dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu
denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.
Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst
nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.
»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen,
»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --
Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.
»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange
nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein
Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.
»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl,
daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die
Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
hastig nach seinem Kabinett.
Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem
Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte;
aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor
sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der
Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach
einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.
Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy
wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche,
französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem
Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete,
daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --
Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.
»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals
stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte,
und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn
sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und
begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett
befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor
der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut
herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.
Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
Schritten die Treppe hinabeilte.
Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm
ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.
Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr
krankes Herz.
Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte
erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in
Kenntnis zu setzen.
»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren
und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.
Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis
an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.
»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand,
»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«
»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.
»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --
»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.
»Das wird unerträglich!«
»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.
Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.
Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.
»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig --
sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die
Vollmacht haben mußte.
Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den
Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt.
Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte.
Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen
Handschuh anstreifend, in die Ecke.
27.
»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in
der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren
Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch
das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß
sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.
»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.
Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.
»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren
würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«
»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«
Sie setzte sich und begann zu schreiben:
»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott,
komm, mir ist furchtbar.«
Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.
Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.
»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke,
als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen
krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.
Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem
Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.
Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig
wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig
aufstand und hinausging.
»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte
sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln
erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben.
Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
nicht.« --
Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht
lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt?
Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können.
Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es
geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der
eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in
den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam
blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich
doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd
mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie.
»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das
Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der
Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
eigentlich sagen wollte.
»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als
ob sie verstanden hätte.
»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«
»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen,
er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte
er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann
er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und
schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein
können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die
Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um
die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.
Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
Nishegorod weggefahren.
»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen
Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht
erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie
zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich
werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche
nieder.
»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«
Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.
»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos
in einem Lehnsessel sinken lassend.
»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.
»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
zurückkommen!« --
»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die
furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.
»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«
28.
Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das
Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der
Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am
lebhaftesten ist.
In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell
wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage
als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu
welcher sie sich hatte führen lassen.
»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
ihn nicht leben?«
Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu
antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und
Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie
sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit
der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir
damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das,
was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.
Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von
Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann
grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte
sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist
entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen
kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken.
Und ich will sie verhüllen.«
Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht
hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und
daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie
begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort
so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
traurig, wie niedrig das ist!
Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt
schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie
sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
werde nichts mehr davon sehen.« --
Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.
»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.
»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.
»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,«
dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt
es, sich mit mir vereint zu haben.«
Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
Gespräch störte.
»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« --
sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«
»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich
umschauend, um Kity zu sehen.
»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«
»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«
»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in
der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«
»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«
»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen
Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen
bleibend.
»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das,
hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna,
während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in
meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von
jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«
Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit
machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen?
Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
gleichgültig ist.«
Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
zurück.
»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich
nicht im geringsten.«
»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna
neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.
Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.
»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und
rot werdend.
»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es
glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie
nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --
Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht
erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.
»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.
Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging,
und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
Feindseligkeit sogleich verschwunden.
»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu
begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.
Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich
diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.
Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
alledem interessierte Anna.
»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.
»Wann fahrt Ihr?«
Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.
»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd.
»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten.
Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie,
augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«
»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.
»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«
»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
blickend.
»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand
gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.
»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte
Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt
etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«
»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie
hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«
29.
Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie
es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen
gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches
sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.
»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.
»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
sie fuhr.
»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares,
Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger
blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet?
Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt
habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar
verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude
darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche
sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben.
Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren
Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig
auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu
mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich
gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt,
und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber
überzeugte, daß er geirrt habe.
»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben
blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber
vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte
Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei.
Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig.
Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu
diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen,
daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
Gerechtigkeit!« --
In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst
über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der
Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie
ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.
»Ist Antwort da?« frug sie.
»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das
kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes
Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr
kommen. Wronskiy.« -- las sie.
»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«
»Nein,« antwortete der Portier.
»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte
in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am
Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.
Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der
Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald
fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie
in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die
Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.
»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
selbst und ihn überführen!«
Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends
acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«
Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich
waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In
ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf
kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der
Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und
dort zu bleiben.
Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse
und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles
Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
hinausging.
Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein
klarer, noch warmer und sonniger Abend.
Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
ihren Worten und Bewegungen.
»Ich brauche dich nicht, Peter!«
»Aber das Billet?«
»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.
Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt,
nach dem Bahnhof zu fahren.
30.
»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich,
sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das
Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern,
abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie
in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß,
sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt
umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu
vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts
helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den
Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.
»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe
ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe
Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.
»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
Befriedigung seiner Eitelkeit.«
Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der
ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte
der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch
Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber.
Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat
sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen
Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte
Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
gehe, wird er herzlich froh sein.«
Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
Verhältnisse offenbarte.
»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie
fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles
in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir
hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich
auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich
selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist
unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie
öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte,
die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich
etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er
nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und
mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter.
Wenn er, ohne mich zu lieben, nur -aus Pflicht- gut und zärtlich gegen
mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch
tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es
auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört,
da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge,
und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie
viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«
Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen
ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.
»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern
zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll
ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das
nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber
nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu
rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte,
und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«
Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich
es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall
und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude
der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
entgegeneilten.
»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.
Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.
»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die
kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.
Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.
Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen
Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei
seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage
beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch
glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
wie entsetzlich ihr Herz schlage.
31.
Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich,
und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem
andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig
gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum
Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu
und klinkte sie ein.
Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in
Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen,
welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.
»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das
junge Mädchen.
»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna.
Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr
hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des
Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der
Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.
»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«
Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich
nach ihrer Ecke und setzte sich.
Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er
noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es
hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche
kläglichen Ausgeburten hassen.
Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport
des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß
niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur
Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es
nicht hören zu müssen.
Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal
des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte
sich.
»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden
Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen
Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger
und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster
erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
dem Vorhang.
Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich
einzuatmen und wieder zu grübeln:
»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage
ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre;
dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen
darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
soll man da thun?«
»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was
ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt
von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.
Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.
»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und
begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere
Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte,
und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze.
Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug,
aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
Gedankengang weiter.
»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß
er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener
Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
alles Lug, alles Trug, alles böse« -- --
Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich
ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
was sie hatte thun wollen.
Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer
Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen
aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald
kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den
Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß
sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen
Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
für den Grafen Wronskiy hier sei.
»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin
Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«
Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut
ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.
Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
hatte.
»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.
»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem
Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
Atmen behinderte.
»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,«
dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst
zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude
vorüber.
Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe
rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten
sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch
nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.
Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein
Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von
dem Bahnsteig entfernend.
Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten
bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die
Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten
und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie
schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und
suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
Mittelpunkt vor ihr befinden würde.
»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- --
Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der
Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon
erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und
Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor
ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin,
mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.
Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des
herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten
Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung,
als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan
hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder
erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß
sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir
alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch
arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte,
flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
verdunkelte sich und erlosch auf ewig.
Achter Teil.
1.
Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war
schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
Moskau zu verlassen.
Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches
ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die
Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet
worden.
Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen
gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung
vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon
nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten.
Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit
seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
Versendung an die Buchhändler gelangt.
Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit
erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach
dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.
Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber,
die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige
Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.
Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.
Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den
Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen.
Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem
allgemeinen Spott anheimgefallen war.
Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.
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