Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit
schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und
sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten
geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren
verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als
sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.
»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich
augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches
er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.
Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin
gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts,
in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,
nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener
Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden
war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in
der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.
10.
Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.
In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand
entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein
rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer
Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin
bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets
ruhig und natürlich sind.
»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde
erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde
eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon
wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe
dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer
reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald
Mutter werden?«
Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin
auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er
hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in
ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte
er sie von Kindheit an gekannt.
»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,«
sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen
dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf
Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von
Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.
»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.
»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«
»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß
Lewin das Porträt betrachtete.
»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«
»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.
Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz
erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen
fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,
fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna
gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:
»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden
Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«
»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.
»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --
Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.
»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das
Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist
ungerecht gewesen gegen ihn.«
»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich
Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.
Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen
Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes
Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung.
Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr
zuzuhören.
Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne
Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des
anderen großes Gewicht beilegte.
Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue
Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff
zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin
sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten
wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum
Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie
Poesie.
Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt
haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas
erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan
abwog. Sie begann zu lächeln.
»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches
Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen
die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die
Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man
seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,
dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von
erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte
Gestalten auszusinnen.«
»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.
»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.
»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und
unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich
jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon
sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war
betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in
seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn
und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,
als denke sie an Etwas.
»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und
wandte sich zu der kleinen Engländerin.
»=Please, order the tea in the drawing-room=.«
Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.
»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.
»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter
Charakter.«
»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein
eigenes Kind.«
»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;
ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer
anderen Liebe.«
»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie
auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin
einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung
verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«
»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch
hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey
Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an,
welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden
Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich
kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich
vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?
Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend
woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb
gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«
Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm,
daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei
im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.
»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule
und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz
einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen
Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«
Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie,
»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein
ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu
können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,
welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und
jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu
ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo
mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«
Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich
selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie
aber das Thema.
»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger
seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«
»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«
»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee
gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur
Hand.
»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch
zeigend, »es ist recht wohl wert.«
»O nein; es ist noch so ungefeilt.«
»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine
Schwester, auf Lewin deutend.
»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener
Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs
bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.
Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«
Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so
außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß
sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer
Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte
sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck
annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf
den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein
fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück
erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem
Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das
Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit
diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit
und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.
Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während
sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu
sprechen.
»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er
im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit
Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung,
daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des
von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.
Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch
fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man
nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im
Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um
sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte.
Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder
Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,
dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges
Gewicht.
Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der
ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre
Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte
er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres
Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.
Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie
jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und
fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der
elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --
Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei
er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.
»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem
Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est
rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt
Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß
ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie
möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben,
was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«
»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.
11.
»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,«
dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.
»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan
Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.
»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht
nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut
sie außerordentlich leid.«
»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß
nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür
öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«
Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche
mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres
Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre
Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.
* * * * *
Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl
befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären,
und überreichte zwei Briefe.
Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich
später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von
Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht
verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe,
und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war
von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre
Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.
»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht
mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen
Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig
erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch
genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich
schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt
hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs
Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die
geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden
zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem
Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen
Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages
bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen
er teilgenommen hatte.
Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte
er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die
aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut
gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er
von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig«
vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.
Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei
Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man
auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die
Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.
»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend,
welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu
erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem
Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.
»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe
mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du
begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen;
aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach
er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«,
sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß
das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere
Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --
Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,
nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu
wissen, warum.
»Nun, und wo warest du dann?«
»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«
Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine
Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu
fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht
gerade nötig gewesen war, dies zu thun.
Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf
bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre
Aufregung und täuschte ihn.
»Ah,« sagte sie nur.
»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin.
Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.
»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über
sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.
»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,«
sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem,
was sie ihm auszurichten befohlen hatte.
»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er
geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«
Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich
auszukleiden.
Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.
Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in
Thränen aus.
»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.
»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich
bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?
Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr
gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«
Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er
sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß
das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,
und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber
fortan meiden werde.
Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er,
so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen
und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.
So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie
sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.
12.
Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder
Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt
-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber
stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in
Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte,
daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis
einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen
Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen
hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des
Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in
beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin
liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer
verlassen hatte.
Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen
Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen,
liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder
vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber
etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen
Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er
Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was
für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so
-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit
doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu
können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und
bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will
mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!
Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das
Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich
denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr
hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu
Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals
schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich
halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne
-- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre --
und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche
Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die
Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.
Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese
Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich
noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe
gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er
nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt;
aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr
Mitleid mit sich selbst.
Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.
Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu
streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige
Stimmung.
»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu
ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« --
»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem
gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.«
»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?«
sprach er, sich neben ihr niederlassend.
»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin
gemacht?«
»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war
vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und
verspielt jetzt.«
»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen
zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,
»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu
nehmen, und hast ihn doch verlassen.«
Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf
seinem Antlitz aus.
»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu
benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die
Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er,
finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer
Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der
Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.
Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine
gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem
Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht
zuließen, daß sie sich selbst überwinde.
»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was
du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie,
immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte
streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.«
Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch
mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.
»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn
unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen
sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des
Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen
mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und
sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich
für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig
gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für
mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem
Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr
Schluchzen unterdrückend.
»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer
Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend
und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?«
»Das wäre auch noch!« sagte sie.
»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,
alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von
ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu
befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er.
»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist
es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht
weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht
davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu
verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.
Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu
erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler
wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß
jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in
ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als
bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte
denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem
furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese
Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal
anwenden könne.
Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte,
zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie
weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu
vertreiben vermochte.
13.
Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen
könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso
leben.
Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den
Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen
könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses
Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem
Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub
gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen
zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,
und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als
gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese
Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen
ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer
schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er
sanft und selig.
Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf
und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter
der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.
»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,
»Kity, was ist?«
»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der
Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie,
mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.
»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß
geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.
»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend.
»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig
unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.«
Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder
und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen
Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit
und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand
hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien,
verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder
einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand
er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen
war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten
Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.
Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte,
sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem
Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.
»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --
wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« --
Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt
ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen
beschäftigt hatte.
»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,«
sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand
an ihren Busen und dann an ihre Lippen.
Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge
von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch
immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen
von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen
kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!
Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem
er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer
Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem
Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude
und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im
allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von
dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier
abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen
leuchtete.
In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er
liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn,
doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu
ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,
und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage
sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick
nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag
eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf
mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin --
wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber
aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein
Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese
Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer
Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht
erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.
»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der
Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber«
-- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir
fehlt nichts.«
Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am
Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.
Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das
Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und
vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit
ihr selbst das Bett zu rücken begann.
Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben
würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem
Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm
schien.
Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging
umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei
treffend.
»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist
man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig?
Soll ich zu Dolly?«
Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.
»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der
Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein
klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer
ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.
»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem
Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir
bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet
ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese
Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte
er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit,
aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen
hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles
das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte
er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte,
seine Seele und seine Liebe?
Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl
einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und
Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine
Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg
und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine
daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem
Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha
Petrowna.
»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr
kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten,
sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu
befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.
»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter
Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch
Opium aus der Apotheke mit.«
»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh'
mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes
Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er
diesem, zum Arzt zu fahren.
14.
Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät
zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er
bald auf.
Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch
genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser
und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte
diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend
sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse,
und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und
entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen
Zweck zu erreichen.
»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine
Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit
für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.
Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb
Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei
dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während
er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er
zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den
Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit
Gewalt wecken, koste es, was es wolle.
In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen
Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst
einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das
Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu
geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme
genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor
zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es
geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus
Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei,
worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß,
einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte
Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln.
Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem
Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür
hinaus.
Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem
Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.
Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit
einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und
erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll
erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter
Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,
und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn
sogleich wecke.
Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das
Empfangszimmer zu treten.
Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete,
umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin
schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte
nicht länger warten.
»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender
Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir,
nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden
begonnen!«
»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen,
daß der Arzt dies lächelnd sagte.
»Auf eine Minute!«
»Sogleich.«
Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel
anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf
bürstete.
»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme,
doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute
haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir
verderben!«
»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte
er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«
Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle
unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen
Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm
kommen, unterbrechend.
»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar
nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber
Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee
gefällig?«
Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn
lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.
»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin
Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch
die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann
in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«
»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles
glücklich gehen kann?«
»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«
»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,
der den Kaffee brachte.
»In einem Stündchen.«
»Ach, nein doch, um Gottes willen!«
»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«
Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.
»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige
Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.
»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also
nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«
»In einer halben Stunde.«
»Auf Ehrenwort?«
Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen,
und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte
Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte,
umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.
»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem,
sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der
Hand fassend.
»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es
wird ihr dann leichter sein.«
Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es
sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und
Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich
verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,
sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu
ertragen, was ihm bevorstand.
Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie
das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr
sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend,
hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden
lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.
Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden
sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und
steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu
befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen,
oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,
und doch war erst eine Stunde vergangen.
Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf
Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe
gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt
noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute
denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und
das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.
Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die
Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher
gespannt.
Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich
gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr
vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene
Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit
außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende
Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.
Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem
Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends
war.
Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er
würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser
Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr
glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn
beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht,
aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in
Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er
sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha
Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den
alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.
Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es
nicht.
Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,
wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war
da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal
hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er
hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig,
und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet
hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas
frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der
Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur
Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand
zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf
einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die
Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die
Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys,
es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum
alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die
Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,
sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus
dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll
anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.
Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich
war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf
dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.
Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch
sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller
gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen
Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz
gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung
dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin
der Verstand nicht mehr reichte.
»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß,
ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen
Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und
naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten
Jugend.
Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte
Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart
seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine
seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem
Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten,
von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die
Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich
auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht
fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;
an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor
Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.
Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei
einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen
seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,
sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu
entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei;
er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von
neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und
sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«
Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden
Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß,
in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre
Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang
empor, wollte fort, und lief zu ihr.
Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr
Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen,
ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe,
gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und
Erbarmen.
15.
Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon
sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte
dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.
Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines
Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es
war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.
Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung
des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr
zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht
einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend
den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und
lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin
schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so
sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her?
Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er
eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf
seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt
eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er
nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese
Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und
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