Familie
betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, daß Findling von seinen
Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen können,
er staunte aufrichtig über den Reichthum und die Pracht von
Trelingar-castle und empörte sich über die Hochmüthigkeit des Grafen
Ashton, die Findling veranlaßt hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende
zu machen.
Auch Bob mußte einiges aus seiner Lebensgeschichte erzählen. Sie war
freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein
Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der
Straße gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte,
als er sich den Tod geben wollte.
Birks Geschichte fiel natürlich mit der seines Herrn zusammen und
brauchte nicht weiter geschildert zu werden.
»Na, nun ist es an der Zeit, frühstücken zu gehen, sagte der erste
Heizer des »Vulcan«.
-- Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte
Findling lebhaft.
-- Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob
hinzu.
-- Wie es Euch beliebt, meine Boys!« erwiderte Grip.
Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum,
was für unsern Handelsmann das allergrößte Vergnügen war. Hier lagen
Baumwollenballen, Zuckerfässer, Säcke mit Kaffee, und Kisten, die
allerlei überseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling
begierig einsog. Diese Schätze waren nun also aus weiter Ferne für
Rechnung der Rheder des »Vulcan« eingekauft, um auf den Märkten des
Vereinigten Königreichs wieder veräußert zu werden. O, wenn Findling
jemals in die Lage kam....
Grip unterbrach den schönen Traum mit der Einladung, wieder nach dem
Deck hinaufzugehen, um die im Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen
des Kapitäns und der Officiere zu besuchen, während Bob außen auf den
Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes
gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzückt, aber auch
so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem
Schiffsjungen in dem Knaben.
Gegen elf Uhr saßen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der
Schänke zum »=Old Seaman=«, Birk natürlich dahinter, der mit der
Schnauze bis zur Höhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein
Wunder, daß jetzt alle tüchtigen Appetit verspürten.
Dafür gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip
auf sich nahm. Nämlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit
gelblichem zitternden Gelée darüber, ferner Chesterkäse und zu dem allen
vorzüglich schäumendes Ale! Außerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die
gewöhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weißrothem
Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein
Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich
den »Magen füllen« könnte.
Natürlich wurde auch während des Essens geplaudert. Wenn es in feinem
Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre
kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, daß sie keine Zeit
verlieren durfte.
Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit
her, wo sie in der erbärmlichen =Ragged-School= gelebt hatten... sie
erwähnten den Vorfall mit der armen Möve, die als Geschenk erhaltene
wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w.
»Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip.
-- Ich weiß es nicht und habe mich nicht darum gekümmert, antwortete
Findling. Das schlimmste für mich wär's jedenfalls gewesen, wenn ich
wieder mit ihm zusammengetroffen wäre.
-- Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip;
da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch
zuweilen zu lesen.
-- Das thu ich wohl auch.
-- Dann wirst Du sehr bald erfahren, daß jener Bösewicht Carker kürzlich
an einem Hanffieber gestorben ist.
-- Gehenkt?... Ach, Grip...
-- Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten!«
Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip
war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und
jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken.
»Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht!
sagte er.
-- Das freut mich herzlich, mein Boy!
-- Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke
lebhaften Bedauerns.
-- Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip.
Jetzt kennst Du mich...
-- Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit
einander plaudern, wir beide, Birk!«
Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes
Stück Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der
Versicherung Bobs schien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack
abgewinnen zu können.
Grip wurde nun über seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzählte von
den großen Städten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und
Findling hörte so aufmerksam zu, daß er darüber sogar das Essen ganz
vergaß.
»Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr große Städte in England,
und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst...
-- Ja, Grip, das weiß ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, große
Handelsstädte, sie liegen nur gar so weit von hier....
-- O nein, nicht so weit....
-- Für Seeleute, die dahin fahren, ja, doch für alle andern...
-- Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert
Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne
daß man über See zu gehen braucht....
-- Ach ja, Dublin!« murmelte Findling.
Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, daß er nachdenklich
wurde.
»Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schöne Stadt mit sehr lebhaftem
Geschäftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorübergehend an, wie
hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin
zurück....«
Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich
fort.
»Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin überzeugt,
da würden sich die Verhältnisse für Dich besser gestalten als hier; und
wenn Du etwa Geld brauchst...
-- Wir haben etwas erübrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling.
-- Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence
aus der Tasche zog.
-- Ich auch, erklärte Grip, und ich weiß nicht, was ich damit beginnen
soll.
-- Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank?
-- Dazu hab' ich kein Vertrauen....
-- Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen würde,
Grip....
-- Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich
keins zu andern Leuten habe, zu Dir würde ich es haben, mein Boy, und
wenn Du nach Dublin kämst, nach dem Heimathafen des »Vulcan«, da würden
wir uns auch oft sehen können. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen
Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wär' ich gern erbötig, es Dir
zu geben....«
Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fühlte sich ja
überglücklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien
es, als wären sie durch Bande verknüpft, die kein Zufall lösen könnte.
»Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke?
-- Sprich, lieber Grip.
-- Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... daß Du... dort
Dein Glück machen müssest....
-- Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt,
antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem
Glanze auf.
-- Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon
reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen.
Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung
handeln.
-- Ganz recht, Grip.
-- Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob
aufstehend.
-- Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, daß Du wohl auch
keinen Hunger mehr hast....
-- Ja, vielleicht... ich weiß nicht. Das ist das erste Mal, daß mir das
vorkommt....
-- So wollen wir also ein wenig spazieren gehen,« schlug Findling vor.
So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Pläne
schmiedeten, während sie auf den Quais und durch die Straßen Queenstowns
lustwandelten.
Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem
Landungsplatze des Fährbootes begleitet hatte, begann er:
»Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um
einander nie wieder zu begegnen.
-- Gewiß, Grip... in Cork... sobald der »Vulcan« hier wieder
anlegt...
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