Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu wissen wann und wie, zu der seinigen. Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht unterordnen konnte. Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod. Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um sich nicht zu erschießen. Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter. 10. Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte, sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte. Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und zweckbewußter, als früher gelebt. Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte, alles das nahm seine Zeit in Anspruch. Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun -mußte-, was er that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte, etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er, daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer werde. Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus konnte, ohne die Furchen aufzureißen. Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte flossen. Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte. Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen, des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen. Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er darüber nachdachte. Wenn aber Lewin recht gut wußte, -was- er zu thun habe, so wußte er auch ebenso gut, -wie- er zu handeln habe und welches von zwei Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man das Vieh laufen lassen. Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte, mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben. Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden hatten, um sich zu besprechen. Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben. Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen, was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich. So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend. 11. Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen. Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen, sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach wären. Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen, Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle, vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich, während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich ist dies so in ganz Rußland. Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm mitteile. Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte. Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin ich; warum bin ich hier?« In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken. »Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten, nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat. »Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert. Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort -- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum für den Tag geben zu können. »Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu. »Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!« Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte, schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin wollte. Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm. Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen, in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben. Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste Jahr welches nehmen werde. »Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend. »Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?« »Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon, »zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts. Das ist auch ein Mensch.« »Aber warum erläßt er Etwas.« »Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für sein Seelenheil, und denkt an Gott!« »Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil leben?« schrie Lewin fast. »Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr beleidigt auch keinen Menschen.« »Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend, ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause zu. Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht, gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht. 12. Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch nie an sich kennen gelernt hatte. Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor, der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt. Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei. »Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben, das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden, wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich? Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden, und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben, als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit, für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben, in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit allen Menschen habe ich nur -eine- feste, unzweifelhafte und klare Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden. Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige, schwellende Waldgras. »Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein Blatt gehindert wurde. »Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper, in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen -- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen, in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung. Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung, ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert, daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege, dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten, hoffnungslos kranken Bruders. Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse. Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte. Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte, aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich umgehend. Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen Überzeugungen, in denen er erzogen war. »Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht, hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.« Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte. »Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen zugleich mit allem, -gegeben- deswegen, weil ich sie von nirgendsher nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig gewesen wäre.« 13. Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter, welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie, wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen haben und müßten Hungers sterben. Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn, mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie lebten. »Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den Tassen zu trinken.« »Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, -- das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche bekennt.« »Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten. »Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein? Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? -- Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« -- Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott, an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog, welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen. Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel hinein. »Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich anstrenge, weiter zu blicken.« Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten. »Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend, seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen. 14. Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme. Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm, zurief: »Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.« Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen. Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde; und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien, als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden wollten. »Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.« Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu beginnen. Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm nicht in den Kopf. »Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der Kutscher, Lewins Zügel dirigierend. »Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin, ungehalten über diese Einmischung des Kutschers. So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war, daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die Wirklichkeit hätte wandeln können. Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte, erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten. »Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd. »Wer denn?« »Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend. »Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch ist!« dachte er. Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte. Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem er Katawasoff erkannt hatte. »Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich um keinen Preis,« dachte er. Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug Lewin dann nach seiner Frau. »Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm daher unangenehm. »Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd. »Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.« »Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly. »Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen weggehend und sich zu dem Bruder gesellend. »Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,« antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so lange erwartet.« Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen sollte. Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen. »Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er. Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage. »Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er. »Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu, mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen Wolken deutend. Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten. Lewin ging zu Katawasoff. »Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu entschließen,« sagte er zu ihm. »Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?« »Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt nicht.« »Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?« »Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen, welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde. Jetzt« -- Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung an seinen Vorsatz, innehielt. »Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,« wandte er sich an die Gesellschaft. Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand, während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig zu holen. Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam. Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen, mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben. Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden, müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder herabgemindert hatte. Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen angefangen hatte. »Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er. Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte, empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging. Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm. Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war. Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch unversehrt in ihm. 15. »Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit Wronskiy! Er geht nach Serbien!« »Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen Kosten mit!« sagte Katawasoff. »Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch hinzu. Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende, in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus. »Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend. »Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in Lewins Abwesenheit begonnen worden war. »Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln, die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes Espenblatt setzend. »Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!« »Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch. »Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.« »Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend. »Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin. »Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben Privatleute kein Recht?« »Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer, etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite, wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen, insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.« Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort. »Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff. Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas Anderes. »Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht, sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.« »Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin. »Doch, du würdest ihn töten.« »Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.« »Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder vernommen und gesprochen.« »Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.« »Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen, während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute, wie Konstantin.« -- »Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch, »es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das Volk -- seinen Willen geäußert hat.« »Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,« sagte der Fürst. »O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly, die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann doch nicht sein, daß alle« -- »Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort. »Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das haben sie nicht gewußt.« »Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem alten Bienenzüchter schauend. Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem, silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit dem Wunsche darnach. »So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten Sergey Iwanowitschs. »Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin. »Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?« »Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde fertig geworden war. »Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?« »Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien zu gehen.« »Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger, sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen aus!« »Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?« 16. Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet. »Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft, die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.« »Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst. »Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von ihrem Geschrei hört man nichts weiter.« »Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu seinem Bruder wendend. Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort. »Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,« begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.« »Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache. »So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt, so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen Brüder« -- »Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000