mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der
Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es
dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als Spione
abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also
dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den
früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten
Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst
so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.
Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der
Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden
strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon
von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen.
Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal
binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen
geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem „Krut“
genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch
geweicht die gewöhnlich „Kumiß“ genannte Speise der Kirghisen darstellt.
Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.
Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit
Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden
Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern
gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,
deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger
jenen sogar ein Grab verweigerten.
Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry
Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste
bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie früher keinen
harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so
widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten
sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen,
welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.
Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan,
befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor
er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam
indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,
von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August
wirklich ein.
An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und
knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam
über der Straße von Kolyvan dahin.
Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das
Lager der Tartaren.
Zweites Capitel.
Alcide Jolivet’s Haltung.
Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zuführte. Diese
Reiter und Fußsoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche
sich der Stadt Omsk bemächtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande
gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzählt, der
Gouverneur zurückgezogen hatte, so entschloß er sich, weiter zu ziehen, um
die Operationen, welche im östlichen Sibirien geplant waren, nicht
aufzuhalten. So ließ er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurück.
Dann sammelte er seine Horden, verstärkte sich unterwegs durch die Sieger
von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar’s her.
Die Truppen Iwan Ogareff’s hielten vor den Außenposten des Lagers. Sie
erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Führer ging
offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu
dringen und in kürzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre
Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukünftigen
Operationen bestimmt schien.
Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport
russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in
Feindeshand gefallen waren. Diese Unglücklichen wurden gar nicht erst in
die Umzäunung geführt, welche ohnedies schon zu klein für alle die
erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,
ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch
Feofar-Khan bevor? Würde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie
vielleicht eine blutige Execution, das gewöhnliche Verfahren der
Tartarenhäuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniß des launischen
Emirs.
Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen
großen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche
gewöhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.
Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und
ließ wenig zu plündern hinter sich zurück. Schon hieraus ergab sich die
Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um für die
Expeditions-Colonnen den nöthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze
Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwüstet
und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich ließen die Tartaren eine
Wüste, welche die Russen gewiß nur mit größter Schwierigkeit zu
durchziehen im Stande sein konnten.
Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,
befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet
hatte. Sangarre zählte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der böse
Geist Iwan Ogareff’s, verließ ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben
sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Rußland selbst, im Gouvernement
von Nishny-Nowgorod, ihre Pläne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural
hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals
Ichim so schnell als möglich zu erreichen, während Sangarre und ihre
Gesellschaft durch den Süden der Provinz auf Omsk zu zogen.
Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.
Durch ihre Tsiganen drang sie überall ein, hörte und beobachtete Alles.
Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf
dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem
Dienst geöffnet. Uebrigens gewährte er für diese Spionendienste, deren
Vortheil ihm genügend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.
Als Sangarre früher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt
gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergaß sie,
was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als
Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verräthers beschritt, erkannte er
recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen
konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, – Sangarre führte
ihn aus; ein wahrhaft außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger
entwickelt als selbst das Gefühl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast
gedrängt, sich dem Verräther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit
den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloß. Geschmeichelt
durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr
Vagabundenleben den Empörern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien
führte. Mit der natürlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde
Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine
Wilde, würdig die Hütte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu
theilen.
Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder
anschloß, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,
welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengeführt hatte, war ihr bekannt.
Die Befürchtungen Iwan Ogareff’s wegen des Durchzugs eines Couriers des
Czaaren wußte und theilte sie. Für die gefangene Marfa Strogoff wäre sie
die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu
peinigen, um ihr ihr Geheimniß zu entreißen. Noch war aber die Stunde
nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen
wollte. Sangarre mußte warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den
Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren
geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag
und Nacht bewachte, um das Wort „Sohn“ einmal ihren Lippen entschlüpfen zu
hören, während Marfa Strogoff’s außerordentliche Kaltblütigkeit vorläufig
noch alle diese Bemühungen vereitelte.
Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der
Oberbefehlshaber der Artillerie und der Großstallmeister des Emirs,
begleitet von einer glänzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff’s vor
das Feldlager hinaus begeben.
Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die höchsten Ehrenbezeigungen
und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan’s zu folgen.
Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kühl die
Höflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen
Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, – fast
erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, – noch
russische Uniform.
Gerade als er die Zügel seines Rosses faßte, um in den Kreis des Lagers zu
reiten, drängte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, näherte sich
ihm und blieb unbeweglich stehen.
„Nichts? fragte Iwan Ogareff.
-- Nichts.
-- Sei geduldig.
-- Nähert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen
wirst?
-- Sie kommt, Sangarre.
-- Wann wird das Weib sprechen sollen?
-- Sobald wir in Tomsk sind.
-- Und dahin kommen wir ...?
-- Binnen drei Tagen.“
Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre’s großen, schwarzen Augen, dann
zog sie sich still und geschmeidig zurück.
Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem
Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fürsten.
Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem
bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze
Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner
Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln
Steinen glitzernden Degengehänge, mit dem krummen, einem Yatagan ähnlichen
Säbel, dessen Scheide mit prächtigen Gemmen eingelegt war, den
schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mütze, an der eine
Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das
fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,
eines unumschränkten Herrschers, der über Leib und Blut seiner Unterthanen
ganz nach Gutdünken verfügt, dessen persönliche Macht ohne Grenzen ist,
und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschließlich
den Namen „Emir“ beilegte.
Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Großwürdenträger auf ihren
goldbetreßten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem
reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fußboden der weiche
Sammet eines bukharischen Teppichs verhüllte.
Der Emir näherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuß; ein Zeichen,
dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuß erhob den
Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig
über den Khodja.
Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.
„Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du
wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hören.
-- Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so höre, was ich zu sagen habe.“
Iwan Ogareff sprach tartarisch und drückte sich mit dem emphatischen
Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.
„Takhsir, die Zeit ist unnützen Worten nicht hold! Du weißt, was ich an
der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch
sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter können ihre Pferde in dem
nun tartarisch gewordenen Strome tränken. Die Kirghisenhorden erheben sich
auf den Ruf Feofar-Khan’s, und Dein ist die Hauptstraße Sibiriens vom
Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersäulen ebenso wohl
nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem
Westen, wo sie sich niederlegt.
-- Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne daß ein Zug
des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.
-- Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach
Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen
von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.
-- Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?
-- So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der
tartarischen Herrschaft unterwerfen.
-- Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit
diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Rußland bezeichnete.
-- Von ihnen hast Du nichts zu fürchten, weder nach Sonnenaufgang, noch
nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte
zu plötzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu
leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hände gefallen sein. Die
Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es überall
geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verächtlichen Heerhaufen des
Occidentes streiten werden.
-- Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit für die Sache der Tartaren
ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.
-- Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der
Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der östlichen Steppen sollen die Rosse
der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die
Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geißel zu gewinnen,
welche den Besitz eines großen Landes aufwiegt. Jetzt muß, da es der Czaar
nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Großfürst, sein Bruder, in
Deine Hände fallen.“
Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hörte man ihn so
reden, so hätte man ihn wohl für einen Abkommen jenes grausamen Stephan
Razine halten können, der das südliche Rußland im 18. Jahrhundert
verwüstete. Sich des Großfürsten zu bemächtigen, ihn ohne Mitleid in
Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er
unablässig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf übrigens gleichzeitig das
ganze östliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.
„Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.
-- Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?
-- Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden.“
Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui
zurück, um die Befehle des Emirs auszuführen.
Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurückzukehren,
entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen
Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wüstes Geschrei, dem
zwei oder drei Gewehrschüsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch
einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurückgewiesen
wurde?
Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und
fast gleichzeitig erschienen zwei Männer, trotz der Anstrengung der
Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.
Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der
Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Köpfe der Gefangenen
wohl schnell hätte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige
Worte fallen ließ, die dem schon über Jenen geschwungenen Säbel Halt
geboten.
Der Russe hatte schnell erkannt, daß die beiden Gefangenen Fremde waren,
und befahl, sie ihm vorzuführen.
Man ließ nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.
Seit der Ankunft Iwan Ogareff’s im Lager hatten sie schon verlangt, vor
ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.
Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen
Gewehrschüssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung
entgingen; immerhin hätten sie ohne das Dazwischentreten des
Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit dem Leben zu
büßen gehabt.
Letzterer examinirte die ihm vollständig unbekannten Gefangenen einige
Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim
beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der
brutale Reisende von damals hatte indeß den mit anwesenden Personen
keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.
Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder
und Letzterer sagte halblaut:
„Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim
sind ein und dieselbe Person!“
Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:
„Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir
einen großen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager
mißfällt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner
Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so würden sich meine Augen
doch eher verächtlich von ihm abwenden, als ihm in’s Angesicht zu sehen.“
In Alcide Jolivet’s Zügen malte sich die vollständigste und hochmüthigste
Gleichgiltigkeit.
Empfand es Iwan Ogareff, daß diese Haltung des Gefangenen etwas
Beleidigendes für ihn hatte? Jedenfalls ließ er nichts davon bemerken.
„Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber
minder als gewöhnlich rauhem Tone.
-- Zwei Correspondenten englischer und französischer Journale, erwiderte
Harry Blount lakonisch.
-- Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identität nachzuweisen?
-- Hier sind Schriftstücke, welche uns in Rußland bei den Kanzlern Englands
und Frankreichs accreditiren.“
Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen
und las sie mit Aufmerksamkeit durch.
„Sie begehren die Erlaubniß, unseren militärischen Operationen in Sibirien
zu folgen? begann er darauf.
-- Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische
Reporter.
-- Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr
begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.
-- Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht
kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto.“
Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurück, der seine
Worte stillschweigend zu bestätigen schien.
Iwan Ogareff lächelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand
an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.
„Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie über Iwan Ogareff, den Oberanführer der
Tartarenheere? fragte Harry Blount.
-- Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lächelnd Alcide Jolivet,
daß jener Housch-Begui eine recht hübsche Geste machte, als er den Befehl
gab, uns um einen Kopf kürzer zu machen!“
Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die
Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den
Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiß nicht
in den Sinn, die Flinte in’s Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche
sie früher wohl gegen einander fühlten, hatte einer innigen Freundschaft
Platz gemacht. Durch die Umstände einander genähert, dachten sie gar nicht
daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnützen Eifersucht
waren für immer gelöscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er
seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu
erinnern; die gegenseitige Annäherung erleichterte die Zwecke der
Reportage, gewiß zum Vortheile der beiderseitigen Leser.
„Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit
anfangen?
-- Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu
sehen, was dort geschieht.
-- Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,
uns einem russischen Corps anzuschließen? –
-- Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr
tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die
Civilisation verbreiten, und offenbar hätten die Volksstämme Centralasiens
Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu
gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann
nur eine Frage der Zeit sein.“
Das Erscheinen Iwan Ogareff’s, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre
Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine große Gefahr für
Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff
vor Augen führte, mußte dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,
den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael
Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan
hätte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mußte er doch der
Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit werden, – was der Erreichung seiner
Ziele gewiß nicht förderlich sein konnte.
Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff’s. Dagegen
durfte es als eine glückliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, daß
noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur
Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.
Michael Strogoff’s lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Seine
Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der übrigen Gefangenen zu
erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plänklern in die Hände zu
fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in großer Anzahl
umschwärmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff’s aber und der Furcht, von
diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber
auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen
solle.
Michael Strogoff hätte sich wahrscheinlich noch für das letztere
entschieden, als ihm zu Ohren kam, daß Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der
Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.
„Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz
ausnahmsweise günstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk
überwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten
immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden über die am meisten nach Osten
vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage
Geduld und dann stehe Gott mir bei!“
In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die
Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch
die Steppe zurückzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine
Entfernung von einhundertfünfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an
nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer
aber den unglücklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwächten
Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug über die sibirische
Heerstraße bezeichnen.
Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem
Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.
Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry
Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die
wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte.
Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten
Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie
von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein
Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes
nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als
die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu
kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte
auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand
versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren.
Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes
Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu
leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine
Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur
Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden
Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen
stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten
konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten
nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der
gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die
geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen
zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb
abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf
diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen
können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie
hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich
Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen.
Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten
sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die
Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art
Hochachtung zu sichern.
Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem
Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt
gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die
Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das
Marfa Strogoff’s.
Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der
sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael
Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für
immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich
überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz
auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den
Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu
geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das
Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße
getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte
ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine
Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so
jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der
Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr
Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen
ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser
Erinnerung.
„Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es
selbst nicht mehr kann?“
Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:
„Mach es, Herr, daß ich es sein darf!“
Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß
anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes
Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den
Gott ihr nicht erst hätte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder
verlieren sollte!...
Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden
ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.
Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa
Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß
diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters
sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen
war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band
der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte?
Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer
Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose
unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und
Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen
Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der
dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir
wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für
jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu
ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit
der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht
erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder
abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge
Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel
ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia
theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den
qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer
jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den
Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf
gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem
Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.
„Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan
hast!“ sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer
langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.
Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im
Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal
über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus
leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich
allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen
Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte.
Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes
unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie
eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das
Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr
seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet
war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste
Theilnahme der alten Sibirerin.
„Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus!
Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,
von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus
Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?
-- Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in
allen andern Dingen die Wahrheit sprach?“
Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere
Fragen zu stellen.
„Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir
versichert, daß er es war, sagte sie.
-- Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia.
-- So wäre mein Sohn auch gewesen“, murmelte Marfa Strogoff halb für sich.
Dann fuhr sie fort:
„Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn
erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut
eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie
eine Mutter?
-- Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!
-- Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen?
-- Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held!
-- Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er
im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ?
-- Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.
-- Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.
-- Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß
mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann.
-- Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und
Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,
in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff
verachtet?
-- Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge
Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.“
Die alte Frau schwieg einen Augenblick.
„Er war groß? fragte sie hierauf.
-- Sehr groß.
-- Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.
-- Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend.
-- Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die
alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme.
-- Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!
-- Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein
Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von
seiner Mutter gesprochen?
-- Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm
von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!
-- Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt“,
schluchzte die alte Frau.
Dann fügte sie ruhiger hinzu:
„Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
einmal zu sehen?
-- Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.
-- Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?
-- Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus
Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für
ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
Gewissenspflicht.
-- Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren
Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach
vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt
Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.
-- Ich verlange keine Belohnung, Mutter“, antwortete Nadia.
Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff
gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.
„O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es
wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!“
Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit
belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus
Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst
gesprochen hatte!...
Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen:
„Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für
immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und
vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott
kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei!... Hoffe
noch immer, meine Tochter! Mach’ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche
ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!“
Drittes Capitel.
Schlag für Schlag.
In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und
Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn
dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig
betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich
verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude
gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen.
Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan
gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig
mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.
Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen,
welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt.
Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs
oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge.
Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren
mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder
band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der
Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.
Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,
so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen
brachen, um nicht wieder aufzustehen.
In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den
ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den
Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten
Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter
und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die
seinige.
Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und
solch’ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle
furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die
durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger
geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so
daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst
unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der
Bewegung, ein endloser Weg zu sein!
Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des
Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach
Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige
magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen
Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch
den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor
allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte
man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem
Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï
darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die
Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des
Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr,
die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die
gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu
marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt
und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen
Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte
nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen
Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von
der Straße durfte nicht abgewichen werden.
Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher
Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre
Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher
getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.
So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin
helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei
bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen
Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte
die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn
die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz
wieder einzunehmen.
Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest
stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die
nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, „auf
Unkosten des Emirs“ bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch
den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen
berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im
Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung
gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von
diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die
Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,
wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden
bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden
Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden
Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene
Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.
Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen
Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die
Straße mit dem Laufe des Tom.
Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre
Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als
bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit
gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht
einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die
sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man
eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu
durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten
Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos
dichter Cordon von Feldwachen.
Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von
hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über
die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen
jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen,
um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen.
Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der
Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk
hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener
wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden.
Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der
Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden
Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.
Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage
vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück
gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des
tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst
ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die
Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in
Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen
gebräuchlichen Pompe empfangen wollte.
Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s
Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und
einige Ruhe genießen.
Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein
schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer
des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der
Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen
vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu
erobern.
Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte
daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst
erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen
tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen.
Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,
plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.
Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!
Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.
Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug
Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte
compromittiren können.
Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...
Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael
Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte
sich.
Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie
zurück und raunte ihr in’s Ohr:
„Bleib’ hier, meine Tochter!
-- Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er
lebt, Mutter! Er ist es!
-- Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael
Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir
darin, meine Tochter!“
Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl
je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese
beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der
Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun,
wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit
der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff
hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.
Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,
seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem
herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und
die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit
konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu
sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in
Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war,
hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,
an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt
zurück ließ.
Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im
Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen
haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene,
trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s,
beobachtet wurden.
Auch die Zigeunerin befand sich nämlich am Ufer, wo sie wie immer die alte
Sibirerin ohne deren Wissen argwöhnisch überwachte. Michael Strogoff,
welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar
nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie
Nadia zurück hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen
Marfa’s sagte ihr Alles.
Es stand ihr nun außer Zweifel, daß der Sohn Marfa Strogoff’s, der Courier
des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan
Ogareff’s befinden müsse.
Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wußte, daß er da war! Sie suchte ihn
vorläufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten
in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmöglich schien.
Auch eine weitere Beobachtung Nadia’s und Marfa Strogoff’s hielt sie für
nutzlos. Offenbar würden die beiden Frauen äußerst vorsichtig sein und
Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend
compromittiren könnte.
Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu
erstatten. Sie verließ also sofort das Lager.
Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in
das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.
Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.
„Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.
-- Der Sohn Marfa Strogoff’s befindet sich im Lager, antwortete das Weib.
-- Als Gefangener?
-- Als Gefangener!
-- O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...
-- Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in’s Wort, denn Du
kennst ihn ja nicht.
-- Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!
-- Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine
Bewegung, die mir Alles erklärte.
-- Täuschest Du Dich nicht?
-- Ich täusche mich nicht.
-- Du weißt, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,
sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls übergebene
Cabinetsschreiben dem Großfürsten ausgehändigt, so wird dieser auf seiner
Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nähern vermögen. Jenen Brief muß
ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der
Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner
Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, täuschte Dich Deine
Beobachtung nicht?“
Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen
Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der
bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in
ihrer Ueberzeugung.
„Ich täusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.
-- Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,
daß Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.
-- Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,
ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man
wird seine Mutter zum Sprechen zwingen müssen.
-- Morgen soll das geschehen!“ erwiderte Iwan Ogareff.
Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese küßte sie, ohne
daß diese bei den Völkerschaften des Nordens so gebräuchliche
Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwürfigkeit zeigte.
Sangarre kehrte nach dem Lager zurück. Sie spürte bald die Stelle aus, an
der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und ließ diese nun die ganze
Nacht über nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen
schliefen nicht, trotzdem daß die Erschöpfung sie fast übermannte. Eine
fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber
Gefangener gleich ihnen. Wußte das Iwan Ogareff, und wenn nicht, würde er
es noch erfahren? Nadia beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, daß
ihr todt geglaubter Gefährte noch lebe. Marfa Strogoff’s Blick reichte
weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,
so hatte sie doch Grund genug, für ihren Sohn das Schlimmste zu
befürchten.
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
519
520
521
522
523
524
525
526
527
528
529
530
531
532
533
534
535
536
537
538
539
540
541
542
543
544
545
546
547
548
549
550
551
552
553
554
555
556
557
558
559
560
561
562
563
564
565
566
567
568
569
570
571
572
573
574
575
576
577
578
579
580
581
582
583
584
585
586
587
588
589
590
591
592
593
594
595
596
597
598
599
600
601
602
603
604
605
606
607
608
609
610
611
612
613
614
615
616
617
618
619
620
621
622
623
624
625
626
627
628
629
630
631
632
633
634
635
636
637
638
639
640
641
642
643
644
645
646
647
648
649
650
651
652
653
654
655
656
657
658
659
660
661
662
663
664
665
666
667
668
669
670
671
672
673
674
675
676
677
678
679
680
681
682
683
684
685
686
687
688
689
690
691
692
693
694
695
696
697
698
699
700
701
702
703
704
705
706
707
708
709
710
711
712
713
714
715
716
717
718
719
720
721
722
723
724
725
726
727
728
729
730
731
732
733
734
735
736
737
738
739
740
741
742
743
744
745
746
747
748
749
750
751
752
753
754
755
756
757
758
759
760
761
762
763
764
765
766
767
768
769
770
771
772
773
774
775
776
777
778
779
780
781
782
783
784
785
786
787
788
789
790
791
792
793
794
795
796
797
798
799
800
801
802
803
804
805
806
807
808
809
810
811
812
813
814
815
816
817
818
819
820
821
822
823
824
825
826
827
828
829
830
831
832
833
834
835
836
837
838
839
840
841
842
843
844
845
846
847
848
849
850
851
852
853
854
855
856
857
858
859
860
861
862
863
864
865
866
867
868
869
870
871
872
873
874
875
876
877
878
879
880
881
882
883
884
885
886
887
888
889
890
891
892
893
894
895
896
897
898
899
900
901
902
903
904
905
906
907
908
909
910
911
912
913
914
915
916
917
918
919
920
921
922
923
924
925
926
927
928
929
930
931
932
933
934
935
936
937
938
939
940
941
942
943
944
945
946
947
948
949
950
951
952
953
954
955
956
957
958
959
960
961
962
963
964
965
966
967
968
969
970
971
972
973
974
975
976
977
978
979
980
981
982
983
984
985
986
987
988
989
990
991
992
993
994
995
996
997
998
999
1000