konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.
»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die
natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte
Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als
Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas
außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im
Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in
dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«
»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.
»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben
begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten
Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin
errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«
Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine
Anschauung darzulegen.
Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende
politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht,
bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen
Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem
klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.
»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen
Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften,
sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«
Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit
welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu
entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im
Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen
Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung
zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des
russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die
ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.
»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen
Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte
Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von
dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«
Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann
nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die
Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar
nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die
anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der
Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen
Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes
und der Rente blickte.
Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten
Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn
für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in
sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden
sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch
lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl
er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte,
und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin
entwickelte.
Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff
unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung
eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich
überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache
betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte
er nicht mehr, und hörte nur noch zu.
Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant
war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen,
indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,
daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit
und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen
mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine
Gedanken aussprach.
Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der
Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem
Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß
er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte
und ihm selbst noch unklar war, redete.
»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr
blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es
ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des
fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage.
»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über
seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr
interessant.«
»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn
Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit
weiter zu hören.«
»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die
Sitzung komme ich sehr gern mit.«
»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung
zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.
Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die
Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während
dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die
Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine
eigene Ansicht.
Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr
einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten
sich in zwei Lager gespalten.
Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen
Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und
Mißachtung der Autorität.
Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon
mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit
gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine
eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf
der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten
Universität gingen.
Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch
gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen,
saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine
Handschrift beugte, las etwas.
Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch
herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was
man lese.
Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:
»Eine Biographie ist es.«
Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht
interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches
Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.
Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die
ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst
einigen Worten des Dankes für diesen.
Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine
Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.
Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und
gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum
Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte
dazu auch gar keine Lust.
Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte
Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht
auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch
ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen
könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege
arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts
hervorgehen könne.
Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs
abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin.
Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über
politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten
das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen
Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur
Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die
ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die
Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte,
beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung
nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.
4.
Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein
ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch
erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.
Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,
nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand
Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau
übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen
zu lassen.
Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,
sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in
diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich
gegenseitig liebgewonnen.
Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.
Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem
Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein
Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut
vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte
aufgerauchte Cigarre hielt.
Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,
glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels
verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.
»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!
Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte
einen Rollstuhl herbei.
»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<
gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem
Accent.
Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was
man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik
gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner
Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.
»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten
Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich
zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings
leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung
mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich
nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«
»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich,
voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die
durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,
entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.
»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.
Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem
Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer
da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie
Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er
zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das
fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir
dies. Hier sagt er« --
Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern
lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.
»Ihr lacht darüber!« sagte er.
»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick
auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von
Kindern!«
»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.
»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene
Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte,
als die Euren sind.«
Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er
erglänzte doch von einem Lächeln.
»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche.
Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben,
welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«
»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die
Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was
ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«
»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,
wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen
andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die
Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber
gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese
Hilfe, erziehen können.«
Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt
der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna,
unterbrochen.
»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie,
augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie
dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen
hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,«
wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«
Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag
verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,
die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des
südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu
überlegen.
Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen,
und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die
öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu
Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --
oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen
zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.
»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert
mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie
soviel Fehler haben.«
»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine
Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie
zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man
uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins
Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen
möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!
Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur
noch für ihre Kinder.«
»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem
schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird
glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«
»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser
auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.
»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen
eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater
traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.
Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen
hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch
ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff
zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die
Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod
der Apraksina.
Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich
desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.
»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs
Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen
blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.
»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,«
sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --
»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des
Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«
5.
In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die
eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein
Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von
originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu
bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte,
trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft
als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den
Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen
des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die
musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die
Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die
Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,
die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten
Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.
Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus
dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.
Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte
er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu
bilden.
Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer
musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer
von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen
sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,
aber außerordentlich komplizierte Klänge.
Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die
bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig
unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und
Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede
innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und
ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.
Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl
eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger
Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung
von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen
Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und
begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.
Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären,
begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,
als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten
Peszoff erblickte.
»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.
»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und
monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in
welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig
Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.
Nicht wahr?«
»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er
hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe
ausdrücken solle.
»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf
den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und
Lewin nun hinreichte.
Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte
sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu
lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.
»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu
Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,
gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.
Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über
die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,
daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß
hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle,
daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe,
was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen
Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen
Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal
aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.
»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß
sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz
gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon
früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet
daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.
Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre
höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten
erreichen könne.
Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff,
der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit
ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen
geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in
der Malerei verglich.
Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er
über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen
traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.
»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies
mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt
dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.«
6.
»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der
Gräfin Bolj tretend.
»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz
abnehmend.
»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen
Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn
eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?«
Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin
Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen
Befehl erteilte.
Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden,
kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon
saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin
bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ
sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.
»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten
nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.«
»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin.
Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach
seiner Frau und dem Konzert.
Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode
der Apraksina.
»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.«
»Waret Ihr gestern in der Oper?«
»Ja, ich war da.«
»Die Lucca war sehr gut.«
»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war,
was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon
über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte.
Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug
geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt
geschwiegen hatte.
Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung
zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen
=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter
aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war
aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn
die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,
und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber
nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu
einem Gespräch und blieb stumm.
»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr
interessant,« begann die Gräfin.
»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort
abzuholen,« sagte Lewin.
Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit
der Tochter.
»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die
Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=
ausrichten zu wollen.
Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu
stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch
ein.
»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das
lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend,
daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des
Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben
zusammen nach Haus zu fahren.
In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die
gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll
verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als
die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft
untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend
dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein
berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch,
der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere
Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über
die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte
er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu
empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser
Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder
in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines
Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß
es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,
wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten
vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre,
als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser
setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser
scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört
hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen
Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.
Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity
heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.
7.
Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm
kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier
gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der
Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er
entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner
Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in
früherer Zeit davon erhalten hatte.
Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof
gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,
während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür
öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die
Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen
hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten
abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den
geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die
schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz
die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten,
altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder
zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte --
da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung,
Vergnügen und Noblesse.
»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,
den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange
nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben.
Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«
Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche
Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden
Männer Erwähnung.
Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts
abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend,
überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm
versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.
Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste
musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte
und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab
es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie
es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre
Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße
die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war
auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie
Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.
»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der
Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu,
die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste
eingeklemmt hatte.
»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«
»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.
Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,«
sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit
Quappensuppe.
»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war
Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen
zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den
gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich
seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach
all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige
Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.
»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da
sein!«
Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig
lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte
beide miteinander bekannt.
»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«
»Da ist er ja!«
»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen
herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«
Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit
Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man
konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem
Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen
Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das
Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische
zurück.
Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser
ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück
und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank
mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren
und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die
Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote,
die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin
so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.
»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht
vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist
reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu
erzählen.
»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener
Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend
und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.
Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der
anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und
bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.
»Wer ist dies?« frug Lewin.
»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist
ein vortrefflicher Mensch.«
Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.
Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich.
Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das
Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie
schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin
bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.
»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan
Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in
Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die
Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls
die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich
auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas
zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die
Hand entgegen.
»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch
damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon
weggefahren.«
»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens
soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin,
»das war ein sehr schneller Ritt!«
»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«
»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne
das.«
»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.
»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«
»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.
»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den
Karten hätte, wie er mit den Pferden.«
»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,«
sagte der Oberst und verließ den Tisch.
»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den
neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal
geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der
Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin
unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm
sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.
Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört,
sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.
»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan
Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu
lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich
vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.
»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und
lächelte. »Gehen wir!«
8.
Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen
die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit
Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den
großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.
»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der
Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«
»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«
»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als
für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein
gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches,
nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen
entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen
geboren worden sind.«
»Was ist das, Ruinen?«
»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser
Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,
so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser
einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du
kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah
an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.
»Nein, ich kenne ihn nicht.«
»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch
gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er
noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte
andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du
kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots!
Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles
gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die
dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« --
Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin
mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits
die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner
spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo
Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das
Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige
Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert
hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo
sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen
hatte, viele Setzende drängten.
Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem
dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit
galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein
kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen
auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In
diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische
Neuigkeit.
»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner
Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen,
hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen
Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig
und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es
heiter zuging.
Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,
und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in
einer entfernten Ecke des Zimmers.
»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die
Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst
zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.
»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen
zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets
der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl
zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.
»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit
seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von
sich zu lassen.
»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er
zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich
will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide
gute Menschen seid.«
»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte
Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.
Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.
»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.
»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.
»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.
Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen
Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten
dies.
»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan
Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in
Verbindung bringen. Komm Lewin!«
»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde
sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt
mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«
»Nun, steht es schlecht mit ihm?«
»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«
»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan
Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.
»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das
Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.
»Stoßt!«
Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins
nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,
auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend
umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das
»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine
angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn
erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von
Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.
Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem
Arm.
»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr
schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin
willst du für den Abend gehen?«
»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in
die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du
willst,« sagte Lewin.
»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!«
wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.
Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die
Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen
Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an
der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen
Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.
9.
»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.
Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten
Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte
Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und
der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen
auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens
auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden
Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote
Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war
dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise
zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu
fahren. Was würde Kity sagen?
Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,
und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.
»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du
weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und
kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann
ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du
wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«
»Weshalb denn besonders jetzt?«
»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er
ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres
Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht
sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden
haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte
Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und
welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch.
»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine,
das deine.«
»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.
»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist
so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem
sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate
hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht
keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß
man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara,
hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält.
Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib
keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie
sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie
ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief
Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.
»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit
seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.
»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich
mit dieser?« sagte Lewin.
»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une
couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt
ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind
ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie
ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du
lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und
sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe
das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja
selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und
sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst
gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist
vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie
eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch
genommen ist.«
»Also etwas Menschenfreundliches?«
»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts
philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine
Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,
aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken --
=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie
die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze
Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab
gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für
das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst
dieses ja sehen.«
Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an
der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.
Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich
Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in
Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.
In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er
überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte
Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.
Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen
niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur
Antwort »Herr Workujeff«.
»Wo ist man?«
»Im Kabinett.«
Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden,
traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches
nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine
andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in
Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich
seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von
Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch
hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche
gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches
in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte
sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und
verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem
wunderbaren Bild.
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