Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und
verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie
durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und
Nadia, überhaupt ein Wort zu wechseln.
Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten
helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten
augenblicklich unter die Waffen.
Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe
tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch
finsterer, als gewöhnlich, und die strengen Züge verriethen einen
verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.
Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind
vorüber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefühl, daß jetzt eine
Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wußte, daß Marfa Strogoff die
Mutter Michael Strogoff’s, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,
sei.
Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,
und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.
Da näherte sich Sangarre wieder und sagte:
„Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!“
Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der
Officiere.
Bald darauf drängten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen
der Gefangenen. Von Peitschenschlägen getrieben oder von Lanzenschäften
gestoßen, mußten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des
Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fußsoldaten, und hinter
diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmöglich.
Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff’s begab
sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.
Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.
Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu
Nadia und sagte zu ihr mit gedämpfter Stimme:
„Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart
diese Prüfung werden möge, – kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich
hier um ihn, nicht um mich!“
Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand
auf die Schulter der alten Sibirerin.
„Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.
-- Komm’ mit mir!“ erwiderte Sangarre.
Fortdrängend führte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan
Ogareff.
Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das
Aufflammen seiner Augen zu verrathen.
Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz
empor, kreuzte die Arme und wartete.
„Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.
-- Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.
-- Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in
Omsk um Etwas fragte?
-- Nein.
-- Du weißt also nicht, daß Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk
gekommen ist?
-- Das weiß ich nicht.
-- Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen
glaubtest, das war Dein Sohn nicht?
-- Nein, das war er nicht.
-- Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht
gekommen?
-- Nein.
-- Und wenn ich Dir ihn zeigte, würdest Du ihn wieder erkennen?
-- Nein.“
Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschütterlichen Entschlusses,
nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.
Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.
„So höre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.
-- Nein!
-- Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Männer werden Dir vorgeführt
werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich
ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorüber gekommen sind.“
Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, daß er die unbeugsame Sibirerin trotz
aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen können. Um den
Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als
auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es für unmöglich, daß Mutter und
Sohn, wenn sie einander gegenüber ständen, sich nicht durch irgend eine
Bewegung verrathen sollten. Wäre es ihm nur allein um das kaiserliche
Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur
Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das
Schriftstück aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt
durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,
nach Irkutsk zu flüchten, so waren Iwan Ogareff’s Pläne durchkreuzt. Der
Verräther mußte sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des
Ueberbringers desselben versichern.
Nadia hatte Alles mit angehört; sie wußte nun, wer Michael Strogoff sei
und warum er die von den Feinden überfallenen Provinzen Sibiriens
unerkannt durchreisen wollte.
Auf Iwan Ogareff’s Befehl defilirten die Gefangenen Mann für Mann vor
Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsäule, und deren
Blicke die vollständigste Gleichgiltigkeit heuchelten.
Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor
seiner Mutter vorüber schritt, schloß Nadia die Augen, um es nicht mit
anzusehen.
Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand
blutete, so fest hatten sich die Nägel eingepreßt.
Iwan Ogareff war vorläufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!
Sangarre, welche neben ihm stand, äußerte nur ein Wort.
„Die Knute herbei! sagte sie.
-- Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute
dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!“
Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand näherte sich ein
tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.
Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in
geflochtene Drahtstücken auslaufen. Man nimmt an, daß eine Verurtheilung
zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.
Marfa Strogoff wußte das wohl, aber sie wußte auch, daß keine Tortur sie
zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer
bringen.
Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden
geworfen. Man riß ihr das Kleid herunter und entblößte den Rücken. Nur
wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Säbel befestigt, so daß sie in
dessen Spitze fallen mußte, wenn der Schmerz sie niederbeugte.
Der Tartar stand bereit.
Er wartete eines Zeichens.
„Thu’ Deine Pflicht!“ sagte Iwan Ogareff.
Die Geißel pfiff durch die Luft ...
Aber bevor sie niederfiel hatte eine kräftige Faust sie der Hand des
Tartaren entrissen.
Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser
entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,
als die Peitsche Iwan Ogareff’s ihn selbst traf, hier, wo sie seiner
Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.
Iwan Ogareff hatte gesiegt.
„Michael Strogoff!“ rief er.
Dann trat er näher.
„Ah, sagte er höhnisch, der Mann von Ichim?
-- Derselbe!“ schrie Michael Strogoff.
Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wüthend mehrmals
in’s Gesicht.
„Schlag für Schlag! rief er.
-- Brav zurückerstattet!“ ließ sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,
die sich glücklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.
Ein Haufe Soldaten stürzte sich auf Michael Strogoff, um ihn
umzubringen ...
Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,
hielt sie durch eine Handbewegung zurück.
„Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man
durchsuche ihn!“
Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael
Strogoff’s gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu
vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.
Der Zuschauer, von dem der Ausruf: „Brav zurückerstattet!“ herrührte, war
kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefährte und er wohnten, da sie
sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.
„Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind
doch handfeste Männer. Sie geben doch zu, daß wir unsrem Reisegefährten
nun eine Ehrenerklärung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die
Wage! Eine schöne Revanche für die Schmach in Ichim!
-- Gewiß, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser
Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse hätte er wohl
besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.
-- Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!
-- Glauben Sie, daß er dieser und seiner Schwester durch seinen
Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?
-- Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiß auch nichts,
als daß ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt hätte. O, zum
Teufel, manchmal muß man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott hätte
Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, daß wir
stets und allezeit unerregt blieben.
-- Ein hübsches Thema für eine Erzählung! meinte Harry Blount. Nun sollte
uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!...“
Nachdem er sich das Blut, das ihm über das Antlitz rann, abgewischt, hatte
Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam
durch, so als wollte er seinem Gedächtniß jedes Wort des Inhaltes
einprägen.
Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit
den übrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann übernahm er den
Befehl über die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter
betäubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in
der der Emir ihn erwartete.
Viertes Capitel.
Der siegreiche Einzug.
Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegründet, ist eine
der bedeutendsten Städte des asiatischen Rußlands. Tobolsk, das schon über
den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das über den 100. Meridian hinaus liegt,
sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.
Dennoch ist, wie schon erwähnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt
dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt
vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur
hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaïberge, d. h.
an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den
Abhängen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige
Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das
Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der
einträglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der äußere und innere
Luxus der Gebäude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit
den größten Hauptstädten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine
Stadt der Millionäre vom Schlägel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre
nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu
beherbergen, so tröstet sie sich damit, daß der erste Kaufmann der Stadt,
der Hauptconcessionär der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten
Range der Notabeln des Reiches zählt.
Früher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.
Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine große Reise. Jetzt ist das,
vorausgesetzt, daß keine wilden Feindeshorden die Straße umschwärmen,
durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der
Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit
Perm in Verbindung setzen soll.
Hält man Tomsk für eine schöne Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen
in dieser Hinsicht nur wenig überein. Frau von Bourboulon, welche auf
ihrer Reise von Shang-haï nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,
nennt es einen wenig malerischen Häuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist
es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebäuden aus Granit
und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in
sibirischen Städten findet, wenig abweichenden Straßen, mit schmutzigen
Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen
schweigsame Betrunkene umhertaumeln, „deren Trunkenheit ebenso apathisch
erscheint, wie bei allen Völkern des Nordens“.
Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte
Bewunderung. Sollte das nur daher rühren, daß er es mitten im Winter sah,
wogegen Frau von Bourboulon es nur während des Sommers besuchte? Das ist
wohl möglich und würde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,
daß man kalte Länder nur während der kalten Jahreszeit, warme nur während
der heißen wirklich kennen und beurtheilen lernt.
Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, daß Tomsk nicht nur die
schönste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der hübschesten Städte
überhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Säulengängen und Peristylen
geschmückten Häuser, die bequemen Holztrottoirs, wie überhaupt die
breiten, regelmäßigen Straßen, sammt den fünfzehn prächtigen Kirchen, die
sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,
wiederspiegeln.
Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei
einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenförmig über einen
langgestreckten, aber steil abfallenden Hügel aus.
Die hübscheste Stadt der Welt wird aber zur häßlichsten, wenn Feinde in
ihr hausen. Wer hätte sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von
wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuß hatte sie dem Anprall der tartarischen
Heersäulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der
Stadtbevölkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben
ungern empfangen, und für den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch
oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara
versetzt worden wäre.
In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu
Ehren sollte ein Fest mit Gesängen, Tänzen und Schaugepränge abgehalten
werden, dessen Ende wie gewöhnlich in eine lärmende, wilde Orgie auslief.
Der für diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen
ausgewählte Platz nahm eine geräumige Ebene auf einem Theile des Hügels
ein, der sich etwa hundert Fuß hoch über den Tom erhebt. Den Rahmen dieser
Fläche bildeten einerseits die langen eleganten Häuserreihen, die vielen
Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen
des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Wälder, oder in
der Nähe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.
An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse
provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen
Palastes – wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,
halb tartarischen Baudenkmäler, – in bizarrstem Style errichtet. Ueber
diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den
höchsten Zweigen der Bäume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu
Hunderten gezähmte Störche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt
waren.
Jene Terrasse blieb reservirt für den Hofstaat des Emirs, für die
verbündeten Khans, die Großwürdenträger des Reiches und für die Harems
eines jeden der turkomanischen Fürsten.
Unter den Sultaninnen, zum größten Theile übrigens nur auf den Märkten von
Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht
unverhüllt, während Andere fast vollständig unter einem dichten Schleier
verborgen waren. Alle erschienen in der prächtigsten Kleidung. Reizende
Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rückseite aufgeschlagen, eine
eigenthümliche Faltenordnung zeigten, ließen ihre entblößten Arme sehen,
deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden
erschienen, und ihre kleinen Hände, an denen die Fingernägel mit dem Safte
der „Henneh“ gefärbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,
welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Fäden des Spinnengewebes, zum
Theil aus wundervoll weichem „Aladja“ (ein schmalgestreifter, herrlicher
Baumwollstoff) bestanden, ließ sich jenes vornehme Rascheln hören, das den
Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe
erglänzten brocatne kurze Röckchen über den seidenen Beinkleidern, welche
letztere ein wenig oberhalb der feinen, graziös geschweiften und mit
echten Perlen geschmückten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos
erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die
unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schönen Augen, die
prächtigen Zähne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die
tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und
die mit Bleiglätte gefärbten Lider hervorgehoben wurden.
Am Fuße der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die
Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekrümmten Säbeln an der Seite,
einem Dolch im Gürtel und der zehn Fuß langen Lanze in der Hand. Einige
dieser Tartaren trugen weiße Stäbe, Andere ungeheure Hellebarden mit
mächtigen Troddeln aus Gold- und Silberfäden.
Ringsumher, bis zu den äußersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen
Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, drängte sich eine
wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewürfelt aus allen Eingeborenen
Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen
Schaffellmützen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem „Arkaluk“, einer
besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten
sich Turkomanen in ihrem Nationalcostüm, langen Beinkleidern von
schreiender Farbe, Westen und Mänteln aus Kameelhaar, rothen entweder
konisch oder auch oben erweiterten Mützen, hohen juchtenen Stiefeln,
Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Nähe
ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von
Natur üppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu
verlängern pflegen, mit unter der „Tjuba“ offnem, blauem, purpurnem oder
grünem Hemd, die Beine in farbige Bänder eingeschnürt, die sich bis herab
über den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, – so als ob
sich alle Völkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des
Emirs erhoben hätten, – an der Stirn und den Schläfen rasirte Mandschus
mit geflochtenem Haar, langen Ueberröcken, einem Gürtel, der die Taille
über einem seidnen Hemd umschloß, mit ovalen kirschrothen Atlasmützen mit
gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen
aus der Mandschurei, coquett mit künstlichen Blumen coiffirt, welche
reizende Häubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen
Haaren trugen. Außer diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,
Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste
Geladenen mischten.
Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen
nicht hatte fliehen können, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, daß
Feofar-Khan noch, zum würdigen Schluß dieser Siegesfestlichkeit, einen
Befehl zum Plündern ergehen lassen könne.
Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet
von lustigen Fanfaren, Tamtamschlägen, von Kanonen- und Gewehrsalven.
Feofar ritt sein Lieblingsroß, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten
funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten
die Khans von Khokhand und Kunduz, die Großwürdenträger des Khanates und
als Gefolge ein zahlreicher Stab.
Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar’s die Terrasse,
gewissermaßen die Königin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der
bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Königin oder Sklavin,
jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswürdiger
Schönheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich
nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhülltem
Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die
blendendweißen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten
Schleier bedeckt waren, der sich rückwärts an eine Art mit den
werthvollsten Gemmen geschmückte Haube anschloß. Unter der Tunica von
blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der „Zir-djameh“ von
Seidengaze herab und über den Gürtel faltete sich der „Pirahn“, eine Art
Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu graziös
ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln
an den Füßen glänzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,
goldenen Tomans an Silberschnüren, Kränze von Türkisen, Achate, Smaragde,
Opale und Saphire, daß ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt
erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenprächtig an ihrem Halse,
den Armen, den Händen, am Gürtel und an den Füßen blitzten, wären mit
Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem
Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, hätte man glauben können,
daß sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten
elektrischen Bogen verbunden seien.
Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen
Staatsbeamten und militärischen Würdenträger des Gefolges. Alle nahmen
Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse
erhob. Vor dem Zelte lag wie gewöhnlich der geöffnete Koran auf dem
heiligen Tische.
Feofar’s Befehlshaber ließ nicht lange auf sich warten, und noch vor fünf
Uhr meldeten Trompetenstöße die Ankunft des Verbündeten.
Iwan Ogareff, – „mit der Schmarre“, wie man ihn schon nannte – kam, jetzt
in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so daß in
der Mitte nur der für die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
blieb. Quer über das Gesicht des Verräthers zog sich eine blutig
unterlaufene Strieme hin.
Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
empfing sie, wenn auch mit der seiner Würde entsprechenden Kälte, doch in
einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.
Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
unzertrennlichen Neuigkeitsjäger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
sich sobald als möglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
sich einem russischen Truppencorps anzuschließen und mit diesem Irkutsk zu
erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
Feuersbrünsten, Plünderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
nur das Gefühl der Entrüstung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.
Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, daß er Tomsk
nicht wohl eher verlassen könne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, – und wäre es
nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, – und Harry Blount
hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
Plänklern des Emirs zuvorzukommen.
Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen hübschen
Artikel für die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europäischen
Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.
„Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
erschienen, so wie der brave Bürger, der für sein Geld auch etwas
Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es wäre besser
gewesen, erst zum Ballet zu kommen.
-- Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.
-- Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
sich schon.“
Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, „die ersten Kräfte der
Truppe Feofar-Khans“ möglichst genau kennen zu lernen.
Den lustigen Tänzen sollte aber noch eine höchst peinliche Scene
vorhergehen.
Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
Besiegten kein vollständiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
unter den Knuten der Soldaten vorgeführt. Diese sollten vor Feofar-Khan
und seinen Verbündeten defiliren, bevor man sie in den Gefängnissen der
Stadt einkerkerte.
In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
Befehle Iwan Ogareff’s entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
gegenwärtig.
Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
bleich. Sie machte sich wohl gefaßt auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
ward gewiß nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgeführt, und sie
zitterte leise für ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
für sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache würde wohl ohne Grenzen sein.
Gewiß drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
damals, als seine Knechte sich über ihn stürzen wollten, geschont hatte,
so wußte er gewiß, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
vorzubehalten.
Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
Sohn unmöglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
hier, wo es ihnen ein süßer Trost gewesen wäre, während einiger Tage der
Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern hätte Marfa Strogoff ihren
Sohn um Verzeihung wegen all’ des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
zugefügt hatte, denn sie klagte sich an, ihre mütterlichen Gefühle nicht
gehörig im Zaum gehalten zu haben. Hätte sie sich damals im Posthofe zu
Omsk bezwungen, als sie ihm gegenüber stand, so kam Michael Strogoff
unerkannt hindurch, – und wie viel Unglück wäre dann verhütet worden!
Michael Strogoff seinerseits quälte sich mit dem Gedanken, daß man seine
Mutter mit hierher schleppe, um sie für sein Vergehen büßen zu lassen,
vielleicht daß sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
selbst.
Nadia endlich fragte sich, was sie thun könne, um den Einen oder die
Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
kommen könne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fühlte, daß es hier vor
Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht wäre
sie doch noch im Stande, die Gitter des Käfigs ihres Löwen zu zerbrechen.
Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln böte,
gewiß nicht zögern, und nöthigenfalls ihr Leben für den Sohn der Marfa
Strogoff opfern.
Inzwischen zog der größte Theil der Gefangenen vor dem Emir vorüber, wobei
jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
der Stirn berühren mußte, das erniedrigende Merkmal für den Anfang der
Sklaverei. Krümmten die Unglücklichen den Rücken zu langsam, so warf sie
die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.
Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
nicht ohne die Gefühle der tiefsten Indignation beizuwohnen.
„Dieser erbärmliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.
-- Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!
-- Alles sehen!... Ah, dort! rief plötzlich Alcide Jolivet und ergriff den
Arm seines Gefährten.
-- Was haben Sie? fragte dieser.
-- Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!
-- Sie? – Welche sie?
-- Die Schwester unseres Reisegefährten! Hilflos und gefangen. Wir müssen
sie retten ...
-- Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
des jungen Mädchens dürfte ihr eher schädlich als nützlich werden.“
Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia drängen wollte, ließ sich
belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorüber, ohne
dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.
Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
genug in den Staub warf, drückten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.
Marfa Strogoff fiel zu Boden.
Ihr Sohn schäumte auf vor Wuth, so daß ihn die bewachenden Soldaten kaum
zu bändigen vermochten.
Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgeführt werden, als
Iwan Ogareff das verhinderte.
„Dieses Weib bleibt hier!“ rief er.
Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurückgeführt. Iwan Ogareff’s
Blick hatte sie nicht erkannt.
Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.
„Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.
-- Nein“, antwortete Michael Strogoff.
Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kräftige Hand
des jungen Mannes drückte sie an seiner Statt zu Boden.
Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.
„Du verwirkst Dein Leben! rief er.
-- Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
Verrätherstirn, Iwan, wird für immer die schmachvolle Schramme von der
Knute tragen!“
Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.
„Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
drohender war.
-- Ein russischer Spion“, antwortete Iwan Ogareff.
Als er Michael Strogoff für einen Spion ausgab, wußte er recht wohl,
welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.
Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genähert.
Die Soldaten hielten ihn zurück.
Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze große Menge
niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
öffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.
Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
Schicksal Michael Strogoff’s entscheiden.
Die Völker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren „Fal“. Nach der
Auslegung des von dem Finger des Richters zufällig getroffenen Verses
fällen sie das Urtheil.
Der Emir ließ den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.
Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
der mit den Worten schloß:
„Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen.“
„Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Fünftes Capitel.
Nun sieh’ Dich um.
Michael Strogoff mußte mit gefesselten Händen vor dem Thron des Emirs am
Fuße der Terrasse stehen bleiben.
Ueberwältigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hören.
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ hatte Feofar-Khan mit einer
drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.
Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniß der tartarischen
Sitte den Sinn dieser Worte genügend, denn um seine Lippen spielte einen
Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Lächeln. Dann hatte er neben
Feofar-Khan Platz genommen.
Jetzt erklangen lustige Trompetenstöße, das Signal zum Beginn der
Festspiele.
„Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
Barbaren führen es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
nachher.“
Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
Tänzerinnen flog auf den Platz.
Eine fremdartige Musik ertönte von den verschiedensten tartarischen
Instrumenten, der „Dutare“, einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
aus fest gedrehter Seide; der „Kobiz“, eine Art offenes Violoncell, dessen
Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
„Tschibyzga“, eine lange Flöte aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltönen zahlreicher
Sänger. Hierzu kam noch das dann und wann hörbare, leise Erklingen eines
besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
herrührte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.
Sofort begann nun der Tanz.
Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.
Früher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
aus dem Reiche verbannt, so daß sie ihr Glück in andern Ländern suchen
mußten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art überladenes Nationalcostüm.
Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehängen schaukelten an ihren Ohren,
Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, während an den
Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Türkisen und
Karneolen erglänzte. Den Taillengürtel schloß eine Art Diamant-Agraffe, in
der Form des Großkreuzes eines europäischen Ordens.
Diese Tänzerinnen führten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhüllt, von Zeit zu
Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so daß es
schien, als lege sich eine Wolke von Gaze über alle diese lächelnden
Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesäeten Himmel bedeckt. Einzelne
dieser Perserinnen trugen ferner als Schärpe eine Art Wehrgehänge aus
perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit öffneten. Aus
diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Bänder
von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprüche aus dem Koran
gestickt waren.
Sie spannten diese Bänder zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
unter welchem andere Tänzerinnen hindurchschlüpften, und je nach dem Verse
über ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Sprüngen
dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed’s
verschwinden.
Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzüglich fühlte sich
Alcide Jolivet dadurch betroffen, daß sich diese Perserinnen weit eher
ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Tänze, wie durch deren
Ausführung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
an die leidenschaftlichen Almes (Tänzerinnen) Egyptens.
Nach Schluß dieses ersten Schauspieles ließ sich neben Michael Strogoff
eine ernste Stimme vernehmen:
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan’s. Er hatte hinter dem
Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekrümmten Säbel in
der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die berühmten
Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.
An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen glühte. Der
leichte, empor steigende Dampf rührte nur von der Verbrennung einer
harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.
Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgängerinnen
sehr verschiedene Gruppe Tänzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
bald erkannte.
Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
sich hätten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:
„Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!
-- Wahrhaftig, bestätigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
Beine!“
Wenn Alcide Jolivet vermuthete, daß Jene im Solde des Emirs standen, so
täuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber prächtigen
Anzuge, der ihre Schönheit vortheilhaft hervorhob.
Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Länder, an Böhmen,
Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.
Sie erregten sich gegenseitig durch den Lärmen der Cymbeln an ihren Armen,
und durch das Schnarren der „Daïres“, eine Art baskischer Trommeln, welche
sie mit den Fingern schlugen.
Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daïre in der Hand, durch dessen
Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.
Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fünfzehn Jahren vor. Er trug eine
Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Nägeln eine leise
Melodie entlockte. Er sang. Eine Tänzerin nahm neben ihm Platz und
verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Sängers
erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daïre und suchte
Jenen durch das Getöse ihrer Schellentrommel zu übertönen.
Nach dem letzten Refrain umschwärmten die Zigeunerinnen alle den Sänger
und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.
Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstücken aus den Händen des Emirs,
seiner Verbündeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
Klingen der Münzen, welche die Cymbeln der Tänzerinnen trafen, mischten
sich noch die letzten Töne der Dutares und der Tambourins.
„Verschwenderisch, wie die Räuber gewöhnlich!“ raunte Alcide Jolivet
seinem Gefährten in’s Ohr.
Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
russische Rubelstücke.
Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
Hand auf Michael Strogoff’s Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen ließ:
„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, daß der Henker nicht mehr seinen
blanken Säbel in der Hand hatte.
Indeß sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
verhüllte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
Pinienwald erschien schwärzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
Schatten, der auch bald das Plateau erreichen mußte.
Jetzt drangen plötzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
Händen auf den Platz. Von Sangarre geführt, traten die Zigeunerinnen und
Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
Contrast gegen ihre früheren Tänze und Evolutionen noch mehr zu ergötzen.
Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltönen der Sänger.
Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmückt mit
einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.
Dann schloß sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
an Wildheit allmälig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.
Während des Springens und Tanzens erfüllten diese Soldaten mit blanken
Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
Daïres und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schießwaffen waren
dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusätze
farbig abbrennenden Pulver geladen und sprühten lange rothe, grüne und
blaue Feuerstrahlen in die Luft, so daß es schien, als wogten alle diese
lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
gewissermaßen an die Cybistik (Springkünste) der Alten, eine Art
militärischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Säbel-
und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß
die Berichte davon sich bis auf die Völker Centralasiens fortgeerbt haben;
diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit märchenhafter durch die
farbigen Flammen, welche über den Tänzerinnen loderten und die ganze
Gruppe mit glitzernden Funken schmückten. Es war wie ein Kaleidoskop von
Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenüber derartigen
Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Bühnentechnik ja so weit
gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
Madelaine etwa: „Nicht übel, nicht übel!“ bedeutet hätte.
Plötzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
die Tänze hörten auf, die Tänzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
tausend Lichtern erglänzte.
Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
geführt.
„Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
Ende hiervon noch ansehen?
-- Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.
-- Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
kennen zu lernen.
-- Nicht mehr als Ihre Cousine.
-- Armer Kerl! fügte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
Strogoff. Dieser wackere Soldat hätte einen besseren Tod auf dem Felde der
Ehre verdient!
-- Können wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.
-- Nein, leider gar nichts.“
Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennützigen
Entgegenkommens Michael Strogoff’s, sie wußten nun, welche Prüfung er, ein
Sklave seiner Pflicht, hatte über sich ergehen lassen, und nichts konnten
sie für den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts für
ihn thun!
Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
Unglücklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurück.
Eine Stunde später trabten sie schon auf der Straße nach Irkutsk, um unter
dem russischen Heere „den Revanchekrieg“, wie Alcide Jolivet schon zu
sagen beliebte, weiter zu verfolgen.
Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
männlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
erwartete sterben zu müssen, und doch hätte man vergeblich ein Zeichen der
Schwäche an ihm zu entdecken gesucht.
Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
Feofar-Khan’s, für welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
berauschen.
Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedrängt näherte sich Michael
Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
verständlichen tartarischen Mundart:
„Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte für immer
verschlossen sein!“
Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglückliche war verdammt,
geblendet zu werden.
Auch als Michael Strogoff das über ihn gefällte Urtheil aus dem Munde des
Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschüttert, die Augen weit
geöffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
zusammendrängen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
unnütz, sondern auch seiner unwürdig. Er dachte überhaupt gar nicht daran.
Alle seine Geistesthätigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
wiedersehen sollte. Dennoch ließ er äußerlich nichts von der tiefen
Erregung seines Innern blicken.
Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
eine Weise zu rächen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.
„Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verräther, die letzte
Drohung meiner Augen wird für Dich sein!“
Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.
Aber Michael Strogoff täuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
Iwan Ogareff sollten sich seine Augen für immer schließen.
Marfa Strogoff näherte sich ihm.
„Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
gelten, nicht jenem Schurken dort!
-- O bleibe vor mir stehen! Laß mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
Mögen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schließen!...“
Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.
„Fort mit diesem Weibe!“ befahl Iwan Ogareff.
Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureißen. Sie wich zurück, blieb
aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.
Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den bloßen Säbel in der Hand,
aber dieser leuchtete in heller Weißgluth, wie er ihn aus dem Becken mit
wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.
Michael Strogoff sollte nach der gewöhnlichen Sitte der Tartaren geblendet
werden, indem man eine weißglühende Klinge dicht vor seinen Augen
vorbeiführte.
Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Für seinen Blick war nichts
vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
All’ sein Leben drängte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!
Mit weit geöffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
Strogoff ihn an ...
Die glühende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff’s.
Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.
Michael Strogoff war blind.
Nach Ausführung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
zurück. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackelträger auf dem
Platze.
Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, öffnete es und
hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.
„Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
ist Iwan Ogareff!“ Mit diesen Worten verbarg der Verräther den Brief
wieder an seiner Brust. Dann verließ er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
und lautlos folgten ihm die Fackelträger.
Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.
In der Ferne hörte man das Schreien und Singen, das Lärmen der Orgie.
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