hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmüthigen und guten
Charakters.
Michael Strogoff besaß das Temperament des entschiedenen Mannes, der
seinen Entschluß schnell zu fassen gewöhnt ist, der nicht in der
Ungewißheit die Nägel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren
kraut und nicht unentschlossen mit den Füßen stampft. Karg in Bewegungen
und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er
jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine große Leichtigkeit, eine
auffallende Sicherheit der Bewegungen – ein Zeichen des Selbstvertrauens
und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehörte zu den Leuten, die immer
etwas vorzuhaben scheinen und die Ausführung nicht zu verzögern pflegen.
Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, ähnlich jener des
Officiercorps der berittenen Feldjäger, Stiefeln, Sporen, anliegende
Beinkleider und einen pelzverbrämten Dolman mit gelben Schnüren auf
braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glänzten ein Kreuz und
verschiedene Medaillen.
Michael Strogoff gehörte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren
und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos
erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person,
und leicht genug erkannte es auch der Czaar, daß dieser Mann gewöhnt war,
einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besaß also eine der in
Rußland schätzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach
Aussage des berühmten Schriftstellers Turgénjew, im Moskowitenreiche die
Staffel nach den höchsten Ehrenstellen bildet.
Gewiß, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glücklich vollenden,
in jenem empörten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren
überwinden konnte, so war es Michael Strogoff.
Ein für das Gelingen jenes Vorhabens sehr günstiger Umstand war es, daß
Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die
verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon
bereist hatte, sondern weil er, wie erwähnt, von Geburt selbst Sibirier
war.
Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die
in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine
Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen
der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jäger
seinen Sohn Michael „verstählt“ hatte, wie der landläufige Ausdruck hieß.
Sommer und Winter, im glühenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten
Kälte, streifte er über die endlosen Ebenen, durch die Lärchen- und
Weidengebüsche, durch die düstern Kiefernwälder, legte seine Fallen aus,
verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das große mit dem Spieße und
dem Waidmesser. Unter großem Wilde verstand man hierbei aber den
sibirischen Bären, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Größe
ihren Verwandten in den Polargegenden vollständig gleichkommt. Peter
Strogoff hatte mehr als neununddreißig Bären erlegt, das will sagen, daß
auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, – und man weiß
ja, wenn den Jagdgeschichten aus Rußland einigermaßen zu trauen ist, wie
viele Jäger bis zum neununddreißigsten Bären glücklich davon kamen und
beim vierzigsten unterliegen mußten!
Peter Strogoff hatte diese Unglückszahl also überschritten, ohne auch nur
eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterließ es der damals
elfjährige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausflügen zu
begleiten, wobei er die „Ragatina“ trug, d. h. eine Art Gabelspieß, um
seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich führte, im Nothfall
zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff
seinen ersten Bären erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel
heißen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des
riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten väterlichen Hause
geschleppt, – was bei dem Kinde eine ungewöhnliche Kraft voraussetzen
ließ.
Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte,
vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Mühsal
und Plage.
Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein
ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne
etwas zu essen, zehn Nächte, ohne zu schlafen, und begnügte sich mit einem
Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkältet
hätten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weiße Ebene geführt
von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen
Horizont verhüllte, und das selbst in höhern Breiten, wo die Polarnacht
schon mehrere Tage anhält, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo
Andere nicht mehr gewußt hätten, wohin sie den Fuß setzen sollten. Alle
Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wußte sich nach kaum
bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der
Stellung der dünnsten Baumzweige, nach schwachen Gerüchen, welche von
außerhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blätter im
Walde, nach den schwächsten Geräuschen in der Luft oder nach entfernten
Detonationen, wie nach dem Zuge der Vögel in der dunstigen Atmosphäre, –
nach tausend Einzelheiten, welche für den Kenner eben so viel Wahrzeichen
sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehärtet war, wie der
Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und
doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz
von Gold.
Eine einzige Leidenschaft besaß Michael Strogoff, die Liebe zu seiner
alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der
Strogoff’s in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so
lange Zeit mit dem alten Jäger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie
verließ, geschah es, um seinem Triebe nach einem größeren Wirkungskreise
zu genügen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr
zurückzukehren, sobald die Umstände es erlaubten – ein Versprechen, das
mit religiöser Strenge eingehalten wurde.
Es war beschlossen worden, daß Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten
Jahre in den persönlichen Dienst des Kaisers von Rußland eintreten sollte,
und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kühne, intelligente,
eifrige und sich wacker aufführende junge Sibirier fand die erste
Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus,
mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl’s aufgewühlte
Land; später bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in
Kamtschatka, nach den äußersten Grenzen des asiatischen Rußland, führte.
Während dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner
ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltblütigkeit, Klugheit und seines
Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner
Vorgesetzten erwarben und seine Carrière beschleunigten. Den ihm nach so
mühseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versäumte er nie
seiner alten Mutter zu widmen – und wenn er auch Tausende von Wersten
entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte.
Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Süden des Reichs vielfach beschäftigt
wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, für ihn drei
Jahrhunderte – nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen
reglementsmäßigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen
zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse
eintraten.
Michael Strogoff wurde vor den Czaaren geführt, in vollständiger
Unkenntniß dessen, was derselbe von ihm verlangen würde.
Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit
durchdringendem Blicke, während Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.
Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorprüfung,
nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich
dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig
Zeilen.
Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit
größter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch
die Worte: „-Byt po semu-“, welche „So geschehe es“ bedeuten und eine
gewöhnliche Bestätigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt
hatte.
Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem
kaiserlichen Wappen verschlossen.
Der Czaar erhob das Schriftstück und winkte Michael Strogoff, sich zu
nähern.
Dieser that dann einige Schritte vorwärts und blieb wieder unbeweglich vor
seinem Kaiser stehen.
Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in’s Gesicht.
Dann begann er:
„Dein Name?
-- Michael Strogoff, Sire.
-- Deine Stellung?
-- Kapitän bei den Courieren des Czaaren.
-- Du kennst Sibirien?
-- Ich stamme daher.
-- Du bist geboren?
-- In Omsk.
-- Hast Du Verwandte in Omsk?
-- Meine alte Mutter.“
Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr
er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:
„Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem
Großfürsten eigenhändig, keinem, keinem Anderen! – zu überliefern.
-- Ich werde ihn besorgen, Sire.
-- Der Großfürst befindet sich in Irkutsk.
-- Ich werde nach Irkutsk gehen.
-- Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes,
von den Tartaren überfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene
Meuterer ein Interesse haben könnten, diesen Brief aufzufangen.
-- Ich werde hindurch kommen.
-- Und wirst Dich vor Allem vor einem Verräther, Iwan Ogareff, zu hüten
haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen könntest.
-- Ich werde ihm auszuweichen wissen.
-- Kommst Du über Omsk?
-- Mein Weg führt mich dahin.
-- Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, würdest Du Gefahr laufen, erkannt
zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!“
Michael Strogoff zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort.
„Ich werde sie nicht sehen, sagte er.
-- Schwöre mir, daß nichts Dich vermögen wird, Dir zu entlocken, wer Du
bist und wohin Du gehst.
-- Ich schwöre es.
-- Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das
Schreiben einhändigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens
und vielleicht das Leben meines Bruders, des Großfürsten, abhängt.
-- Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Großfürsten gelangen.
-- Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?
-- Ich dringe hindurch überall, bis man mich tödtet.
-- Ich bedarf aber Deines Lebens.
-- Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen“, antwortete Michael
Strogoff.
Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten
Michael Strogoff’s wohl zufrieden.
„So geh’ also, Michael Strogoff, sagte er, geh’ mit Gott für Rußland, für
meinen Bruder und für mich!“
Michael Strogoff grüßte militärisch, verließ sofort das Cabinet des
Kaisers und wenige Minuten später das Neue Palais.
„Ich glaube, Du hast eine glückliche Hand gehabt, General, sagte der
Czaar.
-- Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestät können
versichert sein, daß Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu
leisten vermag.
-- In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!“ bemerkte der Czaar.
Viertes Capitel.
Von Moskau nach Nishny-Nowgorod.
Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk
zurückzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein
Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der
Ostküste Sibiriens überspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere
versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von
Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte
die Reise durch das asiatische Rußland gewöhnlich vier bis fünf Wochen,
obwohl alle Beförderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfügung
gestellt wurden.
Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fürchtete, hätte es Michael
Strogoff vorgezogen, während der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es
erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurückzulegen. Dann sind alle
Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kämpfen hat,
bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich
vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte
Eisfläche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet.
Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen
zu fürchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kälte, lange
andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze
Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, daß von Hunger
gequälte Wölfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer wäre es noch
besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch’ hartem
Winter mußten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den
Städten aufhalten, ihre Marodeure hätten die Steppen nicht unsicher
gemacht, jede Truppenbewegung wäre unausführbar gewesen und Michael
Strogoff leichter hindurch gekommen. Indeß er konnte weder Zeit noch
Stunde selbst wählen. Wie auch die Umstände lagen, er mußte sie hinnehmen
und abreisen.
Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar überschaute, und er
richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.
Dazu kamen ihm nicht die gewöhnlichen Verhältnisse eines Couriers des
Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand während seiner Fahrt
diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden überschwemmten Lande
wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission
compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe
einhändigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Möglichkeit
erleichtern mußte, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der
Bezeichnung: „Specialdienst des Kaisers“, das Sesam, dessen Kräfte nie
versagen. Er begnügte sich, ihm nur einen „Podaroshna“ auszustellen.
Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus
Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen
Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben
enthielt er die ausdrückliche Bemerkung, daß er selbst dann giltig sei,
wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus
Rußland verbieten sollte.
Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnißschein, Postpferde zu
requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem
Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezüglich seiner Eigenschaft
hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europäischem Boden befand.
Hieraus folgte, daß er in Sibirien, wenn er die aufständischen Provinzen
durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenüber benehmen,
noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel für
seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht
vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann,
Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als
solcher allen Zufälligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen.
Unbemerkt hindurch zu kommen – ob mehr oder weniger schnell, – aber
jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.
Vor dreißig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht
weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fußvolk,
fünfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert
Pferden, fünfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stück
Kanonen. Das war das nöthige Material bei einer Reise durch Sibirien.
Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fußsoldaten oder
Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das möglich war; zu
Fuß, wenn es nicht anders anging.
Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der
Grenze Rußlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten.
Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen,
Dampfschiffe – standen hier Jedermann zur Verfügung und waren folglich
auch dem Courier des Czaaren zur Hand.
Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber
mit einem Reisesack, den er auf dem Rücken trug, bekleidet mit einem
gewöhnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock,
dem herkömmlichen Mujik (Gürtel), weiten Beinkleidern und an den Knöcheln
anschließenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den nächsten Zug zu
benutzen. Er führte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich,
unter dem Gürtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener
langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan
bilden und mit dem ein sibirischer Jäger einen Bären sauber auszuweiden im
Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschädigen.
Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedränge. Die
Perrons der russischen Eisenbahnen bilden häufig gewissermaßen
Versammlungsörter ebensowohl für Diejenigen, welche abreisen, als für
Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Börse
für Neuigkeiten.
Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod
führen. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St.
Petersburg verbindet und bis zur Grenze Rußlands fortgeführt werden soll.
Die Strecke bis dahin maß etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in
ungefähr zehn Stunden zurücklegen mußte. In Nishny-Nowgorod angelangt,
wollte Michael Strogoff je nach den Umständen entweder zu Lande weiter
reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell
als möglich zu erreichen.
Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver
Bürger, den seine Geschäfte nicht übermäßig beunruhigen und der sich die
Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.
Da er in dem Coupé aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem
Auge, hörte aber dabei mit beiden Ohren.
Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch
schon einigermaßen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn
zusammenwürfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer
gewissen Zurückhaltung.
Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges,
Kaufleute, die sich zur großen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine
erklärlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Türken,
Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmücken und Anderen bestand, die sich
indessen Alle der Nationalsprache bedienten.
Man besprach das Für und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich
eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu
fürchten, daß die russische Regierung sich veranlaßt sehen könnte, einige
beschränkende Maßregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der
asiatischen Grenze, zu ergreifen, – Maßregeln, unter denen der Handel ohne
Zweifel leiden mußte.
Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die
Unterdrückung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem
einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines
einfachen Soldaten in Uniform – man weiß ja, wie groß der Einfluß der
Uniform gerade in Rußland ist, – hätte gewiß hingereicht, die Zungen
dieser Handelsleute zu zügeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupé
ließ nichts die Gegenwart einer Militärperson vermuthen, und der Courier
des Czaaren, der sein Incognito bewahren mußte, hütete sich wohl, seinen
wahren Charakter zu verrathen.
Er horchte gespannt.
„Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein
Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Mütze und dem
abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.
-- O, der Thee hat auch keine Baisse zu fürchten, erwiderte ein alter Jude
mit verschmitzten Zügen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird
nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen
aus Bukhara aber anders.
-- Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.
-- Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther
sind eher noch mehr gefährdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus
einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in
helle Empörung gebracht ist.
-- Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von
den Verräthern noch weniger zu erwarten, denke ich.
-- Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den
für nichts?
-- Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespräch,
asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus
Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls
aus dem Morgenlande.
-- Ei, nehmen Sie sich in Acht, Väterchen, antwortete ein russischer
Reisender mit spöttelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in
ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!
-- Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der
Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.
-- Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf’s Haupt streuen
wollte, fuhr jener Reisende fort, würde das den Lauf der Dinge ändern?
Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Meßgüter.
-- Man erkennt es, daß Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.
-- Meiner Treu, nein, würdiger Nachkomme Abraham’s! Ich verkaufe weder
Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Pökelfleisch,
Caviar, Holz, Wolle, Bänder, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder
Pelzwaaren!...
-- Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des
Reisenden unterbrechend.
-- So wenig als möglich und nur für meinen Privatbedarf, antwortete jener
mit den Augen zwinkernd.
-- Das ist ein Spaßvogel, raunte der Jude dem Perser zu.
-- Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedämpfter Stimme. Hüten wir uns
und sprechen nicht mehr als nöthig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten
nicht sehr zart, und man weiß nie, mit wem man zusammen sitzt.“
In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger über
Handelsgeschäfte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen
möglichen Folgen.
„Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, äußerte sich ein Reisender,
und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens
werden sehr erschwert sein!
-- Bestätigt es sich, fragte sein Nachbar, daß die Kirghisen der Mittleren
Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?
-- Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in
diesem Lande rühmen, etwas Bestimmtes zu wissen!
-- Ich hörte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die
Donischen Kosaken sollen bereits längs der Wolga versammelt sein und man
will sie den aufrührerischen Kirghisen entgegen werfen.
-- Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die
Straße nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte
ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis
dahin gelangen können. Es steht zu befürchten, daß die Tartarenhaufen
binnen Kurzem das ganze östliche Sibirien isolirt haben werden!
-- In Summa, Väterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese
Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschäftsabwickelung
besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die
Reihe kommen, dann die Wagen und überhaupt alle Transportmittel, bis es
endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuß zu
bewegen.
-- Ich fürchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant
enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschüttelnd. Aber
die Sicherheit und Integrität des russischen Gebietes geht über Alles!
Geschäfte sind eben doch nur Geschäfte!“
Wenn in diesem Coupé der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte,
so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein
strenger Beobachter würde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine
ungemeine Zurückhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das
Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten
der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Maßnahmen zu
kritisiren.
Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen
des Zuges. Dieser – offenbar ein Ausländer, – hatte seine Augen überall
und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung
fanden. Fortwährend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster,
dessen Scheibe er stets zum großen Unbehagen seiner Reisegefährten
niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte
sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren
Handelsbeziehungen und Gewerbsverhältnissen, nach den Einwohnerzahlen, der
mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er
erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen überladenes Notizbuch.
Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide
Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten
doch dann und wann etwas Interessantes „für seine Cousine“ zu erhaschen.
Natürlich sah man ihn deshalb für einen Spion an und sprach vor ihm keine
Sylbe bezüglich der Tagesereignisse.
Als er sich überzeugt, daß er über den Tartareneinfall hier nichts zu
erfahren vermöge, schrieb er in das Notizbuch: „Die Reisenden absolut
discret. Schießen über Politik nur sehr schwer los.“
Während aber Alcide Jolivet seine Reiseeindrücke mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben
Zuge saß und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupé ganz der
nämlichen Beschäftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu
Moskau nicht begegnet, und Keiner wußte von des Andern Aufbruche nach dem
voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen näher zu stehen.
Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen
Reisegefährten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn
hatte man nicht für einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten
vor ihm ohne jede Zurückhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen ließen,
als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet hätte. Der
Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die
Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute
berührten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.
Er zögerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung
einzuverleiben:
„Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man
behandelt dieses Thema mit einer Freimüthigkeit, welche zwischen Weichsel
und Wolga erstaunlich zu nennen ist.“
Die Leser des Daily-Telegraph mußten demnach ebenso gut unterrichtet
werden, wie „die Cousine“ Alcide Jolivet’s.
Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges saß, hatte er nur
den einen Theil der hier ziemlich hügeligen Landschaft überblicken können,
ohne daß er es der Mühe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten
Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fügte er seiner
Notiz kurz und bündig hinzu:
„Zwischen Moskau und Wladimir Bergland.“
Inzwischen lag es auf der Hand, daß die russische Regierung angesichts der
ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge
Maßregeln nehmen werde. Die Empörung griff zwar noch nicht über die Grenze
Sibiriens hinüber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden
Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines übeln Einflusses jener
Ereignisse versehen.
Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff’s Spuren nicht wieder zu finden
vermocht. Ob dieser Verräther, der die Fremden aufhetzte, um seine
persönliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden
habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empörung schüre,
wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen
gewürfelte Bevölkerung tummelte, – kein Mensch wußte es.
Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen
Persern, Armeniern und Kalmücken Vertraute, welche die Bewegung im Innern
des Reiches in Fluß bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren,
vorzüglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reußen, nicht
zurück zu weisen.
In der That kann dieses ungeheure Ländergebiet von zwölf Millionen
Quadratkilometern die Homogenität der westlichen Staaten Europas überhaupt
nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Völkerschaften desselben
herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflächliche Nuancen. In
Europa, Asien und Amerika (unsere Erzählung spielt in der Zeit, da das
russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war)
erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade östl. Länge (von Ferro) bis zum
110. Grade westlicher Länge und vom 38. bis zum 81. Grade nördl. Breite.
Es zählt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreißig
verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der
Slaven, aber außer den eigentlichen Russen zählen zu dieser auch die
Polen, Litthauer und die Kurländer. Rechne man zu diesen noch die Finnen,
Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen,
die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Stämme, die Mongolenhorden,
Kalmücken, Samojeden, Kamtschadalen und Alëuten, so sieht man leicht ein,
wie schwierig es sein muß, die Einheit eines so ungeheuren Reiches
aufrecht zu erhalten, und daß diese dereinst nur von der Zeit und der
Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.
Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen
Nachforschungen zu entziehen gewußt. Auf jeder Station aber, wo der Zug
anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle
scharf in’s Auge faßten, denn sie hatten auf Befehl des Großmeisters der
Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, daß
dieser Verräther das europäische Rußland noch nicht habe verlassen können.
Erschien ein Reisender verdächtig, so mußte er sich im Polizeibureau
ausweisen, während der Zug weiter sauste, ohne sich um solche
unfreiwillige Nachzügler zu bekümmern.
Es ist völlig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten
Rücksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in
militärischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel,
womit ein Souverän sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat,
an die Spitze seiner Ukase zu setzen: „Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und
Selbstherrscher aller Reußen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod,
Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones,
Fürst von Skof, Großherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien
und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von
Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen
Ländern, Herrscher und Großfürst der Territorien von Nishny-Nowgorod,
Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien,
Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber über die
hyperboräischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie,
Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souverän der
Tscherkessenfürsten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen,
Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg.“ In der That ein
mächtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweiköpfiger Adler mit Scepter und
Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod,
Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem großen
Bande des St. Andreasordens, über dem eine Kaiserkrone schwebt! –
Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen
Scheerereien.
Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem
Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende
Skizze dieser alten Hauptstadt Rußlands zu entwerfen.
Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch
ein junges Mädchen an der Thür von Michael Strogoff’s Coupé.
Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Mädchen
nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche,
scheinbar ihr ganzes Gepäck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie
sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufälligen Reisegefährten
auch nur einmal angesehen zu haben, für eine mehrstündige Fahrt zurecht.
Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin
theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Rücksitz einnahm, bot er ihr
seinen Platz an, wenn sie diesen vorzöge, aber sie lehnte das mit einer
leichten Verbeugung dankend ab.
Das junge Mädchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zählen. Ihr
wirklich hübscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, – einen etwas
strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schön als hübsch werden mußte,
wenn einige Jahre die Züge ihres Gesichtes weiter befestigt haben würden.
Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fülle goldblonden Haares. Ihre
braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade
Nase verband mit beweglichen Flügeln ihre etwas schmalen und blassen
Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit längerer Zeit alles
Lächeln verlernt zu haben.
Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie
trug, erkennen konnte, groß und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne
des Wortes als „ein sehr junges, unschuldiges Kind“ erschien, so war doch
ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des
Gesichtes ließ auf eine ungewöhnliche Energie schließen, – Einzelheiten,
welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Mädchen
früher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in
rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die
Widerwärtigkeiten des Lebens sowohl anzukämpfen gewußt, als sie die
Entschlossenheit besaß, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft
schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschütterlich,
vielleicht selbst unter Umständen, welche einen Mann in Verlegenheit
gebracht hätten.
Diesen Eindruck erweckte das junge Mädchen auf den ersten Blick. Michael
Strogoff, selbst ein energischer Charakter, mußte sich von einer solchen
Erscheinung getroffen fühlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie
dadurch nicht zu belästigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen
Aufmerksamkeit.
Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die größte
Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar
nicht sein; aber man hätte vergeblich nach einer Spur von Nachlässigkeit
an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepäck barg jene rothe Tasche, die sie aus
Mangel an Platz auf den Knieen hielt.
Sie trug einen langen, ärmellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich
mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloß. Unter demselben
bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fußgelenk
reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffälliger
Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als
wären sie für eine lange Reise bestimmt, schützten die kleinen Füßchen.
Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costüms die Tracht der
Liefländerinnen zu erkennen und setzte also voraus, daß seine Nachbarin in
den baltischen Provinzen zu Hause sei.
Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstützung
des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie
wirklich schon nach Zurücklegung einer längeren Reise aus den westlichen
Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag
ihr Ziel noch über den östlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter,
ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich,
daß sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt
befinden werde, wie in diesem Coupé, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine
Seele um sie kümmerte?
Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewöhnen pflegt,
zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und
Weise, wie sie in das Coupé einstieg und sich für die Fahrt einrichtete,
das Vermeiden jeder Belästigung Anderer, welches an eine gewisse
Schüchternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und
nur auf sich selbst zu rechnen.
Michael Strogoff beobachtete sie mit zurückhaltendem Interesse und suchte
nicht einmal ein Gespräch anzuknüpfen, wiewohl die Fahrt bis
Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.
Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mädchens, – jener Kaufmann, welcher
so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, – im Einschlafen
seine Nachbarin mit dem großen, auf den Schultern hin und her taumelnden
Kopfe zu belästigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm
zu verstehen, daß er gerade sitzen und sich etwas rücksichtsvoller
betragen solle.
Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte „von
Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen“; Michael
Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, daß der
Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende
von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.
Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke,
der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrückte.
Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den
Charakter des jungen Mädchens noch klarer erkennen ließ.
Etwa zwölf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen
Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoß. Dann lief er noch eine Minute
neben der Böschung eines Dammes hin.
Ein tüchtiges Schütteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine
Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man
konnte wohl noch ein schweres Unglück befürchten. Noch bevor der Zug zum
Stehen kam, sprangen schon die Waggonthüren auf, die entsetzten Reisenden
suchten ihr Heil in der Flucht und stürzten aus den Coupés.
Michael Strogoff dachte zunächst an seine Nachbarin; doch während die
übrigen Insassen sich schreiend und stoßend hinaus drängten, hielt das
junge Mädchen, deren Gesicht kaum etwas blässer geworden war, ruhig auf
ihrem Platze aus.
Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.
Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut
kam über ihre Lippen.
Beide blieben ganz ruhig.
„Eine energische Natur!“ dachte Michael Strogoff.
Inzwischen war jede Gefahr vorüber. Ein Radreifensprung am Gepäckwagen
hatte erst den Stoß und dann das Anhalten des Zuges veranlaßt, doch hätte
nicht viel gefehlt, daß er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme
in die Tiefe gestürzt wäre. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich,
nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und
gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.
Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die
unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.
Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden
Podaroshna vor, der ihn genügend legitimirte.
Auch die andern Insassen des Coupés, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod
gingen, schienen zu ihrem Glücke unverdächtig.
Das junge Mädchen für ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepaß
hervor, der ja im Innern Rußlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern
einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein
schien.
Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfältiger
Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:
„Du bist aus Riga?
-- Ja, erwiderte das junge Mädchen.
-- Und willst nach Irkutsk?
-- Ja.
-- Auf welchem Wege?
-- Auf der Straße über Perm.
-- Gut, antwortete der Inspector. Vergiß in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen
Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen.“
Das junge Mädchen verneigte sich bejahend.
Als er diese Fragen und Antworten hörte, empfand Michael Strogoff
gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie!
Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu
jetzt, wo zu den gewöhnlichen Unzuträglichkeiten noch alle Gefahren eines
von Feinden überschwemmten, aufrührerischen Landes hinzutraten! Wie würde
sie ankommen? – was aus ihr werden?...
Nach Schluß der Inspection wurden die Waggonthüren geöffnet, doch bevor
Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die
junge Liefländerin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die
Perrons bedeckte, verschwunden.
Fünftes Capitel.
Eine Verordnung mit zwei Artikeln.
Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist
die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier mußte Michael
Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit über die Stadt noch
nicht hinausreichte. Je weiter er vorwärts kam, desto langsamer und
gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.
Nishny-Nowgorod, das gewöhnlich nur 30-35,000 Einwohner zählt, beherbergte
jetzt über 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht.
Dieser Zuwachs rührte von der weltberühmten Messe her, welche in seinen
Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Früher erfreute
sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem
Jahre 1817 aber ward die große Messe hierher verlegt.
Die sonst ziemlich düstere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der
lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europäischer und
asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige
Handelsgeschäfte im Spiel waren.
Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof
verließ, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten
Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen
ist die obere, auf einem abschüssigen Felsen erbaute Stadt von einer jener
Festungsanlagen vertheidigt, die man in Rußland ganz allgemein „Kreml“ zu
nennen pflegt.
Wäre Michael Strogoff genöthigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod längere
Zeit aufzuhalten, so hätte er wohl Mühe haben sollen, ein Hôtel oder doch
eine halbwegs passende Herberge zu finden, – Alles war überfüllt. Da er
indeß auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den
nächstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so mußte er sich doch wohl
oder übel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indeß,
sich über die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab
er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst
zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.
Dort erfuhr er zu seinem großen Mißvergnügen, daß der „Kaukasus“ – so hieß
das reisefertige Schiff – erst zu Mittag am nächsten Tage abgehen werde.
Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm für einen Mann, der es
eilig hatte, und doch mußte er sich darein finden. Er that es auch ruhig,
da er nicht unnöthig zu außergewöhnlichen Mitteln greifen wollte.
Uebrigens hätte ihn unter den gegebenen Umständen auch kein Teleg oder
Tarantaß, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach
Perm oder Kasan befördert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des
Steamers zu erwarten – jenes Beförderungsmittels, das ihn schneller als
jedes andere vorwärts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich
wieder einbringen mußte.
Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne
Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen könnte. Der
letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das
Gefühl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fühlbar machte, hätte
er die Straßen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht über durchirrt.
Es gelüstete ihn also weit mehr nach einem tüchtigen Abendimbiß, als nach
einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der „Stadt
Konstantinopel“.
Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmäßiges Zimmerchen ablassen, das
zwar nur ein dürftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebräuchliche
Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in
Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von säuerlichem
Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer
Zucker mit Zimmet, ein Krug „Kwaß“, d. i. eine in Rußland sehr verbreitete
Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel,
seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls aß er sich aber satt, und das auch
besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer „Altgläubiger“ von der Secte
der Raskolniks, der bei seinem Gelübde der Enthaltung gewisser Speisen die
Kartoffeln von sich wies und sich weislich hütete, seinen Thee zu
versüßen.
Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem
Zimmer zu begeben, ganz maschinenmäßig die unterbrochene Promenade durch
die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Dämmerung
lichteten sich doch schon die Mengen, die Straßen wurden allmälig öder und
Jedermann suchte sein Lager.
Warum Michael Strogoff sich nicht gemächlich in’s Bett begab, wie man es
nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte?
Dachte er vielleicht noch an die junge Liefländerin, seine Reisegenossin
während einiger flüchtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun
wußte, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befürchtung an, daß sie in
dieser geräuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein könnte? –
Er fürchtete es, und gewiß mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und
im Nothfall sich zu ihrem Beschützer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war
nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem
Rechte durfte er ihn anbieten?
„Allein, sprach er so für sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und
doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft
birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich für Rußland, für den Czaaren wagen
will, das unternimmt sie für ... Ja, für wen? Für was ... Sie hat einen
Paß zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land über derselben ist in
Empörung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!...“
Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie überlegend, stehen.
„Unzweifelhaft, dachte er bei sich, faßte sie den Plan zu dieser Reise vor
dem Einfalle. Vielleicht weiß sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch
nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien
gesprochen, und sie schien darüber nicht im Mindesten betroffen ... Sie
verlangte keine näheren Erklärungen ... Aber dann wußte sie davon auch
schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund
dieser gefahrvollen Reise muß ein sehr zwingender sein! Doch so
entschlossen sie auch sein mag – und sie ist es ganz gewiß, – die Kräfte
werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und
Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar
nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk
gelangen!“
Michael Strogoff ging hierbei immer auf’s Gerathewohl weiter. Bei seiner
ausreichenden Localkenntniß konnte ihm die Wiederauffindung seiner
Herberge ja nicht schwer fallen.
Nach einstündigem Umherwandeln setzte er sich von ungefähr auf eine Bank
an einer Art Holzhütte, die sich inmitten vieler anderer auf einem großen
Platze erhob.
Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf
seine Schulter legte.
„Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen
Mannes an, dessen Annäherung ihm entgangen war.
-- Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.
-- Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?
fragte der Mann.
-- Wenn mir das paßt, gewiß! versetzte Michael Strogoff in einem etwas
bestimmteren Tone, als er seinem Aeußern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,
entsprach.
-- Tritt heran, daß ich Dich erkenne!“
Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, daß er auf keinen
Fall eine Unklugheit begehen dürfe, wich unwillkürlich aus.
-- „Mich hat Keiner nöthig zu erkennen“, erwiderte er.
Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurück.
Bei genauerer Betrachtung überzeugte er sich, daß er es mit einer Art
Zigeuner zu thun hatte, wie man sie häufig bei allen Messen und Märkten
trifft, und deren Berührung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter
erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geräumigen
Wagen, die gewöhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in
Rußland überall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen
sind.
Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich
eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thür der Bude
öffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und
eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von
mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:
„Wieder ein Spion! Laß ihn und komm zum Essen. Die ‚Papluka‘(1) wartet.“
Michael Strogoff mußte unwillkürlich lachen, als er diesen Titel hörte,
er, der vielmehr allen Spionen möglichst auswich.
In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete
der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:
„Du hast recht, Sangarre; übrigens werden wir morgen weg sein!
-- Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaßen
überrascht.
-- Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater
selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!“
Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurück, deren Thür von Innen
sorgfältig geschlossen wurde.
„Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,
nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart
einer andern Sprache zu bedienen.“
Als geborener Sibirier, der seine ganze frühe Jugend in der Steppe verlebt
hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwähnt, fast alle gebräuchlichen
Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner
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