alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.« Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit, das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel, die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje angewendet wurden. »=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!« »Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug Wronskiy vor. »Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy. »Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna. So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu wollen. Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe, sie beneidete dieselbe sogar. Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen, sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß. Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein Reichtum gewesen. -- Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte. So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene Ich. Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen habe. »Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte er. »Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon so?« »O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. »Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!« Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute. »Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa langweile. »Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese. »Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy. »=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.« »Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna, sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte. »O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen gegenüber so gleichgültig verhaltet.« »=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. -- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend. Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie mit Richtmaßen. »Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy, »als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.« »Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits ausgeputzt,« sagte Anna. »Und was ist das Neues dort?« »Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem entgegen. Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen. »Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche gefragt hatte, wovon die Rede sei. »Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna. »Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt, »es ist außer Acht gelassen worden.« »Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy, welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.« Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des Krankenhauses. Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die Herrschaft zu begrüßen. »Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.« »Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu. Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte. »Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy. »Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly. »Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« -- Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort. »Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,« er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« -- Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven Begeisterung. »Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn hatte verlieben können. 21. »Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte, zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite, und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte er, zu derselben gewendet. »Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert. Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war, und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch sehen könne, begann: »Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er, sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar. Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck seines Gesichts erschreckten sie. Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er mit ihr mochte reden wollen. »Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er, »helft mir doch!« Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, schweigend neben ihr hin. »Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht -- so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug er, sie anschauend. »O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, »doch« -- -- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, >ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<« »Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich verstehe wohl.« »In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.« »Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach der Welt empfindet« -- »Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich nach der Welt empfinden?« »Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war. Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln. »Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß gehen?« »Nein, ganz gleich.« »Gut, setzen wir uns dann hierher!« Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen. »Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr. »Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,« sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend, »und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind, wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz -- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend. Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort: »Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« -- Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine Beziehungen zu Anna war. »Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. -- Das ist doch furchtbar!« Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung. »Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja Aleksandrowna. »Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster, »ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und die Scheidung fordert.« »Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna. »Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.« »Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin. Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu. 22. Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten. »Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.« Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation. Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf den Kopf. »Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam. »Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,« fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?« Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht. Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen. Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner. Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles gemacht hatte und wie es gemacht war. Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute, die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von selbst geworden. Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war. Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie Darja Aleksandrowna merkte. Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um denselben aus seinem Schweigen zu ziehen. »Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war, gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst alltäglich, wie schnell das geht.« »Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt -- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch -- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache abgemacht.« »Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd. »Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.« Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen. »Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.« »Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly. »Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine Scheren. So hier« -- Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die Erklärung fort. »Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne die Augen von ihr zu verwenden. Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht. »Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an den Baumeister. »O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu erläutern. »Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch nützlicher gewesen.« »Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen entrissen, an Wronskiy. »Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab. »Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er. »Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend. »=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu Anna. [A] =dochód= »Einkünfte«. [B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«. »=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?« »Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem Spott. »Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?« »Herrlich!« »Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?« »Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht gerade.« »Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte, wieder zu den Ihrigen. »Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend. »Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei. Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm. »Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch. »Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij. »Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,« antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein Haus baut.« Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen unwillkürlich sie selbst geriet. Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei, ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze. »Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!« »Natürlich mit Cement.« »Bravo! Aber was ist denn Cement?« »Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij, ein allgemeines Gelächter hervorrufend. Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters, verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur schädlich seien, erzählt. »Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische, sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?« »Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich an Anna wendend. »Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf, »aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es allerdings nicht!« »Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.« »Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.« »Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der Überlegenheit in Wronskiy. »Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy -- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im Reiche haben müßten.« Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte Lewin und war daher auf seiner Seite. »So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein, damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wolltet, zu mir zu kommen?« »Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer &c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,« wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!« Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte, bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte, erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing. Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen, von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie. Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben auseinandertrat. Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst. Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über das Netz hinüber. Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt, inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich dem Gedächtnis ein. Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie, als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground= huschenden Wasjenka Wjeslowskij. Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder dabei sind, ein Kinderspiel spielen. Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater, mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr schlechtes Spiel die ganze Aufführung. Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich, morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten sie an sich. Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden, empfand sie große Erleichterung. 23. Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr eintrat. Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert. Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen über Geistiges durchmusternd, nichts. Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre. »Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie mir nicht?« »Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd. »Aber sie haßt, verachtet mich?« »O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.« »Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?« »Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?« »Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.« »Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren Menschen.« »Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er ein schöner Mann ist,« wiederholte sie. Dolly lächelte. »Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch zu nennen. »Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein Leben denkst?« »Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.« »Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben. Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist, und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor, daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich näher zu Dolly setzend. »Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte, »natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit. Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er denn mit dir gesprochen?« »Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei, und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl, wenn möglich, muß geheiratet werden« -- »Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir, daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie. »Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen. Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu erhalten.« »Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster. »Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr leiden sollst.« »Das ist unmöglich! Und weiter?« »Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.« »Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den Augen zwinkernd. »Any und die Künftigen« -- »Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!« »Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?« »Deshalb nicht, weil ich es nicht will!« Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte. »Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- »Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken haben. Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten, eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war. »=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen. »Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und leichtsinnigem Tone. »Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna, als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten? Doch nur damit!« Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus. Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja Aleksandrownas. »Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch geliebter Mann es sucht und findet.« Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen, welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu antworten gab. »Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen? Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters, sowie ihrer Geburt.« »Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.« Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal überzeugt hatte. »Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an, fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.« Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen. »Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck von Ekel auf den Zügen. »Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin -- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht wünschen kann.« Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht zu sprechen besser war. 24. »Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es möglich ist,« sagte Dolly. »Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter, gedämpfter und trauriger Stimme. »Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000