»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und
hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch
ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken
Kinnbacken zusammenbeißend.
»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«
»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.
Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben
auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und
Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen
bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:
»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht
aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines
Friedensrichters?«
»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert
eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst
darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine
Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.
»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit
Verwunderung.
»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die
Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht
Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das
wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in
einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher
es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann,
welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«
Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe,
und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen
Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und
war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.
»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem
mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu
ballotieren.«
Sie gingen auseinander.
»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten
Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie
es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes
bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der
Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami
cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache
ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.
Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb
soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du
Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«
»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,«
antwortete Lewin mürrisch.
»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber
damit, so verwickelst du dich dennoch.«
Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.
Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten
Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten
hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles
still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der
Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher
gewählt werden solle.
Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von
ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.
»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen
mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.
Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt
hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben,
indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als
er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,
überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die
Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.
Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen
Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig
die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.
Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln.
Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der
Nichtwählenden aus.
Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden.
Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür.
Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.
»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.
»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd
Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«
Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß
hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,
sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit
überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.
Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt
wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und
fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der
alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.
Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener
über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,
der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so
unangenehm war, auf die Tribünen.
Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer
beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was
unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante
Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall
wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft
sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen
Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem
Advokaten:
»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon
der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und
verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,
und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«
Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er
sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.
Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der
Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender
lauter Stimme rief:
»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des
Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«
Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:
»Ich verzichte!«
»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum
die Stimme.
»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.
Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«;
und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt,
schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu
erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt
hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als
er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den
Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer
ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.
Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem
auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit
thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine
Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte
Genosse des Prokurators.
»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte
der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame
vorüberzulassen.
Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der
Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär
abfing.
»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«
Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert
hatte, gewählt worden.
Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte,
die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit
geröteten Gesichtern gegenüber.
»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende
Gutsbesitzer.
Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers
hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von
Erschöpfung und Angst.
»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den
Thürhüter an.
»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«
»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in
seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die
Mitte des Saales nach dem großen Tische.
Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant
worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden
sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele
entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher
war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als
Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm
begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher
gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie
Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.
31.
Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der
triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.
Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf
dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit
vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit
seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei
den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene
Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er
sich auserwählt hatte.
Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr
interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er
der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine
vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht
mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.
Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und
sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches
ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit
Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß;
ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht
worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein
Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor
allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes
Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr
Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.
Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher
an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos
de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten
nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,
sein Anhänger wurde.
Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg
Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,
verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme
Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.
Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf
der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken
wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer
Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.
Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der
Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General
=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der
die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,
Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah
-- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war
sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit
geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur
Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich
sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und
achtungsvoll.
Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal
eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an
Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung,
welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand
denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des
heutigen Erfolges und feierte denselben.
Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er
die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy
ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und
bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine
andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen
müssen, als Thränen.
Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum
Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und
man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue
Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.
Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu
Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew.
Excellenz«.
Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge
Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.
Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur
gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering,
aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich
beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser
ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,
nicht gestimmt hätte.
Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich
für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan
Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja
Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit
zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter
mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine
Freude machen.«
Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur
über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl
bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan
die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.
Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die
nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts
stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein
kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der
Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen
und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden.
Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen
Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,
wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --
Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in
der Provinz erwartet.
Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der
Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft«
zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu
werden wünschte.
»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der
That bemerkenswert.«
»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,
lächelte aber, und versprach doch zu kommen.
Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,
trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf
der Präsentierschale.
»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller
Miene.
»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy
sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener
meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.
Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er
seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber
sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen.
Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus
Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt
sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war
wahrscheinlich noch nicht angekommen.
Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine
unerwartete und ihm höchst unangenehme.
»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten.
Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist
keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,
gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und
was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,
da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir
Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«
»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter
ist krank und dieser feindselige Ton!« --
Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende
Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren
Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in
der Nacht nach Hause.
32.
Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung,
daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen
wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln
könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über
sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.
Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,
als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie
verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon
vernichtet war.
In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher
sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem
Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --
»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu
reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar
keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln.
Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem
ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht
Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,«
dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«
Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es
ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu
ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und
Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch
Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren
Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben
einmal aufhören würde.
Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn
dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,
sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie
nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die
Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und
entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder
Stefan zu ihr davon sprechen würden.
In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen,
während deren er abwesend sein mußte.
Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die
Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches
nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.
Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte,
fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über
ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.
In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner
Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die
Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses
Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.
Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis
für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem
sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes
widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne
es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.
Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.
Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,
den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie
nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei.
Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt
gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde,
daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren
-- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr
belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede
seiner Bewegungen kannte.
Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und
las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die
Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das
Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht
nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch
in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience
gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob
sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher
zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber
am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.
Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den
Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit
zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über
das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden
war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier
sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und
alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.
»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die
auf ihn zueilte.
Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen
Stiefel aus.
»Es ist nichts; ihr ist besser.«
»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.
Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre
Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.
»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr
Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.
All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und
jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm,
blieb auf seinem Antlitz.
»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem
Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.
»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn
er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu
lieben.«
Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara,
welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium
genommen habe.
»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten
mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --
Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit
ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen
Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren
konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.
Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche
sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck
seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet
hatte, zu verwischen.
»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du
hast mir nicht geglaubt?«
Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr
Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht
vergeben habe.
»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,
bald wolltest du selbst kommen.«
»Es war alles wahr.«
»Daran zweifle ich auch gar nicht.«
»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«
»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja
wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --
-- »Ins Konzert zu fahren« --
-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.
»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.
»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte
haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer
Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?
Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«
»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß
dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst
wieder fort -- so machen es« --
-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --
Doch sie hörte ihn nicht.
»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.
Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --
»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch
hierzu« --
-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß
ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«
»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts
weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.
Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird
und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen
Worte sprach.
Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.
»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war
dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr
vergessen können.
Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die
Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin
Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit
Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch
erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie
Eheleute zusammen einquartiert.
Siebenter Teil.
1.
Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst
war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der
Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte;
aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit
jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.
Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,
vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen
Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen
ruhig und glücklich.
Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung
von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,
und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr
völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein
eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,
aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer,
ungekannter Freude.
Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,
bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine
große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt
hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben
gewünscht haben würde.
Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr
Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,
und der er auf dem Dorfe gewesen war.
Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf
dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf
der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie
jemand beleidigen.
Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem
Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier
aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er
Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.
Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert
erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn
blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im
Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck
in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen
macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur
nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden
Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit
seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien
ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen,
sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig
war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.
Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht
verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es
ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er
damit zufrieden sein konnte.
Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er
nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys
umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt
-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren.
Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen
Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft
gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an
junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte
er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So
angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der
alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren,
so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm
nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er
hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,
um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen,
je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger
blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er
hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen
alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran
verloren habe.
Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen
nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des
Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und
verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab
es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie
nach der Stadt übersiedelten.
In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr
wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte
Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb
gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem
Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten
alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.
Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,
daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst
so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut
zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies --
auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater
hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch
nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy
anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz
so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und
zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das
geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen
unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.
Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz
über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier
lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch
sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte
nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu
verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber
nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen,
wenn er grüßt.
Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung
mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit
nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr
zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie
hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden
würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere
Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht
nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch
wirklich zu sein.
Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß
sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam
ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die
Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie
nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.
»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht,
weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben
sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit
mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht
durch einen Spalt schauen konntest.«
Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen
war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und
begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem
er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur
in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie,
daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten
besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und
sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht
handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten
Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.
»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind
besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte
Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«
2.
»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um
elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im
Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber
den Vormittag?«
»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.
»Weshalb so früh?«
»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will
mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in
Petersburg,« sagte Lewin.
»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte
Kity.
»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«
»Und ins Konzert?« frug sie.
»Was soll ich allein dorthin!«
»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich
doch so. Ich würde sicher hinfahren.«
»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der
Uhr blickend.
»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj
fahren kannst.«
»Ist denn das so unbedingt notwendig?«
»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst
hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder
auf und fährst fort.«
»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies
schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu
ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die
Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --
Kity lachte.
»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.
»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich
so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen
will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint
stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn
eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --
»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,«
sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun
leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem
er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du
weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«
»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel
brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von
Mißvergnügen.
»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen
wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts
Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen
Etwas nicht richtig.«
»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie
blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher
Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst.
Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld
gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der
Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich
habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die
Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«
»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --
»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt,
Herzchen.«
»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe.
Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch
alle noch und wir verschwenden Geld« --
»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,
seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es
wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --
»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.
Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu
beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen,
lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das
Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er,
und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.
»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden
Händen nehmend.
»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr
denke und nichts weiß.«
»Hast du nicht Angst?«
Sie lächelte geringschätzig.
»Nicht die Idee,« sagte sie.
»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«
»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde
mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen
erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys
entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld
hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte
sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben
beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden
nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch
wenn ihr beide« --
»Aber was können wir thun?« frug Lewin.
»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir
sagen, was wir beschlossen haben.«
»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde
also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich
auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«
Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener
Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.
»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande
hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer
noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«
In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land
mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem
Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es
stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der
Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.
»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«
»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.
Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit
seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den
Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten
gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel
Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür
fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.
»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte
er.
»Zu Diensten.«
Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt,
einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem
Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging
er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in
den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr
an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,
der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit
ihm über sein Buch sprechen wollte.
Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem
Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen
Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.
Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser
Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging
schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im
Vogelschwarm.
Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines
Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich
vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich
erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und
Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree
auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt,
einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten
kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen
bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm
noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von
Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn
auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung
daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer
waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen,
geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter
fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr
derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon.
Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden
war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte,
wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.
Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt,
unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls
vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,
wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man
einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man
bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne
Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr
für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne
daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den
nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.
Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm
Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und
er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte
ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in
Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.
Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit
Metroff denkend.
3.
Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen
Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den
er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.
Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner
Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung
Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,
Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise
Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;
aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß
der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen
sich gern und debattierten dann.
Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie
gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen
hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen
Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und
sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit
Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und
sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.
»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht
einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon
entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß
er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?
Nach der Art des Krieges« --
»Nun?« frug Lewin.
Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und
machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten
Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.
Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in
den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.
Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei
dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden
sein sollten.
Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas
ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation
herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein
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