die den ganzen Tag lang nur herumlungern, deren Augen hierhin und dahin
gehen, da sie durch jede Fliege, jeden Schmetterling abgelenkt werden.
Immer sah man ihn überlegt, stets suchte er den Sachen auf den Grund zu
gehen und sich durch Befragung andrer zu unterrichten. Seinen Blicken
entging auch nicht das geringste. Er hob jede Stecknadel ebenso auf,
wie er einen Schilling aufgehoben hätte. Seine Kleidung hielt er stets
reinlich und alles in musterhafter Ordnung. Der Sinn für diese war ihm
angeboren. Er antwortete höflich, wenn man ihn fragte, und ließ sich
jede erhaltene Antwort erklären, wenn er sie nicht ganz verstanden
hatte. Gleichzeitig machte er im Schreiben sichtliche Fortschritte. Das
Rechnen schien ihm sehr leicht zu fallen und dabei gehörte er nicht zu
den frühreifen Wunderkindern, die später so oft nicht halten, was sie
versprachen; er brachte aber Berechnungen im Kopfe fertig, bei denen
viele andre zur Feder gegriffen hätten. Zu seinem wahrhaften Erstaunen
erkannte Murdock auch, daß der Kleine sich bei allen Handlungen nur von
seiner hochentwickelten Vernunft leiten ließ.
Dank den Lehren der Großmutter eignete er sich auch schnell die Gebote
der Religion an, wie sie die katholische Lehre vorschreibt und die alle
tief im Herzen jedes Irländers wurzeln. Jeden Tag verrichtete er sein
Morgen- und sein Abendgebet mit aufrichtiger Innigkeit.
Der Winter verstrich -- ein sehr kalter Winter mit vielen Stürmen, die
oft erschreckend durch das Thal des Cashen brausten. Oft fürchtete man,
daß die Strohdächer abgerissen oder daß die Lehmwände nicht Stand halten
würden. Von dem Middleman John Eldon Reparaturen zu verlangen, wäre ganz
nutzlos gewesen. Martin Mac Carthy und seine Kinder mußten sich eben
selbst zu helfen suchen. Neben dem Ausdreschen des Getreides nahm
sie das am meisten in Anspruch: hier war ein Stück Strohdach wieder
herzustellen, dort eine Mauer zu dichten und an vielen Stellen die
Einfriedigung zu stützen.
Inzwischen arbeiteten die Frauen in verschiedener Weise; die Großmutter
spann fleißig in der Nähe des Kamins, Martine und Kitty besorgten die
Ställe und den Geflügelhof, wobei sie der Findling nach Möglichkeit
unterstützte. Er achtete genau auf alles, was den Betrieb der
Wirthschaft anging. Zu jung, um schon mit Pferden umzugehen, hat er
mit einem grauen Langohr, einem gutmüthigen Thiere, fast Freundschaft
geschlossen, die dieser ihm erwiderte. Er wollte, daß sein Esel ebenso
sauber aussähe, wie er selbst, was ihm Martines besondre Anerkennung
einbrachte. Bei den Schweinen wäre das freilich ein vergebliches Bemühen
gewesen, so daß er darauf von vornherein verzichtete. Die Zahl der
Schafe hatte er, nach sorgfältiger Feststellung derselben -- mit 103 --
in ein altes von Kitty erhaltenes Notizbuch eingetragen. Seine Neigung
für eine solche Buchführung trat immer mehr hervor, und man hätte
glauben können, daß ihm O'Bodkins in der =Ragged-School= diese übererbt
habe.
Seine Peinlichkeit darin trat besonders hervor, als Martine eines Tags
einige von den für den Winter aufbewahrten Eiern holen wollte.
Die Pächterin nahm etwa zwölf ohne Wahl heraus, als der Findling ihr
zurief:
»Nicht diese, Frau Martine?
-- Diese nicht?... Warum denn nicht?
-- Weil dadurch die gehörige Ordnung gestört würde.
-- Welche Ordnung?... Sind denn diese Hühnereier einander nicht ganz
gleich?
-- Gewiß nicht. Sie haben das achtundvierzigste genommen, wo Sie beim
siebenunddreißigsten hätten anfangen sollen. Sehen Sie nur hin.«
Wirklich entdeckte Martine da, daß jedes Ei eine Nummer auf der Schale
trug, eine Nummer, die der kleine Knabe mit Tinte darauf geschrieben
hatte. Da die Farmersfrau zwölf Eier haben wollte, mußte sie sie
der Reihe nach entnehmen, d. h. vom siebenunddreißigsten bis mit dem
achtundvierzigsten, nicht aber die Nummern achtundvierzig bis mit
neunundfünfzig. Das that sie denn auch, nachdem sie das Knäblein für
seinen Ordnungssinn belobt hatte.
Als sie die Sache beim Frühstück erwähnte, schlossen sich alle diesem
Lobspruche an und Murdock fragte:
»Findling, hast Du denn auch die Hennen und die Küchlein im Hühnerstalle
gezählt?
-- O, gewiß!«
Damit zog er sein Notizbuch heraus.
»Es sind dreiundvierzig Hühner und neunundsechzig Küchlein darin.«
Darauf konnte sich Sim nicht enthalten zu bemerken:
»Du solltest auch zählen, wie viele Haferkörner in jedem Scheffel
stecken....
-- Scherzt darüber nicht! fiel Martin Mac Carthy ein. Das beweist, daß
er Ordnung hält, und Ordnung im Kleinen bedeutet erst recht auch Ordnung
im Großen und im ganzen Leben.«
Dann wendete er sich an das Kind:
»Und Deine Kiesel, fragte er, die Steine, die ich Dir jeden Abend
gebe?...
-- Die liegen in der Kruke, Herr Martin; ich habe schon
siebenundfünfzig.
-- O, sagte die Großmutter lächelnd, das wären ja für ebenso viele Tage
bereits siebenundfünfzig Pence, den Stein einen Penny gerechnet.
-- He, Kleiner, scherzte Sim, für das Geld könntest Du Dir aber eine
Menge Kuchen kaufen.
-- Kuchen, Sim?... Ach nein, da würd' ich schöne Schreibhefte
vorziehen!«
Das Ende des Jahres nahte heran. Auf den stürmischen November folgte
eine sehr harte Kälte. Eine dichte Lage gefrorenen Schnees bedeckte
die Erde, und für den Knaben war es ein entzückendes Bild, die Bäume im
Schmuck des Reifs und da und dort mit glitzernden Eiszapfen zu
sehen. Auf den Scheiben der Fenster schlug sich die Feuchtigkeit in
formenreichen Krystallen nieder, die hübsche Zeichnungen bildeten. Dazu
war der Fluß ganz zugefroren und auf ihm lagerten übereinander gethürmt
massige Schollen. Diese Winterbilder waren für ihn zwar nichts neues,
denn er hatte sie auf den Landstraßen von Galway bis Claddagh wiederholt
gesehen. Zu jener traurigen Zeit trug er aber kaum etwas auf dem Leibe
und watete mit nackten Füßen durch den Schnee. Da thränten ihm die Augen
und seine Hände wurden ihm rissig. Und wenn er dann in die Lumpenschule
zurückkam, gab's für ihn kein Plätzchen am Ofen.
Wie glücklich fühlte er sich dagegen jetzt. Wie zufrieden verbrachte
er seine Tage bei diesen einfachen Leuten, die ihn aber liebten! Fast
schien es, als ob deren Zuneigung ihn noch mehr erwärmte, als seine
Kleider, die ihn vor der eisigen Zugluft schützten, als die gesunde
Nahrung, die auf den Tisch kam, mehr als die lodernden Flammen im Kamin.
Jetzt, wo er sich schon etwas nützlich machte, fühlte er sich wie zum
Hause gehörig. Hier hatte er eine Großmutter, eine Mutter, Brüder,
Eltern.... Bei ihnen, so dachte er, wollte er sein ganzes Leben
verbringen. Hier wollte er sich seinen Unterhalt verdienen, das war und
blieb sein einziger Gedanke.
Wie freute er sich, zum ersten Male an dem Feste theilzunehmen, das im
irischen Kirchenjahre fast als das heiligste gefeiert wird.
Es war der 25. December, Weihnachten, die Christmas. Der Findling wußte
schon, welchem historischen Ereignisse die Feier galt, die alle
Christen an diesem Tage veranstalten. Unbekannt war ihm aber, daß man im
Vereinigten Königreich damit auch ein schönes Familienfest verband. Für
ihn mußte das also eine Ueberraschung werden. Er bemerkte wohl am Morgen
ungewöhnliche Vorbereitungen. Da die Großmutter, Martine und Kitty
dieselben jedoch mit vollständiger Heimlichkeit betrieben, hütete er
sich wohl, sie darüber zu fragen.
Jedenfalls wurde er veranlaßt, die besten Kleider anzulegen, was Martin
Mac Carthy und seine Söhne, die Großmutter, deren Tochter und Kitty
schon sehr frühzeitig gethan hatten, um nach der Kirche in Silton zu
fahren. Sie behielten den Staat auch den ganzen Tag über an. Dazu kam,
daß das Mittagsessen heute für zwei Stunden später angesetzt und es fast
schon Nacht war, als der Tisch im großen Zimmer mit einem Reichthum an
Licht, der geradezu blendend wirkte, hergerichtet wurde. Ferner gab es
ganz besonders ausgewählte Speisen und deren gar noch drei oder vier
Gerichte mehr als gewöhnlich. Hierzu wurde schäumendes Bier aufgetragen
und ein Ungeheuer von Kuchen, den Martine und Kitty nach einem schon
sehr lange Zeit in der Familie aufbewahrten Recepte hergestellt hatten.
Daß tüchtig gegessen und getrunken wurde, versteht sich ja von selbst.
Alle waren höchst aufgeräumt. Selbst Murdock ließ sich weit mehr gehen,
als er das sonst zu thun pflegte. Wenn die andern laut auflachten,
lächelte er freilich nur, und ein Lächeln von ihm glich einem
Sonnenstrahl im Nebel.
Am meisten freute sich der Findling über den auf dem Tische stehenden
Christbaum, eine Tanne mit Bänderschmuck und mit Lichtsternen, die
zwischen den Zweigen funkelten.
Da sagte die Großmutter zu ihm:
»Sieh nur auch unter die Zweige, Kleiner; ich glaube, da findet sich
noch etwas für Dich!«
Der Findling ließ sich darum nicht bitten; doch wie beglückt fühlte er
sich, wie rötheten sich seine Wangen vor Vergnügen, als er unter
dem Baume ein schönes irländisches Messer mit an einem Ledergürtel
befestigter Tragkette entdeckte.
Das war das erste Weihnachtsgeschenk, das er je erhalten hatte, und wie
stolz fühlte er sich, als Sim ihm half, den Ledergurt um die Hüften zu
schnallen.
»Ach, herzinnigen Dank, Großmutter, herzlichen Dank allen... allen!«
rief er jubelnd, während er von einem zum andern ging.
X.
Was sich in Donegal zugetragen hatte.
Wir dürfen jetzt nicht unerwähnt lassen, daß dem Farmer Mac Carthy der
Gedanke gekommen war, wegen des Civilverhältnisses seines Adoptivkindes
Nachforschungen anzustellen. Bekannt war dessen Lebensgeschichte ja nur
seit dem Tage, wo gute Menschen den Knaben der schlechten Behandlung des
Puppenschaustellers entzogen. Bezüglich seiner früheren Existenz hatte
der Kleine, wie wir wissen, eine unklare Erinnerung davon bewahrt,
daß er bei einer recht bösen Frau, zugleich mit einem oder auch zwei
Mädchen, in einem Dörfchen des inneren Donegal gewohnt hatte. Nach
dieser Seite hin mußte Martin seine Nachforschungen also richten.
Dadurch erhielt er aber nur folgende Aufschlüsse: Im Armenhause von
Donegal fand sich die Spur eines achtzehnmonatlichen Kindes, das unter
der Bezeichnung »Der Findling« aufgenommen und später in ein Dorf der
Grafschaft an eine Frau abgegeben worden war, die sich mit dem Aufziehen
kleiner Kinder gegen Entgelt befaßte.
Wir wollen diese Nachricht durch weitere uns zugegangene Aufklärungen
vervollständigen. Diese ergeben freilich nur die ganz gewöhnliche
Geschichte kleiner, unglücklicher Wesen, die der öffentlichen Fürsorge
anheimgefallen sind.
Donegal, mit einer Bevölkerung von zweimalhunderttausend Seelen, ist
vielleicht die allerärmste Grafschaft in der Provinz Ulster, ja in ganz
Irland. Vor einigen Jahren gab es dort kaum zwei Matratzen und acht
Strohsäcke auf je viertausend Einwohner. In jenen unfruchtbaren
nördlichen Gebieten der Insel fehlt es nicht an willigen Armen für den
Landbau, wohl aber an anbaufähigem Boden. Der ausdauernste Arbeiter
erschöpft sich dort vergebens. Im Innern sieht man nichts als dürre
Thalmulden, öde Schluchten, hügeliges Land, Steinwüsten, sandige Dünen,
gähnende Torfmoore, wie sumpfige Strecken, überragt von steilen Höhen,
wie den Glendowan- und den Derryveaghbergen, kurz ein »zerbrochenes
Land«, wie die Engländer sagen. An der Küste finden sich Baien und
Fjorde, Buchten und Einschnitte, die ebenso viele Aushöhlungen bilden,
worin die Winde vom hohen Meere sich fangen.... riesige Granitorgeln,
die der Ocean mit vollen Lungen anbläst. Gerade Donegal ist den von
Amerika herüberbrausenden Stürmen, die unterwegs noch locale Wirbel
mit sich fortreißen, in erster Linie ausgesetzt. Es ist wirklich eine
Eisenküste nothwendig, um dem Anprall der wüthenden Nordwestwinde zu
widerstehen.
Vorzüglich die Bai von Donegal, an der der Fischerhafen gleichen Namens
liegt und die gleich einem Haifischrachen aus dem Lande geschnitten ist,
leidet unter diesen von Seenebeln geschwängerten Luftströmungen. Durch
das im Hintergrunde der Bai gelegene Städtchen fegt immer eine scharfe
Brise. Die umliegende Hügelwand vermag die Schneestürme nicht zu
brechen, und diese haben noch nichts von ihrer Wuth verloren, wenn sie
das Dorf Rindok, sieben Meilen von Donegal, erreichen.
Ein Dorf?... Nein. Kaum zehn längs einer engen Thalschlucht verstreute
Hütten, zwischen diesen ein Wasserlauf, der im Sommer ein dürftiger
Wasserfaden, im Winter oft ein brausender Strom ist. Von Donegal nach
Rindok giebt es keinen gebahnten Weg, nur einige Pfade, die kaum für die
landesüblichen Karren benutzbar sind, welche man mit den klugen, sicher
auftretenden irländischen Pferden bespannt. Auch ein Jaunting-car rollt
wohl zuweilen mühsam darüber. Trotz den in Irland schon vorhandenen
Eisenbahnen scheint der Tag noch sehr fern zu sein, wo das Dampfroß
regelmäßig das Gebiet von Ulster durcheilt. Flecken und Dörfer sind
ja auch zu selten, das Ziel der meisten Reisenden sind nur einfache
Pachthöfe.
Da und dort lugen jedoch einige Schlösser aus üppigem Grün hervor
und ergötzen das Auge durch den phantastischen Schmuck ihrer
angelsächsischen Bauart. So mehr im Nordwesten und nach Milford zu
der Herrschaftssitz Carrikhart inmitten einer ausgedehnten Domäne von
neunzigtausend Acres (36.000 Hektar), das Besitzthum des Grafen von
Leitrim.
Die Häuschen oder Hütten des Dorfes Rindok -- gewöhnlich nennt man sie
nur »Cabinen« -- haben alle Strohdächer, die zwar gegen die Winterregen
nicht besonders schützen, im Sommer aber mit blühenden Levkojen und mit
wucherndem Hauslaub bedeckt sind. Ein solches Strohdach liegt auf Wänden
aus getrocknetem Lehm, der nothdürftig mit Kieselschichten verstärkt
ist, und die meist so viele Risse zeigen, daß sie kaum mit der Ajoupa
der Wilden oder der Isba der Kamtschadalen einen Vergleich aushalten.
Man würde nicht glauben, daß solche Eulennester menschlichen Wesen
zur Wohnung dienen, ohne den bläulichen Rauch, der aus der Blumendecke
hervorwirbelt. Holz oder Steinkohle erzeugen diesen Rauch freilich
nicht, nur Torf aus den benachbarten Sümpfen, der »Bog« von rostbrauner
Farbe, den sich die Bewohner von Rindok nach Bedarf aus der nassen Erde
schneiden.[4]
Durch Kälte umzukommen, brauchte in diesem rauhen Lande niemand zu
fürchten, leider aber weit eher durch Hunger. Der Boden liefert hier
kaum einige Gemüse und wenige Früchte; nichts will recht gedeihen, mit
einziger Ausnahme der Kartoffeln.
Als Zulage zu der dürftigen Nahrung hat der Bauer von Donegal höchstens
gelegentlich eine Gans oder eine Ente, und auch davon nur die wild
vorkommenden, da sie weniger gezüchtet werden. Das Wild, Hasen, wilde
Kaninchen u. dergl., gehört allemal dem Landlord. Weiter giebt es, in
den Schluchten zerstreut, einige Ziegen, die etwas Milch liefern, und
schwarzborstige Schweine, die sich mühsam ihr Futter suchen müssen. Das
Schwein ist hier der wirkliche Hausfreund, ganz wie der Hund in mehr
begünstigten Ländern. Es ist »der Herr, der die Rente bezahlt«, wie der
bezeichnende Ausspruch lautet.
Eine der erbärmlichsten Hütten von Rindok enthielt folgendes:
einen einzigen Wohnraum, den eine wurmzerfressene, windschiefe Thür
abschließt; zwei Löcher zur Rechten und zur Linken, die durch eine Lage
dürres Stroh etwas Licht und Luft eindringen lassen; auf dem Fußboden
eine Decke von Schmutz; an den Dachsparren Fetzen von Spinngewebe;
im Hintergrunde einen Herd, dessen Rauchfang bis zum Strohdach
hinausreicht; ein elendes Lager in einem Winkel, eine Streu im andern.
An Mobiliar fand sich eine bucklige Bank, ein wackliger Tisch, ein
alter Kübel mit grünlichen Schimmelstreifen, ein Spinnrad mit knarrender
Kurbel. Als Geräthe ferner ein Kochtopf, eine kleine Pfanne, einige wohl
kaum jemals gereinigte Näpfe und zwei oder drei Flaschen, die mit
Wasser aus dem Bache gefüllt wurden, nachdem sie von dem vorher darin
enthaltenen Whisky oder Gin geleert waren. Da und dort hingen oder lagen
Fetzen und Lumpen umher, die kaum noch die Form von Kleidungsstücken
verriethen, und etwas schmutzige Wäsche, die entweder im Kübel
eingeweicht war oder draußen auf einer Stange zum Trocknen hing. Auf dem
Tische aber lag fortwährend eine vom vielen Gebrauch abgenutzte Ruthe.
Das war das Elend im schlimmsten Grade... das Elend, wie es in den
ärmsten Stadttheilen Dublins oder Londons, in Glerkenwell, Marylebone
und in Whitechapel herrscht, das irische Elend, das schlimmste von
allen, das Gespenst, das in den Ghettos des Ostends spukt. Die Luft
freilich ist in den Spelunken von Donegal nicht in gleicher Weise
verpestet; hier athmet man die belebende Luft der Berge und die Lunge
füllt sich nicht mit gefährlichen Miasmen, den gesundheitsschädlichen
Ausdünstungen der großen Städte.
Natürlich war in dieser Hütte das Lager der Hard vorbehalten, die Streu
aber für die Kinder bestimmt und... die Ruthe ebenfalls.
Die »Hard«, so bezeichnete man die Bewohnerin, d. h. »die Harte«, und
diesen Namen verdiente sie in der That. Es war die abstoßendste Megäre,
die man sich nur vorstellen kann, zwischen vierzig und fünfzig Jahre
alt, lang und stark, mit dünnem, wirr herabhängendem Haar, von rothen
Brauen überschatteten Augen, mit Hakenzähnen, schnabelförmiger Nase,
knochigen Händen -- mehr Tatzen als Händen -- mit Krallen als Fingern,
nach Alkohol riechendem Athem und bedeckt mit einem zerschlitzten Hemd
und zerrissenem Rocke, während sie stets barfuß ging und auch eine so
derbe Haut an den Fußsohlen hatte, daß diese nicht einmal durch das
Gehen über lose Kieselsteine belästigt wurden.
Dieser weibliche Drache beschäftigte sich mit dem Spinnen von Leinen,
das in Irland, vorzüglich aber von den Bäuerinnen in Ulster, gewöhnlich
betrieben wird. Die Leinencultur liefert auch wirklich noch einige
Ausbeute, obwohl sie an die der Ackerfruchternten eines besseren Bodens
nicht heranreicht.
Mit dieser Arbeit, die ihr täglich einige Pence einbrachte, verband die
Hard noch eine andre -- für sie ganz unpassende -- Erwerbsquelle: sie
zog kleine Kinder auf, die ihr von öffentlichen Anstalten überwiesen
wurden.
Bei Ueberfüllung der Armenhäuser der Städte oder bei drohenden Seuchen
schickt man diese zu bejahrteren Frauen, die ihre mütterliche Sorge
ebenso verkaufen, wie sie jede andre Waare verkaufen würden, und zwar zu
einem Jahrespreise von zwei oder drei Pfund Sterling (40 oder 60 Mark).
Erreicht das Kind ein Alter von fünf bis sechs Jahren, so wird es an
das Armenhaus zurückgegeben. Die Pflegemutter kann bei jener geringen
Entlohnung für sich kaum etwas erübrigen. Und wenn solch ein Baby
unglücklicher Weise in die Hände eines Geschöpfes ohne Herz und Gemüth
fällt -- was gar so häufig zutrifft -- so ist es nicht selten, daß es an
der schlechten Behandlung und dem Mangel an Nahrung zu Grunde geht. Wie
viele solcher schwachen Menschenkinder gelangen in das Armenhaus
nicht wieder zurück! -- Das war wenigstens der Fall vor dem
Kinderschutz-Gesetz von 1889, das in Folge strenger Ueberwachung der
»Engelmacherinnen« die Sterblichkeit der aus der Stadt weggegebenen
Kinder wesenlich vermindert hat.
Zur Zeit, von der wir berichten, bestand nur eine leichte oder gar
keine Beaufsichtigung. In Rindok hatte die Hard weder den Besuch
eines Inspectors, noch auch eine Anklage seitens der im eignen Unglück
verhärteten Nachbarn zu fürchten.
Vom Armenhause in Donegal waren ihr drei Kinder anvertraut worden, zwei
kleine Mädchen von vier und von sechseinhalb Jahren, und ein Knäblein
von zwei Jahren und neun Monaten.
Natürlich waren es verlassene Kinder oder gar auf der Straße gefundene
Waisen. Jedenfalls kannte man ihre Eltern nicht und würde man diese auch
nie kennen lernen. Mit der Rückkehr nach Donegal stand ihnen blos das
Work-House (Arbeitsanstalt) offen, das Work-House, das sich in allen
Städten und selbst in vielen Dörfern Großbritanniens wiederfindet.
Im Armenhause erhielten die eingelieferten Pfleglinge den ersten besten
Namen. Der des jüngsten der kleinen Mädchen interessiert uns nicht, denn
sie steht nahe vor ihrem Ende. Die größere hieß Sissy, eine Abkürzung
von Cecily. Ein hübsches, blondhaariges Kind, das sich bei besserer
Pflege gewiß vorzüglich entwickelt hätte, war es, mit großen blauen,
intelligenten, guten Augen, deren Klarheit durch Thränen freilich schon
gelitten hatte. Jetzt erschienen, bei der schlechten Behandlung,
ihre Züge dagegen matt und traurig, der Teint erblaßt, die Glieder
abgemagert, die Brust eingesunken, und weit sprangen unter ihren Lumpen
die eckigen Hüften hervor. Bei ihrem geduldigen fügsamen Charakter nahm
sie jedoch das Leben hin, wie es eben war, ohne nur daran zu denken, daß
es auch anders sein könnte. Mutterliebe und häusliche Pflege hatte sie
ja nie gekannt, und im Armenhause wurden die Kinder auch nicht viel
anders behandelt, denn als kleine Thiere.
Der Knabe bei der Hard hatte gar keinen Namen. Er war im Alter von sechs
Monaten an einer Straßenecke in Donegal gefunden worden, wo er, blau im
Gesicht und fast athemlos, in ein Stück grobes Leinen gewickelt gelegen
hatte. Im Armenhause war er zu den übrigen Kindern gesteckt worden, ohne
daß es jemand einfiel, ihm einen Namen zu geben. Aus Gewohnheit nannte
man ihn einfach »Little-Boy«, Kleiner Junge oder »Findling«, und die
Bezeichnung war ihm bekanntlich geblieben. Offenbar war er einer
reichen Familie nicht etwa gestohlen worden; so etwas ist nur in Romanen
beliebt.
Von den »drei Stücken« jener Sendung war der Findling der jüngste, nur
zwei Jahre neun Monate alt. Brünett, mit leuchtenden Augen, die auf
erwachende Energie schließen ließen, wenn sie der Tod nicht vorzeitig
schloß, zeigte er eine kräftige Constitution, wenn die Pestluft dieser
Hütte, die unzureichende Nahrung diese nicht erschütterten und ihm dafür
eine Rhachitis zuführten. Jedenfalls sollte dieser Kleine, der
eine ungewöhnliche Lebenskraft besaß, allen Schädlichkeiten einen
merkwürdigen Widerstand entgegensetzen. Immer hungrig, wog er freilich
nur halb so viel, wie sonst Kinder dieses Alters. Während der langen
Winter Irlands immer vor Kälte zitternd, trug er über seinem zerrissenen
Hemd nur ein Stück alten gerippten Sammet, in das für die Arme einfach
zwei Löcher geschnitten waren. Trotz der bloßen Füße trabte er ruhig
seines Weges. Schon die geringste Sorgfalt hätte dieser Natur gewiß
schnell Kräfte gegeben, die sie später in Intelligenz umgesetzt hätte.
Doch wo sollte er diese Sorgfalt finden?
Das jüngste der kleinen Mädchen lag an einem schleichenden Fieber
danieder. Das Leben entwich aus ihr, wie das Wasser aus einem
gesprungenen Gefäße sickert. Sie hätte Arzneien gebraucht, doch diese
sind theuer; hätte einen Arzt haben müssen, doch wo wäre ein
solcher bereit gewesen, von Donegal aus so ein armes gottverlassenes
Geschöpfchen zu besuchen? Die Hard machte sich hierüber also keine
Sorge. Starb die Kleine, so »lieferte« ihr das Armenhaus einen Ersatz
und sie büßte nichts von den wenigen Schillingen ein, die für sie
vielleicht noch abfielen.
Da im Rindoker Bache aber kein Gin, kein Whisky oder Porter floß, nahm
die Befriedigung der Leidenschaft dieser Trunksüchtigen freilich den
größten Theil des erhaltenen Pensionsgeldes in Anspruch. Augenblicklich
besaß sie von der Januarzahlung im Betrag von fünfzig Schillingen für
jedes Kind und für das ganze Jahr nur noch zehn bis zwölf. Womit sollte
sie nun die Bedürfnisse ihrer Pfleglinge decken? Lief sie auch nicht
Gefahr, vor Durst zu sterben, da sich in einem Winkel der Hütte noch
einige Flaschen versteckt fanden, so drohte doch dafür der Hungertod den
Kleinen.
Zuweilen dachte die Hard wohl auch hieran, soweit es ihr von Alkohol
vergiftetes Gehirn zuließ. Ein Gesuch um Zuschuß zu dem Pensionsbetrage
wäre bestimmt nutzlos gewesen. Es waren zu viel Kinder vorhanden, für
die die öffentliche Mildthätigkeit eintreten mußte. War sie gezwungen,
ihre Pfleglinge zurückzuschicken, so verlor sie ihren Broderwerb und
mußte sie dem guten Gin Valet sagen. Das schnitt ihr ins Herz, nicht
aber der Gedanke, daß das arme, kranke Würmchen seit gestern keinen
Bissen genossen hatte.
Das Ergebniß solcher Betrachtungen lief immer darauf hinaus, daß sie von
neuem zu trinken anfing. Jammerten die Mädchen und der kleine Knabe, so
gab es Schläge. Verlangten sie nach Brod, so erhielten sie einen
Stoß, daß sie zurücktaumelten. Natürlich konnte das nicht für immer
so fortgehen. Für die wenigen Schillinge, die noch in ihrer Tasche
klimperten, hätte sie wohl oder übel einige Nahrungsmittel erkaufen
müssen, denn Credit hätte ihr niemand mehr gewährt.
»Nein... nein... nein! polterte sie. Die Bettelkinder mögen lieber ins
Gras beißen!«
Es war jetzt Mitte October. In der kaum verschlossenen Hütte wurde
es schon recht kalt und durch das da und dort mangelhafte Strohdach
sickerte der Regen. Der Wind pfiff durch das morsche Gebälk. Das
dürftige Torffeuer vermochte keine erträgliche Temperatur zu erhalten.
Sissy und Findling drängten sich dicht aneinander, um sich nur etwas zu
erwärmen.
Während das Fieber die kleine Kranke auf dem Strohlager schüttelte,
schwankte die Megäre trunken hin und her, und vorsichtig wich ihr das
Knäblein aus, den sie sonst gewiß umgestoßen hätte. Sissy kniete neben
der Leidenden und netzte deren trockene Lippen mit kaltem Wasser. Von
Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Kamin, worin die schwache
Torfgluth zu erlöschen drohte. Auch der Topf stand nicht auf dem
Dreifuß. Wozu auch? Es war ja nichts hineinzuthun im Hause.
Die Hard aber knurrte für sich:
»Fünfzig Schillinge!... Dafür soll unsereins ein Kind erhalten! Und
wenn ich von den Steinklötzen im Armenhause einen Zuschuß verlangte, da
würden sie mich schön heimschicken!«
Das war freilich richtig. Doch selbst bei höherer Entschädigung hätten
die beklagenswerten Pflegekinder der Hard auch kein Stückchen Brod mehr
bekommen.
Am letzten Tage war der letzte »Stirabout«, ein dickes, mit Wasser
gekochtes Hafermehlmus, aufgegessen worden, und seitdem hatte in
der Hütte niemand, auch die Hard nicht, einen Bissen über die Lippen
gebracht. Die Frau selbst hielt sich mit Gin aufrecht, hütete sich
aber wohl, für Nahrungsmittel auch nur einen Penny ihres letzten Geldes
auszugeben. So blieb ihr nichts andres übrig, als von einem Felde einige
Kartoffeln für das Abendbrod zu holen....
Da machte sich von draußen ein tiefes Grunzen hörbar. Die Thür wurde
aufgestoßen. Ein Schwein, das durch die kothige Dorfstraße trabte, drang
in die Hütte ein.
Das hungrige Thier durchsuchte laut schnüffelnd alle Ecken und Winkel.
Die Hard schloß die Thür wieder, bemühte sich aber gar nicht, den
Eindringling wieder zu entfernen, sondern sah das Thier nur mit den
unstäten Blicken eines Trunkenboldes an.
Sissy und Findling sprangen auf, um dem Borstenvieh aus dem Wege
zu gehen. Während dieses mit dem Rüssel den Schmutz des Fußbodens
durchwühlte, leitete es sein Instinct hinter den erloschenen Kamin, wo
es eine dahin verlorene Kartoffel fand. Sofort packte es diese mit den
Zähnen.
Findling bemerkte es. Diese Knollenfrucht konnte er selbst gebrauchen.
So stürzte er sich auf das Thier auf die Gefahr hin, getreten und
gebissen zu werden. Dann rief er Sissy, und beide verzehrten die
Kartoffel mit gierigen Lippen.
Das Thier blieb einen Augenblick stehen, dann stürzte es auf das Kind
zu.
Der Findling suchte, noch mit einem Stück Kartoffel in der Hand, zu
entfliehen; ohne das Dazwischentreten der Hard wäre er aber, weil er
hingefallen war, gewiß arg gebissen worden, obgleich ihm Sissy schon zu
Hilfe gekommen war.
Die betrunkne Frau begriff endlich, was hier vorging. Mit einem Stocke
schlug sie jetzt auf das Schwein los, das nicht sobald nachgeben zu
wollen schien. Ihre schlecht gezielten Streiche hätten Findling beinahe
den Kopf zerschmettert, und der Ausgang dieses Zwischenfalles wäre sehr
unsicher geworden, als sich an der Thür ein leichtes Geräusch vernehmen
ließ.
XI.
Ein vorteilhaftes Geschäft.
Die Hard erschrak fast. In ihre Höhle kam ja sonst kein Mensch. Und
warum gar an die Thür klopfen? Man brauchte diese ja nur aufzuklinken.
Die Kinder waren in einen Winkel geflüchtet, wo sie schmunzelnd und mit
aufgetriebenen Wangen ihre Kartoffel vollends aufaßen.
Da klopfte es von neuem und etwas stärker. Vielleicht stand ein
Straßenbettler draußen, der hier, in der Hütte der Armuth, noch um ein
Almosen ansprechen wollte.
Die Hard richtete sich auf, suchte einen festen Stand zu gewinnen
und machte den Kindern ein drohendes Zeichen. Es konnte ja auch ein
Inspector aus Donegal sein, und vor dem durften doch Findling und seine
Genossin nicht vor Hunger jammern.
Die Thür ging auf und mit wildem Grunzen drängte sich das Borstenvieh
hinaus.
Ein auf der Schwelle stehender Mann wäre beinahe umgerannt worden. Er
richtete sich wieder zurecht, doch statt ungehalten zu sein, schien er
sich vielmehr wegen der durch ihn verursachten Störung entschuldigen zu
wollen. Sein Gruß galt fast ebenso viel dem unreinlichen Vierfüßler, wie
der nicht minder unreinlichen Insassin der Hütte. Es konnte ihn ja nicht
verwundern, aus dem Schmutz des Innern ein Schwein hervorbrechen zu
sehen.
»Was wollen Sie?... Wer sind Sie? fragte die Hard barsch, während sie
dem Fremdling den Weg versperrte.
-- Ich bin ein Agent, liebe Frau,« antwortete der Mann.
Ein Agent?... dieses Wort machte sie zurücktaumeln; der Mann konnte ja
zu der Waisenkinderpflege gehören, obgleich sich ein Inspector im Dorfe
Rindok noch so gut wie nie hatte sehen lassen. Vielleicht kam dieser
Mann wirklich, um über die aufs Land geschickten Kinder Bericht zu
erstatten, und um nach dieser Seite ganz sicher zu gehen, bemühte sich
die Hard sofort, ihn durch ihre Redseligkeit zu verblüffen.
»O, verzeihen Sie, mein Herr!... Sie kommen grade, wo ich im Begriff
stehe, rein zu machen... diese lieben Kleinen; sehen Sie, wie die sichs
wohl sein lassen? Sie haben eben eine tüchtige Schüssel Hafergrützsuppe
verzehrt.... Das Mädchen da und der Knabe, versteht sich, denn die
andre liegt leider krank... ja... an einem Fieber, dem keiner
Einhalt zu thun vermag. Ich wollte schon nach Donegal, einen Doctor zu
holen.... Die armen süßen Herzchen, ich hänge so sehr an den Kleinen!«
Mit ihren rohen Gesichtszügen und dem wilden Blicke ähnelte die Hard
jetzt einer Tigerin, die das zahme Kätzchen spielen möchte.
»Herr Inspector, fuhr sie fort, wenn das Armenhaus mir einen Beitrag zu
den Kosten der Arzneien bewilligen wollte. Man hat ja kaum so viel, daß
es zum Essen und Trinken ausreicht.
-- Ich bin kein Inspector, gute Frau, unterbrach sie der Mann mit
süßlicher Stimme.
-- Was sind Sie denn?... fragte die Hard schon aufbrausend.
-- Der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft.«
Der Fremde gehörte zu den Agenten, von denen es in Irland ebensoviele
giebt, wie Disteln auf Unland. Sie durchstreifen alle Dörfer, um das
Leben der Kinder zu versichern, was unter den obwaltenden Umständen so
viel bedeutet, wie ihnen den Tod zu sichern. Gegen monatliche Zahlung
weniger Pence haben -- so entsetzlich das klingt -- Eltern oder
Pflegeeltern, lauter solch verabscheuungswürdige Geschöpfe wie die Hard,
die »frohe Hoffnung«, beim Ableben der Kleinen eine »Tröstung« von drei
bis vier Pfund Sterling (sechzig bis achtzig Mark) einzureichen. Das ist
geradezu eine Verleitung zum Verbrechen und eine so mächtige Triebfeder,
daß die ungeheure Kindersterblichkeit zu einer wirklichen nationalen
Gefahr geworden ist. Mit Recht hat deshalb Day, der Vorsitzende des
Schwurgerichts in Wiltshire die Anstalten, die daran schuld sind, als
Landplagen, als Schulen für Mord und Brandstiftung gekennzeichnet.
Seit jener Zeit hat das schon erwähnte Gesetz von 1889 allerdings eine
wesentliche Besserung dieser Zustände erzwungen, und so ist es
auch nicht zu verwundern, daß die »Gesellschaft zur Ausrottung der
Grausamkeit gegen Kinder« heute schon recht gute Erfolge erzielt.
Wer erröthet aber nicht vor zorniger Ueberraschung, daß gegen Ende des
19. Jahrhunderts ein solches Gesetz bei einer civilisierten Nation
nothwendig war, ein Gesetz, das die Eltern verpflichtet, »die Wesen, die
ihrer Obhut unterstehen, auch zu ernähren und, selbst wenn sie diese
nur in Pflege genommen hatten, sie zwingt, für die Bedürfnisse der
Unmündigen unter ihrem Dache zu sorgen« -- und das unter Androhung
schwerer Strafe, die bis zu zwei Jahren Zwangsarbeit gehen kann.
O, der Schande, das es eines Gesetzes bedurfte, wo das natürliche Gefühl
hätte ausreichen müssen!
Zur Zeit des Anfangs dieser Erzählung gab es freilich noch keinen Schutz
für die, den Armenanstalten anheimgefallenen Kinder.
Der Agent, der sich der Hard hier vorstellte, war ein Mann in den
hohen Vierzigern, mit lauernder Miene und einschmeichelnder Rede und
Haltung -- der richtige Typus jener Unterhändler, denen es nur um
ihre Provision zu thun ist und die kein Mittel scheuen, sich diese zu
verdienen. Er hoffte auch hier »sein Geschäft zu machen«, indem er der
Megäre schmeichelte, sich stellte, als ob er von dem traurigen Zustande
ihrer Opfer nichts sehe, und indem er sie im Gegentheil beglückwünschte
wegen der herzlichen Zuneigung, die sie für die Kleinen hegte.
»Liebe Frau, fuhr er fort, dürfte ich Sie wohl ersuchen, mit mir einen
Augenblick hinauszutreten?
-- Sie haben etwas mit mir zu sprechen? fragte die Hard, noch immer
beunruhigt.
-- Ja, beste Frau, über die kleinen Kinder hier... und ich würde mir
Vorwürfe machen, die Angelegenheit in deren Beisein zu behandeln, da es
ihnen vielleicht schmerzlich sein könnte...«
Beide traten hinaus, schlossen die Thür, und gingen einige Schritte
fort.
»Nun, gute Frau, begann der Versicherungsagent, Sie haben also drei
Kinder?
-- Ja wohl.
-- Ihre eignen?...
-- Nein.
-- Sind Sie mit denselben verwandt?
-- Nein.
-- Ah so, sie haben jene also wohl aus dem Donegaler Armenhause
übernommen?
-- Ganz recht.
-- Dann, beste Frau, konnten sie ja gar nicht in bessere Hände kommen.
Und doch kommt es trotz sorgsamster Pflege vor, daß solche kleine Wesen
erkranken. Das Leben eines Kindes hängt oft nur an einem Faden, und ich
glaube gesehen zu haben, daß die eine Ihrer zarten Pfleglinge...
-- Ich thue, was ich kann, mein Herr, unterbrach ihn die Hard, die ihren
Wolfsaugen mit Mühe eine Thräne entpreßte. Ich wache Tag und Nacht über
diese Kinder... oft darbe ich selbst, damit es ihnen nicht am Nöthigen
fehlt. Das Armenhaus zahlt für die Erziehung der Kleinen gar zu wenig,
kaum drei Pfund, bester Herr, drei Pfund Sterling für das Jahr...
-- Das reicht allerdings nicht aus, liebe Frau, und es bedarf einer
großen Opferwilligkeit Ihrerseits, um die Bedürfnisse der hübschen
Kinder zu decken... Sie haben zur Zeit also zwei kleine Mädchen und
einen Knaben?...
-- Ja.
-- Ohne Zweifel Waisen?
-- Jedenfalls.
-- Meine vielfachen Berührungen mit Kindern erlauben mir, das Alter der
Mädchen auf vier und sechs Jahre, das des kleinen Knaben auf zwei Jahre
abzuschätzen...
-- Wozu alle diese Fragen?
-- Wozu? Das werden Sie gleich hören, gute Frau!«
Die Hard warf ihm einen forschenden Blick zu.
»Gewiß ist die Luft, fuhr er fort, in der Grafschaft Donegal sehr
rein... die hygienischen Verhältnisse sind vortrefflich... Und doch,
solche Babys sind so zarter Natur, daß es trotz Ihrer liebevollsten
Pflege vorkommen kann -- verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das Herz
zerreiße! -- daß es vorkommen kann, eines oder das andre der Kleinen zu
verlieren.... Sie sollten sie versichern....
-- Sie versichern?...
-- Jawohl, beste Frau; versichern... zu Ihrem Vortheil....
-- Zu meinem Vortheil! rief die Hard, deren Blick sich durch die
erwachende Habsucht belebte.
-- Das werden Sie sofort verstehen. Durch monatliche Zahlung von wenigen
Pencen an meine Gesellschaft sichern Sie sich eine Summe von zwei bis
drei Pfund Sterling, wenn eines der Kinder sterben sollte....
-- Zwei bis drei Pfund!« wiederholte die Hard.
Der Agent konnte schon auf die Annahme seines Vorschlags rechnen.
»Das geschieht ganz allgemein, liebe Frau, fuhr er mit honigsüßer Stimme
fort. Wir haben in den Pachthöfen von Donegal schon mehrere hundert
Kinder versichert, und wenn auch nichts über den Tod eines zarten
Wesens, das man herzinnig geliebt hat, eigentlich zu trösten vermag, so
ist es doch mindestens... eine... eine Art Ersatz, ich gesteh' es zu,
ein sehr minderwertiger, einige Guineen in gutem englischen Golde zu
erheben, die meine Gesellschaft dann darzubieten so glücklich ist....«
Die Hard faßte die Hand des Agenten.
»Und die erhält man... ohne Schwierigkeiten? fragte sie mit heiserer
Stimme und sich scheu rings umsehend.
-- Ganz ohne Schwierigkeiten, gute Frau. Sobald ein Arzt das Ableben
eines Kindes beglaubigt hat, braucht man nur zu dem Vertreter der
Gesellschaft in Donegal zu gehen.«
Dabei zog er ein Papier aus der Tasche.
»Hier habe ich bereits ausgefüllte Policen, sagte er, und wenn Sie sich
entschließen, diese zu unterschreiben, so werden Sie der Zukunft weniger
besorgt entgegensehen. Ich bemerke Ihnen noch, daß Sie, wenn eines
der Kinder sterben sollte, was ja ach! gar zu häufig vorkommt, die
Versicherungssumme ja zum besten der andern verwenden können. Das
Armenhaus zahlt wirklich allzuwenig....
-- Und das würde mir kosten?... erkundigte sich die Hard.
-- Den Monat drei Pence für jedes Kind, also neun Pence....
-- Sie würden auch das kleinere Mädchen versichern?...
-- Natürlich, beste Frau, obgleich sie mir sehr krank erschien. Wenn
Ihr Bemühen sie nicht rettet, so sind das zwei Pfund -- verstehen Sie
recht! -- zwei Pfund Sterling für Sie. Bedenken Sie auch, daß das was
unsre Gesellschaft thut, nur zum besten der lieben Babys geschieht...
wir haben ein Interesse daran, daß sie leben bleiben, denn ihre Existenz
geht uns ja an. Wir sind trostlos, wenn eines oder das andre mit Tode
abgeht!«
Trostlos waren die braven Versicherer freilich nicht, so lange die
Sterblichkeit eine berechnete Mittelgrenze nicht überschritt. Und wenn
der Agent sich auch zur Aufnahme der kleinen Sterbenden bereit erklärte,
wußte er, daß das ein vortheilhaftes Geschäft sei, wie aus der Erklärung
eines erfahrenen Directors der Gesellschaft hervorging, der da sagte:
»Am Tage nach der Beerdigung eines versicherten Kindes schließen wir
stets mehr Versicherungen ab als sonst!«
Das war in der That der Fall, ganz ebenso freilich, daß einzelne --
sagen wir vereinzelte -- Elende auch vor einem Verbrechen nicht
zurückschreckten, um die Versicherungssumme zu erlangen.
Es beweist das, wie nothwendig diese Gesellschaften und ihre Kundschaft
streng im Auge zu behalten sind. In einem Dorfe wie hier gab es freilich
keine Controle. So brauchte auch der Agent gar nicht zu fürchten, mit
der widerwärtigen Hard in Verbindung zu treten, obgleich er sich sagen
mußte, wessen sie fähig wäre.
»Nun, gute Frau, nahm er eindringlicher werdend das Wort, verstehen Sie
denn Ihr eignes Interesse nicht?«
Noch immer zögerte sie, die neun Pence auszugeben, selbst mit der
Aussicht, die Versicherungssumme für die kleine Kranke sehr bald zu
erheben.
»Wie viel kostet also die Geschichte? fragte sie, als hoffte sie auf
eine Preisermäßigung.
-- Drei Pence monatlich für jedes Kind, also neun zusammen.
-- Neun Pence!«
Sie versuchte zu handeln.
»Das ist nutzlos, gute Frau, erwiderte der Agent. Bedenken Sie, daß jene
Kleine trotz Ihrer Sorgfalt morgen... schon heute sterben kann, und
daß die Gesellschaft Ihnen dann zwei Pfund Sterling auszuzahlen hat. Nun
also, unterzeichnen Sie, glauben Sie mir; hier setzen Sie Ihren Namen
darunter!«
Feder und Tinte führte er bei sich. Eine Unterzeichnung der Police, und
alles war abgemacht.
Die Hard unterschrieb, und von den zehn Schillingen in ihrer Tasche
händigte sie dem Agenten die verlangten neun Pence aus.
Dann verabschiedete sich dieser mit den heuchlerischen Worten:
»Jetzt, gute Frau, empfehle ich, wenn es auch unnöthig erscheint, diese
Kinder im Namen der Gesellschaft, der Vorsehung der Kleinen, Ihrer
besondern Obhut. Wir sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Gottes,
der das den Unglücklichen gespendete Almosen hundertfältig wieder
zurückgiebt. Leben Sie wohl, gute Frau, leben Sie wohl! Nächsten Monat
komme ich, die kleine Prämie einzuziehen, und hoffe da, alle drei
Pfleglinge frisch und munter zu finden, auch das kleine Mädchen, die bei
Ihrer mütterlichen Sorgfalt schon wieder gesunden wird. Vergessen Sie
nicht, daß das menschliche Leben in unserm alten England einen hohen
Werth hat, und daß jeder Todesfall ein Verlust an socialem Capital ist.
Adieu, gute Frau, adieu!«
Im Vereinigten Königreich berechnet man thatsächlich genau, wie viel
Geldwerth ein englisches Leben darstellt, nämlich hundertundfünfzig
Pfund oder dreitausendeinhundert Reichsmark; so hoch wird der
Menschenschlag geschätzt, in dessen Adern sächsisches, normannisches,
kymbrisches und pictisches Blut gemischt ist.
Still stehen bleibend, ließ die Hard den Agenten sich erst von der
Hütte entfernen, die zu verlassen die Kinder nicht gewagt hatten. Bisher
berechnete sie nur die wenigen Guineen, die deren Leben ihr jährlich
einbrachte, und jetzt sollte deren Tod für sie ebenso viel werth sein!
Es hing ja doch von ihr ab, die neun Pence nicht noch ein zweites Mal
bezahlen zu müssen.
Beim Wiedereintritt heftete sie auf die Unglücklichen einen Blick des
Sperbers, der den unter dem Laube verborgnen Vogel belauert. Findling
und Sissy schienen das Weib zu verstehen. Instinctmäßig wichen sie vor
ihr zurück, als ob die Hände des Ungeheuers sich schon anschickten, sie
zu erwürgen.
Einige Klugheit mußte sie aber doch beobachten. Der plötzliche Tod
dreier Kinder hätte wohl Verdacht erregen müssen. Von den acht oder neun
übrig behaltenen Schillingen wollte sie einen kleinen Theil verwenden,
um jene noch einige Zeit zu ernähren... noch vier Wochen... o, nicht
länger. Stellte sich der Agent wieder ein, so bekam er noch einmal seine
neun Pence, da die Versicherungssumme diese Auslage ja zehnfach
deckte. Jetzt fiel es ihr gar nicht mehr ein, die Kinder ins Armenhaus
zurückzuschicken.
Fünf Tage nach dem Besuche des Agenten verschied das kleine Mädchen,
ohne daß vorher ein Arzt hinzugezogen worden wäre.
Es war am Morgen des 6. Octobers. Die Hard, die auswärts etwas trinken
wollte, hatte die Kinder in der verschlossenen Hütte zurückgelassen.
Die Kranke röchelte. Außer etwas Wasser zur Befeuchtung der Lippen,
konnte sie keine Erquickung erhalten. Arzneimittel hätten in Donegal
geholt und bezahlt werden müssen.... Da wußte die Hard ihre Zeit und
ihr Geld besser anzuwenden. Das kleine Opfer hatte nicht mehr die Kraft,
sich zu bewegen. Mitten in der Fieberhitze zitterte sie vor Kälte. Noch
einmal öffneten sich weit ihre Augen, wie um das Licht zum letzten Male
zu sehen, und als ob sie sagen wollte:
»Ach, warum, warum wurd' ich geboren?«
Ueber sie gebeugt, netzte ihr Sissy sanft die Schläfe.
Findling starrte auf die beiden hin, etwa wie auf einen Käfig, der sich
öffnen und einen Vogel herausflattern lassen sollte....
Als das Kind kläglicher seufzte und sich sein Mund dabei verzerrte,
fragte er:
»Wird sie etwa gar sterben? -- ein Verständniß dafür hatte er freilich
nicht.
-- Ja... antwortete Sissy, sie wird in den Himmel kommen.
-- Ohne zu sterben kann man wohl gar nicht in den Himmel kommen?
-- Nein, das kann man nicht.«
Wenige Augenblicke später erschütterte ein krampfhaftes Zucken das
schwache Wesen, dessen Leben nur noch an einem Windhauch hing. Da
verdrehten sich die Augen und die kindliche Seele floh unter einem
letzten Seufzer aus der zarten Hülle.
Erschrocken sank Sissy in die Knie. Findling ahmte ihr nach und kniete
ebenfalls neben der entseelten Gefährtin nieder.
Als die Hard nach einer Stunde heimkehrte, fing sie laut an zu schreien.
Dann lief sie wieder hinaus und heulte:
»Todt!... Todt!... Gestorben!«... sie wollte das ganze Dorf zum
Zeugen ihres Schmerzes haben.
Doch kaum einige Nachbarsleute ließen sich blicken. Was ging's ihnen,
den Armen und Elenden denn an, daß eine Unglückliche weniger war? Gab
es auf Erden nicht übrig genug andre?... Es wurden deren ja täglich
mehr -- dieses Samenkorn ging allemal auf.
Als sie diese Rolle spielte, dachte die Hard nur an ihr Interesse und
bezweckte, sich den Bezug der erwarteten Summe zu sichern.
Jetzt wurde auch nothwendig, von Donegal den Vertrauensarzt der
Gesellschaft zu holen. War er zur Behandlung des Kindes nicht gerufen
worden, so sollte er wenigstens dessen Ableben bestätigen; das war eine
nicht zu umgehende Formalität der Versicherung.
Die Hard machte sich also noch am nämlichen Tage auf und überließ die
Todte der Obhut der beiden Kinder. Sie ging aus Rindok um zwei Uhr
nachmittag fort, und da der Hin- und Rückweg zwölf (englische) Meilen
betrug, konnte sie vor acht oder neun Uhr abends nicht zurück sein.
Sissy und Findling blieben in der verschlossenen Hütte. Der Knabe
hielt sich regungslos neben dem Kamine auf, er wagte gar nicht, sich zu
rühren. Sissy wendete dem kleinen Mädchen mehr Sorgfalt zu, als dieser
vielleicht je im Leben zu Theil geworden war. Sie wusch ihr das Gesicht,
ordnete das Haar und zog ihr das zerrissene Hemd ab, daß sie durch ein
weißes Tüchlein ersetzte, welches zum Trocknen dahing. Die kleine Todte
sollte kein andres Leichenhemd erhalten, und als Grab nur das Loch, in
das man sie eilig versenkte....
Als sie fertig war, streichelte Sissy der kleinen Leiche die Wangen.
Findling wollte dasselbe thun... er konnte es nicht vor Entsetzen.
»Komm... komm! rief er Sissy.
-- Wohin denn?
-- Hinaus!... Komm!... Bitte, komm!«
Sissy weigerte sich. Sie wollte den todten Körper in der Hütte nicht
allein lassen. Uebrigens war ja die Thür verschlossen.
»Komm... komm! wiederholte das Kind.
-- Nein, nein, wir müssen jetzt hier bleiben!
-- Sie ist ja ganz kalt... und ich auch... ich friere, ach, ich
friere!... Komm, Sissy, komm mit! Sie könnte uns am Ende mitnehmen, da
hinunter, wo sie ist!«
Das Kind war vom Schrecken gepackt. Der Knabe hatte das Gefühl, daß er
auch sterben würde, wenn er nicht entwiche. Allmählich wurde es dunkler.
Sissy zündete einen Kerzenstumpf an, den sie in den Spalt eines Stückes
Holz klemmte und stellte dieses neben das Todtenlager.
Findling fühlte sich noch mehr entsetzt, als der Lichtglanz die
Gegenstände um ihn leicht erzittern zu machen schien. Er liebte ja
Sissy, liebte sie, wie eine ältere Schwester. Was er an Liebkosungen
erfahren, war von ihr gekommen. Er konnte aber nicht hier bleiben... er
konnt' es nicht!
Sich die Hände aufscheuernd und die Nägel verletzend, gelang es ihm, die
Erde vor der Thür aufzuwühlen, die Steinschicht wegzuschaffen, die deren
Pfosten trugen, und ein Loch auszuweiten, durch das er sich zwängen
konnte.
»Komm... komm! rief er zum letzten Male.
-- Nein, ich will nicht! erklärte Sissy. Sie würde verlassen sein; ich
will nicht!«
Findling warf sich ihr an den Hals und herzte und küßte sie. Dann kroch
er durch die Oeffnung, verschwand und ließ Sissy allein bei der Todten
zurück.
Einige Tage nachher fiel das umherirrende Kind dem Puppenschausteller in
die Hände, und der Leser weiß, was da aus ihm wurde.
XII.
Die Heimkehr.
Zur Zeit fühlte sich Findling glücklich und hielt es für unmöglich, das
je noch mehr sein zu können. Er ging völlig in der Gegenwart auf, ohne
an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist ja schließlich auch weiter
nichts als eine Gegenwart, die sich von einem Tage zum andern erneut.
Manchmal tauchten wohl die Bilder der Vergangenheit in ihm auf. Da
gedachte er des kleinen Mädchens, die mit ihm bei der garstigen Frau
gewohnt hatte. Sissy mußte jetzt etwa elf Jahre zählen. Doch was aus ihr
geworden oder ob sie gar gestorben war, das wußte er nicht. Jedenfalls
hoffte er, sie einst noch wiederzusehen. Er war ihr ja so viel Dank für
ihre Liebe schuldig, und bei seinem Bedürfnisse, sich an die, die
ihn geliebt hatten, anzuschließen, sah er im Geiste in ihr nur eine
Schwester.
Doch auch den guten Grip umfaßte er mit derselben Dankbarkeit. Seit
dem Brande der =Ragged-School= von Galway waren jetzt sechs Monate
verflossen, während der Findling so vielfach der Spielball des Zufalls
gewesen war. Grip würde doch nicht etwa gestorben sein? O nein, so brave
Herzen hören nicht auf zu schlagen. Leute wie Thornpipe und die Hard,
diese könnten ohne Bedauern zu erregen von der Erde scheiden, leider
aber verdirbt Unkraut so leicht nicht.
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