seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.«
Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer
befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib,
welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: »Halt,
habe ich gesagt!«
Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die
Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der
Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und
berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er
einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen
gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber
auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen
sei.
»Ihr waret an der Universität Kieff?« frug Konstantin Lewin Krizkiy um
das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu
brechen.
»Ja, dort war ich,« antwortete Krizkiy verbissen.
»Und das Weib dort,« fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau
weisend, »ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe
sie aus einem gewissen Hause genommen,« er ruckte wieder mit dem Hals
als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender
Miene, »aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen
will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz
gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du
denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!«
Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin.
»Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.«
»So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und
Branntwein. Oder nein, halt -- Nein -- es ist nicht nötig -- doch geh,
geh!« --
25.
»Sieh einmal,« fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es
wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich
sagen oder thun solle.
»Siehst du dort« -- er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne
Stangen, die zusammengebunden waren. »Siehst du das dort? Dies ist der
Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um
die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.«
Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht
und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem
ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der
Arbeitergenossenschaft berichtete.
Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur
Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter:
»Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die
wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt,
daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer
Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.
»All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern,
und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine
Bildung -- all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die
Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die
Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene
arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese
Einrichtung aber muß geändert werden,« -- schloß Nikolay und blickte
dabei fragend auf den Bruder.
»Natürlich,« versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf
den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.
»Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher
alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente
zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.«
»Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?« frug
Konstantin Lewin.
»Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.«
»Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es
doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem
Dorfe?«
»Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind,
die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es
unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,«
versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.
Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren,
schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu
erregen.
»Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen,
und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die
herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.«
»O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,« antwortete
lächelnd Lewin.
»Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!« rief plötzlich bei der Nennung dieses
Namens Nikolay Lewin aus, »ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich
dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du
verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott,
geh!« rief er, von seinem Stuhle aufstehend, »geh, geh!«
»Ich verachte gar nichts,« antwortete Lewin mild, »und ich streite ja
gar nicht.«
In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin
blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und
flüsterte ihm etwas zu.
»Ich bin leidend und daher reizbar geworden,« fuhr er beruhigt und
schwer atmend fort, »später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und
seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel
Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der
Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz
gelesen?« wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische
niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut
umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.
»Ich habe ihn nicht gelesen,« antwortete Krizkiy finster,
augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.
»Weshalb denn nicht?« wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an
Krizkiy.
»Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.«
»Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit
verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist
ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber -- bei mir ist es etwas anderes --
ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.«
Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.
»Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem
Schlosser!« --
Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit
den Augen zwinkerte.
»Auch schlecht,« sagte er, »ich sehe schon« --
In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach
Nikolay.
»Was willst du noch?« antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den
Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend
wandte sich an diese:
»Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?« frug er sie.
»Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach
geworden, er trinkt wohl zu viel,« antwortete sie.
»Was trinkt er denn?«
»Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.«
»Soviel trinkt er davon?« flüsterte Lewin.
»Ja,« antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher
jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.
»Wovon habt Ihr gesprochen?« frug er stirnrunzelnd und den verstörten
Blick von einem auf den andern schweifen lassend. »Wovon?« wiederholte
er.
»Von nichts Wichtigem,« versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.
»Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar
nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,« fuhr
er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. »Du hast alles verstanden und
weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den
Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,« sagte er darauf,
seine Stimme erhebend.
»Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,« flüsterte abermals Marja
Nikolajewna, an ihn herantretend.
»Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja
schon,« sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem
Servierbrett hereintrat.
»Hierher, setze hierher,« rief er heftig und ergriff sogleich den
Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. »Trink, willst du
nicht?« wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend.
»Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern
bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so
ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,« fuhr er
fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites
Glas Branntwein darauf einschenkend. »Wie befindest du dich?«
»Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige
mich mit meinem Gutswesen,« antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die
Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich
indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.
»Weshalb heiratest du denn nicht?«
»Es ist noch nicht dazu gekommen,« antwortete Konstantin errötend.
»Warum nicht? Mit mir -- ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben.
Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten;
hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann
würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.«
Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.
»Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor
ist?« sagte er.
Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.
»Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was
machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich
besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß
nichts im Hause verändert wird, aber -- heirate möglichst bald und
führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich
auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.«
»Komm doch jetzt zu mir,« antwortete Lewin, »wir könnten es uns so
bequem machen!«
»Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey
Iwanowitsch nicht bei dir fände.«
»Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.«
»Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm
und mir,« beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.
Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.
»Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser
Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey
Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr
befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form
nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.«
»Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?« rief freudig erregt
Nikolay aus.
»Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die
Freundschaft mit dir vor, denn« --
»Denn, denn?« --
Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber
habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber
Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich
unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.
»Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,« sagte Marja Nikolajewna, die
fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.
»Laß los! Laß mich gehen, oder -- ich schlage dich!« rief er.
Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich
auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.
»Du denkst wohl, die hier versteht nichts?« sagte er, »sie versteht
alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes
in ihr?«
»Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?« wandte sich Lewin an sie, um
ihr einige Worte zu sagen.
»Sprich sie nicht mit >Ihr< an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit,
da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte,
hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit >Ihr<
angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!« rief er
plötzlich aus. »Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese
Semstwos, was ist das alles für Unsinn!«
Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem
Herzen hatte, herunterzusprechen.
Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes
in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte
und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des
Bruders.
»In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,« sagte er im Scherz.
»In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,«
wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen
lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und
Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht
gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich
vor dem Sterben!« Er schauerte zusammen. »Trinke doch etwas. Willst du
lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den
Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die
russischen Lieder!«
Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das
andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu
überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig
Berauschten zur Ruhe.
Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay
auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu
leben.
26.
Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des
nämlichen Tages langte er zu Hause an.
Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über
Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte
ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit
mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.
Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen
alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen
gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des
Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah,
seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und
Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die
Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und
davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe -- da empfand er, daß sich seine
Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere
Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.
Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er
aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in
denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche
Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er
nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd
gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, -- da
fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.
Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr
sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.
Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht
mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine
Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die
lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.
Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft
ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde,
als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.
In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß
er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus
den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu
können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen
werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den
Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten
hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.
Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für
unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in
seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt
beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von
jetzt ab -- obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig
gelebt hatte, -- noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus
gestatten wolle.
Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg
in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl
der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der
neunten Stunde vor seinem Hause vor.
Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen
Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein
Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie
war noch nicht zur Ruhe gegangen.
Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur
Freitreppe heraus.
Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt
hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen,
erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust
des Herrn setzen.
»Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,« sagte Agathe Michailowna.
»Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber
daheim ist es noch besser,« antwortete er ihr und begab sich in sein
Kabinett.
Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze
erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe,
Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst
einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern
her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen
zerbrochen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.
Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an
der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf
dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens
schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen »nein, du wirst uns nicht
entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du
warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir
selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten
Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht
geboten ward und für dich niemals möglich ist!«
Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele
sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der
Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er
sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des
Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und
begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere
Stimmung zu versetzen.
Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er
die Gewichte beiseite.
Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen
sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre
von unten angebrannt wäre.
Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin
selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese
Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten
Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.
Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war,
lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum
hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte
seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und
erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, -- sie war auf
einer Ausstellung gekauft worden -- hatte gekalbt.
»Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,« wandte er
sich an den Verwalter, »ich will gehen, um nachzusehen.«
Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem
Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der
Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.
Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre
aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der
Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.
Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer
holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte
aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal
wütend, als man an ihm vorüberschritt.
Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd,
hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil
gedreht, und beschnob es jetzt.
Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge
Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf,
beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut
schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb
suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den
Schwanz.
»Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,« sagte Lewin, das
Kalb betrachtend. »Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der
Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy
Fjodorowitsch?« er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter,
jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des
Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des
Kalbes.
»Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der
Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm
unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,« sagte der Verwalter. »Über
die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.«
Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des
Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab
er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem
Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause
woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.
27.
Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein
bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in
Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar
von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber
dieses Haus war für ihn die ganze Welt.
Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben
waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der
höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer
Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.
Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn
nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in
seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen
geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.
Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht
vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor.
Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl
seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener
zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.
Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes
künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.
Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken
pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen
hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit
ihrem gewohnten »darf ich mich setzen, Batjuschka,« auf den Stuhl am
Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte,
von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben
konnte.
Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber -- es mußte sein! Er las in
seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte
dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort
schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem
Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor
das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele
Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.
Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott
vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er
dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib
halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und
überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt
worden waren.
Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner
absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der
Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der
philosophische Blick nicht zureiche.
Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß
nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische
Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte
und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten,
die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.
Er blickte wieder in sein Buch.
»Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn
möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen
zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames
Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden.
-- Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst
eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen
drei mischen kann.«
Ausgezeichnet!
Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns
besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die
Hausfrau, »wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen
wie ein Kind auferzogen.«
»Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?« würde der Gast sagen.
»Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,« wäre
dann die Antwort.
Aber wer soll diese Hausfrau sein?
Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.
»Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.«
»Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht
eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die
Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei
weitem besseres Leben führen zu können.«
Er hob den Kopf und dachte nach.
Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft
des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und
hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder
zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen
Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm
und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose.
»Es fehlt nur, daß er noch spräche,« sagte Agathe Michailowna. »Nur ein
Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat
sich auch genug gelangweilt.«
»Weshalb?«
»Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich
geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter
ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in
gesundem Leib!«
Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie
seine Gedanken erraten konnte.
»Soll ich noch Thee bringen?« frug Agathe Michailowna, die Tasse
ergreifend, und ging hinaus.
Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte
denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es
sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote
legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte
Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die
alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe.
Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres.
»Gerade so wie ich,« sagte er zu sich selbst, »ganz so wie ich. Mag's
gut sein.«
28.
Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein
Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage.
»Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,« erklärte sie ihrer
Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone
mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von
Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. »Nein, nein, es
ist am besten, ich fahre jetzt!«
Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die
Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung
geschrieben, sie habe Kopfschmerzen.
Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin.
Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden,
daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so
allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen
befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante
ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es
kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste.
Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise
beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre
Rechnungen und packte.
Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger
Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche
Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne
Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich
selbst verdeckt.
Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden,
und Dolly folgte ihr dahin.
»Wie bist du doch heute so seltsam?« sagte sie zu Anna.
»Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl.
Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer
weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch
vorüber,« sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem
Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher
packte.
Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von
Thränen umflort.
»Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht
von hier hinweg.«
»Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,« sagte
Dolly, sie aufmerksam betrachtend.
Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly.
»Sage das nicht,« sagte sie, »ich habe nichts gethan und konnte auch
nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich
verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan,
was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe,
daß du verzeihen mußtest und konntest.«
»Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du,
Anna,« sagte Dolly. »In deiner Seele ist alles klar und gut.«
»Ein jeder hat in sich sein =skeleton=, wie der Engländer sagt.«
»Und was hast du für ein =skeleton= in dir? Bei dir ist doch alles so
klar.«
»Ja wohl!« antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen
erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen.
»Nun, also ist es lächerlich, dein =skeleton=, und nicht traurig,« sagte
Dolly lächelnd.
»Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen?
Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,« fuhr Anna
fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und
Dolly gerade in die Augen blickend.
Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu
den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete.
»Ja,« fuhr diese fort, »du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen
hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie
vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer
Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig,
ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,«
sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort »nur wenig« hervorhebend.
»O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,« lachte
Dolly.
Anna fühlte sich verletzt.
»Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,« sagte sie sich verfinsternd. »Ich
sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir
erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,« sagte Anna.
Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß
dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie
empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr
früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu
begegnen.
»Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und
daß er« --
»Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich
gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache
ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen« --
Sie wurde wiederum rot und hielt inne.
»Und man hat dies sofort empfunden,« ergänzte Dolly.
»Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite
irgend etwas ernst aufgefaßt würde,« unterbrach sie Anna, »und ich bin
überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört,
mich zu hassen?«
»Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,« sagte Dolly, »wünsche ich nicht
diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande
käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.«
»Mein Gott, das wäre doch so thöricht!« rief Anna Karenina, und von
neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte
sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen;
»so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht
habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch
ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?«
Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna,
aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche
habe.
»Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.«
»Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie
ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,« fuhr
Anna fort mit Thränen in den Augen, »o, wie thöricht bin ich heute
doch.«
Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich
anzukleiden.
Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an,
mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um
sich verbreitend.
Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und
als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu:
»Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast -- ich werde
es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und
stets lieben werde als meinen besten Freund.«
»Ich verstehe nicht, wofür,« versetzte Anna und küßte Dolly, ihre
Thränen verbergend.
»Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein
Herz!«
29.
»Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!« das war der erste Gedanke, der
Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder
verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den
Zutritt zum Waggon versperrt hatte.
Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des
Schlafwaggons um sich.
»Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey
Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes
Dasein.«
Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich,
welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem
gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an.
Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack,
langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und
setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte,
zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei
andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte
ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen.
Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der
Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre
Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie
befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus
ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman
heraus.
Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber,
nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr
möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken
Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb,
die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden
Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die
Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies
alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt
blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der
monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der
Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von
Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen.
Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu
folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten
Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen
fest, von denen der eine zerrissen war.
Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in
ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte.
Sie wollte vor allem ja selbst leben.
Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie
mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon,
wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese
Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte,
ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen
setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun.
Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn
nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich
eifrig ihrer Lektüre widmend.
Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen
Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden,
und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie
plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie
schimpflich gewesen wäre.
»Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?« frug
sie sich selbst, verwundert und gekränkt.
Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels
zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend.
Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden.
Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen;
aber sie alle waren nur freundlich und angenehm.
Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und
ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre
Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin.
Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie
diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als
ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: »Es
ist warm, sehr warm, ja heiß!«
»Aber was soll das?« frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel
verändernd, »was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation
offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa
zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren,
und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten
bestehen?
Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte
aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las.
Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann
dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut
auf, bezwang sich aber plötzlich noch.
Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und
straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie
empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und
Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und
wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden
Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten.
Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder
rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine
Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was
war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam
sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas
hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand
hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu
kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides.
Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben
eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe
fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm
und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann
verwirrte sich wieder alles um sie herum.
Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand
zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge
des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes;
dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas
zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von
einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das
alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend.
Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie
etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt
erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann
der Schaffner war.
Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben,
hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür.
»Wollt Ihr aussteigen?« frug Annuschka.
»Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!«
Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als
sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber
das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm
schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und
wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der
kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron
heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging
der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still.
Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und
blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete
Station.
30.
Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der
Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die
Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer
Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte.
Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich
wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts
widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über
die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und
zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich
unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen.
»Depeschen!« ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der
Sturmnacht heraus.
»Hierher gefälligst, Nr. 28!« riefen verschiedene Stimmen und mehrere
von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute.
Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber.
Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die
Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und
wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben
ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte.
Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die
Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob
sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne.
Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen;
obwohl sie im Schatten stand, sah sie -- oder es schien ihr doch so --
den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen.
Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern
so stark auf sie eingewirkt hatte.
Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt,
und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von
jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger
Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch
nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm
übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes.
Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau,
als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie
sei.
»Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?« frug sie,
die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt.
Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen.
»Weshalb ich fahre?« wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. »Ihr
wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,« antwortete er;
-- »ich kann nicht anders.«
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