Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten über diese Terrasse
gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu
übersehen war.
In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniß.
Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff
darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm
ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger
von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das
Palais verlassen, um sein Bubenstück zu vollenden.
Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine
Beute stürzen will.
Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Großfürst, daß Michael Strogoff,
– denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, – vor ihn geführt werde. Ein
Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thür geschlossen.
Er rief ...
Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,
hütete sich aber zu antworten.
Man meldete dem Großfürsten, daß der Courier des Czaar augenblicklich im
Palais nicht anwesend sei.
Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt für die mit den Tartaren
verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt
waren.
Iwan Ogareff öffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem
nördlichen Ende der Seitenterrasse.
Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hörbar an
den Pfeilern der früheren Brücke brachen.
Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete dadurch ein
Stückchen mit Pulver imprägnirten Schwamm und warf diesen in den Fluß ...
Auf Iwan Ogareff’s Befehl waren jene Ströme Mineralöls auf die Oberfläche
der Angara geleitet worden.
Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen
dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff
verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand
zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den
vorräthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung
eines Stücks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome
ausfließen zu lassen.
Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die
Ursache, weshalb das Floß mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia
und den übrigen Flüchtlingen in einem Strome von Mineralöl schwamm. Durch
die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs
hatte sich die flüssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der
natürlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,
auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf
schwimmen mußte.
So führte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie
ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. –
Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.
In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestände, flammte die
ganze Fläche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen
den beiden Ufern wälzten sich bläuliche Feuerwogen. Darüber wirbelten
dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strömung vorhandenen
Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen
und mit Zischen und Pfeifen schoß das verdampfende Wasser in die Höhe.
Gleichzeitig knatterte am südlichen und nördlichen Ende der Stadt das
Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara öffneten ihren groben
Mund. Mehrere Tausend Tartaren stürzten sich stürmend auf die Erdwerke.
Die hölzernen Gebäude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen
Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.
„Endlich!“ sagte Iwan Ogareff für sich.
Er konnte sich mit vollem Rechte Glück wünschen. Sein Angriffsplan ging
fürchterlich in Erfüllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen plötzlich
zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.
Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevölkerung noch kräftige
Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem
Feuer zerstörten Häusern, um wenigstens die übrige Stadt zu retten.
Das Thor von Bolchaïa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann
sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des
Verräthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwählt, um die letzten
Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwälzen und eher durch den
politischen Haß jener Mannschaften erklären zu können.
Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell
erleuchteten Zimmer zurück. Dann machte er sich bereit, auszugehen.
Doch kaum öffnete er die Thür, als sich ein Weib mit durchnäßter Kleidung
und wild herab hängendem Haar in das Zimmer stürzte.
„Sangarre!“ rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes
weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.
Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.
In dem Augenblicke, als das junge Mädchen auf der Eisscholle, dem letzten
Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf
ausstieß, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich
mit ihr in das Wasser gestürzt, um unter demselben einen Schutz gegen die
Flammen zu finden. Wie erwähnt befand sich die Scholle, welche sie trug,
nur etwa noch dreißig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.
Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,
daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.
Endlich winkte Michael Strogoff sein heißersehntes Ziel. Er war in
Irkutsk!
„Zum Palaste des Gouverneurs!“ rief er Nadia zu.
Kaum zehn Minuten später erreichten Beide den Eingang des Palais, um
dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschädlich emporzüngelte.
Weiterhin standen die Häuser am Ufer alle in Flammen.
Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt überall
offene Gebäude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz
ihrer triefenden Kleidung, Niemand.
In dem großen Parterresaale drängte sich eine Anzahl Officiere, um sich
Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszuführen. Hier wurden
Michael Strogoff und Nadia durch das Stoßen und Drängen der erregten Menge
von einander getrennt.
Rathlos durchirrte Nadia die Säle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach
ihrem Begleiter und verlangte, vor den Großfürsten geführt zu werden.
Da öffnete sich vor ihr die Thür zu einem vom Feuerscheine hell
erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den
sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenüber Demjenigen, dessen
ruchlose Hand in der nächsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.
„Iwan Ogareff!“ rief sie entsetzt.
Der Elende zitterte, als er seinen Namen hörte. Sein ganzer Plan mußte ja
scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines übrig: das
lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen
kannte.
Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mädchens,
das sich durch eine Mauer im Rücken zu decken suchte, blitzte schon ein
Messer, um sich zu vertheidigen.
„Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewußtsein, daß dieser
verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.
-- Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verräther.
-- Iwan Ogareff!“ rief das unerschrockene Mädchen zum dritten Male mit
einer Stimme, deren Stärke ihr tödtlicher Haß nur verdoppelte.
In wahnsinniger Wuth riß Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Gürtel,
sprang auf Nadia zu und drängte sie nach einer Ecke des Raumes.
Jetzt wäre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den
Schurken von ihr wegriß und zur Erde schleuderte.
„Michael!“ rief Nadia.
Es war Michael Strogoff.
Die Ausrufe Nadia’s hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem
Zimmer Iwan Ogareff’s gelangt und durch die halb offen gebliebene Thür
eingetreten.
„Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff
stellend.
-- Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verräther ist
bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ...“
Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes
Spiel zu haben wähnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.
Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern
seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.
Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, daß er ja
einen Degen habe. Er riß diesen aus der Scheide und stellte sich wieder
zum Angriff bereit.
Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur
mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut für ihn.
Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen
Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thür, um nach Hilfe zu rufen.
„Schließe die Thür, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, laß die
Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken
nicht mehr zu fürchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte
ihn!“
Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.
Er suchte das Geräusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems
dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tödtlich treffen, bevor
er seine Annäherung gewahr würde. Der Schuft dachte nicht daran, sich
ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,
einfach ermorden.
Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese
fürchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff’s
unerschütterliche Ruhe schien auch über sie gekommen zu sein. Als Waffe
besaß Michael Strogoff nur sein sibirisches Jägermesser, und seinen mit
dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade
des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit über Jenen? Wie
konnte er, ohne daß ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des
Feindes zu begegnen?
Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese
übermenschliche Ruhe erdrückte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu
Rathe zog, sagte er sich wieder, daß ja der Vortheil ganz auf seiner Seite
sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er
suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte
sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurück?
Endlich sprang er auf und führte einen heftigen Stoß gegen Michael
Strogoff’s Brust.
Eine geschickte und unerklärliche Bewegung des Messers Michael Strogoff’s
lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltblütig schien
er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.
Aus Iwan Ogareff’s Stirn perlte ein eiskalter Schweiß. Er trat erst einen
Schritt zurück und drang dann auf’s Neue vor. Aber der Todesstreich
mißlang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten
Messers drängte den nutzlosen Degen zur Seite.
Rasend vor Wuth und Schrecken gegenüber dieser lebenden Bildsäule heftete
der Verräther seinen Blick auf die weit geöffneten Augen des Geblendeten.
Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen
und doch unmöglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art
entsetzlicher Zauberkraft.
Plötzlich stieß Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es
unerwartet klar.
„Er sieht, rief er, er kann sehen!...“
Und wie ein Raubthier scheu seine Höhle zu gewinnen sucht, wich er in den
Hintergrund des Saales zurück.
Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan
Ogareff zu und sagte:
„Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich
elenden Verräther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein
Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir
noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genügt mir gegen
Deinen Degen!
-- Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gütiger, gerechter Gott, ist
das möglich?“
Iwan Ogareff fühlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten
Muth zusammen und stürzte sich mit dem Degen auf seinen unerschütterlichen
Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael
Strogoff’s, geführt von der geübten Hand des sibirischen Jägers, sprengte
die Klinge in Stücke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos
zu Boden.
In diesem Augenblick wurde die Zimmerthür von außen aufgestoßen. Begleitet
von einigen Officieren erschien der Großfürst auf der Schwelle.
Letzterer trat vor. Auf dem Fußboden erkannte er die Leiche Desjenigen,
den er für den Courier des Czaar gehalten hatte.
Mit drohender Stimme fragte er.
„Wer hat diesen Mann getödtet?
-- Ich that es“, antwortete Michael Strogoff.
Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schläfe.
„Dein Name? fragte der Großfürst.
-- Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber
zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Füßen liegt.
-- Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier
des Czaar.
-- Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!
-- Iwan Ogareff? rief der Großfürst.
-- Ja, Iwan, der Verräther seines Vaterlandes.
-- Aber Du, wer bist Du denn?
-- Ich bin Michael Strogoff.“
Fünfzehntes Capitel.
Schluß.
Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals
gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische
Ursache hatte die Wirkung der glühenden Säbelklinge vereitelt, die der
Scharfrichter Iwan Ogareff’s damals vor seinen Augen vorbeiführte.
Der Leser erinnert sich, daß bei Vollziehung des grausamen Urtheils die
alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.
Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,
wenn er weiß, daß es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen
ihm die Thränen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurück zu drängen
suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung
auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thränen
gebildete Dampfschicht zwischen der glühenden Klinge und den Augäpfeln
befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschädlich zu machen. Es ist
das derselbe Vorgang, als wenn ein Gießer nach Anfeuchtung seiner Hand mit
Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flüssigen Eisens führt.
Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus
erwachsen könne, wenn er sein Geheimniß gegen irgend Jemand offenbarte.
Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande
bezüglich der Durchführung seiner Aufgabe ziehen könne. Nur daß er für
blind galt, schien seine persönliche Freiheit einigermaßen sicher zu
stellen. Er mußte also blind scheinen, er mußte es für Alle sein, selbst
für Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der
Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluß stand fest. Er
mußte selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu
geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf’s Spiel setzte.
Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es
damals auf dem Platze vor Tomsk in’s Ohr geflüstert, als er in der
Dunkelheit über jene gebeugt sie mit seinen heißen Küssen bedeckte.
Man entsinnt sich auch, daß, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das
kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff’s geblendete Augen hielt,
dieser dasselbe lesen konnte, und natürlich Alles gelesen hatte, was die
verruchten Pläne des Verräthers enthüllte. Hieraus erklärt sich auch sein
verdoppeltes Drängen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner
Mission wenigstens mündlich zu entledigen. Er wußte, daß die Stadt
verrathen werden solle, daß des Großfürsten Leben in der ernstesten Gefahr
schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens
ruhte also in seiner Hand.
Mit wenigen Worten wurden dem Großfürsten alle die früheren Vorkommnisse
mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wärme den Antheil hervorhob, der
Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebührte.
„Wer ist das junge Mädchen? fragte der Großfürst.
-- Die Tochter Wassili Fedor’s, eines Verbannten.
-- Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Großfürst fort, ist
nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine
Verbannten mehr!“
Nadia fiel, überwältigt von der Freude, der sie leichter erlag als den
harten Schlägen des Schicksals, dem Großfürsten zu Füßen, der sie jedoch
mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.
Eine Stunde später lag Nadia in den Armen ihres Vaters.
Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch
schlugen ihre Herzen im Uebermaß des Glückes.
Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gänzlich fehl. Wassili Fedor
hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstürmenden niedergemacht, die
vor dem Thore von Bolchaïa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,
erschienen, während Jener mit instinctivem Vorgefühl darauf drang, hier
zur Vertheidigung zurück zu bleiben.
Gleichzeitig mit der Zurückweisung der Tartaren gelang es den Belagerten
auch, die Feuersbrunst zu bewältigen. Die Naphtha auf der Oberfläche der
Angara war bald verbrannt, und die auf die Häuser längs des Flusses
concentrirten Flammen verschonten die übrigen Theile der Stadt.
Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan’s, unter
Zurücklassung einer großen Anzahl auf den Wällen umherliegender Todter, in
ihr Lager zurück.
Zu den Gefallenen gehörte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich
vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.
Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.
Iwan Ogareff’s Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des
ganzen Kriegszuges, und er allein besaß durch seine unausgesetzten
Agitationen Einfluß genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu
dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rußlands zu verleiten.
Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts
der noch andauernden Einschließung, stets gleichmäßig wachsam und
kampfbereit.
Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von
Geschützen auf den umgebenden Höhen der Stadt.
Es war der Gruß der Hilfsarmee, die unter der Führung des Generals
Kisselef heranrückte und dem Großfürsten ihr Eintreffen anmeldete.
Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,
unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu müssen, und hoben
daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.
Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.
Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael
Strogoff’s in die Stadt eingezogen, – die unzertrennlichen Collegen Harry
Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, über den Eisschutz das
rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den übrigen Flüchtlingen zu
entkommen, bevor die brennende Angara das Floß ergriffen hatte. In Alcide
Jolivet’s Notizbuch fand sich hierüber die lakonische Bemerkung:
„Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!“
Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund
wieder zu treffen, vorzüglich als sie erfuhren, daß ihr muthiger Gefährte
nicht blind sei. Harry Blount fühlte sich veranlaßt, als eigene
Beobachtung zu notiren:
„Rothglühendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilität des
Sehnerven zu zerstören. Das Verfahren bedarf der Modification.“
Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie
an’s Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach
London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte über den
Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den
untergeordnetsten Punkten widersprachen.
Der ganze Feldzug verlief übrigens höchst unglücklich für den Emir und
seine Verbündeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen
den russischen Koloß gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich
werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,
welche in rascher Folge alle eroberten Städte wieder in ihre Gewalt
brachten. Dazu trat der Winter mit ungewöhnlicher Strenge auf, so daß von
den durch die Kälte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die
Steppen der Tartarei wieder erreichte.
Die Straße von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den
Großfürsten drängte es, nach Moskau zurückzukehren, doch er verschob seine
Abreise, um einer rührenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage
nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.
Michael Strogoff befand sich an Nadia’s Seite und sagte zu ihr in
Gegenwart ihres Vaters:
„Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga
nach Irkutsk einen andern Kummer zurückgelassen, als die Trauer um Deine
Mutter?
-- Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.
-- Kein Stückchen Deines Herzens ist dort zurück geblieben?
-- Keines, Bruder.
-- Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als daß es Gottes Absicht war, uns
nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prüfungen, sondern wohl
für immer zusammen zu führen.“
Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff’s Arme.
Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.
„Mein Vater! sagte er leicht erröthend.
-- Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude
sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!“
Die Vermählungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war
nur einfach hinsichtlich des äußeren Pompes, aber erhebend durch die
ungeheure Theilnahme der ganzen Bevölkerung, welche ihrer tiefen
Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren
Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.
Selbstverständlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei
dieser Hochzeit, über die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.
„Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte
Alcide Jolivet seinen Collegen.
-- Pah, erwiderte Harry Blount, hätte ich freilich eine Cousine so wie
Sie ...
-- Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide
Jolivet.
-- Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von
Schwierigkeiten zwischen London und Peking. – Hätten Sie keine Lust
zuzusehen, was dort vorgeht?
-- Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen
diesen Vorschlag machen!“
Stehenden Fußes brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem
Himmlischen Reiche.
Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und
Nadia, natürlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rückreise nach
Europa. Diese Schmerzensstraße auf dem Herweg wurde zum Glückspfade für
den Rückweg. Sie eilten in größter Schnelligkeit dahin auf einem jener
prächtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug über Sibiriens eisbedeckte
Steppen fliegen.
Nur am Ufer der Dinka gönnten sie sich einen einzigen Rasttag.
Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus
begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein
letztes Gebet an der Ruhestätte des ergebenen, heldenmüthigen Freundes,
den Beide niemals vergessen konnten.
In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Häuschen der Strogoff’s.
Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal
ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn
erkennen und ihrem mütterlichen Stolze genug thun.
Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff
nach Europa weiter. Wassili Fedor ließ sich in Petersburg nieder, und
weder sein Sohn noch seine Tochter verließen ihn jemals, außer wenn sie
der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.
Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in
seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen
Georg aushändigte.
Michael Strogoff gelangte später zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die
Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die
seiner männlich überwundenen Prüfungen und Leiden.
Ende des Courier des Czaar.FUSSNOTEN
1 Eine Art Blättergebackenes.
2 Dieses Kleidungsstück heißt „-dakha-“; es ist sehr leicht und doch
für Kälte fast undurchdringlich.
3 Eine russische Geldmünze im Werthe von 5 Rubeln.
4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebräuchlichen „Sir“
und wird gegenüber dem Sultan von Bukhara gewöhnlich angewendet.
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