»Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist,
nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,« sprach Graf Sinjawin
zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.
Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf
Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
Scherz erinnern wollte.
Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz
auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.
»Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,« antwortete die
Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte
Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
allereinfachste sein sollte. »Ich liebe dieses >fast< nicht.«
Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so
verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.
»Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich
glaube, Ihr beneidet ihn?«
»Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,« antwortete er und
sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.
Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten
Witz über eine Ehescheidung.
»Man muß den Kranz zurechtrücken,« antwortete diese, ohne ihn zu hören.
»Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,« sagte die Gräfin
Nordstone zu der Lwowa. »Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
nicht auf. Nichtwahr?«
»O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
künftiger =beau frère= ist,« antwortete die Lwowa, »und wie schön er
sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
steif, er ist offenbar ergriffen.«
»Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?«
»Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.«
»Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
habe es Kity geraten.«
»Gleichviel,« antwortete die Lwowa, »wir sind doch alle die
untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.«
»Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
Ihr Dolly?«
Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht;
sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie
hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie
freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan
Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten
unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die
ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren
vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch
sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden.
Und jetzt? »Furchtbar seltsam« -- sagte sie.
Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und
antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen
Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben
scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.
»Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?«
»Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?«
»Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie
der Diakonus plärrt >und sie soll ihren Mann fürchten<.«
»Sind sie denn fremd?«
»Nein, es sind synodale.«
»Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut
sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich
sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.«
»Nicht doch, das Paar ist so schön.«
»Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die
Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
wie gewählt« --
»Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr
auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.«
So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.
6.
Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester,
sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer
zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde,
vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren
Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der
Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
getreten wären.
Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen,
ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre
Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
Ceremonie.
Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu
verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes
und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier
mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich,
aufmerksam zu sein. Man betete: »Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und
Töchter;« es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams
geschaffen habe, und »deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,«
und »dieses Geheimnis ein großes« sei; man betete, daß Gott ihnen
Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. »Alles
das ist schön,« dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, »alles das
kann auch gar nicht anders sein« und ein Lächeln der Freude, das sich
unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf
ihrem hellgewordenen Antlitz auf.
»Setzt ihn nur ordentlich auf!« vernahm man zuredende Stimmen, als
der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys
Kopf hielt.
»Setzt ihn auf,« flüsterte diese lächelnd.
Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden
Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
heiter zu Mut, wie ihr.
Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war.
Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in
die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das »Jesu
freue dich« ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die
Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald
stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten,
sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke
der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen,
die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch
der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln
neigten.
Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte
Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei.
Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu
und sagte leise, »küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann« und nahm
ihnen die Lichter aus den Händen.
Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die
Kirche.
Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst
als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.
Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
nach dem Dorfe ab.
7.
Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit
niederzulassen gedachten.
Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust
im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein,
antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit
den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer
Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem
Mieten eines Palazzo im Gange sei.
»Ach, das freut mich sehr,« sagte Wronskiy, »ist die gnädige Frau
daheim oder nicht?«
»Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,«
antwortete der Kellner.
Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den
Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle
auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.
»Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,« berichtete der Oberkellner.
Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten,
daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche,
doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu
finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
auf.
»Golenischtscheff!«
»Wronskiy!«
In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der
freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range
aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.
Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine
hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so
kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen
verstand, und deren Gedanke der war: »Mag Euch meine Lebensart
anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber
achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.«
Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber
mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene
Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber
erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
einander erkannten.
Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so
freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er
sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
Golenischtscheffs.
»Wie freue ich mich, dich zu treffen!« sagte Wronskiy, freundschaftlich
lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.
»Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich
freue mich ganz außerordentlich!« --
»Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?«
»Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.«
»Ach so,« versetzte Wronskiy voll Teilnahme, »also komme mit herein.«
Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade
russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.
»Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
ihr,« -- fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
Gesicht blickend.
»Ah, ich wüßte nicht,« antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
recht wohl das Verhältnis kannte -- »bist du schon seit lange hier
angekommen?« fügte er hinzu.
»Ich? Seit vier Tagen,« antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
Gesicht des Schulkameraden musternd.
»Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
sichs gehört,« sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
verstehend; »man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält
sich ganz so, wie es sich gehört.«
Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit
Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den
Männern der Auffassung »wie es sich gehörte«. Wenn man ihn aber frug,
oder diejenigen frug, welche verstanden, was das »wie es sich gehört«,
eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer
Verlegenheit gewesen.
In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
das »wie es sich gehört« kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen,
die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn
der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie
sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles
auszusprechen.
Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer
von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn.
In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber,
nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur
immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation
hätten führen können.
Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer
Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage
auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und
dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog,
gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie
sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach »Aleksey« nannte
und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln
werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und
seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er
erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie
sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
und glücklich fühlen konnte.
»Er liegt dort drüben,« sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
den Wronskiy gemietet hatte. »Es befindet sich ein schöner Tintoretto
dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.«
»Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und
besichtigen wir ihn nochmals,« sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.
»Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?« sprach sie, an der Thür stehen
bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
helle Röte ihr Gesicht.
Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen
Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.
Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.
»Nein, nicht so sehr,« versetzte er.
Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er
zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes
zur Thür hinaus.
Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien
Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände
was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich
fürchtete.
»So ist es also« -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
anzuknüpfen, »du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
deine alte Beschäftigung?« fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm
gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.
»Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<,« antwortete
dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, »das heißt,
um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland
nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,« begann er eine
lange eifrige Auseinandersetzung.
Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über
die »Zwei Gesetze«, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
hörte ihn der Letztere, auch ohne die »Zwei Gesetze« zu kennen, mit
Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn
beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je
länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen
Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese
Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere
wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der
guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff
unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen
sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.
Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen
Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr
auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von
Lebenskraft und Freude.
Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
gegen jedermann gestimmt -- wie sie überhaupt während dieser Zeit
war -- bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres
Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte
ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und
besichtigten es.
»Über Eines freue ich mich sehr,« sagte Anna zu Golenischtscheff, als
sie bereits auf dem Rückwege waren. »Aleksey wird ein gutes Atelier
haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,« sagte sie zu
Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde,
und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.
»Malst du denn?« sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.
»Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig
angefangen,« versetzte Wronskiy errötend.
»Er hat ein bedeutendes Talent,« antwortete Anna mit freudigem Lächeln,
»ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
auch gesagt.«
8.
Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr
ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das
Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über
dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit
ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten,
der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Böse, das
sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches
dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war
das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.
Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. »Ich habe
unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,« dachte sie,
»aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte,
-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde
leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.«
Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute,
die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem
Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich
eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur
selten noch des Sohnes gedachte.
Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre
Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich
unverzeihlich glücklich fühlte.
Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre
vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude.
Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters,
den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so
anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte
nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller
aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr
-- obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte -- als, seine
Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für
sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für
die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle
spielen mußte -- er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch
nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.
Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage
niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf
welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte
nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner
Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der
er sie umgab, bisweilen bedrückte.
Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung
dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich.
Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete.
Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches
denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß
sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte -- die Langeweile.
-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende
Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden
des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in
vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen
des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich
in Anspruch nahm.
An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren
Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn
in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse
ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten
hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn
als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare
Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.
Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
Büchern, bald nach der Malerei.
Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen,
welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.
Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe
besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige
Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das
religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern,
aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei,
ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei
gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und
sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar,
vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte
er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde,
welches er nachzuahmen wünschte.
Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und
effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah,
als sehr gelungen.
9.
Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren --
dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in
seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach,
die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er
selbst -- ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt
hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- für ein geliebtes
Weib.
Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt
hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die
Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit
dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der
mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.
»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages
Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du
das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben
erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen
russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde
ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das
schon im voraus angekauft worden war.
In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht,
daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung
entbehre.
»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich
ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte
Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan,
Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«
»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.
»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus
der neuen Schule dargestellt« -- durch die Frage nach dem Inhalt
des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
Golenischtscheff zu erklären.
»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst
der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für
die Kunst nicht nehmen soll, und dann« --
»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut
befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen,
ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem
Künstler helfen könne.
»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt
der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts
malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich
wirklich in Not befindet. Ich sage, daß? --
»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu
malen?« sagte Wronskiy.
»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein
anderes haben. Oder noch besser wäre Any« -- so nannte sie ihr kleines
Mädchen -- »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf
eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.
Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert
hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf
diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
derselben.
Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
und sagte:
»Kennst du diesen Michailoff?«
»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emblée=,
in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten,
»früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe
zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß
Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen,
Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist
er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich
schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur
die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen
Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben,
daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs
einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
ist nichts mehr, =évolution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
Abhandlung« --
»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des
Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte,
ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach
sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu
ihm gehen!«
Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen
Wagen zu nehmen.
Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen
Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.
10.
Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte
diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet.
Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau
geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
Geld verlangte.
»Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen
ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,« sagte er zu ihr
nach langem Gezänk.
»Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich
Geld hätte« --
»Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!« rief Michailoff, Thränen in der
Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. »Einfältige,« sprach
er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den
Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
begonnene Zeichnung.
Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
gezankt hatte.
»Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!« dachte er bei seiner Arbeit.
Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
er war mit derselben nicht zufrieden. »Nein, die andere war besser;
wo ist sie denn nur?« Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen
gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten.
Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. »So ist
es, so!« sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das
energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich
aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich
ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab,
wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
brachte.
»Sogleich, sogleich!«
Er eilt zu seiner Frau.
»Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!« sagte er zu ihr,
schüchtern und zärtlich lächelnd, »du warst schuld und ich war
schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.« Nachdem er sich mit
seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.
Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, daß ein
ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht,
daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das,
was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener
Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine
Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
auf.
Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie
er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.
Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz
seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher
Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.
Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie
herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte,
ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies
noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.
Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und
den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit längst schon weite
-- insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und
einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine
Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.
»Bitte ergebenst,« sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen,
und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die
Thür zu öffnen.
11.
Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff
noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den
Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.
Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem
es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.
Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm
begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter
entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel
konzentrierte, zeigte.
Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich
Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.
»Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
Vervollständigung der Umschau halber,« dachte er.
Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klüger diese
erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie
das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen
und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.
Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich
sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber
nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als
er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie
besonders Anna, gefielen.
»So, ist es gefällig?« sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
tretend und nach dem Bilde weisend. »Es ist die Mahnung des Pilatus.
Matthäi Kap. =XXVII=« -- sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor
Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.
Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend
das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser
wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das
höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde,
gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher
gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden
waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der
Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des
Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles
dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden
war.
Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als
er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln
wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus.
Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
verspotten, sobald sie unter sich sind.
Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine
Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus
seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
an Golenischtscheff.
»Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen« -- sagte er zu
demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- »Ihnen
schon begegnet zu sein?« --
»Gewiß! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
als jene italienische Dame vortrug,« begann Golenischtscheff frei, und
ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler
wendend.
Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde
erwarte, sagte er: »Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch
jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut
und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen« --
Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über,
seine Augen leuchteten auf.
Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch
die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die
Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung
erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste
nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus
das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte
für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde
vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich
den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten
gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich
-- teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst
spricht -- in Gemäldeausstellungen konversiert.
Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
hätte. Er trat zu ihnen hin.
»Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!« sagte Anna. Vor allem,
was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte,
daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob
dem Künstler angenehm sein würde.
»Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!«
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