Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig
am glücklichsten ab.
„Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die
Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
Schwierigkeiten geboten hätte.
-- Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael
Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!“
Achtes Capitel.
Ein Hase, der über den Weg läuft.
Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, daß die Straße bis nach
Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurückgehaltenen Tartaren gewiß
weit überholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
fanden sie da nur eine verlassene Stadt und außerdem keinerlei Hilfsmittel
zur Ueberschreitung des Jeniseï. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
anzubringende Schiffsbrücke schlagen mußte, um sich einen Uebergang
herzustellen.
Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
Omsk fühlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
hoffen, daß sich kein neues Hinderniß zwischen ihm und seinem Ziel erheben
werde.
Die Kibitka rollte nun schräg nach Südosten und traf nach einem Wege von
etwa fünfzehn Werst wieder auf die lange Straße durch die Steppe.
Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Straße zwischen Krasnojarsk und
Irkutsk wird sogar für den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stöße
durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schützte die Reisenden vor den
Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wälder von Fichten und
Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
und Dörfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
größten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gähnte eine Wüste und,
wie wir wissen, eine künstliche Wüste auf Befehl der Regierung.
Das Wetter hielt sich schön; bei den schon kühleren Nächten aber erwärmte
sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rückten die
ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
gelegenen Gegend verkürzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns über
dem Horizont. Der Herbst währt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
sibirischen Gebietes nicht über dem 55. Grade der Breite, also etwa so
hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
asiatischen Rußlands auch auf, wenn man bedenkt, daß sie das Quecksilber
im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
ungefähr 42° unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20° für
eine ganz erträgliche hält.
Die Witterung begünstigte also die Reisenden; sie war weder stürmisch noch
regnerisch, die Hitze nur mäßig, die Nächte frisch. Nadia’s und Michael
Strogoff’s Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
Tomsk hatten sie fast alle früheren Beschwerden vergessen.
Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.
Ihm galt diese Reise für einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfüllte.
„Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwölf Stunden
des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
Zeichen gegeben werden) zu arbeiten.“
Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermögen, daß er
das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
ihm anvertraut, daß Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
verbannten Vater aufzusuchen, und daß sie große Eile hätten, dahin zu
kommen. Natürlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fünfzehn Werst genügend Ruhe
gegönnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
zurücklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kräften und schon seiner Race
nach für längere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
fehlte es ihm längs der Straße nicht, überall sproßte fettes, frisches
Gras fast im Ueberfluß. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
wohl zumuthen.
Nicolaus fügte sich diesen Gründen. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
Nichts erschien ihm rührender. Mit zufriedenem Lächeln sagte er auch zu
Nadia:
„Himmlische Güte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange öffnen. Wenn ich bis
Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
sein? Ja, nicht wahr?“
Dann schlug er sich vor die Stirn.
„Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, daß sein
armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
Schmerz doch immer!“
Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwärts und legte,
Michael Strogoff’s Rechnung nach, zehn bis zwölf Werst in der Stunde
zurück.
Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaïsk, achtzig Werst
von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaïsk.
Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
von fünfunddreißig Werst Kamsk, einen größeren Ort, den der gleichnamige
Fluß, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
Jeniseï, bespült. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
großen Platz errichtete Gruppe von hölzernen Häusern; über diese hinaus
ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
hell in der Sonne funkelte.
Die Häuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
kein Pferd in den Ställen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört.
Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er
dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
Beschäftigung zu suchen.
Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen
Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst
berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß
nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders
verzögert werden.
Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa
einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen
nicht versäumt, „ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde“. Nach
stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je
fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng
beobachtet werden.
Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.
Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines
Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend „Pogatchas“, das ist
eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem
Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die
Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.
Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine
Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
Großfürsten zu erscheinen.
Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreißig Schritt vor der
Kibitka, über den Weg.
„O weh! rief Nicolaus.
-- Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
das geringste Geräusch erregt.
-- Siehst Du nicht“ ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
plötzlich verdüstert hatte.
Doch er unterbrach sich.
„Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut für Dich,
Väterchen.
-- Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.
-- Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...
-- Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.
-- Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!“ antwortete Nicolaus.
Wenn ein Hase Jemand über den Weg läuft, so hält das der Volksglaube in
Rußland allgemein für das Vorzeichen eines drohenden Unglücks.
Abergläubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.
Michael Strogoff verstand recht gut das Zögern seines Gefährten, obgleich
er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezüglich des vorüberlaufenden
Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.
„O, deshalb ist nichts zu fürchten, Freund, sagte er.
-- Für Dich nichts, für sie auch nicht, Väterchen, das weiß ich, erwiderte
Nicolaus, wohl aber für mich!“
Dann fuhr er fort:
„Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!“
Er trieb das Pferd wieder an.
Trotz des unglücklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
Störung.
Am nächsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.
Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
wie sie die sibirischen Jäger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
selbst das andere.
Die Kibitka befand sich nun noch fünfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
entfernt.
Während dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frühere gute Laune
wiederfinden können. Das üble Vorzeichen hatte ihn tiefer berührt, als man
hätte glauben sollen, und wenn er früher fast unaufhörlich plauderte, so
verfiel er jetzt manchmal in so düsteres Schweigen, daß Nadia Mühe hatte,
ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
abergläubischen Vorfahren die düstere hyperboräische Mythologie herrührt.
Von Jekaterinenburg aus verläuft die Straße nach Irkutsk fast stets
parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
herab nach Südosten, so daß sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
Sie hält nun die kürzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
wendet sich über den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
stellt selbst nur einen Vorwall der großen Altaïkette dar, welche man hier
schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.
Die Kibitka eilte also auf dieser Straße hin. Ja, sie eilte. Man fühlte
recht wohl, daß Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
schonen, und daß er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr für sicher, als in
den Mauern von Irkutsk. Gewiß hätten viele Russen dieselbe Empfindung
gehabt, und nicht wenige von ihnen hätten wohl gar das Pferd gewendet, um
die Stelle nicht zu überschreiten, an der ihnen ein Hase über den Weg
gelaufen war!
Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
Nadia überzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
es allerdings möglich, daß die Reihe der ihnen bevorstehenden Prüfungen
noch immer nicht abgeschlossen sei.
Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
sonderlich verändert, hier aber trugen die Wälder Spuren von Zerstörungen
durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Straße waren
verwüstet, und es lag auf der Hand, daß daselbst eine bedeutende
Truppenmacht vorüber gekommen sein mußte.
Dreißig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
stattgefundenen Zerstörung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
der Hand der Tartaren herrühren konnte.
Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
zertreten, die Wälder von der Axt des Holzhauers gefällt. Die in weiten
Zwischenräumen längs der Straße verstreuten Häuser standen nicht nur leer,
nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstört. Die
Wände verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.
Michael Strogoff’s Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
schwand ihm jeder Zweifel, daß ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
dieser Straße gehaust hatte, und doch konnten das unmöglich Soldaten des
Emirs gewesen sein, denn sie hätten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
ganz bestimmt treffen müssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstraße nach
Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
noch entgegen?
Michael Strogoff theilte seine Befürchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht überhaupt unnöthig zu
beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniß aufhielt. Dann wollte er sehen,
was sich noch thun ließe.
Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer
starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
verdächtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Häuser, die gewiß
erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezündet worden waren.
Am 8. September endlich stand die Kibitka plötzlich still; das Pferd
scheute zurück. Sersko bellte Klagelaute.
„Was giebt es, fragte Michael Strogoff.
-- Hier liegt ein Leichnam!“ antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
sprang.
Es war der Körper eines gräßlich verstümmelten Mujiks.
Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff’s Hilfe schleppte er den
Todten nach der Böschung der Straße. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
von den Resten dieses Körpers abzuhalten, doch Michael Strogoff ließ ihm
nicht die Zeit dazu.
„Vorwärts, Freund, rief er, vorwärts, wir dürfen uns auch nicht eine
Stunde aufhalten.“
Die Kibitka setzte ihren Weg fort.
Hätte Nicolaus übrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
die letzte Ehre erweisen wollen, er wäre nimmer fertig geworden. Mehr in
der Nähe von Nishny-Udinsk fand man die Körper der Ermordeten zu Fünfzigen
auf der Erde liegend.
Dennoch mußte man diesem Wege so lange folgen, als es ausführbar war, ohne
den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverändert
beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstörung mit
jedem Dorfe mehrten.
Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gründung durch verbannte
Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwüstung und Plünderung
ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
Wie es überhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniß gekommen war, das konnte
Niemand erklären, da sich keine lebende Seele fand, die es hätte sagen
können.
An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
die hohen Thürme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wälzten sich
dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrührten.
Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluß mußte gefaßt werden.
War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
sie um jeden Preis zu umgehen.
„Laßt uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
jedenfalls vorsichtig.“
Noch eine Werst wurde zurückgelegt.
„Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
man zündet dort die Stadt an!“
Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
Dunstmassen züngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
und wälzte sich gen Himmel. Einen Flüchtling sah man aber nicht.
Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
Zerstörung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
Verwüstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf höheren Befehl? Lag
es in der Absicht der Regierung des Czaaren, daß keine Stadt, kein Flecken
vom Jeniseï und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
zurückbleiben oder seinen Weg fortsetzen?
Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gründlicher Erwägung des
Für und Wider hielt er es aber doch für das Wichtigste, selbst um den
Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
die Hände zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Straße
zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
zurückzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuß krachte. Eine
Kugel pfiff herüber, und zu Tode getroffen stürzte das Pferd der Kibitka
zusammen.
Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Straße und
umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
Nishny-Udinsk abgeführt.
Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
Kaltblütigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
auch unmöglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Hätte er seine Augen
gebrauchen können, er würde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
einem schrecklichen Blutvergießen geführt hätte. Doch wenn er nichts sah,
so konnte er doch hören und verstehen, was Jene sagten.
An ihrer Sprache erkannte er, daß diese Soldaten Tartaren waren, und an
ihren Worten, daß sie der Armee der Feinde vorausschwärmten.
Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt führten, und aus einigen Brocken
ihrer späteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:
Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
immer hinter dem Jeniseï zurückgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan’s nächstens in
der Nähe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.
Auf Iwan Ogareff’s Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
Einfalls in die östlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
Grenze des Gouvernements Semipalatinsk längs der Südküste des
Balkhachsee’s und dem Fuße des Altaïgebirges hingeschlichen. Geführt von
einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
oberen Lauf des Jeniseï. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
den Czaaren getroffenen Maßregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
entweder als solche oder als Brückenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jeniseï
herabgezogen und hatte die Straße nach Irkutsk erst in der Nähe von
Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklärte sich die Anhäufung von Ruinen
jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegführung dieser
Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
in einer Gesammtstärke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemächtigen. In kurzer Zeit
sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.
So lagen die Dinge zu jener Zeit, – gewiß eine gefährliche Lage für den
vollständig isolirten Theil des östlichen Sibiriens und für die
verhältnißmäßig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.
Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
und Iwan Ogareff’s mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
Frage der Zeit.
Welche Gedanken bestürmten hierbei Michael Strogoff! Wer würde erstaunen,
wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
die Worte:
„Ich werde dennoch ankommen!“
Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
die letzten Marodeure verließen, sollten sie nicht bleiben.
Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschüttert in ihrem
Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar äußerlich gleichgiltig, aber
immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit böte.
Den Tartaren entging es keineswegs, daß einer ihrer Gefangenen blind war,
und ihre natürliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
Unglücklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
Michael Strogoff’s Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte öfters
Seitensprünge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mädchens brachen und
Nicolaus empörten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
Tartaren war ihnen nicht geläufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
zurückgewiesen.
Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
Gedanken, Michael Strogoff’s Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
Reiter, den Michael Strogoff sagen hörte:
„Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!“
Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Dörfern
Tatan und Chibarlinskoë. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
gesetzt, dessen Zügel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
Peitschenschläge, Steinwürfe und lautes Schreien in Galop.
Das blinde Pferd stieß, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
Stößen wieder zurück.
Michael Strogoff widersprach nicht. Er ließ keine Klage hören. Stürzte
sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Füße brachte. Das
geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.
Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
mehr zurückhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
ihn zurück und mißhandelte ihn.
Gewiß hätte dieses Spiel noch lange Zeit zum größten Ergötzen der Tartaren
fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.
Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuß tiefe Schlucht neben der
Straße zu.
Nicolaus wollte ihm nach, – man hielt ihn zurück. Das führerlose blinde
Pferd stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe.
Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mußten glauben, daß
ihr unglücklicher Gefährte bei diesem Fall zerschmettert sei.
Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff außer dem Sattel
und unverwundet, während das Pferd zwei Füße gebrochen hatte und völlig
dienstuntauglich geworden war.
Man ließ es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoß zu geben, und
band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so daß er dem
Detachement zu Fuße folgen mußte.
Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
Schrittes, so daß sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
anspannte. Er blieb immer „der Mann von Eisen“, von dem General Kissoff
dem Czaaren gesprochen hatte.
Am nächsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
Chibarlinskoë.
Hier trug sich ein Ereigniß zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.
Die Nacht war gekommen. Während einer Stunde der Rast hatten die
tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
wieder aufbrechen.
Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.
Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
Nicolaus hatte diesen für ihn gesehen.
Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu überlegen und ohne sich von seiner That
Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoß sie dem
Tartaren mitten auf die Brust ab.
Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
herzugelaufen.
Die Reiter wollten den unglücklichen Nicolaus erwürgen, doch auf ein
Zeichen des Officiers begnügte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.
Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
durchnagt sein mochte, riß bei der unerwartet heftigen Bewegung des
Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
ohne es nur gewahr zu werden.
Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstraße.
Neuntes Capitel.
In der Steppe.
Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während
ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß,
eine häufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel
zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei
trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.
Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter
den traurigsten Umständen wieder verloren.
Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben
und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.
Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte
sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
Nadia standen ganz, ganz allein.
„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“
Michael Strogoff erwiderte nichts.
„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen
suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für
Dich wagte?“
Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine
Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?
Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:
„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:
-- Nach Irkutsk.
-- Auf der großen Landstraße?
-- Ja, Nadia.“
Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben,
sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der
Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
verlassen.
Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.
Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem
Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die
ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’
Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich
durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß
sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
bei Irkutsk auf.
Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war
Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch
Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit
bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
war also für mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
fehlen.
Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht
auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu
bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’
beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.
Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.
„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.
-- O nein, antwortete sie.
-- Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.
-- Ja wohl, Michael.“
Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka,
überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne
Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.
Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die
Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur
vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
ziemlich schnell vorüber.
So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte.
Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während
der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges
Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur
zwei und eine halbe Kopeke kostet.
Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich
kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die
grenzenlose Steppe fortsetzen.
Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer
bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia
kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.
Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her.
Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter
gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den
Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei.
Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das
Auftauchen der tartarischen Plänkler.
Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle
und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.
Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie
sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mädchen erinnerte
an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.
Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer
einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.
Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:
„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“
Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie
seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der
Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
auf dem Plateau bei Tomsk lag?
„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
dadurch ein Vergnügen.“
Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles,
was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in
Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie
sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.
„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen
Stirn sich düstere Wolken lagerten.
Nach einer Pause fügte er dann hinzu:
„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
nicht zu sehen.
-- Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.
-- Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!
-- Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa
Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen
Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.
-- Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.
-- Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich
nichts.
-- Sprich, Nadia!
-- Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
immer so dringend nach Irkutsk?“
Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab
keine weitere Antwort.
„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?
-- Nein, er war mir unbekannt.
-- Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater
zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?
-- Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine
Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht,
wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an
dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt
zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!
-- Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in
Irkutsk einzutreffen?
-- Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.
-- Auch jetzt noch?
-- Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“
Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den
Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
nicht Alles sagen durfte.
Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.
Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht.
Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:
„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“
Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniß, keine
Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
Erschöpfung fühlten sie.
So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die
Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.
Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische
Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein
Fortschritt zu seiner Abwehr.
Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des
Großfürsten nur allein in seinen Händen.
Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken
unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte
Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende
Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf
durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
Reisen in günstigeren Jahreszeiten, daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu
durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230
Werst nach Irkutsk führte.
Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu
gut.
Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:
„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte
Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’
ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den
Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für
Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!...“
Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des
jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
schneller.
Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder
dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
erhellten.
Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete Ortschaft. Die
Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis
sechs Tagen hier durchpassirt sein.
Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.
„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.
-- Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
einige Stunden ruhen?
-- Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du
kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?
-- Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres
Gefährten ergriff und ihn weiter führte.
In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße
nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein
Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren
ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
hätte.
Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in
eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.
Aus der Steppe her ertönte Gebell.
„Hörst Du das?“ fragte Nadia.
Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.
„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung
erfüllt.
Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.
„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.
Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.
„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen
fühlte.
-- Ja, es muß sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
Hilferuf.“
Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
Flusse entfernt.
Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft
näher erscholl.
Nadia blieb stehen.
„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.
-- Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.
Keine Antwort ließ sich vernehmen.
Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
Himmels.
Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
Ebene zu überschauen, sah aber nichts.
Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.
„Michael!“ verstanden sie deutlich.
Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.
Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.
Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.
Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren
Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.
Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf,
kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.
Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
zusammen.
Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.
„Da ... da!“ rief sie.
Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.
Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.
Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel
umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden
gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht
von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie
die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
langsam naht!
Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!
... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
leider zu spät werden sollte.
Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
gefräßigen Vögel.
Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
dem Grabe zu befreien.
Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.
Er erkannte Michael und Nadia.
„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
einmal gesehen zu haben ... Betet für mich!...“
Das waren seine letzten Worte.
Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes
Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
schlüge. – Es schlug nicht mehr.
Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus
Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der
treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.
Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter
Tumult.
Michael Strogoff horchte.
Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der
Dinka zu bewege.
„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.
Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
Liefländerin.
„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.
-- Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.
Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.
„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael
Strogoff.
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