war. Das Geschrei, das Lärmen und Toben vermochte aber doch nicht,
O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Was ging's
auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Büchern saß!
Davon hätte die Trompete des Jüngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken
können.
Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden
-- nicht ohne großen Nachtheil für seine Verantwortlichkeit.
Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten
Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wären sie ohne
Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen
wäre, noch einen »Brander« zu brauen.
Ein »Brander« ist nämlich ein Punsch. Statt des Rums gießt man Gin zu
ein wenig Wasser in einem Gefäß, zündet das Gemisch an und trinkt es
noch ganz heiß.
Das hatte denn auch Carker vor, zur großen Genugthuung der alten Kriß
und zwei oder drei andrer, die sich noch auf den Füßen hielten. Wohl
fehlten hier so manche Zusätze zu einem wirklichen Punsch. Die Insassen
der Lumpenschule machten aber nicht so große Ansprüche.
Sobald die Flamme in dem Suppenkessel -- dem einzigen Gefäße, was die
alte Kriß zur Verfügung hatte -- aufloderte, begannen die, die noch
nicht ganz zusammengebrochen waren, einen wilden Tanz um den Kessel.
Wer jetzt auf der Straße vorübergekommen wäre, der hätte glauben
müssen, eine Legion von Teufeln sei in die Schule eingedrungen. Dieses
Stadtviertel war jedoch mit Eintritt der Dunkelheit meist schon sehr
verlassen.
Plötzlich leuchtete in dem Hause ein auffallend heller Schein auf. Das
Gefäß, aus dem der brennende Gin emporflackerte, war durch Ungeschick
umgestoßen worden, und schnell verbreitete sich die lodernde Flüssigkeit
auf dem Stroh bis in alle Ecken des gemeinsamen Saales. Alle, die noch
einigermaßen bei Sinnen waren, und alle, die durch das Knistern der
Flammen aus dem Stroh aufgescheucht wurden, hatten nichts weiter zu
thun, als die Thür aufzustoßen, die alte Kriß mit hinauszuschleppen und
sich nach der Straße zu retten.
In demselben Augenblick suchten auch Grip und der Findling, die
ebenfalls erwacht waren, vergebens aus der von erstickendem Qualm
erfüllten Dachkammer zu entfliehen.
Der Brand war übrigens schon bemerkt worden. Mit Eimern und Leitern
stürmten verschiedene Leute heran. Zum Glück lag die Lumpenschule
isoliert, und der nach der Rückseite wehende Wind bedrohte auch die
Häuser gegenüber nicht weiter.
War auch kaum Hoffnung vorhanden, die alte Baracke zu erhalten, so mußte
man doch an die denken, die darin waren und denen die Flammen vielleicht
den Ausgang versperrten.
Da öffnete sich ein Fenster im obern Stockwerk nach der Straße hinaus.
Es war ein Fenster von dem Zimmer O'Bodkins' dem sich das Feuer mehr
und mehr näherte. Der Director schien ganz von Sinnen zu sein und raufte
sich die Haare.
An seine Zöglinge und ob diese in Sicherheit wären, daran dachte er
freilich nicht, ja nicht einmal an die ihn selbst bedrohende Gefahr...
»Meine Bücher... meine Bücher!« rief er verzweifelnd mit den Händen
fechtend.
Nach vergeblichem Versuche, die Treppe hinabzugelangen, an der schon
überall die Flammen leckten, entschloß er sich, seine Hefte, Bücher,
Bureaugeräthschaften und alles mögliche zum Fenster hinauszuwerfen.
Natürlich fielen die Schlingel gleich darüber her, traten darauf herum
oder zerstreuten die losen Blätter, während O'Bodkins sich endlich
entschloß, mittelst einer an die Mauer gelehnten Leiter sich selbst zu
retten.
Was dem Director aber noch möglich gewesen war, das hatten Grip und das
Kind nicht auch thun können. In die Dachkammer fiel das Tageslicht nur
durch eine kleine Luke, und die hinaufführende Treppe brach schon Stufe
für Stufe unter der Glut zusammen. Jetzt begann auch das Holzwerk der
Mauer zu brennen und ein Feuerregen fiel bald auf das Strohdach des
Bauwerks nieder, der die Lumpenschule schnell in einen großen Brandherd
verwandelte.
Grips Hilferufe übertönten doch endlich einmal das Geräusch von der
Feuersbrunst.
»Sind denn noch Menschen in dieser Spelunke?« fragte da eine Dame in
Reisetracht, die ebenfalls nach der Unglücksstätte gekommen war.
Der Brand hatte schon so weit um sich gegriffen, daß man seiner nicht
mehr Herr zu werden vermochte. Nachdem der Director sich gerettet hatte,
dachte deshalb kaum jemand noch an Unterdrückung des Feuers selbst, da
sich voraussichtlich niemand im Hause befand.
»Hilfe... Hilfe für die, die noch da oben sind! rief von neuem die
Reisende mit ausdrucksvollen Bewegungen. Leitern herbei, Ihr Leute,
Leitern und ein paar beherzte Männer, die sich hinaufwagen!«
Wie konnte man aber Leitern an diese Mauern legen, die jeden Augenblick
einzustürzen drohten? Wie hätte jemand die von dickem Rauch eingehüllte
Dachkammer erreichen können, über der und um die herum die gierigen
Flammen emporstiegen?
»Wer befindet sich denn in jenem Bodenraum? fragten mehrere O'Bodkins,
der nur damit beschäftigt war, seine Schriftsachen zusammenzuraffen.
-- Wer?... Das weiß ich doch nicht...« antwortete der ganz verstörte
Director, den nur sein eigenes Unglück in Anspruch nahm.
Dann kam ihm aber doch die Erinnerung wieder.
»Ah,... ja,... zwei... Grip und der kleine Junge....
-- Die Unglücklichen! rief die Dame. Mein Gold, meinen Schmuck, alles
was ich besitze, dem, der sie rettet!«
In das Innere des Hauses zu gelangen, war jetzt ganz unmöglich; schon
zischte eine rothe Lohe durch die geborstenen Mauern, der ganze untere
Theil brannte, krachte und brach zusammen. Noch wenige Minuten bei dem
Wind, unter dem die Flammen wie eine Flagge hinflatterten, und die
ganze Lumpenschule war nichts mehr, als eine Feuerhöhle, ein Wirbel von
glühenden Dämpfen.
Plötzlich entstand eine Oeffnung im Dache dicht über der Luke. Grip war
es gelungen, die Bedeckung zu zerreißen und die Sparren zu durchbrechen,
als die Holzwände seiner Kammer schon zu knistern anfingen. Er schwang
sich dann durch das Sparrenwerk und zerrte den kleinen halb erstickten
Knaben nach sich. Als er dann bis zu dem Theile der Mauer gekrochen war,
der die rechte Giebelwand bildete, ließ er sich auf der schrägen Kante
hinabgleiten, wobei er den Findling immer in den Armen hielt.
In diesem Augenblick brach eine furchtbare Flammengarbe durch das Dach
und schleuderte tausende glühender Funken hoch empor.
»Rettet ihn... rief Grip, rettet den Knaben!«
Damit ließ er das Kind nach der Seite der Straße zu fallen, wo es
glücklicher Weise ein Mann auffing, ehe es auf den Erdboden stürzte.
Grip sprang nun ebenfalls herunter und stürzte halb bewußtlos an einem
Trümmerhaufen neben der Mauer zusammen.
Da trat die Reisende auf den Mann zu, der den kleinen Knaben noch immer
trug, und fragte ihn mit vor Erregung zitternder Stimme:
»Wem gehört dieses unschuldige Wesen?
-- Niemand!... Es ist ein Findelkind, erklärte der Mann.
-- Nun gut, so gehört es mir... mir...! rief sie, während sie schon
den Knaben nahm und an ihr Herz drückte.
-- Gnädige Frau... ließ sich da ihre Kammerfrau vernehmen.
-- Schweig, Elisa, schweig! -- Das ist ein Engel, der mir vom Himmel
zugefallen ist.«
Da der »Engel« nun weder Eltern noch sonstige Angehörige hatte, war
es ja das Beste, ihn den Händen der schönen, edelmüthigen Dame zu
überlassen, und ein freudiges Hurrah dankte dieser in dem Augenblick, wo
die letzten Reste der =Ragged-School= zusammenstürzten.
VI.
Limerick.
Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen für die Rettung
der beiden Bedrohten eintrat, wußte zunächst niemand und niemand wäre
auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wäre,
um diesen das schwächliche Opfer zu entreißen. Und wäre das Kind ihr
eignes gewesen, sie hätte es kaum liebevoller in die Arme nehmen können,
als sie es nach ihrem an der nächsten Straßenecke wartenden Wagen trug,
während sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemühte, die Dame von
ihrem Entschluß abzubringen.
»Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehört mir. Der Himmel hat
es mir vergönnt, ihn dem brennenden Hause zu entreißen. O, ich danke
Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.«
Der »geliebte« war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der
Mund stand wie gelähmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen.
Er hätte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der
Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen
erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.
»Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen
erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun
Uhr fünfundvierzig nicht versäumen!«
Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich
sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so
heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem »Growler« an, wie diese
alterthümlichen und unbequemen Fuhrwerke heißen.
Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der
Findling durch besondres Glück in Hände gefallen, die sich für immer
über ihn breiten sollten?
Miß Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine
Art Sarah Bernhardt, auf der Tournée, welche augenblicklich am Theater
zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster,
Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtägige Erholungsreise durch
die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete.
Die wortkarge Elisa Corbett war übrigens eine ebenso mürrische, wie
treuergebene Freundin ihrer Herrin.
Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein
beliebte Dame, die sich für alles lebhaft interessierte und Herz und
Hand stets offen hatte, während sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste
widmete und eifrigst bemüht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer
aufs Spiel gesetzt zu sehen.
Miß Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten
Königreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich
in Amerika, in Indien und Australien, d. h. überall, wo die englische
Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflücken, denn sie war es müde,
da zu glänzen, wo ihr jede Anerkennung mühelos zu Theil wurde.
Vor drei Tagen war sie, müde der fortwährenden Anstrengungen bei den
Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmäßig sterben mußte,
hierher gekommen, um die reine und stärkende Luft von Galway zu
genießen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe
begeben, um nach Limerick zurückzufahren, wo sie am nächsten Tage
aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den
Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die =Ragged-School= stand in hellen
Flammen.
Eine Feuersbrunst! Wie hätte sie dem Verlangen widerstehen können,
einer solchen, die sich von den zahmen Bränden auf der Bühne so gewaltig
unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Geheiß und trotz des Widerspruchs
Elisas hatte der Wagen an der nächsten Ecke gehalten, und Miß Anna
Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das
denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge
beobachteten, so wesentlich überlegen war. Hier sanken die Versetzstücke
thatsächlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer.
Der Verlauf des Unglücks entbehrte auch sonst nicht des spannenden
Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer
eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die
keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein großer und ein kleiner...
vielleicht wäre ein gefährdetes kleines Mädchen noch interessanter
gewesen. Wie herzzerreißend schrie Miß Anna Walston da auf. Sie wäre
den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich
nicht gar so leicht selbst entzündet hätte. Da öffnete sich übrigens
schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglücklichen
erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Große den Kleinen trug.
Ah! Der Große! Welcher Held und in welcher künstlerischen Pose zeigte er
sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Große!
Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und
der andre... der =nice Boy!= Der hübsche Junge! rief Miß Anna Walston
wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hölle kam!...
Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, daß Du mit einem
Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen
wurdest!
Ja, diese Inscenierung hatte Miß Anna Walston bis in jede Einzelheit
verfolgt. Wie auf der Bühne rief sie: »Mein Geld, mein Schmuck,
alles was ich besitze dem, der sie rettet!« Doch niemand hatte an den
glühenden Wänden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen können.
Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und
von da in die Arme der Miß Anna Walston übergegangen.... Jetzt besaß
der kleine Knabe plötzlich eine Mutter, von der die Leute meinten,
es müsse eine große Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der
=Ragged-School= entdeckt hätte.
Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrüßt und von diesen
bejubelt worden, war Miß Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden,
was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer
fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin mit warmen Gefühlen und etwas
freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, daß sie ihrer
Eingebung Zügel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstraße hielt,
wie die siebenunddreißigjährige, blonde, kalte und nörgelige Elisa
Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen
Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den
Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire
beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewöhnlichsten Vorkommnisse des
Lebens zu »Situationen«, und wenn eine solche einmal gegeben war....
Natürlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher
erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Miß Anna
Walston, die mit Elisa ein Coupé allein einnahm, allen den Pflichten
widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht
hätte.
»Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklärte sie, niemand
soll mir ihn wieder rauben!«
Es hätte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen
Verlassnen wieder abzunehmen.
Elisa freilich bemerkte dazu:
»Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!«
Der Zug rollte mit mäßiger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von
Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt
Irlands verbindet. Während dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war
der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die
Schauspielerin darum in jeder Weise bemühte.
Miß Anna Walston beschäftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und
nahm ihm die von Rauch geschwärzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich
gut erhaltene wollene Jacke, während sie ihm sonst von ihren eignen
Kleidungsstücken anpaßte, was sich nur dazu verwenden ließ, und ihn
mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu
bemerken, daß es jetzt warme Hüllen trug und ein noch wärmeres Herz, das
für ihn sorgte, gewonnen hatte.
An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach
Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, übergeleitet, wo ein
halbstündiger Aufenthalt stattfand. Doch während dieser Zeit war der
kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.
»Elisa... Elisa!... rief Miß Anna Walston, wir werden uns erkundigen
müssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.«
Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, daß es sich kaum
der Mühe lohne.
Ein Arzt fand sich nicht.
»O, diese Unmenschen... jammerte Miß Anna Walston, man trifft sie nie
da, wo sie sein sollten!
-- Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird
schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....
-- Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...
Ich weiß nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!...
Ach, wenn ich ihn selbst hätte nähren dürfen!«
Das war freilich unmöglich, und übrigens stand der kleine Junge in den
Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.
Der Zug durchflog die Grafschaft Clare -- jene Halbinsel zwischen der
Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmündung des Shannon
im Süden, einen Landstrich, den man hätte zur Insel umgestalten können,
wenn ein kaum fünfzig Kilometer langer Canal am Fuße der Sliève-Sughty
ausgehoben worden wäre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich
scharfer Westwind -- ein Himmel, wie er zur Situation paßte.
»Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Miß Anna Walston immer
wieder.
-- Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?
-- Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!
-- Nun... ich glaube, er schläft einfach!«
So war es in der That.
Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft,
wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles
an der Grenze und endlich fuhr er gegen fünf Uhr morgens in Limerick
ein.
Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte während der Reise
geschlafen, auch Miß Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als
sie wieder erwachte, bemerkte sie, daß ihr Schützling sie mit großen
Augen ansah.
Da drückte sie ihn wieder in die Arme.
»Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so
grausam sein, ihn mir wieder zu entreißen!«
Elisa meinte zwar, daß Gott auch dann gar nicht grausam gewesen
wäre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der
Lumpenschule in die prächtigen Zimmer versetzt, die Miß Anna
Walston während ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im
Royal-George-Hôtel bewohnte.
Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen
gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen
das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine
Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine
merkwürdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und
in Blut gebadet, schließlich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den
gleichen Namen führt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irländischen
Katholiken gleiche bürgerliche Rechte und freie Ausübung ihres Cultus
gewährleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm
von Oranien rücksichtslos verletzt. Wieder mußte das Volk nach langen
erniedrigenden Quälereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes
aber und obwohl ihnen die französische Revolution ihren Hoche zu Hilfe
geschickt hatte, unterlagen die Irländer, die, wie sie sagten, »mit dem
Stricke am Halse« kämpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus
überlegenen Gegnern.
Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den
Bemühungen des großen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung.
Dieser schwang das Banner der Unabhängigkeit und rang der Regierung
Großbritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.
Da diese Erzählung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende
flammende Rede anzuführen, die O'Connell jener Zeit den Staatsmännern
Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht
unterschätzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irländer eingegraben,
und an verschiedenen Stellen dieser Erzählung wird der Leser noch ihren
Einfluß herausfühlen.
»Niemals hat es ein unwürdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell
eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas
noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fünfhundert
Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute
orangeroth, morgen grün, übermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu
achten, daß sie einmal mit Blut gefärbt wird. Was Wellington, den armen
Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern.
Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, daß er sich bei Waterloo
überraschen ließ? Zum Glück für ihn standen ihm raschentschlossene
Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irländer sind dem Hause
Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu
Georg III., der sie verrieth, treu Georg IV., der vor Wuth aufschrie,
als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem
das Ministerium abscheuliche und blutige Maßregeln gegen Irland
unterbreitete. Auch der Königin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum
England den Engländern, Schottland den Schotten, aber auch Irland
den Irländern!« -- Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald
erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfüllung gegangen ist und ob
der Boden Irlands seinen Kindern gehört.
Limerick ist noch immer eine der Hauptstädte der Smaragdnen Insel,
obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom
dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zählt gegen dreißigtausend
Einwohner. Seine Straßen sind regelmäßig, breit und gerade; seine Läden,
Magazine, Hôtels und öffentlichen Gebäude erheben sich an geräumigen
Plätzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrüßung des Steines, auf dem
der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brücke des Thomond, so
findet man, daß dieser Theil der Stadt hartnäckig irländisch geblieben
ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung
her, die zerstörten Bollwerke, den Standort jener »Schwarzen Batterie«,
die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's,
gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger,
beklagenswerther Contrast!
Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und
des Handels machen könnte. Der Shannon, der »Azurne Fluß«, bietet ihm
einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der
Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flüsse ausnützen,
so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben
einige Barken seine trägen Fluthen, die nur die schönen Theile der Stadt
benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernähren. Die auswandernden
Irländer sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen:
die Amerikaner würden schon etwas daraus zu machen wissen.
Beschränkt sich auch die ganze Thätigkeit Limericks auf die Erzeugung
von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich
hübschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mußte.
Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persönlichkeiten, die für
ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie würden im
Gegentheil lieber in Glashäusern wohnen, wenn es solche gäbe. Miß Anna
Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen
war. Schon am Tage nach ihrer Rückkehr sprach man in ganz Limerick von
der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gerücht, die Heldin so
vieler Dramen habe sich in die Flammen gestürzt, um ein kleines Wesen zu
retten. Sie widersprach dem nicht ausdrücklich, ja zuletzt glaubte sie
es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Hôtel
ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie
ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen
Taufnamen.
»Findling,« lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hieße.
So mochte es auch dabei bleiben; sie hätte doch keinen besseren
gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer.
Uebrigens nannte sie ihn am liebsten »Baby«, »Bebery«, »Babilsky«, oder
wie die mütterlichen Kosenamen in England sonst lauten.
Natürlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er ließ alles
über sich ergehen, Liebkosungen und Küsse, die er nicht gewöhnt war,
ließ sich schöne Kleider gefallen -- und er wurde nach neuester Mode
aufgeputzt -- und glänzende Stiefelchen. Er murrte nicht darüber, daß
man ihm Locken machte, natürlich auch nicht über das vortreffliche Essen
oder über die Süßigkeiten, die er in Ueberfluß erhielt.
Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der
Schauspielerin baldigst im Royal-George-Hôtel ein, um Miß Anna ihre
Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von
der Geschichte der =Ragged-School= gesprochen. Schon nach kurzer
Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet.
Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem großen Brande
Londons, an dem die »Feuersäule«, die einige Schritte von der
London-Bridge aufragt, noch erinnert.
Natürlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was
der Miß Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der
Gedanke, daß der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch
schon geliebt worden sein möge. Eines Tages fragte dieser nämlich:
»Wo ist denn Grip?
-- Wer ist denn Grip, mein Babish?« antwortete Miß Anna Walston.
Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in
den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip.
Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort für seine That -- konnte
doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei
diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht
an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen
geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der
Lumpenschule eingepfercht?
In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner
verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde
ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war
jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der
ihn ernährt und beschützt hatte.
Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an
Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston
bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die
schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt
sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so
daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann
wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die
Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er
klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen
krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften
beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von
Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach
Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil
der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche
Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen
geretteten Engel« vor.
Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen
angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge
Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der
Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne
Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah,
für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer
Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in
Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie
es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine
kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er
träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel
weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der
Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus
der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt
erwachte, wagte er nicht zu rufen....
Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich
der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus
gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen
sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten
jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben
Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.
Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber
geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna
Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.
Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig,
wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen
konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte,
sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur
Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen.
Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und
vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:
»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«
VII.
Eine gefährdete »Situation«.
Sechs Wochen verflossen unter diesen Verhältnissen, und niemand wird es
wundern, daß sich der Findling an dieses angenehme Leben gewöhnte.
Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben
ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Miß Anna Walston's warme
Empfindung für den Knaben sich mit der Zeit nicht abkühlen würde.
Gefühle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Trägheit wie greifbare
Körper: erhält man die Triebkraft nicht länger, so kommen sie zum
Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer »Rührung« verfallen, wie sie
durch manche Scene auf der Bühne die Zuschauer gefangen nehmen. Und
dennoch durfte man nicht glauben, daß das Kind für sie nur den Werth
eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie
war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter für
den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch kürzer, ihre
Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer
Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat,
und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja
schließlich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub früh an
ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein »Mütterchen« spielte.
Das störte aber ihren gewöhnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und
so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frühstück. Wie freute
der Kleine sich, auf einem eigens für ihn beschafften hohen Stuhle zu
sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!
»Na, mein Junge, so ist's hübsch, nicht wahr? fragte sie.
-- Ach ja, Miß Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir
im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.«
Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt --
weder Thornpipe noch O'Bodkins hätte ihm diese ja lehren können -- er
war sonst zurückhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters
und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Zöglinge der
=Ragged-School=. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite
weit voraus, und Miß Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner
Vergangenheit wußte sie freilich nur das, was er ihr darüber seit seiner
Befreiung aus den Händen des Marionettenschaustellers erzählen konnte.
Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine »angeborne Vornehmheit«,
wie sie es nannte, bestärkte in der Künstlerin jedoch den Glauben,
daß er der Sohn einer großen Dame sein müsse, wie das in Dramen ja so
gewöhnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen
Stellung wegen habe lossagen müssen. Daraufhin dichtete sie sich über
ihren Schützling einen ganzen Roman zusammen, der übrigens nicht einmal
mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse »Situationen«,
die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thräneneffect erzielen
würden. Sie wollte in diesem Stücke spielen, sie versprach sich davon
einen ungewöhnlichen Erfolg... sie würde sich darin hinreißend...
himmlisch zeigen u. s. w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war,
da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn stürmisch, ganz wie auf der
Bühne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu hören.
Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden
anfing:
»Miß Anna?...
-- Was willst Du, mein Herzchen?
-- Ich möchte Sie etwas fragen.
-- So frage nur, mein Schatz.
-- Sie werden mir darum nicht böse?
-- Ich... Dir böse werden?
-- Jeder hat doch wohl eine Mutter?
-- Natürlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.
-- Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?
-- Warum?... Ja, weil... antwortete Miß Anna Walston verlegen,
weil... das... seine Gründe hat. Später einmal... ja, das glaub' ich
bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....
-- Ich habe Sie doch sagen hören, daß es eine schöne Dame sei, nicht
wahr?
-- Ja, ganz gewiß!... Eine schöne Dame!
-- Und warum denn gerade eine schöne Dame?
-- Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er
doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die
Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, daß sie schön
sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....
-- Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe
traurig. Mir kommt es manchmal vor, als wäre meine Mama schon todt....
-- Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie
todt wäre, dann gäb's ja kein Stück mehr....
-- Was für ein Stück?...«
Miß Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste
Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.
»Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem
Alter eignen Zähigkeit fort, wenn sie eine schöne Dame ist, warum hat
sie mich denn verlassen?...
-- Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewiß ganz
wider Willen... doch... bei der Lösung des Knotens...
-- Miß Anna?...
-- Was willst Du noch?
-- Meine Mama...
-- Nun, weiter!
-- Das sind Sie doch nicht?...
-- Wie... ich... Deine Mama?
-- Weil Sie mich »mein Kind« nennen.
-- Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters
immer.... Das arme Würmchen, so etwas glauben zu können!... Nein, ich
bin Deine Mama nicht!... Wärst Du mein eignes Söhnchen, ich hätte Dich
nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewiß nicht!«
Mit einer neuen Umarmung beendete Miß Anna Walston das Gespräch, nach
dem der Findling recht betrübt davonschlich.
Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, höchst wahrscheinlich sollte
es seine Angehörigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene
Findlinge.
Als Miß Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran
gedacht, welche Pflichten ihr das für die Zukunft auferlegen würde. Ja
sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, daß dieses Baby wachsen könnte,
daß sie für seinen Unterricht, für seine Erziehung zu sorgen haben
werde. Es ist ja recht gut und schön, ein kleines Wesen zu liebkosen,
besser aber doch noch, auch seinem Geiste die nöthige Nahrung zu
gewähren. Ein Kind zu adoptieren, schließt auch die Verpflichtung ein,
es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar
nicht bedacht. Freilich zählte der Findling jetzt kaum fünfeinhalb
Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen
Fähigkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei
ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt
folgen, vorzüglich wenn sie ins Ausland ging... So würde sie sich also
genöthigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natürlich nur einer
ganz guten. Auf jeden Fall würde sie ihn niemals verlassen.
Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:
»Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet?
Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich für
ihn that!... Und dann... wie frühreif! Alles will er wissen. Ich finde
sogar, er ist überlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte...
und er hat sich für meinen Sohn halten können! Der arme Kleine! Ich
dürfte doch seiner Mutter schwerlich ähnlich sein!... Das war gewiß
eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal
daran denken müssen....
-- Woran denn?
-- Was aus ihm werden soll.
-- Aus ihm werden?... Jetzt schon?...
-- Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume
freudig aufwachsen... Nein, später... später, wenn er sieben bis acht
Jahre zählt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gewöhnlich in
eine Pension kommen?«
Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, daß der Junge doch an die
Lebensweise in einer Pension schon gewöhnt sein müsse -- sie hatte ja
Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule --
und ihrer Meinung nach wäre es am besten, wenn er baldigst wieder einer,
natürlich besseren Anstalt übergeben würde. Miß Anna Walston ließ sie
darüber gar nicht zu Worte kommen.
»Sag' einmal Elisa...?
-- Was denn, Miß Anna?
-- Glaubst Du, daß unser Cherub Lust zum Theater haben könnte?
-- Er?...
-- Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hübsches Gesicht, prächtige
Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin
überzeugt, daß er einen entzückenden Liebhaber abgeben würde....
-- Halt... halt... halt, Miß Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zügel
schießen!
-- Ei, ich werde ihm Komödie spielen lehren. Der Schüler der Miß Anna
Walston!... Ahnst Du den Effect?
-- In fünfzehn Jahren....
-- Zugegeben, Elisa, in fünfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fünfzehn
Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...
-- Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch,
Miß Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung hören?
-- Nun, und die wäre?...
-- Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.
-- Ja, warum denn nicht?
-- Weil der Junge zu ernsthaft ist.
-- Das ist wohl wahr, gab Miß Anna Walston zu, doch... wir werden ja
sehen....
-- Und Zeit genug haben wir dazu, Miß Anna!«
Gewiß war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der
Vermuthung Elisas, Neigung für das Theater zeigte, war ja alles gut.
Inzwischen kam der Miß Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche
ihr ganz ausschließlich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind
baldigst auf der Bühne von Limerick einmal auftreten lassen.
Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen
mochte, so zeigte sich doch, daß dieses »einzige Auftreten«, wie die
Placate ankündigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.
Miß Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein »Rührstück mit
Knalleffecten« ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten
sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel »Die Reue einer
Mutter«, hatte bereits einer ganzen Generation Thränen genug entlockt,
um die Flüsse des Vereinigten Königreichs damit speisen zu können.
In diesem Stücke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine
Kinderrolle vor -- ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten können,
das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mußte, während sie es
später elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u. s. w.
Selbstverständlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der
sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, küssen,
an einen Mutterbusen drücken und sich hierhin und dorthin zerren zu
lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.
Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das
richtige Alter und die passende Größe, dazu ein bleiches Gesichtchen mit
Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf
der Bühne sähe und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher
Begeisterung, welchem Feuer würde diese die fünfte Scene des dritten
Actes spielen, die große Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man
ihr wieder entreißen will! Hier kamen ja die thatsächlichen
Verhältnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Künstlerin
unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergoß sie gewiß
wirkliche Thränen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.
Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mußte den
letzten Proben beiwohnen.
Das erste Mal erstaunte er ungemein über alles, was er da sah und hörte.
Miß Anna Walston nannte ihn wohl, gemäß dem Texte der Rolle, »mein
Kind«, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst
umschlänge und keine Thränen vergösse, wenn sie ihn an ihr Herz zog.
Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's
bei der Aufführung Zeit genug.
Auf den kleinen Knaben machte übrigens alles einen tiefen Eindruck...
die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der
große, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster über der höchsten
Gallerie wenig Licht eindringen ließen, das Ganze sah so traurig aus,
wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib -- so hieß der
Kleine in dem Stücke -- was man von ihm verlangte, und Miß Anna Walston
prophezeite ihm schon den schönsten Erfolg... und sich natürlich mit.
Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der
Künstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht
an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige
Persönlichkeit, ihre Launen, gewiß ohne Absicht und ohne daß sie es
merkte, und wer hätte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erklärte
sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der
Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch
einen Kean, einen Macready und andre Größen der heimischen Bühne
ausstechen. Das ging doch über alles Maß hinaus.
Endlich kam der Tag der ersten Aufführung.
Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Miß Anna Walston befand
sich natürlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib,
umarmte ihn und schüttelte ihn mit nervöser Gewalt, dann wieder reizte
sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, während dieser nichts von
allem begriff.
Am Abende der ersten Aufführung strömten die Leute in hellen Haufen
nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz
außergewöhnliche Zugkraft geübt.
Gastvorstellung
-der Miß Anna Walston-,
#Die Reue einer Mutter.#
Schauspiel von dem
-berühmten Furpil-.
Personen:
Die Herzogin von Kendalle... Miß Anna Walston.
Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der »Findling«
genannt, z. Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u. s. w.
Wie stolz wäre der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage
gestanden hätte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz
auf weiß in großen Buchstaben.
Dieser Stolz wäre freilich bald gedemüthigt worden. In der Garderobe der
Miß Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.
Bis zum heutigen Abend hatte er keine »Costümprobe« gehabt, weil man
das für unnöthig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern
nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, während sich Miß
Anna als Herzogin von Kendalle schmückte, für ihn eine ganz zerfetzte
Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige,
zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite völlig sauber waren.
In dem rührseligen Stücke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das
seine Mutter in den dürftigsten Verhältnissen wiederfindet, seine Mutter
eine Herzogin, eine Schönheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.
Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der
Lumpenschule zurückgeschickt werden.
»Miß Anna... Miß Anna! rief er schluchzend.
-- Was willst Du? fragte die Künstlerin.
-- Schicken Sie mich nicht wieder zurück, bitte, bitte!
-- Dich zurückschicken?... Warum denn?
-- Hier die alten, schlechten Kleider...
-- Nein... was er sich gleich einbildet!
-- Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit
fester Hand anfaßte.
-- Ach, die Engelsliebe!« sagte Miß Anna tiefgerührt.
Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne
Augenbrauen.
»Das süße Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wüßte!«
Sie legte etwas Roth auf die Wangen.
»Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den
Blättern, daß er hat glauben können...«
Sie warf sich eine kostbare weiße Hülle um die Schultern.
»O über den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es
ist zum Lachen...
-- Zum Lachen, Miß Anna?...
-- Ja, weinen darf man ja nicht.«
Sie hätte wohl Thränen vergossen, fürchtete aber ihre künstlische
Färbung zu beschädigen.
Elisa bemerkte jedoch kopfschüttelnd:
»Sie sehen, Miß Anna, daß wir aus dem nie einen Komödianten machen
werden!«
Der Findling ließ sich indeß, eingeschüchtert und recht schweren
Herzens, die Lumpen für die Rolle Sibs anlegen.
Da kam Miß Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine glänzende Guinee
zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell
getröstet, nahm der Kleine das Goldstück hastig an und steckte es, nach
gehöriger Besichtigung, tief in seine Tasche.
Nachher streichelte ihm die Künstlerin noch einmal die Wangen und begab
sich nach der Bühne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der
Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.
Heute Abend füllten die feine Welt und die bessern Kreise überhaupt das
Theater vom Orchester bis zum Schnürboden, obgleich dieses Stück keine
Novität war. Schon seit zwölf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bühnen
des Vereinigten Königreichs aufgeführt, was effectreichen Stücken selbst
untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.
Der erste Act verlief nach Vorschrift. Miß Anna Walston erntete
rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den
Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewiß verdiente.
Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer
Garderobe zurück und legte hier, zum größten Erstaunen Sibs, ihre
Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen
Magd zu vertauschen -- wie es die, übrigens recht altersgraue
Entwickelung des Dramas verlangte.
Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober
Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm,
als wenn eine Fee jene phantastische Veränderung vor seinen Augen
durchführte.
Dann tönte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine
Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die »Magd« gab ihm ein
Zeichen mit der Hand und sagte:
»Nun, aufgepaßt, Findling, jetzt kommst Du bald dran.«
Damit stieg auch sie nach der Bühne herunter.
Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im
ersten, und der Vorhang muß unter dreifachem Applaus ebenso viele Male
wieder aufgezogen werden.
Den »guten Freundinnen« und deren getreuen Schildknappen fehlte es
demnach an Gelegenheit, sich an Miß Walston zu reiben.
In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermüdet auf ein Sopha,
obgleich sie ihren höchsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte
ausspielen wollte.
Noch einmal wechselte sie das Costüm; jetzt verwandelt sie sich aus der
Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in
Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fünf Jahre.
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