viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie
viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen
würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!«
»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die
Rechte küssend.
»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer,
die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen.
Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht
der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber
ihr häuslicher Herd, ihr Weib -- das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene
Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie
können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art
unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen.
Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!«
»Aber er hat sie doch geküßt« --
»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er
in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und
Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe
Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir
gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen
selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly
sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit
gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber -- von ihr weiß
seine Seele nichts« --
»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?«
»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.«
»Also du würdest ihm vergeben?«
»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich
kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die
Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl,
ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu
streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde
gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«
»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas
aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja
keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz
thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer
führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.
»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt
leichter, bei weitem leichter geworden.«
20.
Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy.
Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von
ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen
Tage zu besuchen.
Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb
nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu
Mittag speisen möchte. »Komm, Gott hat geholfen!« schrieb sie ihm.
Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um
Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du
anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.
In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche
Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung,
und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer
Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.
Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber
nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die
Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen
werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna
Arkadjewna indessen gefallen -- dies erkannte sie sofort.
Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend
und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich
nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt
in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in
verheiratete und ältere Damen zu verlieben.
Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines
achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen
geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische
und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem
Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade
ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer
Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna
vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in
ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst
unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur
besaßen.
Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich
Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.
»Stefan,« hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den
Augen nach der Thür winkend. »Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.«
Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.
Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem
Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es,
weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es,
daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die
beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das
gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur
Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer
Seite.
Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin
bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen
suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte,
mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides
zu berühren strebte.
»Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,« sagte Anna Arkadjewna,
sich auf ihren Platz niederlassend.
Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in
die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.
»Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?« wandte sich Anna an Kity.
»In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf
denen es stets recht lustig ist.«
»Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?« frug Anna mit
feinem Lächeln.
»Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es
stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es
immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?«
»Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen
es stets lustig ist,« antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen
wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.
»Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig
ist.«
»Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?«
»Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig
finde?« frug Anna.
Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.
»Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein
würdet!«
Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und
sagte:
»Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre,
warum?«
»Ihr werdet doch auf den Ball fahren?« frug Kity.
»Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. -- Da nimm ihn,« sagte sie zu
Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring
abgezogen hatte.
»Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar
zu gern auf dem Balle sehen.«
»Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem
Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr'
nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,« sprach sie, eine
in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder
zurechtsteckend.
»Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.«
»Weshalb gerade in Lila?« lächelte Anna. »Kinder geht jetzt, geht! Hört
ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,« fuhr sie fort, die Kinder von sich
losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. »Ich weiß übrigens,
weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht
Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber
dabei sein möchte.«
»Woher wißt Ihr das? Allerdings.«
»O, wie schön ist doch Euer Alter,« fuhr Anna fort, »ich entsinne mich
noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der
Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit
überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem
grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger
werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl
er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht
durchschritten?
Kity lächelte schweigend, »sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich
nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,« dachte
sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey
Aleksandrowitschs, ihres Gatten.
»Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich
gratuliere; er gefällt mir sehr,« fuhr Anna fort, »ich traf mit Wronskiy
auf der Eisenbahn zusammen.«
»Ah; er war dort?« frug Kity errötend, »was hat Euch Stefan erzählt?«
»Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen --
Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,« fuhr sie
fort, »und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr
Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder
eingenommen sein können, aber« --
»Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?«
»O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem
auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum
Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder
überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche
That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit
einem Worte, er ist ein Heros,« sagte Anna lächelnd, und sich dabei der
zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.
Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das
Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie
selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.
»Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,« fuhr Anna fort, »und
ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen
gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen -- Gott sei gedankt --
Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,« fügte sie alsdann hinzu, das
Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit
irgend etwas unzufrieden sein.
»Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!« schrieen jetzt
die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante
Anna geeilt kamen.
»Alle zusammen sollen bei mir sein!« rief diese, ihnen lachend
entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich
tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen
warf.
21.
Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer;
Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der
Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.
»Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,« wandte sich Dolly zu
Anna, »und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir
sind uns dann auch näher.«
»O, meinetwegen beunruhige dich nicht,« antwortete Anna, in das Gesicht
Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die
Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.
»Es wird dir hier zu hell sein,« versetzte die Schwägerin.
»Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein
Murmeltier schnarche.«
»Wovon sprecht ihr denn?« frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett
hereintretend und sich an seine Frau wendend.
An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung
zustande gekommen war.
»Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders
gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich
muß es daher selbst thun,« antwortete Dolly, sich an ihren Gatten
wendend.
»Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,« dachte Anna, als sie
den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.
»O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,« sagte
Stefan Arkadjewitsch, »wenn du aber willst, so werde ich selbst alles
thun.«
»Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,« dachte Anna.
»Ich weiß schon, wie du alles thust,« erwiderte Dolly, »du sagst dem
Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann
fort von hier und er bringt alles durcheinander;« das gewohnte
spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.
»Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,« dachte Anna, »Gott sei
gedankt!« und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war,
trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.
»Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den
Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,« sagte Stefan Arkadjewitsch,
mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.
Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem
gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst
befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber
nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter
Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.
Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und
angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy
durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört;
dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten
Grunde seltsam.
Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand
Anna Karenina plötzlich schnell auf.
»Sie befindet sich in meinem Album,« sagte sie, »und ich werde sogleich
auch meinen Sergey zeigen,« fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter
hinzu.
Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied
nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu
Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von
ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich
und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey
zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm
reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und
ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe
nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte
Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.
Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die
Glocke laut.
»Wer mag das sein?« frug Dolly. »Nach mir wäre es noch zu zeitig, es
wird erst später jemand kommen,« setzte sie bemerkend hinzu.
»Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,« meinte Stefan
Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der
Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber
bereits bei der Hauslampe.
Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames
Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in
ihrem Herzen.
Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In
diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob
er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck
von Verlegenheit und Erschrecken.
Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie
die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten,
und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher
ablehnte.
Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und
Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines
Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden
Standesperson gegeben werden sollte.
»Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig
Sonderling,« äußerte Stefan Arkadjewitsch.
Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er
gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.
»Er wird bei uns gewesen sein,« dachte sie, »und, mich daselbst nicht
antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten
sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.«
Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und
beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.
Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu
seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein
geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat;
indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von
allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.
22.
Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit
Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte,
lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges,
gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem
Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen
vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale
die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters,
welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der
seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine
Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der
Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die
ihm noch unbekannt war.
Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte
Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer
außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte
und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend,
wieder um und bat Kity um eine Quadrille.
Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die
zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die
Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte,
seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.
Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle
Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie
jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei
und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die
Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine
Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll
geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den
zwei Blättchen obenauf.
Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter
ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich
Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und
graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.
Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid
drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die
Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die
rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern
machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden
Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die
Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu
verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein
schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses
Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals
geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.
In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war
wunderschön.
Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel
schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein
Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.
Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im
Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.
Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und
blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze
harrten -- Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten -- als man sie schon
zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie
engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte
=Maître de bal= und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine
stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.
Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste
Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt
einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr
hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten
charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu
fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu
umfangen.
Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd
nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.
»Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,« sagte er zu ihr, ihre
Taille umfangend, »was ist das auch für eine Manier, dieses so späte
Erscheinen.«
Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen
Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im
Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.
»Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,« sagte er zu Kity nach den
ersten langsamen Pas des Walzers.
»Reizend, welche Leichtigkeit -- Präcision --,« sagte er zu ihr; es war
das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.
Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in
den Saal.
Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle
aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine
Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so
kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte
von beidem.
In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft
gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit
Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte
mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der
Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen,
nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte
sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.
Auch er war dort.
Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage
gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich
erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.
»Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?« frug
Korsunskiy leicht schnaufend.
»Nein; ich danke.«
»Wohin darf ich Euch führen?«
»Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!«
»Wohin Ihr befehlt.«
Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der
linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: »=Pardon, mes
dames, pardon, pardon, mes dames=«! und lavierte zwischen dem Meer von
Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante
hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte
Füßchen in den roten Strümpfen =à jour= zum Vorschein kamen und sich ihre
Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten
Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine
ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie
zu Anna Arkadjewna zu führen.
Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und
suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.
Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte,
sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid,
welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen
Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten
feinen Gelenken.
Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in
ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine
Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen
Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.
Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken
kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf
ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden
kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.
Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie
sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz
erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt
hatte.
Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete
Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen
konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets
persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr
sichtbar sein dürfe.
In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht
sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie
allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.
Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als
Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt
zu diesem hinwendend.
»Nein, ich werfe keinen Stein,« antwortete sie diesem soeben, -- »obwohl
ich es nicht verstehe,« fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich
alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von
Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte
ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre
Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung.
»Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?« sagte sie.
»Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,« meinte Korsunskiy, Anna
Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. »Die junge
Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna
Arkadjewna, eine Tour Walzer?« fügte er hinzu, sich verneigend.
»Ihr kennt euch schon?« frug der Hausherr.
»Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße
Wölfe; alle kennen uns,« versetzte Korsunskiy. »Also eine Tour Walzer,
Anna Arkadjewna!«
»Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,« antwortete
diese.
»Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!« lachte Korsunskiy.
In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu.
»Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,«
sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf
Korsunskiys Schulter legend.
»Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?« dachte Kity, als sie
bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte.
Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille
unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie
zu sehen.
Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte
dabei Wronskiys Worten.
Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that
es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und
engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt,
als die Musik plötzlich abbrach.
Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange
nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe,
mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete,
mit quälender Beschämung in ihr Herz.
»Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!« rief Korsunskiy vom anderen Ende des
Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu
tanzen.
23.
Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers
ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der
Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die
erste Quadrille zu bitten.
Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung
gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die
Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte,
als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes
Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung
empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei
und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen.
Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen;
sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in
dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden.
Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte,
beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso
mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf
Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon.
Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein
zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie
tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung
bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen
Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis
Wronskiy mit Anna Karenina.
Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt
zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in
ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf
Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie
erweckten Festrausches.
Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese
Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen,
das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen
kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen.
»Wer lebt in ihr?« frug sie sich selbst. »Sind es alle, oder ist es
einer?« Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in
der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren,
wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos
Korsunskiys unterordnend, der bald alles in =grand rond= oder in =chaine=
verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und
schwerer.
»Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken
gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser
Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?«
Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in
ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen.
Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude
nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem
Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu?
Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem
Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch
auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der
unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt,
jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als
wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der
Ergebenheit und zugleich der Besorgnis »ich will dich nicht kränken«, es
war, als spräche sein Blick stets »aber retten möchte ich mich vor dir,
ohne daß ich weiß, wie«.
Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm
wahrgenommen hatte.
Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar
langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes
Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal
besiegelte, sondern auch das jener beiden.
Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich
Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die
kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für
sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso
fühlten wie Kity.
Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der
Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie
durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man
von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja
selbst lächeln.
Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu
stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen
Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des
Schreckens.
Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht
tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte,
weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen
hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt
noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl
fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte
sich gebrochen.
Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier
in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine
Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte
Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der
rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und
fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz.
Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im
Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und
weiterzuflattern -- eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem
Herzen.
»Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich
gar nicht so,« dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor,
was sie gesehen hatte.
»Aber Kity, was ist denn das?« frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar
auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. »Ich verstehe das nicht!«
Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell.
»Kity, tanzest du die Mazurka nicht?«
»Nein, nein,« antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen
zitterten.
»Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,« sagte die
Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und
Sie sei. »Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen
Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!«
»O, mir ist alles gleichgültig,« versetzte Kity.
Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie
gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil
sie einem anderen vertraut hatte.
Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt
hatte und befahl ihm Kity zu engagieren.
Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu
reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner
Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna
befanden sich ihr ziemlich gegenüber.
Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen
als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr
überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei.
Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des
überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest
und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck
der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck
eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist.
Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde
nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt
Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet.
Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid;
verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der
kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken
der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen
der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner
Lebhaftigkeit -- aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz.
--
Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr
Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem
Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit
ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich -- so sehr hatte
sie sich verändert.
»Ein reizender Ball!« sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen.
»Ja,« versetzte Kity.
Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy
ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm
zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich.
Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit
den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber
bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und
des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich
heiter mit der anderen Dame.
»Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in
ihr,« sagte Kity zu sich selbst.
Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu
bitten.
»Genug nun, Anna Arkadjewna,« sagte Korsunskiy, und nahm ihren
entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; »o welche Idee habe ich
für den Cotillon! =Un bijou=!« --
Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu
ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu.
»Nein; ich werde nicht bleiben,« antwortete Anna lächelnd, aber trotz
des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen
Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde.
»Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr
getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,« sagte
Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. »Ich muß mich vor
der Rückreise noch erholen.«
»Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?« frug Wronskiy.
»Ja, ich denke,« versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die
Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz
ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach.
Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg.
24.
»Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,« dachte Lewin, das Haus der
Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines
Bruders begebend.
»Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld,
sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte
ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.«
Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen,
den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren
Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie
mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand
und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht
besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte?
Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand
nützlich war.
Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der
Erinnerung an ihn hin.
»Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist?
Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich,
vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht
gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich
kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und
ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher
gekommen, um zu dinieren.«
Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in
seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher.
Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals
aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder
auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des
Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle
Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle
Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war
er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung
getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin
entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus
dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in
einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß,
unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich
jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und
Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte
unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die
Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie
Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus
untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß
gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm
dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte,
und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz
in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den
Vorgesetzten geprügelt hatte.
Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht
so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten,
von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem
Herzen.
Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der
Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche
hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für
seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur --
ja Lewin selbst mit -- über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn
verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach,
da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit
Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt.
Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde
seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht
schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten.
Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und
einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch
stets gestrebt darnach, gut zu sein!
»Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm
beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,« sagte Lewin zu
sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen
Gasthaus vorfahrend.
»Oben, Nr. 12 und 13,« antwortete der Portier auf seine Frage.
»Ist er daheim?«
»Er muß wohl da sein.«
Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem
lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak.
Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß
sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten.
Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade:
»Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung
geführt wird.«
Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann
in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach,
während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen
Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar.
Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte,
in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so
streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der
Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen.
»Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,« hörte er
die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten.
»Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da
ist, sonst schicke darnach.«
Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt
Konstantin.
»Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,« sprach sie.
»Zu wem will er?« antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt.
»Ich bin es,« versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend.
»Wer ist das, >ich« wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man
vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande
hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte
Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und
Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit
großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte.
Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo
Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände
erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden,
aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die
nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden.
»Ah, mein Kostja!« rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend,
und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben
Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine
Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse,
als wenn ihn das Halstuch drückte.
Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte
sich auf seinen abgezehrten Zügen.
»Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch
nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest
du!«
Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte.
Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit
ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt,
als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder
erblickte, da fiel ihm -- namentlich als er diese krampfhafte
Kopfbewegung gewahrte -- alles wieder ein.
»Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,« antwortete
Lewin schüchtern, »ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.«
Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er
zuckte die Lippen.
»Ah, dazu kommst du?« antwortete er, »nun, tritt ein, setze dich. Willst
du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt;
weißt du denn, wer das ist?« wandte er sich an seinen Bruder, auf den
Fremden im Halbpelz weisend, »das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von
Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du,
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