Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais
anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes
an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der
von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.
Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.
Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.
Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er
indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone
ihm zurufen:
„Anhalten!“
Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell
überholt.
Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf
der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline
gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke
verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse
erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit
den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.
Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im
Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das
Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das
verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach
einander, wohl zu leisten vermochte.
Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als
ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.
Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am
Eingange der Stadt Ischim anlangten.
Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die
Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen
bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf
Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen
Soldaten.
Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich
frische Pferde.
Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade
drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die
andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen
Wege in den Stallungen.
Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.
Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige
Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten,
vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer
Remise des Posthofes unterbringen.
Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die
Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.
„Gut“, erwiderte er.
Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.
„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl
die Zeit des Abschieds für uns gekommen.
-- Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht
ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?
-- Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu
haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.
-- Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde
streitig machen könnte?
-- Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.
-- Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für
den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es
uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.
-- Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount hinzu, daß wir uns nach
Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.
-- Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin
abgehe.
-- Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und
Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“
Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie
ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das
Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.
Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und
erschien in demselben eine männliche Gestalt.
Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen,
der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt,
mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen
Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er
trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner
Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.
„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu
befehlen leicht heraushörte.
-- Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der
Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.
-- Ich brauche solche aber im Augenblick.
-- Es ist unmöglich.
-- Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den
Tarantaß gespannt sah?
-- Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit
einem Hinweis auf Michael Strogoff.
-- So spanne man sie wieder ab!...“ sagte der Reisende in einem Tone, der
jeden Widerspruch fast abschnitt.
Michael Strogoff trat einen Schritt vor.
„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.
-- Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu
verlieren.
-- Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael
Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten
konnte.
Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch
fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen
hätte.
„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.
Dann wandte er sich an den Postmeister:
„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte
seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor
meine Berline gespannt.“
In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen
sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den
unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.
Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe
seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte,
nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde
seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen
zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte
in Frage stellen können.
Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar
bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.
„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff,
aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen
sibirischen Kaufmann passend erschien.
Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine
Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst
Dich, mir Deine Pferde abzutreten?
-- Gewiß, antwortete Michael Strogoff.
-- Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist
weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“
Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide
und legte sich zum Fechten aus.
Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.
Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.
„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und
kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.
-- Du wirst Dich nicht schlagen?
-- Nein.
-- Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.
Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche
Michael Strogoff’s Schulter.
Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen
des jungen Mannes. Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den
rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner
mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn
seine Mission gänzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige
Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!
„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den
Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber
fest in’s Auge sah.
-- Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.
Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.
Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den
Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick
zu.
Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten
hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie
erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ
sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine
Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich
zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:
„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural
so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth
seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir
unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen,
daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“
Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer
Peitsche, daß die mit den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das
Posthaus verließ.
Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd
in dem Wartesaale des Relais zurück.
Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen
niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte
eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die
frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.
Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe
einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich
ungestraft hingehen zu lassen.
Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in
Nishnij-Nowgorod genähert hatte.
„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.
Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine
Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
Dreizehntes Capitel.
Die Pflicht über Alles!
Nadia hatte es durchschaut, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die
Handlungsweise Michael Strogoff’s bestimmte, daß dieser, aus welchem
Grunde wußte sie nicht, sich nicht selbst angehörte, nicht das Recht
hatte, über seine Person zu verfügen, und daß er unter diesen Umständen
sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenüber einer so
frechen, tödtlichen Beleidigung.
Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklärung zu
beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden
Morgen nicht zu beschaffen; man mußte demnach die ganze Nacht auf dem
Relais zubringen. Für Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so
nöthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewähren. Es wurde für
sie also ein Zimmer zurecht gemacht.
Gewiß wäre das junge Mädchen lieber bei ihrem Reisegefährten geblieben,
aber sie fühlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte
sich an, das für sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.
Unmöglich war es ihr aber, sich zurück zu ziehen, ohne sich von Jenem
wenigstens zu verabschieden.
„Lieber Bruder ...“, flüsterte sie noch einmal.
Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein
Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens, und schweigend verließ
sie das Zimmer.
Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er hätte unmöglich Schlaf finden
können. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen
Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.
„Für das Vaterland und für dessen Vater!“ murmelte er endlich am Schlusse
eines stillen Abendgebetes.
Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der
Mann sein möge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er käme, wohin er
ginge. Die Gesichtszüge desselben hatten sich seinem Gedächtniß so tief
eingeprägt, daß er nie zu befürchten brauchte, dieselben zu vergessen.
Michael Strogoff ließ den Postmeister rufen.
Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann
etwas über die Achsel an und erwartete dessen Begehren.
„Du bist selbst aus diesem Lande?
-- Ja.
-- Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?
-- Nein.
-- Du hast ihn nie vorher gesehen?
-- Niemals.
-- Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?
-- Ein großer Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiß!“
Wie ein Dolchstoß traf Michael Strogoff’s Blick den Sibirier bis in’s
Herz, aber der Postmeister rührte die Augenlider nicht.
„Du unterstehst Dich, über mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.
-- Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die
auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.
-- Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?
-- Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,
Dir das sagen zu können.“
Michael Strogoff näherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden
wuchtigen Hände auf die Schultern.
Dann sagte er mit besonders gemäßigter Stimme:
„Geh’ Deines Weges, guter Freund! – Geh’, ich könnte Dich umbringen!“
Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht mißverstanden. „So sehe ich Dich
lieber“, sagte er noch halblaut.
Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wartesaal.
Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantaß Morgens acht Uhr mit drei
muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,
und Ischim, für Beide eine Stadt mit so betrübender Erinnerung, verschwand
bald hinter einer Biegung der Straße.
Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages
berührte, konnte er sich überzeugen, daß die Berline ihm immerfort auf dem
Wege nach Irkutsk vorausfuhr und daß der Reisende, der es offenbar ebenso
eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.
Gegen vier Uhr Abends mußte, fünfundsiebzig Werst weiter, bei der Station
Abatskaja, der Ischimfluß, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,
überschritten werden.
Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene über den Tobol. Die
Strömung des Ischim ist nämlich gerade an dieser Stelle eine besonders
heftige. Während des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflüsse,
welche der Frost mit mehrere Fuß dickem Eise belegt, leicht zu passiren;
ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weißen Decke, welche sich
über die ganze Hälfte des größten Erdtheils lagert; im Sommer können sie
dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.
Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt über den Ischim hin, – zwei
Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung
brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende
Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.
Diese lauteten etwa folgendermaßen:
Einzelne Plänkler von Feofar-Khan’s Truppen waren schon an beiden Ufern
des unteren Ischim, in den südlichen Landstrichen des Gouvernements
Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von
einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der
Grenze des Gebietes der großen Kirghisenhorde, – ein Treffen, das für die
auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen
sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rückzug, der gleichzeitig
eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansässigen Bauern zur
Folge hatte. Man erzählte sich von haarsträubenden Frevelthaten der
Eindringlinge, von Plünderungen, Diebstählen, Brandstiftungen und
Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegführung der Tartaren. Von allen
Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan’s zu entfliehen. Bei
dieser Entvölkerung der Flecken und Dörfer fürchtete Michael Strogoff vor
Allem, daß es ihm an den nöthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen
könne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mögliche Weise.
Jenseits dieser Stadt schien es eher möglich, den tartarischen Plänklern,
die längs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie
Straße nach Irkutsk zu erreichen.
Der Tarantaß überschritt den Fluß übrigens gerade am Ende der Stelle,
welche man in der Militärsprache als „die Ischimsperre“ bezeichnet, eine
Reihe von hölzernen Thürmen und Fortificationsanlagen, die sich von der
südlichen Grenze Sibiriens in einer Länge von 400 Werst (= 427 Kilometer)
nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhäuser u. s. w. von
Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen
Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die
moskowitische Regierung diese Horden aber für vollständig unterworfen
hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nützen,
obschon sie gerade jetzt hätten recht vortheilhaft vertheidigt werden
können. Der größte Theil dieser Blockhäuser lag in Asche, und einige
Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,
bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annäherung der tartarischen
Vorhut.
Sobald die Fähre den Tarantaß nebst Bespannung an das rechte Flußufer
befördert hatte, ward der Weg durch die Steppe in möglichster
Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.
Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmäßig verschleiert. Wiederholt
fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu
löschen und den Weg eher zu bessern.
Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trübem
Schweigen, ohne daß er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,
Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast möglichst
zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage über des jungen Mädchens Lippen
kam. Wie gern hätte sie den Pferden des Tarantaß Flügel verliehen! Ein
unbekanntes Etwas rief ihr zu, daß ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,
in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie
jetzt noch von diesem Ziele!
In ihr stieg auch der Gedanke auf, daß bei einer Besetzung von Omsk durch
die Tartaren Michael Strogoff’s alte Mutter, welche ja in dieser Stadt
wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf’s
schmerzlichste beunruhigen mußten, und daß hierin wohl ein hinreichender
Erklärungsgrund zu finden sei für seine Ungeduld, möglichst schnell bei
ihr einzutreffen.
Nadia hielt es also für gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm
zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so
ernsthaften Ereignisse befand.
„Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine
Nachricht erhalten? fragte sie.
-- Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei
Monaten, dieser enthielt jedoch nur günstige Nachrichten. Marfa ist eine
energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters
bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiß sich
auch in mißliche Umstände zu schicken.
-- Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mädchen. Da
Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa’s Tochter!“
Michael Strogoff antwortete nicht sofort.
„Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen können? fügte sie hinzu.
-- Das ist wohl möglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe
sogar, daß es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die
alte Marfa ist von Haß gegen die Tartaren erfüllt. Sie kennt die Steppe,
sie hat keine Furcht, und ich wünschte, sie hätte ihren Stab ergriffen und
wäre längs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es
keinen Ort, der ihr unbekannt wäre. Wie oft hat sie das ganze Land an der
Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als
Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzügen durch die sibirische
Wüstenei! Gewiß, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glücklich
verlassen haben.
-- Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?
-- Jedenfalls ... auf der Rückreise.
-- Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wäre, wirst Du ein Stündchen opfern,
sie zu umarmen?
-- Ich werde nicht erst zu ihr gehen.
-- Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?
-- Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mühsam
hob und der wohl einsah, daß er die Fragen des jungen Mädchens noch weiter
zu beantworten nicht im Stande sei.
-- Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen könnten Dich, wenn Deine
Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?
-- Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gründen meiner
Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veränderten
Stimme, daß das junge Mädchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der
Ursachen, die mich meinen Zorn überwinden ließen gegenüber jenem Elenden,
dessen ...“
Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.
„Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.
Ich weiß nur Eines, oder vielmehr ich weiß es nicht, aber ich fühle es,
daß jetzt nur ein Gefühl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefühl einer
noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter
bindet!“
Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespräch,
welches zu der gegenwärtigen eigenthümlichen Lage Michael Strogoff’s
irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniß, gewiß ein wichtiges,
vor. Sie achtete es aufrichtig.
Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantaß um drei Uhr früh bei dem
Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am
Ischim gegen 120 Werst zurückgelegt hatte.
Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indeß erhob hier zum ersten Male der
Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, daß
Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und daß Reisende, Pferde
und Wagen für jenes Raubgesindel eine erwünschte Beute sein würden.
Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender
Münze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fällen wollte er von seinem
Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen
übermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen
Russen lenkte sich dadurch, daß er von der Befolgung der in jenem
enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine
Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden
suchte. Sollten die ausgesprochenen Befürchtungen des Jemschiks vielleicht
nur daher rühren, daß der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des
Reisenden gründete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer
zu befürchten?
Endlich fuhr der Tarantaß ab und bewegte sich mit einer solchen
Schnelligkeit weiter, daß er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoë, in
einer Entfernung von 80 Werst, glücklich erreichte. Eine Stunde später
befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20
Werst entfernt.
Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen
Hauptarterien, die ihre Wässer nach dem Norden Asiens hinabrollen.
Entsprungen in den Altaïbergen, wendet er sich schräg von Südosten nach
Nordwesten und mündet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den
Obi ein.
Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Ströme der
sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein
ungewöhnlich hoher, so daß die heftige, fast reißende Strömung die
Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste
Schwimmer hätte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst
eine Fähre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt über den Irtysch, bot jetzt
einige Gefahren.
Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael
Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide
entschlossen waren, all’ und jedem Hinderniß ohne Besinnen zu trotzen.
Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den
Vorschlag, erst allein über den Fluß zu gehen, indem er sich auf der mit
dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fähre einschiffen wollte, denn
er fürchtete, daß das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fähre
einigermaßen in Frage stellen könne. Nachdem er Pferde und Wagen am
jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurückkehren, um Nadia abzuholen.
Nadia verweigerte diese Rücksichtnahme, welche eine volle Stunde
Zeitverlust veranlaßt hätte, und sie wollte um ihrer persönlichen
Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzögerung sein.
Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand
jetzt theilweise unter Wasser und die Fähre konnte in Folge dessen nicht
so nahe anlegen.
Nach halbstündiger Anstrengung brachte der Fährmann den Tarantaß und die
drei Pferde glücklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und
der Jemschik schifften sich ein, und man stieß nun vom Ufer.
Während der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der
sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete
hier eine Art Wirbel, welchen die Fähre leicht überwand. Die beiden
Schiffer stießen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr
geschickt bedienten, vorwärts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes
näherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so daß von den Stangen
kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter
stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuß aus dem
Wasser, was die Arbeit der Leute natürlich nicht wenig erschwerte.
Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fähre Platz
genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzögerung zu
erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsführer.
„Achtung!“ rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.
Diesen Zuruf veranlaßte eine unerwartete Wendung der Fähre, welche mit
großer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strömung des
Flusses ergriffen und von dieser stromabwärts mit fortgerissen. Es
handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die
Fähre wieder in schräge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu
bringen. Die Bootsführer ließen nichts unversucht, und es gelang ihnen,
wenn auch mit einiger Mühe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu
verändern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.
Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, daß das Fährboot fünf bis sechs
Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen würde, was ja
nicht von zu großer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glücklich
das Land erreichten.
Die beiden Bootsführer, kräftige Männer, welche noch das Versprechen eines
reichlichen Fährgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten
Zweifel in das glückliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.
Dabei ließen sie freilich einen Zwischenfall außer Acht, den sie unmöglich
voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick hätten eben
gegen diesen etwas auszurichten vermocht.
Die Fähre befand sich inmitten der Strömung, etwa in gleicher Entfernung
von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der
Stunde mit jener thalabwärts, als Michael Strogoff sich erhob und mit
gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwärts richtete.
Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer
Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch
der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerüstet waren.
Auf Michael Strogoff’s Stirn bildeten sich plötzlich einige Falten und ein
leiser Schrei kam unwillkürlich über seine Lippen.
„Was giebt es?“ fragte das junge Mädchen.
Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der
Bootsführer mit erschrockener Stimme:
„Die Tartaren! Die Tartaren!“
Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in
größter Schnelligkeit hinab und mußten binnen wenigen Minuten die Fähre
erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug
entweichen zu können.
Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fährleute verzweifelt auf und
verließen ihre Bootshaken.
„Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fünfzig Rubel sind
euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels
erreichen!“
Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmüthigen Fährleute so
weit, daß sie mit dem Aufgebot aller Kräfte die scharfe Strömung zu
durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmöglichkeit,
vor Ankunft der Tartaren zu landen.
Würden diese nun vorüberfahren, ohne die Fähre und ihre Insassen zu
belästigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen
Barbaren Alles zu fürchten.
„Hab’ keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor
auf Alles!
-- Ich bin es, antwortete Nadia.
-- Selbst Dich in den Fluß zu stürzen, wenn ich es verlangte?
-- Auf Dein erstes Wort.
-- Vertraue mir, Nadia.
-- Ich vertraue Dir stets.“
Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert
Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche
offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.
Die Fähre befand sich jetzt noch zwei Schiffslängen weit vom Ufer. Die
Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang
ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit übermenschlicher
Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantaß noch auszuschiffen und im Galop
davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht
berittenen Tartaren zu entgehen.
Aber alle Mühe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!
„-Sarin na kitschu!-“ riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.
Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf
das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.
Und da weder er selbst noch die Bootsführer diesem Befehle gehorchten,
knatterte eine kräftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tödtlich
getroffen wurden.
Da – in diesem Augenblick, – folgte auch ein heftiger Stoß: die Barken
waren an der Langseite der Fähre angelangt.
„Komm, Nadia!“ rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr über Bord zu
stürzen.
Eben wollte das junge Mädchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von
einem Lanzenstoße getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riß ihn mit weg;
einen Augenblick noch kämpften seine Arme über den Fluthen, dann
verschwand er unter den wirbelnden Wellen.
Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,
sich Michael Strogoff nachzustürzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und
in eines der Boote gefangen gesetzt.
Einen Augenblick nachher fielen die Bootsführer, von Lanzenstichen
durchbohrt, und die Fähre trieb steuerlos weiter, während die Tartaren den
Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.
Vierzehntes Capitel.
Mutter und Sohn.
Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar
nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk
mehr Einwohner zählt und einen beträchtlicheren Umfang hat, in Omsk
residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Hälfte des asiatischen
Rußlands.
Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Städten, von denen die
eine ausschließlich von den Behörden eingenommen und von den zugehörigen
Beamten bewohnt ist, während die andere vorzüglich die sibirischen
Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen
Bedeutung sind, beherbergt.
Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie
wird durch eine von Bastionen verstärkte Umwallung vertheidigt; freilich
bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr
unzulänglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger
Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre
Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschließung von nur wenigen
Tagen gelingen sollte.
Die kaum 2000 Mann zählende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand
geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle
umgewandelt, die Häuser und Kirchen mit Schießscharten versehen worden,
und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,
trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die
tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf
dem Irtysch tagtäglich neuen Zuzug und wurden, – hier ein besonders
wichtiger Umstand, – von einem Officier angeführt, der zwar ein Verräther
an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und
beispielloser Kühnheit war.
Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.
Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwärts
drängte, zeichnete sich durch tiefe militärische Kenntnisse aus. In seinen
Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer
Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte
gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurück, wenn es ihm
darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,
bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich
selbst als Bettler auf, wobei ihn seine außerordentliche Geschicklichkeit
der Verstellung des äußern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich
unterstützte. Dabei befähigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den
Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besaß in ihm einen Stellvertreter,
der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.
Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff
schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des höher gelegenen
Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,
wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.
Tomsk war nämlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan’s Hände gefallen und
von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der
centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.
Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff’s.
Der Plan des erbärmlichen Verräthers ging dahin, sich dem Großfürsten
daselbst unter falschem Namen anzuschließen, sein Vertrauen zu
erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in
die Hände zu liefern.
Mit dieser Stadt und einer solchen Geißel im Besitz mußte das ganze
asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.
Wir wissen ja von früher, daß dieser Anschlag zur Kenntniß des Czaaren
gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der
hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit
auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden überschwemmte Land
unter falschem Namen zu durchreisen.
Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfüllt – würde er sie aber
auch jetzt noch ebenso zu Ende führen können?
Der Lanzenstoß, den Michael Strogoff empfing, war nicht tödtlich gewesen.
Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flußufer und
brach in dem Gebüsch daselbst kraftlos zusammen.
Als er wieder zum Bewußtsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in
der Hütte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er
zunächst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der
Gast des braven Sibiriers sein? – er vermochte sich darüber keine
Rechenschaft zu geben. Als er die Augen öffnete, bemerkte er über sich ein
bärtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lächeln
spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte
Mujik ihm zuvorkam:
„Sprich nicht, Väterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde
Dir sagen, wo Du bist, und erzählen, was sich zugetragen hat, seitdem ich
Dich in mein Häuschen schaffte.“
Der redliche Landmann erzählte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,
dessen Augenzeuge er zufällig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die
Plünderung des Tarantaß, die Ermordung der Fährleute ...
Doch darauf hörte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine
Kleidung und fühlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf
seiner Brust.
Er athmete auf, noch war er indeß nicht jeder Sorge ledig.
„Mich begleitete ein junges Mädchen, sagte er.
-- Sie wurde nicht getödtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu
beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen
leuchtete. In einer Barke haben sie jene entführt, als sie den Irtysch
weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit
ihren Leidensgefährtinnen nach Tomsk schleppt!“
Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er preßte seine Hand auf’s
Herz, um dessen stürmisches Klopfen zu bewältigen.
Und doch, trotz aller Prüfungen, beherrschte nur ein Gefühl seine ganze
Seele, das Gefühl seiner heiligen Pflicht.
„Wo bin ich? fragte er.
-- Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fünf Werst von Omsk entfernt,
antwortete ihm der Mujik.
-- Was für eine Wunde empfing ich damals, daß sie mich so lange
besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuß?
-- Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.
Nach einigen Tagen der Ruhe, Väterchen, wirst Du, denk’ ich, Deinen Weg
fortsetzen können. Du warst in’s Wasser gestürzt. Die Tartaren haben Dich
weder berührt noch geplündert; auch Deine Börse steckt noch in Deiner
Tasche.“
Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er
sich mit einer plötzlichen Anstrengung auf und fragte:
„Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?
-- Seit drei Tagen.
-- Drei ganze Tage verloren!
-- Drei Tage, während der Du bewußtlos dalagst.
-- Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?
-- Du willst weiter reisen?
-- Womöglich noch diesen Augenblick.
-- Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Väterchen. Wo die Tartaren
vorüber zogen, da ist von solchen Dingen nichts übrig geblieben.
-- So werde ich nach Omsk zu Fuß gehen müssen, um dort ein Pferd zu kaufen.
-- Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande
sein, Deinen Weg fortzusetzen.
-- Keine Stunde länger!
-- So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, daß er vergeblich dem
festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit
geben, fügte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk
und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.
-- Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,
lohne er Dir, was Du Alles für mich gethan hast!
-- Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche
auf der Erde.“
Michael Strogoff trat aus der Hütte. Als er gehen wollte, übermannte ihn
ein so heftiger Schwindel, daß er ohne die hilfreiche Unterstützung des
Bauern wohl umgesunken wäre, aber bald stärkte ihn der Genuß der freien
Luft sichtlich. Jetzt fühlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf
geführten Stoßes, dessen Heftigkeit seine Pelzmütze glücklicher Weise
gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht
der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kümmern. Vor seinen Augen sah
er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen mußte!
Omsk mußte er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.
„Gott schütze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein
Recht, an Beide zu denken.“
Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der
Unterstadt an, in welche sie trotz der militärischen Besetzung derselben
unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen
Stellen zerstört, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich
die Marodeurs der Armee Feofar-Khan’s eindrängten.
Im Innern von Omsk, auf den Straßen und Plätzen, wimmelte es von
tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, daß
eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an
welche Jene wohl nur wenig gewöhnt waren. Sie liefen auch nie einzeln
umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu
sein, jeden Angriff abzuwehren.
Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten
Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten
Pfählen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausrüstung, um
beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur
einen provisorischen Halteplatz für die Tartarenreiter, welche die
reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mußten, weil dort die Städte
bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzüge also jedenfalls
ergiebiger wurden.
Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan
Ogareff trotz mehrerer stürmischer Angriffe, die immer standhaft
abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen können.
Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebäuden flatterten noch immer
die Fahnen mit den russischen Farben.
Nicht ohne einen gewiß berechtigten Stolz begrüßten Michael Strogoff’s und
seines Führers Wünsche das wehende Banner.
Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natürlich vollständig. Während er
scheinbar seinem Führer folgte, wußte er doch geschickt die lebhaftesten
Straßen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniß erkannt zu werden.
In dieser Stadt hätte nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen
rufen können; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war
entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese
vielleicht – was er von ganzem Herzen wünschte, – nach irgend einem
ruhigeren Theil der Steppe entflohen.
Zum Glück kannte der Mujik persönlich einen Postmeister, der es seiner
Annahme nach für gute Bezahlung nicht ausschlagen würde, einen Wagen und
Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die
Schwierigkeit übrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen
Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff’s Entkommen
einigermaßen erleichtern mußten.
Der Mujik führte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als
Michael Strogoff plötzlich in einer engen Straße stehen blieb und sich
hinter einem Mauervorsprunge verbarg.
„Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt über dieses unerklärliche
Benehmen.
-- Still, still!“ flüsterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch
den Finger auf seine Lippen legte.
Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in
dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz
vorher betreten hatten.
An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte
ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer
Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen
Rückzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmöglich gesehen
haben.
Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Straße. Weder der
Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die
Unglücklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genügenden Platz zu
machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem
rücksichtslosen Lanzenstoße beantwortet und der Weg auf diese Weise in
kürzester Zeit gesäubert.
„Wer war dieser Officier?“ fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung
vorüber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloß.
Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das
einer Leiche.
„Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der
man einen verhaltenen Haß heraushörte.
-- Er!“ rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes
entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.
Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem
Relais zu Ischim geschlagen hatte.
Und gleichzeitig, so als ob ihm plötzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn
dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den
alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod
vernommen hatte.
Michael Strogoff täuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehörten
nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff
unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu
verlassen gewußt, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach
jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spießgesellen zur Ausführung
seines fluchwürdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der
ganzen übrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und
waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht
auf dem Meßplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn
Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der
ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer „Kaukasus“; er überschritt den Ural
jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte
endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.
Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und
ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen
Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, hätte
Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiß weit überholt.
Und wer weiß, wie viel Unglück in der nächsten Zeit dadurch vermieden
worden wäre!
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