Der Findling. Erster Band.
Von
Jules Verne
Julius Verne's Reiseromane. Band 64.
Der Findling.
Von
Julius Verne.
Rechtmässige Ausgabe.
Erster Band.
Leipzig
Bibliographische Anstalt
Adolph Schumann.
Erster Theil.
I.
Im Innern von Connaught.
Irland, das eine Landfläche von zwanzig Millionen Acres -- gegen
acht Millionen Hektar -- einnimmt, wird im Namen der Beherrscher
Großbritanniens von einem Vicekönig oder Lord-Lieutenant unter
Mitwirkung eines »Privat-Rathes« regiert. Es zerfällt in vier Provinzen:
Leicester im Osten, Munster im Süden, Connaught im Westen und Ulster im
Norden.
Das Vereinigte Königreich soll in der Vorzeit eine einzige Insel
gebildet haben. Jetzt sind deren zwei vorhanden, beide noch mehr
getrennt durch geistige Verschiedenheit, als durch physikalische
Grenzen. Die Irländer sind wie von jeher Freunde der Franzosen, und
deshalb den Engländern feindlich gesinnt.
Ein herrliches Land für Touristen, ist Irland ein trauriges Land für
seine Bevölkerung. Diese vermag es nicht zu befruchten, jenes sie nicht
zu ernähren. Und doch ist es nicht ein unfruchtbares Stück Erde, denn
seine Kinder zählen nach Millionen, und obwohl diese Mutter keine Milch
für ihre Kinder hat, wird sie von ihnen doch leidenschaftlich geliebt.
Die süßesten -- =most sweet= -- Namen (ein Wort, das man dort unendlich
häufig hört) werden an sie verschwendet. Das »Grüne Erin«, und grün
ist das Land in der That; weiter heißt Irland der »Schöne Smaragd«, ein
Smaragd, der freilich statt des Goldes in Granit gefaßt ist; die »Insel
der Wälder«, was besser Insel der Felsen heißen sollte; das »Land des
Liedes«, nur erklingt dieses Lied von kränklichen Lippen; endlich nennt
man es die »Erste Blume des Landes« oder die »Erste Blume des Meeres«,
freilich welken diese Blumen schnell im Brausen toller Stürme. Armes
Irland! »Insel des Elends« solltest du heißen; jetzt und schon seit
Jahrhunderten, du mit deinen drei Millionen Armen unter acht Millionen
Bewohnern!
Bei einer Erhebung von etwa hundertfünfundzwanzig Metern trennen in
Irland zwei Höhenzüge die Ebenen, Seen und Torfmoore zwischen der Bai
von Dublin und der von Galway. Die Insel bildet eine vertiefte Schale,
in der es an Wasser nicht fehlt, denn die Seen des Grünen Erin bedecken
allein gegen zweitausenddreihundert Quadratkilometer.
Westport, eine kleine Stadt der Provinz Connaught, liegt im Hintergrunde
der Bai von Clew, die von dreihundertfünfundsechzig Inseln und Eilanden
erfüllt wird, ähnlich wie der Morbihan an den Küsten der Bretagne.
Diese Bai mit ihren Vorbergen, ihren Caps und den gleich Haifischzähnen
angeordneten Spitzen, welche den Wogenschwall von der hohen See brechen,
ist eine der schönsten des ganzen Küstenstriches.
In Westport begegnen wir dem »Findling« im Beginn seiner Geschichte; der
Leser wird selbst sehen, wo, wann und wie sie endigte.
Die Einwohner des etwa fünftausend Seelen zählenden Städtchens sind zum
größten Theile Katholiken. An einem Sonntage, dem 17. Juni 1875, hatten
sich die meisten Bewohner zum Morgengottesdienste in die Kirche
begeben. Connaught, die Wiege der Familie Mac Mahon's, bringt ausgeprägt
keltische Typen hervor, die sich in den alteingesessenen Geschlechtern
fortgepflanzt haben. Und doch, wie traurig ist das Land, so traurig,
daß es den gebräuchlichen Ausdruck: »Nach Connaught gehen, heißt in die
Hölle gehen!« vollständig rechtfertigt.
In den kleinen Orten Irlands herrscht bittere Armuth, doch besitzen die
Leute neben ihren für die Werktage benützten Lumpen auch noch solche
für die Sonn- und Festtage. Dann trägt man dort die noch am wenigsten
zerrissene Kleidung: die Männer erscheinen in geflicktem, unten
ausgefranstem Mantel; die Frauen in mehrfach übereinander liegenden
Röcken -- lauter Ladenhütern des Trödlers -- und bedecken den Kopf mit
Hüten, die mit künstlichen Blumen verziert sind, von welchen freilich
meist nicht mehr als die nackten Drahtstiele mit einzelnen Blättchen zu
sehen ist.
Alle sind barfüßig bis zur Kirche gegangen zur Schonung des theuern
Schuhwerkes -- der Halbstiefeln mit geborstenen Sohlen und der Stiefeln
mit zerrissenem Oberleder, ohne die nach Landessitte niemand die
Schwelle der Kirche überschreiten würde.
Zur Zeit war kein Mensch auf den Straßen von Westport sichtbar, außer
einem Individuum, das einen Karren schob, der mit einem großen mageren,
langzottigen Hunde bespannt war.
»Königspuppen! rief der Mann aus vollem Halse, prächtige, bewegliche
Königspuppen!«
Der Schausteller war von Castlebar, dem Hauptorte der Grafschaft Mayo,
hierhergekommen. Auf seinem Wege nach Westen hatte er den Kamm jener
Höhenzüge überschritten, die sich, wie die meisten Berge Irlands,
nach der Küste zu senken, so im Norden die Kette des Nephin mit
ihrem achthundertdreißig Meter hohen Gipfelpunkte, und im Süden der
Croagh-Patrick, auf dem der größte irländische Heilige, der Verbreiter
des Christenthums im vierten Jahrhundert, die vierzig Tage der
Fastenzeit verweilte. Hierauf war der Mann die gefährlichen Schluchten
des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den
Seen Mask und Corril, die einen Ausfluß nach der Clew-Bai haben. Ihn
kümmerte keinen Pfifferling weder die Midland-Great-Westernbahn, das
große Verbindungsglied zwischen Westport und Dublin, noch die Post,
die ihre »Cars« durch das Land rollen läßt. Er reiste als fahrender
Künstler, der überall seine Puppenausstellung ausrief und anpries
und den großen Hund von Zeit zu Zeit mit einem derben Peitschenhiebe
aufmunterte. Der von kräftiger Hand erlittenen Züchtigung antwortete
dann stets ein lautes Schmerzgeheul und aus dem Innern des Karrens
zuweilen ein leises Schluchzen.
Dann wetterte der Mann gewöhnlich los.
»Wirst Du laufen lernen, Hundevieh!« rief er, und dann, als wendete
er sich an einen andern, der im Karren verborgen sein mußte, klang es
weiter: »Wirst Du still sein, Hundejunge!«
Darauf verstummte das Schluchzen und der Karren kam wieder langsam in
Bewegung.
Dieser Mann nennt sich Thornpipe. Woher er stammt, ist gleichgiltig; es
genügt zu wissen, daß er zu den Angelsachsen gehört, die in den unteren
Volksschichten der britannischen Inseln so ungemein häufig vorkommen.
Dieser Thornpipe besitzt nicht mehr Gefühl als ein wildes Thier, nicht
mehr Herz als ein Felsblock.
Nachdem der Mann die ersten Wohnstätten von Westport erreicht hatte,
folgte er der Hauptstraße des Städtchens mit ihren ziemlich wohnlichen
Häusern und den mit pomphaften Schildern versehenen Läden, worin
freilich nicht viel zu finden ist. In diese Straße münden verschiedene
schmutzige Nebengassen ein, wie trübe Bäche, die sich in einen klaren
Fluß ergießen. Auf deren spitzen Pflastersteinen poltert und rasselt
Thornpipe's Karren dahin, gewiß zum Nachtheil der Puppen, die er zur
ergötzlichen Unterhaltung der Bewohner von Connaught hierher brachte.
Wegen Mangels an »geeignetem Publicum« trottete Thornpipe weiter, bis er
zur Mail (Alleestraße) gelangte, die die Hauptstraße zwischen doppelter
Ulmenreihe kreuzt. Jenseits der Mail dehnt sich ein geräumiger Park
aus, dessen sorgsam unterhaltene Sandwege nach dem an der Bai von Clew
liegenden Hafen führen.
Selbstverständlich gehören Stadt, Hafen, Park, Straßen, Fluß, Brücken,
Kirchen, Häuser und Hütten einem jener reichen Landlords, die fast den
ganzen Boden Irlands besitzen. Hier waren sie das Eigenthum des Marquis
von Sligo, eines Mannes von reinem, altem Adel, und übrigens beiweitem
nicht des schlechtesten Herrn für seine zahlreichen Pächter.
Alle zwanzig Schritte etwa hielt Thornpipe mit seinem Wagen an,
blickte um sich und rief mit einer Stimme, die einem mangelhaft geölten
Mechanismus zu entschallen schien:
»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«
Doch niemand trat aus den Läden, kein Gesicht erschien an den Fenstern.
Nur da und dort tauchten aus den Nebengassen einige bewegliche Lumpen
auf und aus diesen glotzten hagere, verhungerte Gesichter hervor mit
gerötheten Augen, die so tief lagen, daß man durch sie ins Leere sehen
zu können wähnte. Weiter erschienen einzelne halbnackte Kinder, und fünf
bis sechs dieser Gassenbuben schlichen endlich an den Wagen heran, als
dieser in der großen Mail Halt machte.
»Copper!... Copper!« bettelten alle wie aus einem Munde.
Unter »Copper« ist eine winzige Kupfermünze zu verstehen, ein Theil des
Pennys, d. h. des kleinsten im Lande vorkommenden Geldstücks. Und diese
Kinder sprachen darum einen Mann an, der mehr Verlangen hatte, Almosen
anzunehmen als solche zu vertheilen. Natürlich empfing er mit drohender
Hand- und Fußbewegung und mit zornsprühenden Augen die Buben, die sich
außerhalb des Bereiches seiner Peitsche halten mußten... und noch
sorgsamer fern genug den Spitzzähnen des Hundes, der wegen gewohnter
übler Behandlung nie bei guter Laune war.
Thornpipe war schon an sich wüthend. Er schreit ja in die reine Wüste
hinaus. Niemand kümmert sich um seine königlichen Marionetten. Paddy --
d. i. der Irländer, wie John Bull der Engländer -- Paddy zeigt keine
Spur von Neugier. Er hegt nicht etwa Feindschaft gegen die erhabene
königliche Familie. O nein! Was er nicht liebt, was er haßt mit allem
durch Jahrhunderte lange Unterdrückung aufgehäuftem Hasse, das ist
nur der Landlord, der ihn als ein noch unter den Leibeigenen Rußlands
stehendes Geschöpf betrachtet. Wenn der Ire O'Connell zujubelte, so
geschah das, weil der große Patriot auf der Erhaltung der Rechte der
Grünen Insel durch die Unionsacte der drei Königreiche vom Jahre 1806
bestand, weil die Thatkraft, die Zähigkeit, die kühne Politik dieses
Staatsmannes später die Emancipations-Bill von 1829 durchsetzte und
damit, Dank seiner unerschütterlichen Haltung, Irland, das Polen
Englands, vor Allem das katholische Irland in eine Periode halber
Freiheit eintrat. Thornpipe wäre also sicherlich besser dran gewesen,
wenn er seinen Mitbürgern O'Connell vor Augen geführt hätte, doch
das war ja noch kein Grund, Ihre graziöse Majestät =in effigie= so
unbeachtet zu lassen. Freilich hätte Paddy dem Bildniß seiner
Souveränin auf hübschen Geldstücken, auf Pfunden, Kronen, Halbkronen und
Schillings, ganz entschieden den Vorzug gegeben, denn gerade dieses aus
der britannischen Münze hervorgegangene Porträt fehlt der Tasche des
Irländers am meisten.
Da kein ernstlicher Zuschauer den wiederholten Einladungen des
Kunsthausierers Folge gab, setzte sich der von dem großen, knochendürren
Hunde geschleppte Karren wieder in Bewegung.
Unter dem herrlichen Ulmenschatten der Allee der Mail zog Thornpipe
weiter. Er war allein. Die Kinder hatten ihn endlich verlassen. So
erreichte er den von Sandwegen durchschnittenen Park, den der Marquis
von Sligo dem öffentlichen Verkehr offen hielt, um einen Zugang zu dem
eine gute (englische) Meile von der Stadt entfernten Hafen zu gewähren.
»Königspuppen!... Königspuppen!«
Niemand antwortete. Mit schwachem Schrei flatterten die Vögel von einem
Baume zum andern. Der Park war ebenso verödet wie die Mail. Wie konnte
auch Jemand einfallen, Katholiken während des Gottesdienstes zu einer
solchen Schaustellung einzuladen! Thornpipe konnte unmöglich aus dem
Lande selbst sein. Nach dem Mittagessen, zwischen Messe und Vesper, da
ließ sich vielleicht eher etwas erzielen. Jedenfalls hinderte den Mann
nichts, jetzt bis zum Hafen hinunter zu wandern, und das that er denn
auch, indem er, statt im Namen des heiligen Patrick, in dem aller Teufel
Irlands weidlich fluchte.
Der Hafen, den der Seenabfluß im Grunde der Bai von Clew bildet, ist
nur wenig besucht, obwohl er an Geräumigkeit und Sicherheit alle andern
Häfen an der Westküste der Insel übertrifft. Nur vereinzelt kommen
Schiffe dahin, weil Großbritannien, d. h. England und Schottland, dem
mageren Gelände von Connaught zusenden muß, was dieses dem Erdboden
nicht selbst zu entlocken vermag. Irland ist ein Kind, das sich an
zwei Brüsten nährt; die Ammen lassen sich ihre Milch aber recht theuer
bezahlen.
Einige Matrosen lustwandelten rauchend auf dem Quai umher, denn wegen
des Sonntags war die Entlöschung der Fahrzeuge natürlich unterbrochen.
Bekanntlich nimmt es die angelsächsische Rasse mit der Sonntagsheiligung
sehr streng. Die Protestanten halten darauf mit aller Unbeugsamkeit
ihres Puritanismus, und in Irland wenigstens wetteifern die Katholiken
mit jenen in der Ausübung des Cultus. Ihrer sind übrigens zweieinhalb
Millionen neben fünfmal-hunderttausend Anhängern verschiedener Secten
der anglikanischen Kirche.
In Westport befand sich zur Zeit kein andern Ländern zugehöriges Schiff.
Nur Brigg-Goëletten, Schooner und Kutter nebst einigen Fischerbarken,
die außerhalb der Bai auf den Fang ausgehen, lagen bei der eben
herrschenden Ebbe auf dem Trocknen. Jene von der Westküste Schottlands
gekommenen Fahrzeuge segelten, nach Löschung ihrer Ladung von Getreide
-- das Connaught vor allem braucht -- sofort wieder nach der Heimat ab.
Um eigentliche Hochseeschiffe zu sehen, mußte man nach Dublin,
Londonderry, Belfast oder Cork gehen, wo die transatlantischen
Packetboote der Londoner und der Liverpooler Dampferlinien anlaufen.
Aus der Hosentasche jener müßigen Seeleute konnte Thornpipe offenbar
auch keinen Schilling locken, denn seine Ausrufungen blieben von den
Quais des Hafens her ohne Antwort.
Er ließ jedoch den Karren ruhig stehen. Der vor Hunger und Anstrengung
erschöpfte Hund streckte sich auf dem Sande aus. Thornpipe holte aus
einem Sacke ein Stück Brot, einige Kartoffeln und einen Salzhäring und
begann zu essen wie ein Mann, der nach langer Wegstrecke den ersten
Bissen zu sich nimmt.
Der Zughund sah ihn an und knackte mit den Kinnladen, aus denen seine
brennendrothe Zunge hervorhing. Jetzt schien seine Fütterungsstunde aber
noch nicht geschlagen zu haben, denn er legte den Kopf wieder zwischen
die Pfoten und schloß die Augen, um besser auszuruhen.
Eine leichte Bewegung im Innern des Karrens erweckte Thornpipe aus
seiner Apathie. Er erhob sich und prüfte, ob ihn niemand beobachte. Dann
lüftete er ein wenig die Decke, die den Kasten mit Puppen verhüllte, und
steckte ein Stück Brot darunter hinein.
»Daß Du nicht plärrst!« rief er drohenden Tones dazu.
Ein Geräusch von hastigem Kauen antwortete ihm, als berge der Kasten ein
vor Hunger sterbendes Thier, und er setzte sein Frühstück wieder fort.
Bald war dieses aufgezehrt, und nun führte er eine bauchige Flasche an
die Lippen, die saure Molken enthielt, ein Getränk, das hier zu Lande
viel genossen wird.
Inzwischen schlug die Kirchenglocke in Westport an und verkündete den
Schluß des Gottesdienstes.
Es war jetzt elfeinhalb Uhr.
Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche wieder auf, und rückwärts ging
es mit dem Karren nach der Mail, in der Hoffnung, unter denen, die aus
der Messe kamen, doch einige Zuschauer zu finden. Während der guten
halben Stunde bis zum Essen ließ sich vielleicht noch eine Einnahme
machen. Nach der Vesper gedachte Thornpipe seine Schaustellung noch
einmal zu öffnen, er wollte aber erst am folgenden Tage weiter ziehen,
um andre Ortschaften mit seiner Puppensammlung zu beglücken.
Der Gedanke schien ja nicht so übel zu sein. Statt der Schillinge
würde er sich auch mit Coppers begnügen und seine beweglichen Puppen
arbeiteten dann wenigstens nicht ganz und gar für nichts und wieder
nichts.
Von neuem erschallte seine Stimme:
»Königspuppen!... Bewegliche Königspuppen!«
Binnen weniger Minuten hatten sich wohl an zwanzig Personen um Thornpipe
gesammelt. Die Elite der westportischen Bevölkerung war es freilich
nicht. Die Mehrzahl bestand aus Kindern, dazu kamen einige Frauen und
wenige Männer, die meist das Schuhwerk wieder in der Hand trugen, nicht
allein, um es zu schonen, sondern weil es ihnen auch bequemer war,
barfuß zu gehen.
Immerhin befanden sich auch gewisse Honoratioren des Städtchens unter
den Neugierigen, z. B. der Fleischer, der mit Frau und zwei Kindern
stehen geblieben war. Freilich datirte sein »Tweed« schon von mehreren
Jahren her, die bei dem regenreichen Klima doppelt oder gar dreifach
zählen; der würdige Meister konnte sich im Ganzen aber noch sehen
lassen. Das ist er schon seinem Laden schuldig, über dessen Thür in
leuchtender Schrift die Firma »Central-Schlächterei« prangte. Er hatte
sein Geschäft auch so in Schwung, daß es nirgends sonst in Westport
Fleischwaaren gab. Neben dem stattlichen Manne zeigte sich auch der
Droguist des Ortes, der gern den Titel »Pharmazeut« hörte, obwohl seiner
Officin selbst die einfachsten Droguen oft fehlten. Dennoch blendete
sein Schaufenster mit dem glänzenden Namen »=Medical Hall=«, so daß, wer
die Inschrift nur betrachtete, sich schon geheilt fühlen mußte.
Wir dürfen auch einen Geistlichen nicht vergessen, der vor dem Karren
Thornpipe's stehen geblieben war. Dieser Diener der Kirche trug ein
recht sauberes Gewand: einen Halskragen von Seide, eine lange Weste
mit so dicht wie an einer Soutane stehenden Knöpfen, und einen weiten
Ueberrock aus schwarzem Stoffe. Er bildet das Oberhaupt der Parochie, in
der ihm vielfache Functionen zufallen. So begnügt er sich nicht damit,
zu taufen, zu predigen, zu verehelichen und seine Getreuen beim
letzten Gange zu begleiten, er berathet sie auch in geschäftlichen
Angelegenheiten, behandelt die Kranken, und das alles in voller
Unabhängigkeit, denn er bezieht vom Staate gar keine Einkünfte. Die
Gaben von Naturerzeugnissen und die Gebühren für Amtshandlungen, die
sogenannten »Accidenzien« der geistlichen Stellen, sichern ihm ein
anständiges und bequemes Leben. Er ist der natürliche Verwalter der
Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten, was ihn aber nicht hindert, auch
bei sportlichen -- Ruder- oder Pferde- -- Wettkämpfen den Vorsitz zu
führen, wenn Regattas oder Steeple-chases in seinem Bezirke
abgehalten werden. Innig vertraut mit den Familienverhältnissen seiner
Beichtkinder, wird er nach Verdienst allgemein geachtet, selbst wenn er
es nicht unter seiner Würde hält, in einem Laden einen ihm angebotenen
Schoppen Bier anzunehmen. Die Reinheit seiner Sitten ist jedenfalls nie
angefochten worden. Ueber seinen allgewaltigen Einfluß braucht man sich
in jenen streng katholischen Gegenden auch gar nicht zu wundern, hier,
wo nach dem bekannten Reisewerke Anna von Bovet's, das unter dem Titel
»Drei Monate in Irland« erschienen ist, »schon die Bedrohung mit dem
Ausschluß vom Abendmahle den Bauer durch ein Nadelöhr jagt«.
Den Karren umgab jetzt also ein Publicum, ein etwas productiveres, wenn
man so sagen darf, als Thornpipe erhofft hatte. Wahrscheinlich winkte
seiner Ausstellung nun einiger Erfolg, denn Westport war noch niemals
mit einem Schauspiele dieser Art beehrt worden.
So ließ denn der fahrende Künstler noch einmal seinen Ausruf als »=great
attraction=« ertönen:
»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«
II.
Bewegliche Königspuppen.
Der Karren Thornpipe's ist in einfachster Weise eingerichtet:
eine Deichsel, an der der wilde zottige Köter angespannt ist; ein
viereckiger, auf nur zwei Rädern ruhender Kasten, der deshalb auf den
hügeligen Wegen der Grafschaft leichter fortzuziehen ist; zwei Griffe an
der Rückseite, um das Ganze, gleich den Wagen hausierender Händler, auch
schieben zu können; über dem Kasten ein leichtes Leinenzeltdach auf vier
Eisenstäben, das, wenn es auch nicht ganz gegen die hier kaum jemals
brennende Sonne, so doch gegen den endlosen Regen des höheren Irlands
schützt. Das Ganze ähnelt also den leichten Wägelchen, die die
Drehorgeln durch Stadt und Land tragen, jene Instrumente mit
kreischenden Pfeifentönen, denen sich noch eine Art Trompetengeschmetter
zugesellt. Eine Drehorgel ist es freilich nicht, womit Thornpipe von
Stadt zu Stadt zieht, oder in der complicierteren Maschinerie ist die
Orgel wenigstens zum einfachen Pfeifchen zusammengeschmolzen, wie sich
das sogleich zeigen wird.
Der Kasten ist nach unten nämlich durch einen bis zu einem
Viertel seiner Höhe aufragenden Deckel geschlossen. Wird dieser
zurückgeschlagen, so bietet sich den Zuschauern ein für diese meist
verblüffender Anblick.
Zur Vermeidung von Wiederholungen empfehlen wir, Thornpipe's gewohnte
Erläuterungen achtsam anzuhören. Jedenfalls hat sich der wandernde
Schausteller mit der unermüdlichen Beredsamkeit den berühmten Brioché,
den Schöpfer der Marionettentheater auf den Messen und Märkten
Frankreichs, zum Muster genommen.
»Ladies und Gentlemen....«, so beginnt er unabänderlich, um sich das
Wohlwollen der Zuschauer zu sichern, selbst wenn er das jämmerlichst
zerlumpte Dorfpublicum anredet.
»Ladies und Gentlemen! Hier erblicken Sie den großen Festsaal des
königlichen Schlosses zu Osborne auf der Insel Wight.«
Das Kasteninnere stellt in der That einen Salon im Kleinen vor; vier
Planken bilden seine Wände, worauf Thüren und drapierte Fenster gemalt
sind; da und dort stehen hochmoderne Möbel aus Pappe, die mit Stiften
auf einem farbigen Teppich festgehalten sind, Tische, Armstühle und
Sessel, so angeordnet, daß sie die Bewegungen der Personen, der Prinzen,
Prinzessinnen, Herzöge, Marquis, Grafen und Baronets nicht hindern
können, die mit ihren vornehmen Gemahlinnen inmitten dieser officiellen
Empfangscour einherstolzieren.
»Im Hintergrunde, so fährt Thornpipe fort, bemerken Sie den Thron der
Königin Victoria, überragt von dem carmoisinrothen Sammtbaldachin mit
goldenen Fransen und haargenau dem Throne nachgebildet, auf dem Ihre
graziöse Majestät bei den Hoffestlichkeiten Platz nimmt.«
Der betreffende Thron mißt hier acht bis zehn Centimeter in der Höhe,
und obgleich der Sammt nur durch wollebestäubtes Papier vertreten ist
und die Goldfransen aus einfacher gelber Schnur bestehen, so verschlägt
das nicht das mindeste bei den Wackeren, die noch niemals ein solches
ausgesprochen monarchisches Möbelstück zu Gesicht bekommen haben.
»Auf dem Throne, belehrt Thornpipe weiter, erblicken Sie die Königin --
die Aehnlichkeit derselben wird garantiert! -- in ihrer Galatracht; den
an den Schultern gehaltenen Königsmantel, die Krone auf dem Haupte und
das Scepter in der Hand.«
Wir, die wir niemals die Ehre genossen, die Beherrscherin
des Vereinigten Königreiches und Kaiserin von Indien in ihren
Staatsgemächern zu erblicken, können für die zweifellose Aehnlichkeit
der hohen Dame mit der sie darstellenden Puppe natürlich nicht gutsagen.
Doch zugegeben, daß sie sich bei großen Hoffestlichkeiten mit der Krone
schmückt, so wird sie in der Hand doch schwerlich ein Scepter führen,
das, wie sein Ersatzstück hier, mehr dem Dreizack Neptuns gleicht. Das
einfachste bleibt es freilich, Thornpipe aufs Wort zu glauben, und das
thaten kluger Weise auch die Zuschauer.
»Zur Rechten der Königin, erläutert Thornpipe ferner, mache ich das
geehrte Publicum aufmerksam auf Ihre königlichen Hoheiten den Prinzen
und die Prinzessin von Wales, wie Sie die Herrschaften gelegentlich
ihrer letzten Reise durch Irland gewiß selbst gesehen haben.«
Kein Zweifel, da steht der Prinz von Wales als britischer Feldmarschall,
und die Tochter des Königs von Dänemark, angethan mit kostbarem
Spitzenkleide, das hier freilich kunstvoll aus Silberpapier geschnitten
ist, wie solches zum Schmucke von Bonbonschachteln verwendet wird.
Auf der andern Seite stehen der Herzog von Edinburgh, der Herzog von
Connaught, der von Fife, der Prinz Battenberg mit den Prinzessinnen,
ihren erlauchten Gemahlinnen, kurz die ganze königliche Familie, so
angeordnet, daß sie vor dem Throne einen Halbkreis bilden. Unzweifelhaft
erwecken diese bezüglich ihrer Porträttreue immer »garantierten« Puppen
mit den gemalten Gesichtern und ihrer dem Leben abgelauschten Haltung
eine deutliche Vorstellung von dem Hofe Englands.
Dann folgen die Großofficiere der Krone, darunter der Großadmiral Sir
Georges Hamilton. Thornpipe befleißigt sich, mit dem Ende seines Stabes
alle der Bewunderung des Publikums zu empfehlen, unter der Hinzufügung,
daß jeder von ihnen seinem Range entsprechend den ihm nach der
Hofetiquette zukommenden Platz einnimmt.
Da hält sich vor dem Throne in ehrfurchtsvoller Unbeweglichkeit ein
hochgewachsener Mann von ausgesprochen angelsächsischem Typus, der nur
ein Minister der Königin sein kann.
Es ist auch einer, nämlich der Chef des Cabinets von St. James, den man
an dem unter der Last der Geschäfte etwas gekrümmten Rücken leicht genug
erkennt.
Thornpipe geht weiter in seinen Erklärungen.
»Und neben dem Premierminister, zur Rechten, der ehrwürdige Herr
Gladstone.«
Wahrlich, es wäre schwierig gewesen, den berühmten »Oldman« nicht zu
erkennen, den schönen Greis, der sich noch immer aufrecht hält,
der immer bereit ist, seine liberalen Anschauungen gegen die der
conservativen Regierung zu vertheidigen. Vielleicht könnte es auffallen,
daß er den Premierminister mit freundlichem Blicke betrachtet; doch was
bei Wesen aus Fleisch und Bein unmöglich wäre, das hat bei Puppen aus
Pappe und Holz ja nicht viel auf sich.
Ein außergewöhnlicher Anachronismus verschuldet auch noch eine
andre Nebeneinanderstellung, denn Thornpipe bläst die Backen auf und
verkündet:
»Hier, Ladies und Gentlemen, stelle ich Ihnen Ihren berühmten Landsmann
O'Connell vor, dessen Name in jedem irländischen Herzen allezeit ein
Echo finden wird.«
Ja, da befand sich O'Connell am Hofe Englands und im Jahre 1875, obwohl
er schon seit einem Vierteljahrhundert todt war. Auf einen dagegen
erhobenen Einwand hätte Thornpipe jedenfalls geantwortet, daß der große
Agitator für einen Sohn Irlands immer fortlebt. Mit ähnlicher Begründung
hätte er da auch Parnell aufstellen können, obwohl dieser Politiker
jener Zeit kaum bekannt war.
Da und dort stehen noch andre Höflinge verstreut, deren Namen uns
entgehen, alle mit Ordenssternen und Bändern übersäet, politische und
kriegerische Berühmtheiten, darunter Se. Gnaden der Herzog von Cambridge
neben dem seligen Lord Wellington, der verstorbene Lord Palmerston
neben dem verstorbenen Pitt; endlich Mitglieder der Pairskammer in
vertraulichem Gespräche mit solchen aus dem Hause der Gemeinen; hinter
diesen eine Reihe =Horse-guards= in Parade, im Salon zwar, aber doch
zu Pferde, eine Andeutung, daß es sich hier um ein Fest handelt, wie es
selbst im Schlosse zu Osborne selten vorkommt.
Das Ganze umfaßt etwa fünfzig kleine Männchen, die alle schreiend bemalt
sind und mit steifer Würde alles darstellen, was an Hocharistokratie, an
Auszeichnung und Rangstellung in der militärischen und politischen Welt
des Vereinigten Königreiches vorhanden ist.
Man bemerkt sogar, daß die britische Flotte nicht vergessen wurde, und
wenn die königliche Yacht »Victoria and Albert« hier nicht unter Dampf
ist, so sieht man wenigstens Schiffe an die Fensterscheiben gemalt,
durch die man die Rhede von Spithead zu erkennen glaubt. Mit guten Augen
würde man gewiß die Yacht »Enchantereß« unterscheiden können, mit Ihren
Ehren den Lords der Admiralität an Bord, die in einer Hand ein Fernrohr,
in der andern ein Sprachrohr halten.
Mit der Behauptung, daß seine Schaustellung einzig in ihrer Art sei,
hat Thornpipe das Publicum nicht betrogen. Auf jeden Fall macht sie eine
Reise nach der Insel Wight unnöthig. Außerdem bereitet sie nicht nur
den Gassenbuben, die sie mit Bewunderung betrachten, sondern auch den
Erwachsenen, die niemals über die Grenzen Connaugths hinauskommen, ein
wirkliches Vergnügen. Der Parochialgeistliche lächelt vielleicht im
Stillen darüber; der Droguist kann sich nicht enthalten zu bestätigen,
daß die Aehnlichkeit der dargestellten Personen überraschend sei, obwohl
er diese in seinem Leben nicht gesehen hat. Der Fleischer gestand ein,
was er hier sehe, übertreffe seine Vorstellungen davon, denn er könne
nicht glauben, daß bei einem Empfange am Hofe so viel Luxus und Glanz
entfaltet werde.
»Nun, Ladies und Gentlemen, nimmt Thornpipe wieder das Wort, das ist bis
jetzt noch gar nichts. Sie glauben jedenfalls, daß diese königlichen und
die andern Personen sich gar nicht bewegen könnten. Fehlgeschossen! Sie
leben wirklich, ich versichere es, leben, wie Sie und ich selbst,
was Sie sofort sehen sollen. Vorerst bin ich so frei, eine kleine
Einsammlung zu veranstalten, wozu ich mich Ihrem geneigten Wohlwollen
empfehle.«
Das ist der kritische Augenblick für solche Schausteller, wenn die
Sammelbüchse unter den Zuschauern zu kreisen beginnt. Ganz gewöhnlich
zerfallen letztere in zwei Classen: in die, die sich aus dem Staube
machen, um nicht in die Tasche greifen zu müssen, und in die, welche
dableiben mit der Absicht, sich umsonst zu amüsieren -- die zweite
Classe bildet übrigens die Mehrzahl. Wohl giebt es noch eine dritte
Classe, die der Zahlenden, deren sind aber so wenige, daß es sich gar
nicht verlohnt, von ihnen zu sprechen. Das zeigte sich deutlich genug,
als Thornpipe seinen kleinen Umgang antrat und dazu ein liebenswürdiges
Lächeln heuchelte.
Sicherlich hätte man bei der ganzen Lumpengesellschaft, die nicht von
der Stelle wich, keine zwei Coppers finden können, und alle, die das
weitere Schauspiel unentgeltlich genießen wollten, wendeten beim
Nahen der Sammelbüchse einfach den Kopf ab, so daß nur fünf bis sechs
Zuschauer in die Tasche griffen, was den Ertrag von einem Schilling drei
Pence ergab, den Thornpipe mit süßsaurer Miene einsteckte. Was
half's? Er mußte sich, in Erwartung einer reicheren Ernte bei der
Nachmittagsvorstellung, schon begnügen und lieber das angekündigte
Programm durchführen, als etwa das Geld zurückzugeben.
Jetzt verwandelte sich aber die bisher stumme Bewunderung in eine laute
lärmende Kundgebung des Beifalls. Es begann ein Händeklatschen, ein
Trampeln mit den Füßen und ein »Aoh«rufen, daß man's wohl bis zum Hafen
hinunter hätte hören können.
Thornpipe hatte mit seinem Stabe an den Kasten geschlagen, worauf ein
von niemand beachtetes leises Seufzen Antwort gab. Plötzlich erschien
die ganze Scene wie durch ein Wunder in naturgetreuer Bewegung.
Die durch einen inneren Mechanismus bewegten Puppen schienen wirklich
Leben bekommen zu haben. Ihre Majestät die Königin Victoria hatte zwar
den Thron nicht verlassen, was ein Verstoß gegen die Etiquette gewesen
wäre, sie hatte sich nicht einmal erhoben, sie bewegte aber das
gekrönte Haupt und hob und senkte das Scepter, wie die Kapellmeister
den Tactierstock beim Dirigieren. Die Mitglieder der königlichen Familie
drehen und wenden sich, grüßend und Grüße erwidernd, hier- und
dorthin, während die Herzöge, Marquis und Baronets in größter Ehrfurcht
vorüberdefilieren. Der Premierminister verneigt sich vor Herrn
Gladstone, der es ihm gleichthut. Nach ihnen schreitet O'Connell auf
unsichtbarer Fuge mit Ernst und Würde vor, und ihm folgt der Herzog
von Cambridge, der einen Charaktertanz aufzuführen scheint. Die
andern Persönlichkeiten schließen sich dem Zuge an, und die Pferde der
Horse-guards bäumen sich schweifwedelnd, als wären sie nicht in einem
Saale inmitten des Schlosses von Osborne, sondern auf dessen geräumigem
Hofe aufgestellt.
Das Ganze vollzieht sich unter einer leisen, aber scharfen
Musikbegleitung, bei der allerdings manche Töne nicht zum Ausdruck
kommen. Doch wie hätte Paddy -- der für Musik so empfänglich ist,
daß Heinrich VIII. das Wappen des Grünen Erin noch mit einer Harfe
bereicherte -- davon nicht entzückt sein sollen, obgleich er statt
=God save the Queen= oder =Rule Britannia=, den melancholischen
Nationalgesängen des traurigen Vereinigten Königreiches, lieber eine
irische Weise gehört hätte.
Für Jeden, der die Maschinerie eines größeren Theaters noch nicht
kannte, mußte der Vorgang hier entschieden etwas Wunderbares an sich
haben; so entfesselte denn auch der Anblick dieser sich bewegenden
Puppen bei den Zuschauern einen Enthusiasmus ohne Gleichen.
Da, wie durch einen Ruck im Mechanismus, senkt die Königin ihr Scepter
so tief, daß sie damit den runden Rücken des Premierministers berührt.
Ein doppeltes Hurrah der Zuschauer braust durch die Lüfte.
»Sie leben wahrhaftig! ruft einer der Umstehenden.
-- Es fehlt ihnen nur die Sprache! bemerkte ein andrer.
-- Das laßt Euch nicht leid thun!« setzt der Pharmazeut hinzu, der in
unbewachten Augenblicken den Demokraten heraussteckt.
Er hatte auch Recht. Man denke sich nur Puppen, die höfische Redensarten
drechseln.
»Ich möchte wohl wissen, was sie in Bewegung setzt, läßt sich der
Schlächter vernehmen.
-- Das ist der reine Gottseibeiuns, äußert ein Matrose.
-- Ja, der Teufel, rufen einige schon halb überzeugte Matronen, die
sich dem Geistlichen zugewendet bekreuzen, während der fromme Herr eine
nachdenkliche Miene macht.
-- Wie könnt Ihr annehmen, daß der Teufel in diesem Kasten steckt,
erwidert ein wegen seiner Naivetät bekannter Ladenjüngling, der Teufel
ist dazu viel zu groß...
-- Na, wenn er nicht drin steckt, so steht er draußen! schwatzt eine
alte Stadtklatsche. Der da, der dieses Schauspiel vorführt...
-- Ach nein, unterbricht sie der Droguist, Ihr wißt doch, daß der Teufel
nicht irländisch spricht!«
Das ist die Wahrheit, die Paddy ohne Widerspruch zugiebt, und man
einigte sich also darüber, daß Thornpipe wegen seines rein irischen
Dialects der Teufel nicht sein könne.
Wenn die Sache also nicht mit Hexerei zuging, mußte nothwendiger
Weise ein innerer Mechanismus vorhanden sein, der diese kleine Welt
in Bewegung setzte. Niemand hatte Thornpipe jedoch etwa eine Feder
aufziehen sehen. Ja, als die Bewegungen sich zu verlangsamen begannen,
da hatte -- eine Besonderheit, die dem Pfarrer nicht entging -- ein
Peitschenhieb Thornpipe's unter den von der Decke verhüllten Kasten
genügt, die Puppengesellschaft aufs neue zu beleben.
Den Pfarrer drängte es, zu erfahren, wem diese fühlbare Aufmunterung
wohl gegolten haben möge, deshalb fragte er Thornpipe:
»Sie haben wohl einen Hund dort in Ihrem Kasten?«
Der Mann sah ihn, die Stirn runzelnd, an, als finde er diese Frage etwas
indiscret.
»Da drin ist, was eben drin ist! antwortete er. Das bleibt mein
Geheimniß. Ich fühle mich nicht verpflichtet, es zu verrathen...
-- Dazu sind Sie nicht verpflichtet, meinte der Geistliche, wir aber
haben doch das Recht, zu vermuthen, daß es ein Hund ist, der Ihren
Mechanismus treibt...
-- Nun ja... ein Hund! gab Thornpipe ärgerlich zu, ein Hund in einem
Trommelkäfig. Es hat mir Zeit genug gekostet, ihn so weit zu dressieren.
Und welchen Lohn hab' ich nun für meine Mühen erhalten? Nicht die Hälfte
von dem, was man jedem Geistlichen für das Lesen einer einzigen Messe
bezahlt!«
Eben als Thornpipe seinen Satz beendete, stand der Mechanismus still,
zum großen Mißvergnügen der Zuschauer, deren Interesse noch lange nicht
befriedigt war. Der Puppenvorzeiger ging daran, den Karrendeckel zu
schließen und erklärte, daß die Vorstellung zu Ende sei.
»Würden Sie bereit sein, noch eine zweite zu geben? fragte da der
Pharmazeut.
-- Nein! erklärte Thornpipe, der viele verdächtige Blicke auf sich
gerichtet sah, mit barscher Entschiedenheit.
-- Auch nicht, wenn wir Ihnen für eine Einnahme von zwei Schillingen
einständen?
-- Weder für zwei noch für drei Schillinge!« rief Thornpipe.
Er dachte nur, sich aus dem Staube zu machen, das Publicum schien aber
nicht in der Laune, ihn so schnell fortzulassen. Auf einen Wink seines
Herrn zog der Köter in der Gabeldeichsel schon an, als sich ein langer,
mit Schluchzen untermischter Klagelaut aus dem Kasten hören ließ.
Wüthend rief Thornpipe, wie schon früher einmal:
»Wirst Du schweigen, Hundejunge!
-- Das ist kein Hund, der da drin steckt, sagte der Geistliche, den
Karren zurückhaltend.
-- Und doch! versetzte Thornpipe.
-- Nein... das ist ein Kind!...
-- Ein Kind!... Ein Kind!« wiederholten die Zuschauer.
Jetzt ging in der Empfindung der Leute eine mächtige Veränderung vor
sich.
Nicht Neugier, sondern Theilnahme war es, die sich in ihrer drohenden
Haltung kundgab. Ein Kind war in diesem an der Seite offenen Kasten
verborgen, und wurde mit der Peitsche angetrieben, wenn es anhielt, weil
ihm die Kräfte erlahmten, sich in seinem Käfig zu bewegen.
»Das Kind!... Das Kind heraus!« klang es von allen Seiten.
Thornpipe sah sich einer Uebermacht gegenüber. Er wollte jedoch
Widerstand leisten und seinen Karren vorwärts schieben.... Vergeblich.
Der Schlächter packte ihn an der einen, der Droguist an der andern Seite
und so wurde das Gefährt tüchtig geschüttelt. Der königliche Hof dürfte
wohl niemals einen solchen Verlauf seiner Feierlichkeiten erlebt haben,
bei dem die Prinzen die Prinzessinnen stießen, die Herzöge die Marquis
umrannten, der Premierminister hinfiel und einen Sturz des ganzen
Cabinets damit herbeiführte... kurz, ein Durcheinander, wie es im
Schlosse Osborne gewiß nur vorkäme, wenn ein Erdbeben die ganze Insel
Wight erschütterte.
Thornpipe wurde bald überwältigt, wenn er sich auch wie ein Rasender
wehrte. Alle betheiligten sich dabei. Der Karren wurde untersucht,
der Droguist kroch zwischen die Räder und zog aus dem Kasten ein Kind
hervor....
Ja, ein Jüngelchen von etwa drei Jahren mit bleichem, leidendem Gesicht,
mühsamem Athem und mit Beinchen, die mit Striemen überdeckt waren.
Kein Mensch in Westport kannte den Kleinen.
So gestaltete sich das erste Erscheinen des »Findlings«, des Helden
dieser Erzählung. Wie er diesem Wütherich in die Hände gefallen und
wer sein Vater wäre, das war schwerlich zu ergründen. In Wahrheit
hatte Thornpipe das Kind vor neun Monaten in der Dorfstraße von Donegal
aufgelesen und zu dem nun erkannten Dienste verwendet.
Eine wackre Frau nahm das Bürschchen in die Arme und suchte es
aufzumuntern. Alle drängten sich um den Kleinen. Das arme Eichkätzchen,
das verurtheilt gewesen war, seinen Käfig unter dem Karrenkasten in
Drehung zu versetzen, hatte ein interessantes, ja intelligentes Gesicht;
aber auf diese Weise sich den Unterhalt verdienen zu müssen -- und in so
zartem Alter!
Endlich öffnete der kleine Knabe die Augen und warf sich rückwärts, als
er Thornpipe gewahrte, der herantrat und mit der Aufforderung: »Gebt mir
den Jungen zurück!« ihn wiederzuerlangen suchte.
»Seid Ihr sein Vater? fragte der Geistliche.
-- Ja..., antwortete Thornpipe hastig.
-- Nein... das ist mein Papa nicht! rief weinend das Kind, das sich der
Frau anschmiegte.
-- Er gehört Euch gar nicht an! wetterte der Droguist.
-- Ein gestohlener Bursche ist's! setzte der Schlächter hinzu.
-- Und wir geben ihn nicht zurück!« erklärte der Pfarrer.
Thornpipe wollte sich nicht ergeben. Mit geröthetem Gesicht und
zornsprühenden Augen verlor er ganz die Fassung und war schon daran,
»auf irländisch zu spaßen«, d. h. ein Messer zu ziehen, als sich zwei
kräftige Männer auf ihn stürzten und ihn entwaffneten.
»Jagt ihn davon!... Jagt ihn fort! heulten die Frauen.
-- Mach' Dich auf den Weg, Spitzbube! sagte der Droguist.
-- Und laßt Euch in der Grafschaft nicht wieder erblicken!« schloß der
Geistliche mit einer drohenden Bewegung.
Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche an und der Karren rollte die
Hauptstraße von Westport wieder hinauf.
»Der Schurke! -- so machte sich der Pharmazeut noch Luft -- ich gebe ihm
keine drei Monate, bis er das Menuet von Kilmainham getanzt hat!«
Dieses Menuet tanzen, bedeutet nach landläufiger Sprechweise, seine
letzte Gigue vor einem Galgen abtanzen.
Der Pfarrer fragte das Kind nach seinem Namen.
-- »Findling« heiß' ich,« lautete die sichere Antwort.
Und in der That: es hatte keinen andern Namen.
III.
=Ragged-School= (die Lumpenschule).
»Nummer 13, was hat der?...
-- Das Fieber.
-- Und Nummer 9?...
-- Den Keuchhusten.
-- Nummer 17?...
-- Auch den Keuchhusten.
-- Und Nummer 23?...
-- Ich glaube, der wird den Scharlach bekommen.«
Alle diese Antworten schrieb O'Bodkins in ein musterhaft geführtes
Register auf die offenen Conten der erwähnten Nummern ein. Hier war
je eine Columne für den Namen der Krankheit, für die Stunde des
Arztbesuches, für die verordneten Arzneien und für die Art der
Verabreichung derselben angelegt, wenn die Erkrankten ins Hospital
übergeführt waren. Da standen die Namen in gothischer Schrift, die
Nummern in arabischen Ziffern, die Medicamente in Rundschrift und die
Vorschriften in englischem Ductus -- alles eingefaßt mit zierlichen
Klammern in blauer Tinte und an gewissen Stellen schwarz doppelt
unterstrichen, ein Muster von Kalligraphie und Uebersichtlichkeit.
»Einige von diesen Kindern sind ernstlich erkrankt, bemerkte noch
der Arzt. Achten Sie darauf, daß sie sich bei der Ueberführung nicht
erkälten.
-- Gewiß, ich werde schon dafür Sorge tragen, antwortete O'Bodkins
gleichgiltig. Sind sie nicht mehr hier, so bin ich ihrer ledig. Wenn
dann nur meine Buchführung in Ordnung ist....
-- Na, und wenn sie ihrer Krankheit erliegen, unterbrach ihn der Doctor,
schon nach Hut und Stock fassend, ist der Verlust, mein' ich, auch nicht
so arg....
-- Gewiß nicht, stimmte O'Bodkins zu. Ich schreibe sie dann in die
Rubrik der Verstorbenen ein und ihr Conto wird abgeschlossen. Ist das
aber geschehen, so hat niemand mehr Ursache sich zu beklagen.«
Mit einem Händedrucke verabschiedete sich der Arzt des Hauses.
O'Bodkins war der Director der »=Ragged-School=« von Galway, einer
Kleinstadt an der Bai und in der Grafschaft gleichen Namens, im
Südwesten der Provinz Connaught. Nur hier dürfen die Katholiken
Grundeigenthum besitzen und hierher (und nach Munster) befleißigt sich
England, das nicht protestantische Irland zurückzudrängen.
Man kennt die Art Leute wie O'Bodkins ja zur Genüge; auch er verdient
kaum unter die liebevollen Vertreter der Menschheit gerechnet zu werden.
Er ist ein untersetzter Mann, einer jener Cölibatäre, die weder eine
Jugend gehabt haben, noch ein Alter haben werden, die sich immer gleich
bleiben und Haare haben, die weder ausfallen noch ergrauen, die mit
goldener Brille, welche man ihnen im Grabe am Besten läßt, schon auf die
Welt gekommen sind, die keine Nahrungs-, keine Familiensorgen kennen,
ausreichend haben, was sie bedürfen, und deren Herz von zarteren
Empfindungen niemals bewegt worden ist. Er gehört zu den, weder guten
noch schlechten Geschöpfen, die ihre irdische Laufbahn vollenden, ohne
je etwas Gutes oder Böses gethan zu haben, und die niemals unglücklich
sind... nicht einmal über das Unglück andrer.
O'Bodkins war also wie von Natur zum Director einer Lumpenschule
geschaffen.
Wir haben bereits gesehen, mit welch' erstaunlicher Sorgfalt, welch'
peinlicher Abwägung des Soll und Haben die Bücher des Mannes geführt
waren. Im Hause standen ihm übrigens die bejahrte Mutter Kriß, an deren
Munde stets die Tabakspfeife hing, und ein älterer Pensionär, namens
Grip, helfend zur Seite. Letzterer, ein armer Teufel mit gutmüthigen
Augen, einem gewissen Ausdruck von Fröhlichkeit in den Zügen und einer
für den Irländer charakteristischen, etwas aufgebogenen Nase, war
unendlich mehr werth als Dreiviertel der elenden Kreaturen, die in
dieser Art Schulhospiz Aufnahme gefunden hatten.
Diese Bewohner des Hauses waren Waisen oder verlassene Kinder, die ihre
Eltern meist gar nicht gekannt hatten. Am Bachesrand oder am Feldrain
geboren, auf Straßen oder Landwegen aufgelesen, kehrten sie nach
Erreichung des arbeitsfähigen Alters auch dahin zurück... ein
Ausschuß der menschlichen Gesellschaft. Doch was konnte aus zwischen
Pflastersteinen verstreutem Samenkorn für andre Frucht wohl erwachsen?
In der Schule von Galway befanden sich deren etwa dreißig im Alter von
drei bis zu zwölf Jahren, alle in Lumpen gehüllt und immer hungrig,
da sie sich nur von der öffentlichen Mildthätigkeit ernährten. Mehrere
davon waren immer krank, und diese Kinder schnellten die Sterblichkeit
des Ortes nicht unwesentlich in die Höhe -- freilich »kein arger
Verlust«, nach Aussage des Arztes.
Er hat ja damit nicht ganz Unrecht, wenn keine Erziehung im Stande ist,
jene zu verhindern, einst Uebelthäter zu werden. Und doch wohnt eine
Seele auch unter diesen zerfetzten Hüllen, und bei besserer Methode
gelänge es vielleicht, so manchen zum Guten zu lenken. Jedenfalls wäre
zur Erziehung und Heranbildung solcher Unglücklichen ein andrer Lehrer
nöthig, als jener Hampelmann O'Bodkins, ein Lehrer, wie man solche
selbst in den dürftigsten Gemeinden Irlands nicht gar so selten
antrifft.
Der »Findling« war einer der jüngsten in dieser =Ragged-School=. Er
zählte jetzt kaum vierundeinhalb Jahre. Armes Kind! Es hätte an seiner
Stirn die trostlose Aufschrift »Keine Hoffnung! Keine Aussichten!«
tragen sollen. Von Thornpipe zur lebendigen Kurbel erniedrigt, dann
durch das Mitleid einiger guten Seelen in Westport seinem Peiniger
entrissen und nun Zögling der Lumpenschule in Galway! Und wenn er diese
einst verließ, drohte es ihm dann nicht noch schlechter zu ergehen?
Gewiß war es lobenswerth von dem Pfarrer des Kirchspiels gewesen,
dieses unglückliche Wesen aus den Händen des Marionettenschaustellers
zu befreien. Nach vielen vergeblichen Mühen mußte man damals endlich
verzichten, seine Herkunft nachzuweisen. Der »Findling« entsann sich nur
darauf, bei einer garstigen Frau gelebt zu haben, gleichzeitig mit einem
kleinen Mädchen, das ihm recht zugethan, und noch einer andern, die
aber gestorben war. Einen Ort wußte er freilich nicht anzugeben. Ebenso
konnte niemand sagen, ob er ein nur verlassnes oder ein gestohlnes Kind
war.
Seit seiner Befreiung in Westport hatte bald dieses bald jenes Haus für
ihn nach Kräften gesorgt. Die Frauen beklagten sein Schicksal. Der
Name »Findling« war ihm geblieben. Einzelne Familien pflegten ihn acht,
andere vierzehn Tage lang. So vergingen drei Monate. Das Kirchspiel war
aber selbst recht arm und schon lebten viele Bedürftige auf öffentliche
Kosten. Wäre ein Waisenhaus vorhanden gewesen, so würde der Knabe darin
einen Platz bekommen haben. Ein solches gab es aber nicht, und so hatte
man ihn nach der Lumpenschule in Galway bringen müssen, und hier befand
er sich nun seit neun Monaten, mitten unter einer Rotte verwahrloster
Rangen. Was sollte aus ihm werden, wenn er diese Anstalt einmal verließ?
Er gehörte zu jenen Enterbten, für die von frühester Jugend an die
Beschaffung der täglichen Bedürfnisse eine Lebensfrage bildet, eine
Frage, die gar zu oft ohne Antwort bleibt.
Seit neun Monaten also befand sich der kleine Junge unter der Pflege und
Zucht der halb verwilderten alten Kriß, des in sein Schicksal ergebenen
Grip und des Directors O'Bodkins, dieser Maschine zur Ausgleichung von
Einnahmen und Ausgaben. Seine gute Constitution half ihm aber, viele
hier unvermeidliche Schädigungen zu überwinden. Er stand nicht mit in
des Directors großem Buche in der Rubrik der Masern, des Scharlachs und
andrer Kinderkrankheiten, sonst wäre sein Conto wohl schon beglichen
gewesen... in dem gemeinsamen Grabe, das Galway seinen öffentlichen
Armen gewährte.
Neben der körperlichen Gesundheit war in der Lumpenschule aber auch die
geistige und moralische Entwicklung arg gefährdet, und es gehörte eine
vortreffliche sittliche Veranlagung dazu, der Ansteckung durch tägliches
böses Beispiel nicht zu erliegen. Hier befand sich sogar ein Knabe,
dessen »Mutter ihre Zeit in Norfolk absaß«, auf ferner Insel inmitten
des australischen Meeres, und dessen wegen Raubmords verurteilter
Vater hinter den Mauern von Newgate unter den Händen des berühmten
(Scharfrichters) Berry geendet hatte.
Dieser Knabe hieß Carker. Schon in seinem zwölften Jahre schien er in
den verbrecherischen Spuren der Eltern weiter zu wandeln. Daß dieser
inmitten des verwahrlosen Gesindels der Lumpenschule eine gewisse Rolle
spielte, ist ja nicht zu verwundern. Er, ein Verdorbener, der andre
verdarb, genoß eines besondern Ansehens, er hatte seine Schmeichler und
Helfershelfer, war der geborne Anführer der Schlimmsten und bereits zu
jedem schlechten Streiche bereit, eine Vorübung zu den Verbrechen, die
er nach seinem Austritt aus der Schule gewiß beging.
Der »Findling« freilich empfand nur heftigen Widerwillen gegen Carker,
wenn er ihn -- den Sohn des Gehenkten! -- zuweilen auch mit großen Augen
voller Erstaunen betrachtete.
Im allgemeinen gleichen diese Armenschulen kaum den modernen
Unterrichtsanstalten, für die der Cubikmeter Luft nach hygienischen
Grundsätzen berechnet und der Raumbedarf nach der Kopfzahl bemessen ist.
Zum Lager gab es Stroh, da ist das Bett bald gemacht und bedarf kaum des
Aufschüttelns. Von einem Speisesaale war keine Rede, und der erschien
auch überflüssig, wo man nur Brodrinden nebst einigen Kartoffeln, und
auch das oft nur in unzureichender Menge, zu kauen hatte. Die Last
des Unterrichtens der Lumpenschüler lag auf den Schultern des Herrn
O'Bodkins. Er sollte ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen lehren, doch
ohne Gewähr des Gelingens, und wenn die Kinder zwei bis drei Jahre unter
seiner Zuchtruthe gestanden hatten, gab es unter ihnen kaum ein Dutzend,
die einen Maueranschlag zu entziffern vermocht hätten. Obgleich einer
der Jüngsten unterschied sich der kleine Junge jedoch sehr von seinen
Kameraden durch einen regen Lerntrieb, der ihm so manche Spöttelei
einbrachte. Es ist doch tief bedauerlich und social unverantwortlich,
wenn ein Menschenkind, das nach geistiger Ausbildung trachtet, diese
entbehren muß. Niemand vermag ja den zukünftigen Verlust durch die
Brachlegung eines jungen Gehirns abzuschätzen, das die Natur vielleicht
mit den besten -- jetzt nicht aufgehenden -- Keimen ausgestattet hatte.
Wenn die Zöglinge nun hier kaum mit dem Kopfe arbeiteten, lag das
nicht etwa daran, daß sie mit Handarbeit überbürdet gewesen wären. Die
tägliche Beschäftigung der Kinder bestand vielmehr nur darin, daß sie
etwas Brennmaterial für den Winter aufsammelten, sich bei mitleidigen
Seelen abgelegte Kleidungsstücke erbettelten und den Unrath von Pferden
und andern Thieren zusammenscharrten, um diesen an die Landleute für
wenige Coppers zu verkaufen -- eine Einnahmequelle, für die O'Bodkins
eine besondre Rechnung führte -- endlich durchwühlten sie, womöglich
vor den Hunden oder im Nothfalle nach Verjagung der Vierfüßler, die
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