Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe große Augen, ohne ein
Wort zu äußern. Die etwas angegriffene Miß Anna Walston beachtet ihn
zunächst nicht weiter.
Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:
»Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bühne.
-- Ich, Miß Anna?...
-- Weißt Du denn noch, daß Dein Name da »Sib« ist?
-- Sib?... Ja wohl.
-- Elisa, schärfe ihm ja noch einmal ein, daß er Sib heißt, bis zum
Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thür zuführst.
-- Gewiß, Miß Anna.
-- Und daß er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du weißt übrigens,
wendete die Künstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du
weißt, daß Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor
der Geldbuße....
-- Und vor dem Gefängniß!« setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke
musternd.
Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder
abnehmen lassen würde, noch in seiner Tasche war.
Jetzt kam der große Moment. Elisa faßte ihn an der Hand und ging mit ihm
nach der Bühne hinunter.
Sib war anfänglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzüge und
Seile, wie über die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das
Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn lächelnd
betrachteten.
Der arme Kleine schämte sich wirklich in seiner zerfetzten Hülle.
Endlich ertönte das Zeichen zum Anfang.
Sib zitterte, als hätten die Glockenschläge seinen Rücken getroffen.
Der Vorhang rauschte empor.
Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bühne und sprach in der
eine ärmliche Hütte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem
gewissen Stichworte sollte sich die Thür im Hintergrunde öffnen, ein
Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in
diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.
Hier sei erwähnt, daß der Findling schon bei den Proben immer sehr
betrübt darüber war, daß er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich
sein natürlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Miß
Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erklärt, daß es sich hier nicht
um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht.
In seiner Naivität nahm er die Sachen für Ernst und glaubte schließlich
wirklich, daß er der unglückliche kleine Sib sei.
In Erwartung seines Auftretens und während ihn der Regisseur an der Hand
hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thür. Mit größter Verblüffung
durchflogen seine Augen den gefüllten Zuschauerraum, der wie in einem
Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen
Ränge und theils von dem großen, einem feurigen Ballon ähnlichen
Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen
wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.
Da raunte der Regisseur ihm zu:
»Achtung, Sib!
-- Ja, ja, Herr....
-- Du weißt... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hüte Dich, nicht etwa
zu fallen.
-- Ich werde mich vorsehen.
-- Und strecke hübsch die Hand aus...
-- Ja; nicht wahr, so hier?«
Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.
»Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mußt doch die Hand offen
hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....
-- Ach ja, Herr....
-- Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!
-- Nein, Herr....«
Die Thür der Hütte öffnete sich und der Regisseur schob den Findling
genau beim Stichworte hinein.
Der kleine Knabe hatte sein Debüt in der theatralischen Laufbahn. O, wie
klopfte ihm das Herz!
Vom Zuschauerraume her tönte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden
Mitleids, während Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten
herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die
Zuschauer glaubten herauszufinden, daß er solche Lumpen gewöhnt gewesen
war.
Man bereitete ihm einen »Empfang«, was den Kleinen noch mehr verwirrte.
Plötzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurück und
öffnet die Arme.
Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.
»Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib,
mein... mein Kind!«
Darauf zieht sie ihn an sich, drückt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit
Küssen... er läßt sie gewähren. Sie weint -- diesmal leibhaftige
Thränen -- und schluchzt:
»Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglückliche, der mich um
ein Almosen anfleht!«
Das ergreift den armen Sib.
»Ihr Kind, Miß Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.
-- Schweig doch!« zischelt ihm die Künstlerin heimlich zu.
Dann fährt sie fort:
»Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er
ihn mir wieder!«
Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast
mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thränen. Niemals,
nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepreßt
worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.
Die Herzogin erhebt sich, als höre sie Geräusch von draußen.
»Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!
-- Gewiß nicht, Miß Anna!
-- So schweig doch nur!« ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern
gehört zu werden.
Die Thür der Hütte wird hastig aufgestoßen. Zwei Männer erscheinen auf
der Schwelle.
Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener,
der jenen zur Unterstützung begleitet.
»Ergreifen Sie dieses Kind... es gehört mir!
-- Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein
Stück hinwegzieht.
-- Sie sind nicht mein Papa!« erklärt der kleine Junge laut.
Die Fingerspitzen der Miß Anna Walston haben sich so tief in seinen
Arm eingebohrt, daß ihm ein Schrei entfährt. Dieser Schrei paßt ja zur
Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die
ihn an sich preßt... keiner soll ihr das Kind entreißen können. Eine
Löwin vertheidigt ihr Junges....
Der kleine sich sträubende Löwe, der den Vorgang für Ernst nimmt,
wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemächtigt; er
entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.
»Ach, Miß Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, daß sie
nicht meine Mama sind?
-- Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!... Wirst Du endlich schweigen!
murmelt sie, während Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten
Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.
-- Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es
Ihnen ja gesagt, Miß Anna... meine richtige Mama.«
Die Zuschauer begreifen allmählich, daß das nicht zum Stücke gehört; sie
kichern und lächeln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich
hätten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in
der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen wähnte.
Die »Situation« blieb aber -- so oder so -- compromittiert. Man fing an
zu lachen, wo hätte man weinen sollen, und um den großen Auftritt war es
geschehen.
Miß Anna Walston erfaßte die ganze Lächerlichkeit der Lage. Ihre
vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.
Außer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen
Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, hätte sie vernichten
mögen!... Da schwanden ihr die Kräfte, sie fiel auf die Bühne nieder
und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelächter der Zuschauer.
Noch in derselben Nacht verließ Miß Anna Walston, die man nach dem
Royal-George-Hôtel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa
Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten
Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe.
Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.
Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie
entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und
dessen Anblick ihr verhaßt war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe
erstarrt jede andre Neigung.
* * * * *
Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte,
daß er ein großes Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt
geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straßen von
Limerick und verkroch sich endlich in eine Art großen Garten mit da und
dort verstreuten Häuschen und steinernen, von Kreuzen überragten
Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom
Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.
Dieser Garten war der Friedhof von Limerick -- eine jener englischen
Todtenstätten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen,
mit Rasenflächen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum
vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gräber, die
kleinen Häuser Grüfte, das große Bauwerk die Kathedrale der heiligen
Maria.
Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf
einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Geräusche
zitternd vor Furcht... daß der böse Mann, der Herzog von Kendalle, es
suchen könnte. Und nun war auch Miß Anna nicht zu seiner Vertheidigung
da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land,
wo er seine Mama nicht wiedersähe... und große Thränen perlten ihm aus
den Augen.
Mit Tagesanbruch hörte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.
Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen
Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben
sich nach dem Bureau des öffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen
nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.
»Was machst Du da, Kleiner?« fragte der Mann.
Der Knabe schluchzte, daß er kein Wort hervorbringen konnte.
»Nun, was hast Du denn da vor?« erklang jetzt die sanftere Stimme der
Frau.
Der Findling schwieg noch immer.
»Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.
-- Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.
-- Aber Deine Mutter?...
-- Ich habe keine mehr!«
Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.
»Es ist ein verlassnes Kind,« sagte der Mann.
Hätte der Findling noch seine schöne Kleidung getragen, so würde der
Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten
haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte
es nur einer jener kleiner Unglücklichen sein, die niemand angehörten.
»So komme mit!« schloß der Farmer.
Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte
mit freundlicher Stimme:
»So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr,
Martine?
-- Nein Martin!«
Und mit einem herzhaften Kusse löschte die gute Frau die Thränen des
kleinen Knaben.
VIII.
Die Farm von Kerwan.
Daß dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glücksstern
geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand
wußte, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft
zugebracht haben mochte.
Die Provinz Connaught war ihm auch nicht gnädig gewesen, weder als
er über die Landstraßen der Grafschaft Mayo unter der Fuchtel des
Puppenschaustellers hinwanderte, noch die Grafschaft Galway während der
zwei Jahre in der =Ragged-School=.
Nun hätte man wenigstens hoffen können, daß sein Elend in der Provinz
Munster, Dank der Laune einer Schauspielerin, ein Ende genommen hätte.
Nein... er war wieder verlassen worden, und jetzt sollte ihn der Zufall
tief nach Kerry hinein, an das Südwestende Irlands verschlagen. Diesmal
nahmen sich sehr wackre Leute seiner an... möchte er bei ihnen bleiben
können!
Im Nordosten der Grafschaft Kerry und nahe dem Flusse Cashen liegt die
Farm von Kerwan. In der Entfernung von einem Dutzend (englische)
Meilen liegt Tralee, der Hauptort, von wo, alter Ueberlieferung nach,
im sechsten Jahrhundert Saint-Brandon abgesegelt sein soll, um
Amerika lange vor Columbus zu entdecken. Hier laufen die verschiedenen
Schienenwege des mittleren Irland zusammen.
Das sehr unebene Gebiet enthält die höchsten Berge der Insel, wie die
Clanaraderry- und die Stacksberge. Zahlreiche Wasserläufe verbinden sich
mit dem Cashen und bedingen, im Verein mit vielen Sumpfstrecken, auch
eine große Unebenheit der Landstraßen. Dreißig Meilen gegen Westen
trifft man auf die tiefeingeschnittene Küste, wo sich die Flußmündung
des Shannon und die lange Bai von Kerry ausbreiten, deren vielgestaltige
Felswände von der Kohlensäure des Meerwassers benagt werden.
Jeder erinnert sich der Worte O'Connell's: »Irland den Irländern!« Im
folgenden wird sich zeigen, wie weit das wahr geworden ist.
Man zählt hier dreihunderttausend Farmen, die fremden Besitzern gehören.
Unter dieser Zahl umfassen fünfzigtausend mehr als vierundzwanzig Acres
(etwa zehn Hektar) und achttausend haben nur acht bis zwölf Acres.
Die übrigen sind alle kleiner. Daraus darf man aber nicht auf eine
weitgehende Zerstückelung des Eigenthums schließen. Im Gegentheil. Drei
dortige Großbesitze übersteigen hunderttausend Acres, z. B. der von
Richard Borridge, der hundertsechzigtausend Acres mißt.
Doch was sind diese Complexe gegen die der Landlords von Schottland,
eines Grafen von Breadalbane, der vierhundertfünfunddreißigtausend Acres
sein eigen nennt, eines J. Matheson, der vierhundertsechstausend, eines
Herzogs von Sutherland, der gar zwölfhunderttausend Acres -- das Areal
eines ganzen Herzogthums -- besitzt!
Seit der Eroberung durch die Anglo-Normannen im Jahre 1100 ist die
»Schwesterinsel« streng feudal regiert worden und ist ihr Boden
Feudaleigenthum geblieben.
Der Herzog von Rockingham war jener Zeit einer der großen Landlords
der Grafschaft Kerry. Sein Besitzthum von hundertfünfzigtausend Acres
enthielt Getreideland, Wiesen, Wald und Teiche mit fünfzehnhundert
darüber verstreuten Farmen. Er war ein Fremder, einer derer, die die
Irländer mit Recht des Absentismus wegen anklagen. Die Folge dieses
Fernbleibens aber ist, daß das durch irischen Fleiß erworbene Geld zum
Nachtheil Irlands nach auswärts geht.
Das »Grüne Erin« bildet bekanntlich keinen Bestandtheil Großbritanniens,
das nur aus England und Schottland besteht. Der Herzog von Rockingham
war ein englischer Lord. Wie so viele andre, die neun Zehntel der Insel
besitzen, hatte er es noch nicht für der Mühe werth gehalten, sein
Landeigenthum zu besuchen, und so kannten ihn auch seine Pächter nicht.
Für eine gewisse jährliche Summe überließ er die Ausbeutung seines
Grundbesitzes einigen Generalpächtern oder »Middlemen«, die diesen in
kleinen Parcellen an die eigentlichen Landbauern weiter verpachteten. So
gehörte die Farm von Kerwan mit vielen andern eigentlich einem gewissen
John Eldon, einem Agenten des Herzogs von Rockingham.
Diese Farm von mittlerem Umfang enthält nur hundert Acres und dazu
besteht sie aus minderwerthigem, vom Oberlauf des Cashen benetztem
Culturlande, dem der Bauer nur mit emsiger Arbeit so viel entlocken
kann, wie er zur Zahlung des Pachtzinses braucht, vorzüglich, wenn
dieser sehr hoch, mit einem Pfund Sterling jährlich für den Acre,
angesetzt ist.
Das war der Fall bei der Farm von Kerwan, die der Landmann Mac Carthy
bearbeitete.
Es giebt wohl auch gute Grundherren in Irland; die Pächter haben es aber
nur mit den Middlemen, meist harten, unerbittlichen Leuten, zu thun. Die
Aristokratie, die sich in England und Schottland so liberal zeigt, tritt
in Irland dagegen sehr herrisch auf. Statt die Hand zu reichen, zerrt
sie an den Zügeln. Eine Katastrophe liegt immer in der Luft. Wer den Haß
säet, wird die Empörung ernten.
Martin Mac Carthy, einer der besten Farmer der ganzen Domäne, stand in
dem kräftigen Mannesalter von zweiundfünfzig Jahren. Fleißig, gewandt,
im Landbau wohlerfahren und unterstützt durch seine streng erzogenen
Kinder hatte er trotz aller Steuern und Abgaben, die das Budget eines
irischen Bauern belasten, doch noch eine kleine Summe zurücklegen
können.
Seine Frau hieß Martine, wie er Martin. Dieses überaus thätige Weib
besaß alle Eigenschaften einer guten Haushälterin. Sie arbeitete mit
ihren fünfzig Jahren noch, als ob sie deren erst zwanzig zählte. Im
Winter aber, wenn die Feldarbeit ruhte, sah man sie beim schnurrenden
Spinnrade vor dem Kamin sitzen, wenn keine häusliche Arbeit sie in
Anspruch nahm.
Die in guter Luft lebende, durch Thätigkeit im Freien abgehärtete
Familie Mac Carthy erfreute sich vortrefflicher Gesundheit und ruinierte
sich weder durch Arzneien noch durch Aerzte. Sie gehörte zu der
kräftigen Rasse irischer Landleute, die sich ebenso leicht in den
Prairien des amerikanischen Far-West acclimatisiert, wie in den Gebieten
Australiens oder Neuseelands.
Als Haupt der Familie galt, von allen geliebt und geehrt, die Mutter
Martins, eine Greisin von fünfundsiebzig Jahren, deren Mann früher die
Farm innehatte. »Großmutter« -- anders nannte man sie nicht -- hatte
keine andere Beschäftigung, als mit ihrer Schwiegertochter zu spinnen,
da sie, so weit dies an ihr lag, ihren Kindern möglichst wenig zur Last
fallen wollte.
Der älteste der Söhne, der siebenundzwanzigjährige, aber besser als sein
Vater unterrichtete Murdock, nahm lebhaftesten Antheil an den Fragen,
die ganz Irland unablässig bewegten, und alle fürchteten sehr, daß er
sich einmal in eine schlimme Geschichte einlassen könne. Er gehörte
zu den eifrigsten Anhängern des =home rule=, d. h. der Erkämpfung der
Autonomie des Landes, ohne freilich zu bedenken, daß das =home rule=
weit mehr auf politische, als auf sociale Reformen abzielt. Gerade der
letzteren bedarf aber Irland, da es noch unter der schweren Last der
Feudalherrschaft seufzt.
Murdock, ein kräftiger junger Mann von schweigsamem Charakter, hatte
unlängst die Tochter eines benachbarten Farmers geheiratet. Die von
der Familie Mac Carthy geliebte, vortreffliche junge Frau besaß jene
regelmäßige, stolze und ruhige Schönheit und die vornehme Haltung, die
man bei Irländerinnen der unteren Classen so häufig findet. Ihr Gesicht
wurde von großen blauen Augen belebt und lockig quoll das reiche blonde
Haar unter den Kopfbändern hervor. Kitty liebte ihren Gatten herzlich,
und Murdock, der sonst niemals lächelte, vergaß sich hierin zuweilen
doch, wenn er sie ansah, denn auch er bewahrte ihr die innigste
Zuneigung. Sie benützte ihren Einfluß auch, ihn zu mäßigen und
zurückzuhalten, wenn ein Sendbote der Nationalisten Propaganda im Lande
zu machen und die Leute zu überzeugen suchte, daß von einer Versöhnung
zwischen Landlords und Pächtern nie die Rede sein könne.
Selbstverständlich waren die Mac Carthy's gute Katholiken, es kann
also nicht auffallen, daß sie die Protestanten als ihre Feinde
betrachteten.[2]
Murdock besuchte eifrig alle solche Versammlungen und Kittys Herz
klopfte immer recht ängstlich, wenn sie ihn so nach Tralee oder einem
andern Orte in der Nachbarschaft gehen sah. Bei diesen Gelegenheiten
sprach er auch öffentlich mit der den Irländern angebornen Beredtsamkeit
und Kitty mußte ihn bei der Heimkehr immer erst zu beruhigen suchen,
wenn sie die Erregung noch in seinen Zügen las und er unter einem
gemurmelten Aufrufe zur agrarischen Erhebung wohl gar noch mit dem Fuße
stampfte.
»Mein guter Murdock, sagte sie dann bittend, wir müssen Geduld haben...
uns vorläufig ins Unabänderliche fügen...
-- Geduld! unterbrach er sie grollend, wenn Jahre dahingehen und nichts
sich bessert! Ergebung, wenn man thätige Leute wie unsre Großmutter
nach langem Leben voller Arbeit noch immer im Elend schmachten sieht!
Geduldig sein und sich fügen, arme Kitty, bedeutet, alles ruhig
hinnehmen, das Gefühl eignen Rechtes verlieren, sich unters Joch ducken
und das... das thu' ich niemals... niemals!«
Martin Mac Carthy hatte noch zwei andre Söhne, Pat oder Patrick, und Sim
oder Simeon, im Alter von fünfundzwanzig und von neunzehn Jahren.
Pat segelte meist als Matrose auf einem Handelsschiffe des angesehenen
Hauses Marcuart in Liverpool. Sim hatte, wie Murdock, die Farm niemals
verlassen, und ihr Vater fand an beiden wichtige Helfer für die
Feldarbeit und die Pflege der Thiere. Sim gehorchte ohne Widerspruch
seinem älteren Bruder, dessen Ueberlegenheit er neidlos anerkannte. Er
bezeugte ihm so viel Achtung, als ob jener das Haupt der Familie wäre.
Als letzter Sohn, als »Nesthäkchen« mit besondrer Liebe aufgezogen,
neigte er zu der harmlosen Lustigkeit, die allgemein im Charakter des
Irländers liegt. Er liebte es, zu scherzen, zu lachen und verbreitete
Sonnenschein in dem sonst etwas düstern Hause. Sehr muthwilliger Natur,
unterschied er sich auffallend von dem gesetzten, ernsthaften Wesen
seines Bruders Murdock.
Das war also die fleißige Familie, in deren Mitte der Findling durch
Zufall gekommen war. Seinem lebhaften Geiste konnte der Unterschied
zwischen dem erbärmlichen Leben in der Lumpenschule und dem gesunden
Aufenthalt in einer irländischen Farm nicht unbemerkt bleiben. Wohl
hatte unser Held mehrere Wochen behaglichen Wohlbefindens bei der
launenhaften Miß Anna Walston verlebt, dort aber nicht die wahre
herzliche Zuneigung gefunden, die das Leben am Theater überhaupt mehr
oder weniger am Aufkeimen zu hindern pflegt.
Die gesammten Baulichkeiten des Mac Carthyschen Pachtgutes beschränkten
sich nur auf das unbedingt notwendige. Viele Güter in den reichen
Grafschaften des Vereinigten Königreichs sind in ganz andrer und
luxuriöserer Weise ausgestattet. Uebrigens verleiht ja der Farmer erst
der Farm den Werth, und deren Umfang ist nicht von so entscheidender
Bedeutung, wenn sie nur einsichtig bewirthschaftet wird. Martin Mac
Carthy gehörte also nicht zu der begünstigteren Classe der »Yeomen«, die
kleine Bodeneigenthümer sind, sondern nur zu den zahlreichen Pächtern
des Herzogs von Rockingham, so zu sagen: zu den Hunderten von
landwirthschaftlichen Maschinen, die auf dem ausgedehnten Grundbesitz
der reichen Landlords in Thätigkeit sind.
Das Hauptgebäude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur
ein Erdgeschoß, worin die Großmutter, Martin und Martine Mac Carthy
und Murdock mit seiner Frau je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein
größerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den
Mahlzeiten vereinigte. Darüber lag, zwischen Kornböden, eine von zwei
Fensterchen erhellte Mansarde, wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal
da war, Unterkunft fanden.
An der einen Seite der Rückwand des Wohnhauses folgten die Tenne,
die Scheuern und Schuppen zur Unterbringung der Acker- und
Wirthschaftsgeräthe; an der andern der Kuh- und der Schafstall, die
Milchkammer, der Schweinestall und der Geflügelhof.
Infolge nicht rechtzeitig vorgenommener Verbesserungen zeigte freilich
alles ein recht klägliches Aussehen. Da und dort verdeckten einzelne
Bretter verschiedener Herkunft, Thürflügel, überflüssige Fensterläden,
Planken von alten Schiffen, von deren Abbruch herrührende kleine Balken
oder Zinkblechstücke die Lücken und Löcher der Mauern, und auf dem
Strohdache lagen schwere Feldsteine, um dieses gegen den Anprall der
Stürme zu sichern.
Zwischen den drei Gebäudecomplexen dehnte sich der Hof mit zweiflügligem
Thorweg aus. Eine lebende, reich mit leuchtenden Fuchsien geschmückte
Hecke bildete dessen Abschluß. Im Innern des Hofes grünte ein Rasenplatz
mit üppigen Gräsern, auf dem sich die Hühner tummelten, und in dessen
Mitte glänzte eine kleine Wasserfläche, deren Rand Azaleen, goldgelbe
Margueriten und halb verwilderte Asphodelen zierten.
Auf den Strohdächern grünte und blühte es übrigens rings um die
Feldsteine nicht weniger als auf dem Rasen und der Hecke, vorzüglich
gediehen hier unzählige Fuchsien mit ihren vom Winde immer bewegten
Glöckchen. Selbst die zersprungenen Mauern des Wohnhauses entbehrten
des Pflanzenschmuckes nicht, denn diese verhüllte ein so starkstämmiges
Epheugerank, daß letzteres das Dach desselben allein getragen hätte.
Zwischen dem eigentlichen Ackerland und dem Pachthofe lag noch ein
Küchengarten, worin Martin den Hausbedarf an Gemüsen anbaute, vorzüglich
Kohl, Rüben und Kartoffeln, und das Gartenland umsäumte wieder ein Kranz
von Bäumen und Buschwerk aller Art.
Hier wucherten kräftige Stechpalmen mit ihren stachligen, leuchtend
grünen Blättern, die seltsam geformten Muscheln ähneln; dort erhoben
sich wild wachsende Taxusbäume, denen keine unnütze Scheere die Gestalt
von Weinflaschen oder Lampenträgern gegeben hatte. In Flintenschußweite
zur Linken stand ein Wald von Eschen, und die Esche bildet einen der
schönsten Bäume dieser Gegenden. Weiterhin mischen sich tiefgrüne Buchen
ein, stellenweise unterbrochen von der Purpurfarbe hoher Büsche, der
Ebereschen, die von ferne Weinstöcken gleichen, an deren Reben korallene
Trauben hingen. Kaum drei Meilen von hier erhebt sich schon der Erdboden
unter den letzten Ausläufern der Clanaraderrykette, mit harzreichem
Fichtenbestand, deren Zapfen an den Gaisblattranken zu hängen scheinen,
die sich überall durch das Geäst der Bäume schlingen.
Der Betrieb der Farm von Kerwan erfordert ziemlich verschiedene
Culturen, giebt im ganzen aber nur einen mittelmäßigen Ertrag. Die
Weizenfrucht, die in der Hauptsache zu Grütze vermahlen wird, zeichnet
sich weder durch Länge der Halme, noch durch Ergiebigkeit der Aehren
aus. Der Hafer ist mager und schwächlich, was hier um so schlimmer
erscheint, als das Hafermehl fortwährend verwendet wird. Besser gedeihen
noch Gerste und Roggen, welch letzterer den größten Theil des Brodes
liefert. Bei der Rauhigkeit des Klimas können aber auch diese
Feldfrüchte vor October oder November selten geerntet werden.
Unter den im Großen angebauten Gemüsen, wie den Rüben und dem
starkhäuptigen Kohl, nehmen die Kartoffeln den ersten Rang ein, die,
vorzüglich in den minder begünstigten Theilen Irlands, die eigentliche
Volksnahrung ausmachen. Man fragt sich wirklich, wovon die Landleute
wohl gelebt haben mögen, ehe Parmentier die werthvolle Knollenfrucht auf
der Insel einführte. Vielleicht hat die Kartoffel freilich die Bauern
etwas sorgloser gemacht, da diese auf die Ausbeute an solchen rechnen,
wodurch sie vor Hungersnoth geschützt bleiben, so lange nicht gar zu
ungünstige Verhältnisse eintreten.
Wenn die Erde die Thiere ernährt, so tragen diese auch wieder zur
Ernährung der Erde bei. Ohne sie ist kein Anbau möglich. Die einen
dienen zur Arbeit mit Pflug und Egge, die andern liefern Eier, Fleisch
und Milch, alle aber die nöthige Düngung für den Acker. Zur Farm von
Kerwan gehörten auch sechs Pferde, und doch reichten sie, als Zwei- oder
Dreigespann verwendet, kaum aus, die Pflugschaar durch den steinigen
Boden zu ziehen. Standen sie auch nicht verzeichnet im »Stud-book«, der
Adelsrolle der Pferdefamilien, so leisteten sie doch die besten Dienste
und begnügten sich mit trocknem Heidekraut, wenn's einmal an besserem
Futter mangelte. Ein Esel leistete ihnen Gesellschaft, und diesem konnte
es nimmer an Disteln fehlen, deren es hier in solchen Mengen giebt,
daß alle dahin zielenden Verordnungen die Vertilgung dieser wuchernden
Pflanze nicht erzwingen werden.
Unter dem Stallvieh gab es ein halbes Dutzend schöne, rothhaarige
Milchkühe und gegen hundert schwarzköpfige Schafe mit sehr weißer Wolle,
deren Unterhaltung im Winter, wo fußtiefer Schnee die Fluren bedeckt,
mit vielen Schwierigkeiten verknüpft ist. Weniger gilt das von den
zwanzig Ziegen, die der Farmer besaß und denen man es mehr selbst
überlassen konnte, sich Nahrung zu suchen. Gab es kein Gras, so fanden
sie noch immer Blätter, die auch der strengsten Kälte widerstanden.
Ein Dutzend Schweine barg ein besondrer Stall an der rechten Hofseite;
diese wurden für den eignen Bedarf gemästet. Der Farmer betrieb nämlich
die Aufzucht solcher nicht, obgleich von Limerick sehr viele Schinken
versendet werden, die denen von York an Güte gleichkommen und auch unter
dieser Marke im Handel sind.
Hühner, Gänse und Enten gab es so viel, daß noch Eier nach dem Markte
von Tralee geliefert werden konnten, Truthühner und Haustauben aber
nicht, und diese findet man in den Bauernhöfen Irlands überhaupt nur
selten.
Auch eines Hundes müssen wir gedenken, eines schottischen Terriers, der
zur Bewachung der Schafheerde diente. Einen Jagdhund gab es hier nicht,
trotz des Wildreichthums der Gegend. Die Jagd ist ja nur ein Vergnügen
der Landlords. Der sehr hohe Preis für den Jagdschein, der der
britischen Staatscasse zufällt, und die Taxe für Berechtigung zum Halten
eines Jagdhundes, verbieten sie dem kleinen Manne schon allein.
Das war das Pachtgut von Kerwan, das ziemlich isoliert innerhalb einer
Schleife des Cashenflusses und fünf Meilen von der Parochie Silton
entfernt lag. In der Grafschaft gab es gewiß noch schlechteren Boden,
leichtes, kieselreiches Land, das keine Düngung festhält und wo der
Pachtschilling nicht einmal eine Krone (noch nicht fünf Mark) für den
Acre beträgt; der Grund und Boden Martin Mac Carthy's war aber auch
höchstens von mittlerer Güte.
Jenseits des angebauten Gebietes dehnten sich unfruchtbare, sumpfige
Ebenen aus, da und dort bedeckt mit Stechginster oder mit wilden Rosen,
zwischen denen wucherndes Haidekraut blühte. Ueber den Fluren flatterten
in dichten Schwärmen Krähen umher, die nach den eingesäeten Körnern
suchten, oder Völker von großschnäbligen Sperlingen, die die
neugebildeten Getreidekörner, zum argen Schaden für die Pächter
auspicken.
Noch weiter hinaus stiegen stille Wälder von Birken und Lärchenbäumen
auf, die in den steilen Abhängen der Berge wurzelten und die von den
Winterstürmen, welche durch das schmale Thal des Cashen jagen, oft mit
unheimlicher Gewalt geschüttelt und zerzaust werden.
Im Ganzen bildet diese Grafschaft Kerry ein merkwürdiges Land, das die
Aufmerksamkeit der Touristen mit seinen Amphitheatern bewaldeter
Höhen, seinen überraschenden Fernsichten, die durch die hyperboräischen
Nebeldünste eher verfeinert erscheinen, entschieden mehr verdiente, als
bisher.
Ein hartes, schlimmes Land ist es nur für die, die es bewohnen, eine
knauserische Stiefmutter für die, die es bebauen.
Doch wenn nur die Ernte an Kartoffeln, der wirklichen Brodfrucht der
Insel, in Kerry und den andern Grafschaften nicht versagt. Wenn das
aber auf der Million dem Knollenbau eingeräumten Acres eintrifft, dann
bedeutet es den Hunger mit allen seinen Schrecken.[3]
Wenn der fromme irische Bauer sein =God save the Queen= gesungen hat,
dann sollte er es wirklich vervollständigen durch ein:
»=God save the potatoes!=«
IX.
Die Farm von Kerwan. (Fortsetzung.)
Am 20. October, nachmittags gegen drei Uhr, erschollen auf der nach der
Farm von Kerwan führenden Straße laute Jubelrufe.
»Da kommt der Vater!
-- Da ist die Mutter!
-- Nun sind sie ja beide zurück!«
Kitty und Sim waren es, die Martin und Martine Mac Carthy schon von
weither begrüßten.
»Guten Tag, Kinder! sagte Martin.
-- Guten Tag, meine Söhne!« rief Martine, die in das Wörtchen »meine«
ihren ganzen mütterlichen Stolz legte.
Der Farmer und seine Gattin hatten Limerick heute Morgen frühzeitig
verlassen. So einige dreißig (englische) Meilen bei schon recht kühlem
Herbstwind zurückzulegen, hat schon etwas auf sich, zumal wenn das
mittelst eines »Jaunting-car« geschieht.
Das Gefährte wird »Car« genannt, weil es ein Wagen ist, und die
nähere Bezeichnung durch das Beiwort »Jaunting« erhält es, weil seine
Passagiere, Rücken gegen Rücken, auf zwei in der Längenachse des
Fuhrwerks angebrachten Bänken sitzen. Man braucht sich nur die Ruhebänke
in städtischen Parkanlagen verdoppelt und auf ein paar Rädern befestigt
vorzustellen, wozu man noch je ein Brett als Fußstütze für die zu
befördernden Personen zu denken hat, die sich an die Gepäckstücke hinter
ihnen anlehnen, so hat man den in Irland am meisten gebräuchlichen
Wagen. Wenn er auch nicht sehr vortheilhaft erscheint, weil man davon
nur nach je einer Seite Aussicht hat, und nicht sehr comfortabel, weil
er ganz ohne Dach ist, so rollt er wenigstens ziemlich flott dahin
und sein Kutscher entwickelt meist ebensoviel Geschicklichkeit wie
Schnelligkeit.
So konnte es nicht wundernehmen, daß Martin und Martine Mac Carthy, die
gegen sieben Uhr früh von Limerick abgefahren waren, gegen drei Uhr in
Sicht des Pachthofs eintrafen. Sie befanden sich auf dem Jaunting-car
auch nicht allein, denn dieser brachte wohl noch zehn andre Personen
mit. Nachdem die Farmersleute abgestiegen waren, rollte das Gefährt in
schnellem Trabe nach dem Hauptorte der Grafschaft Kerry weiter.
Eben trat Murdock aus seinem an der Hofecke gelegenen Zimmer, wo die
Nebengebäude der rechten Seite an das Wohnhaus stießen.
»Ihr habt eine glückliche Fahrt gehabt, Väterchen? fragte die junge
Frau, nachdem sie Martine umarmt hatte.
-- Eine sehr gute Fahrt, Kitty.
-- Fandet Ihr auf dem Markte in Limerick die gewünschten Kohlpflanzen?
erkundigte sich Murdock.
-- Ja, mein Sohn; morgen sollen sie uns zugeschickt werden.
-- Und auch den Rübensamen?...
-- Gewiß; sogar von bester Sorte.
-- Das ist gut, Vater.
-- O, wir fanden auch noch eine andre Art Samen....
-- Welche denn?
-- Ein... Babysamenkorn, das uns von bester Sorte erschien.«
Murdock und sein Bruder machten große Augen, als sie das Kind bemerkten,
das ihre Mutter in den Armen hielt.
»Da habt Ihr ein Knäblein, sagte sie, in Erwartung, daß Kitty uns einen
kleinen Kameraden dazu schenkt.
-- Er ist ja ganz erfroren, der Kleine! antwortete die junge Frau.
-- Ich hab' ihn aber während der Fahrt in meinen Tartan (eine Hülle von
großwürfeligem Wollenstoff) eingewickelt, so gut ich konnte, versicherte
die Farmersfrau.
-- Schnell, schnell, drängte Martin, wir wollen ihn vor dem Kamine
wieder warm machen und auch die Großmutter begrüßen, die darauf warten
wird.«
Kitty nahm den kleinen Knaben aus den Händen Martines, und bald war die
ganze Familie in dem großen Mittelzimmer versammelt, wo die Großmutter
auf einem alten gepolsterten Armstuhle saß.
Man zeigte ihr das Kind. Sie nahm es in die Arme und setzte sich's auf
die Knie.
Der Kleine ließ es sich gefallen. Seine Blicke wanderten von einem zum
andern. Er verstand nicht, was mit ihm vorging. Jedenfalls glich
das Heute nicht dem Gestern. War alles nur ein Traum? Er sah hübsche
Gesichter, junge und alte um sich. Seit seinem Erwachen hatte er nur
liebevolle Worte gehört. Die Fahrt auf dem schnell durch das Land
hineilenden Wagen war ihm eine Zerstreuung gewesen. Gute Luft und der
Morgenduft der Blumen und Büsche füllten seine Brust. Eine kräftige
Suppe vor der Abfahrt hatte ihn gestärkt und unterwegs hatte er, immer
an kleinen Kuchen aus der Tasche Martines nagend, erzählt, was er von
seinem Leben wußte, von dem Aufenthalt in der abgebrannten Lumpenschule,
von der Freundlichkeit Grips, dessen Name sehr oft über seine Lippen
kam, ferner von Miß Anna, die ihn ihren Sohn genannt hatte und doch gar
nicht seine Mutter war, weiter von einem sehr erzürnten Herrn, den sie
den Herzog nannten, dessen Namen er aber vergessen hatte und der ihn
mit wegnehmen wollte, endlich von seinem Verlassensein und wie er sich
allein auf dem Friedhofe von Limerick befunden habe. Martin Mac Carthy
und seine Frau verstanden von der ganzen Geschichte nicht viel, außer
daß er weder Eltern noch Angehörige hatte, und daß er ein verlassenes
kleines Geschöpf sei, das die Vorsehung ihrer treuen Sorge anvertraut
hatte.
Gerührt umarmte ihn die Großmutter und dann auch die andern, deren
Theilnahme für ihn erwachte.
»Ja, wie heißt er denn? fragte die Großmutter.
-- Er konnte uns keinen andern Namen als »Findling« angeben, antwortete
Martine.
-- Na, er braucht keinen andern, meinte Martin; wir rufen ihn ebenso,
wie er bis jetzt gerufen wurde.
-- Wenn er aber einmal groß wird?... warf Sim ein.
-- So bleibt er nach wie vor der Findling!« erklärte die Großmutter, die
ihn mit einem herzhaften Kusse taufte.
Das war also der Empfang, den unser Held beim Eintreffen auf dem
Pachthofe fand. Man nahm ihm die Lumpen ab, die er für die Rolle des Sib
angelegt bekommen hatte. Dafür erhielt er die letzten Kleidungsstücke
Sims, die dieser, als er im gleichen Alter war, getragen hatte und die
zwar nicht neu, aber doch reinlich und warm waren. Seine Wollenjacke
ließ man ihm, da er auf diese, obgleich sie allmählich zu eng wurde,
viel zu halten schien.
Dann aß er, auf hohem Stuhle sitzend, mit der Familie und fragte
sich, ob das alles nicht auch bald verschwinden würde. Doch nein, die
Hafersuppe, die in reichlich vollem Teller vor ihm stand, verschwand
nicht, auch nicht das Stück Speck mit Kohl, wovon er ein gutes Theil
erhielt, ebensowenig der Eierkuchen, der unter allen redlich vertheilt
wurde und den man hier mit einem Schluck ausgezeichneten »Potheens«
begoß, welchen der Farmer aus der eignen Gerste durch Gährung
herstellte.
Das war ein Schmaus, zumal da das Knäblein nur fröhliche Gesichter sah,
außer vielleicht an dem ältesten Bruder, der immer ernst, ja fast etwas
traurig erschien. Da wurden ihm die Augen feucht und Thränen glitten
seinen Wangen hinab.
»Was fehlt Dir, Findling? fragte Kitty.
-- Ei, warum denn weinen! setzte die Großmutter hinzu. Hier werden Dir
alle gut sein!
-- Und ich besorge Dir auch Spielzeug, versprach Sim.
-- Ich weine ja nicht, antwortete er. Das sind keine Thränen!«
Wirklich war es nur das Herz, das dem armen Kleinen überlief.
»Nun, heute mag's gut sein, erklärte Martin, doch gar nicht zürnenden
Tones, ich sage Dir aber, mein Junge, daß es hier verboten ist, zu
weinen.
-- Ich werd' es auch nicht mehr thun!« versicherte er, in die
ausgestreckten Arme der Großmutter hinübergleitend.
Martin und Martine bedurften der Ruhe. Auf der Farm legte man sich im
allgemeinen zeitig nieder und stand sehr früh des Morgens auf.
»Wo werden wir das Kind denn unterbringen? fragte der Farmer.
-- In meiner Stube, meldete sich Sim; ich trete ihm, wie einem kleinen
Bruder, die Hälfte meines Bettes ab.
-- Nein, Kinder, erklärte die Großmutter. Laßt ihn bei mir schlafen, er
wird mich nicht belästigen. Da kann ich ihn schlummern sehen, und das
wird mir eine Freude sein.«
Ein Wunsch der Großmutter fand nie auch nur einen Schatten von
Widerspruch. Neben deren Bett wurde also, wie sie es verlangt hatte,
eine Lagerstatt hergerichtet und der kleine Knabe sogleich hineingelegt.
Weißes Bettzeug und eine gute Decke hatte er schon kennen gelernt in
den wenigen Wochen, wo er im Royal-George-Hôtel im Zimmer der Miß Anna
Walston wohnte. Die Zärtlichkeiten der Schauspielerin wogen aber die
dieser achtbaren Familie nicht auf. Gewiß bemerkte er darin schon
einigen Unterschied, vorzüglich als ihm die Großmutter beim Niederlegen
einen herzlichen Kuß gab.
»Ach, ich danke... ich danke!« murmelte er.
Das war heute sein einziges Nachtgebet und jedenfalls kannte er auch
kein andres.
Man stand jetzt im Anfang der kalten Jahreszeit. Die Ernte war eben
hereingebracht. Außerhalb des Pachthofes gab es wenig oder nichts zu
thun. In diesen rauhen Gegenden findet die Einsaat des Korns, der Gerste
und des Hafers nicht mit beginnendem Winter statt, weil dessen Länge
und Strenge sie wieder vernichten könnte. Das ist Sache der Erfahrung.
Martin Mac Carthy pflegte hier den März und sogar den April abzuwarten,
ehe er mit der sorgfältig gewählten Saat begann. Dabei hatte er sich
bisher gut gestanden. Furchen in einem Boden zu ziehen, der bis auf
mehrere Fuß Tiefe friert, das wäre eine ebenso harte wie unnütze Arbeit
gewesen; da hätte er die Samenkörner auch auf einen sandigen Strand oder
auf die Felsen der Küste verstreuen können.
Immerhin fehlte es im Pachthofe nicht an Arbeit. Galt es doch die
Vorräthe an Gerste und Hafer auszudreschen und an Geräthen auszubessern,
was schadhaft geworden war. Der Findling konnte sich schon am folgenden
Tage von der hier herrschenden Geschäftigkeit überzeugen und versuchte
auch vom frühen Morgen an selbst sich nützlich zu machen. So begab er
sich nach den Viehställen. Jetzt nahe am Ende des sechsten Lebensjahres,
mußte er doch wenigstens im Stande sein, Gänse oder Kühe, ja auch Schafe
zu hüten, wenn er einen guten Hund zur Seite hatte.
Beim Frühstück und vor einer Tasse warmer Milch sitzend, bot er sich zu
einer solchen Dienstleistung an.
»Schön, mein Junge, antwortete Martin, Du willst arbeiten. Recht so. Man
muß sich sein Brod verdienen....
-- Und ich werd' es mir verdienen, Herr Martin, versicherte er.
-- Er ist ja noch gar so jung, bemerkte die Großmutter.
-- Das thut nichts, Madame....
-- Ei was, nenne mich Großmutter!
-- Nun gut... das thut nichts, Großmutter. Ich will so gern
arbeiten....
-- Und wirst auch hübsch thätig sein, fiel Murdock ein, den ein so
entschlossener Charakter bei einem bisher vom Unglück verfolgten Kinde
in Erstaunen setzte.
-- Ich danke, Herr Murdock!
-- Ich werde Dir lehren, die Pferde zu besorgen, fuhr Murdock fort, und
auch darauf zu reiten, wenn Du keine Angst hast....
-- O, so gern! jubelte der Knabe.
-- Und ich, ich lehre Dir die Kühe zu pflegen, ließ Martine sich
vernehmen, und sie zu melken, wenn Du Dich nicht vor ihren Hörnern
fürchtest.
-- Nein, gar nicht, Frau Martine!
-- Ich zeige Dir dann, fiel Sim ein, wie man auf dem Felde die Schafe
hütet....
-- Ich freue mich schon darauf!
-- Kannst Du lesen? fragte der Farmer.
-- Ein wenig, und auch ein bischen große Buchstaben schreiben.
-- Und rechnen?
-- Ja... ich kann bis hundert zählen, Herr Martin.
-- Na, sagte Kitty lächelnd, ich werde Dir bis tausend zählen und auch
kleine Buchstaben schreiben lehren.
-- Ich danke, liebe Frau Kitty!«
Das Kind war thatsächlich zu allem bereit, was man ihm vorschlug. Der
Kleine wollte sich offenbar dankbar beweisen für die Wohlthaten, die
er bei den wackern Leuten schon genoß und noch zu genießen hoffte. Der
kleine Diener der Farm zu werden, dahin strebte zunächst sein Ehrgeiz.
Ein Zeugniß für den von Natur ernsten Sinn des Knaben lieferte aber die
Antwort, die er dem Farmer gab, als dieser ihn lachend fragte:
»Ei, Findling, Du wirst uns ja ein schätzbarer Helfer sein!... Die
Pferde, die Kühe, die Schafe... ja, wenn Du alles besorgst, bleibt ja
für uns gar nichts zu thun übrig. Wie viel verlangst Du denn Lohn?
-- Lohn?...
-- Nun ja; Du wirst doch nicht ganz für nichts und wieder nichts
arbeiten wollen?
-- Nein, das nicht, Herr Martin.
-- Wie? rief Martine verwundert, außer der Wohnung, Nahrung und
Bekleidung verlangt er auch noch Bezahlung....
-- Ja, Frau Martine!«
Alle sahen den Knaben an; es schien ihnen, als ob er etwas ganz
ungeheuerliches ausgesprochen hätte.
Murdock, der ihn beobachtet hatte, bemerkte aber:
»Laßt ihn doch sich erst erklären!
-- Freilich, meinte die Großmutter. Sag' uns frei heraus, was Du
verdienen willst. Baares Geld?...«
Der kleine Junge schüttelte den Kopf.
»Nun... vielleicht eine Krone für den Tag? sagte Kitty.
-- Ach nein, Frau Kitty.
-- Oder monatlich so viel?... fuhr die Pächtersfrau fort.
-- Frau Martine!...
-- Also wohl jährlich? meinte Sim, laut auflachend. Eine ganze Krone
Jahreslohn....
-- Nun, was willst Du denn, lieber Junge? begann Murdock wieder. Ich
begreife, daß Du Dir Deinen Lebensunterhalt verdienen willst, ganz
wie wir. So wenig man auch empfängt, es sammelt sich endlich doch. Was
willst Du also?... Einen Penny... einen Copper täglich?...
-- Nein, Herr Murdock!
-- So erkläre Dich doch!
-- Nun, Herr Martin, Sie geben mir jeden Abend einen Kieselstein...
-- Was? Einen Kiesel? rief Sim überrascht. Willst Du Schätze in Kieseln
sammeln?...
-- Nein... doch es wird mir Vergnügen machen, und nach Jahren einmal,
wenn ich groß bin und Sie mit mir zufrieden waren...
-- Richtig, Findling, fiel Martin ein, da vertauschen wir Deine
Kieselsteine mit Pence oder Schillingen!«
Alle lobten den Kleinen wegen seiner guten Idee, und noch an demselben
Abend gab ihm Martin einen Kiesel aus dem Bette des Cashen, der an
solchen unerschöpflich war. Der Kleine aber legte ihn in einen alten
Steinguttopf, den die Großmutter ihm als Sparbüchse zugewiesen hatte.
»Ein sonderbares Kind!« sagte Murdock zu seinem Vater.
Gewiß, doch dessen gute Natur hatte keinen Schaden erlitten, weder durch
die herzlose Behandlung Thornpipe's, noch durch die schlechten Beispiele
in der Lumpenschule. Als die Pächterfamilie ihn im Laufe einiger Wochen
näher kennen lernte, traten seine natürlichen Eigenschaften nur noch
mehr zutage. Ihm fehlte nicht einmal die Heiterkeit, der Grundzug
des Nationalcharakters, den man in Irland auch bei den ärmsten Leuten
ausgeprägt findet. Dann gehörte er auch nicht zu dem Schlage von Jungen,
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