Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit
Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die
beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem,
glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt,
wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf
den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge;
er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: »Ich konnte damals
nicht anders antworten.«
Er blickte sie scheu und fragend an.
»Nur damals?«
»Ja,« antwortete ihm ihr Lächeln.
»Und -- jetzt?« frug er.
»Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!«
Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: »D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.«, das
sollte bedeuten: »Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was
gewesen ist!«
Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die
Anfangsbuchstaben des folgenden: »Ich habe weder zu vergessen, noch zu
vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!«
Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.
»Ich habe verstanden,« antwortete sie flüsternd.
Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles
und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide
und antwortete sogleich.
Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte,
und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück.
Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber
in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er
alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war
aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen
hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein »Ja«
niederschrieb.
»Spielt Ihr da >Sekretär« frug jetzt herantretend der alte Fürst. »Wir
müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.«
Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.
In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen,
daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh
zu ihnen kommen würde.
14.
Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine
solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so
schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages
hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu
vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm
noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden
Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die
Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der
willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem
Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur
sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen
werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan
Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er
es zu verstehen hatte.
»Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?« antwortete Stefan
Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.
»Nie!« antwortete dieser.
Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich
beglückwünscht, und gesagt: »Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity
zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!«
Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch
nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie
war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin
verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen,
zu seinem Bruder.
»Wohin fährst du?«
»In eine Sitzung.«
»Ich begleite dich -- geht es?«
»Warum nicht? Komm mit,« antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, »was
ist denn eigentlich heute mit dir?«
»Mit mir? Mit mir ist das Glück,« antwortete Lewin, das Fenster des
Wagens herablassend in welchem sie fuhren. »Fühlst du dich hier wohl? Es
ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?« --
Sergey Iwanowitsch lächelte.
»Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen« -- begann er.
-- »Sprich nicht so, nicht so, nicht so,« rief Lewin, ihn mit beiden
Händen am Kragen seines Pelzes fassend. -- »Ein reizendes Mädchen!« --
Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung
entsprechend.
Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall
war.
»Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.«
»Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar
nichts; schweig also,« versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, »ich liebe
dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?«
»Versteht sich, kannst du.«
»Wovon ist denn heute die Rede?« frug Lewin, der fortwährend lächelte.
Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit
stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich
selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses
Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war.
Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll
verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen
hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über
die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend
zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein
anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte,
geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und
gleichwohl freundlich.
Darauf sprach auch Swijashskiy -- der gleichfalls hier war -- gut und
gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die
besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher
wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so
vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor
sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl.
Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch
erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen
Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle
gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz
außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm
sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach
ihm blickten.
»Nun, was sagst du, bist du zufrieden?« frug ihn Sergey Iwanowitsch.
»Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde!
Herrlich; sehr gut!«
Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein.
Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber
er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben
gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter
Mensch.
»Sehr erfreut,« versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch
einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft
der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen
Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem
Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und
so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.
Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem
Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit
annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht
erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im
Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes
Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und
Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er
eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren
ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles
wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon
sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch
über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was
ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung
entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe
begab.
Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert
über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.
Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran,
daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn
Stunden werde ausfüllen müssen.
Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber
Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz
genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und
angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.
»Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?« --
»Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein
ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.«
Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter,
welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem
Kürschnergeschäft verheiraten wollte.
Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in
einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets
glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.
Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins
vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin
unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient
habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch
jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein
Franzose wäre.
»Ein erstaunlich guter Mensch,« dachte Lewin.
»Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?«
»Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?« versetzte Jegor.
Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung
befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen
mitzuteilen.
»Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,« begann
er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins
angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden.
In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und
Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem
Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und
mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige
Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem
Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide
Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über
einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten
sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns
mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem
Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich
ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume
den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen
nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach
der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim.
Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber.
»Armer Unglücklicher,« dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen
in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm
sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem
Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das
Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam
geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz,
sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen.
Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man
schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren
begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur
Straße hinab.
15.
Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der
Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch.
Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der
jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte
ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und
dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und
Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht,
was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte
seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er
zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im
Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem
Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten.
Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein
verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des
materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu
sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden
ausgekleidet in der Kälte zugebracht -- und fühlte sich dennoch nicht
nur frisch und gesund wie noch nie, -- er fühlte sich gleichsam
unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der
Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt,
daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen
könnte, wenn es nötig gewesen wäre.
Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher,
unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend.
Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder,
welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den
Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine
unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an.
Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische
Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube
und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und
flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden
Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach
frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt.
Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin
vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den
Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich
wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich
hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten.
In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei
Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß
der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt
und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten
augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin,
ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach
den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal
benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der
Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan
hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen.
Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn
Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig --
kam aber nicht von der Stelle. --
Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich
außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und »tprru«
gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still.
Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles.
Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er
sagte: »Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!« Der wußte
nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich
und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die
alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem
Glück.
»Ist man schon aufgestanden?«
»Bitte, bitte! Bleibt nur hier!« sagte er lächelnd, als Lewin umkehren
wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten.
»Wem soll ich Euch melden?« frug ein Diener.
Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und
ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte
jedenfalls auch schon alles.
»Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,« sagte Lewin.
Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie
schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten.
Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der
Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen
Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über
die Nähe seines Glückes überkam.
Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend,
nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten
schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben
-- er selbst -- das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht
und ersehnt hatte -- schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst,
sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen.
Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen
Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese
Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem
Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme
hoben sich und schlangen sich um seine Schultern.
Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und
hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und
preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.
Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den
ganzen Morgen lang geharrt.
Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich
in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste
ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich
vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl
sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie
eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme,
und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein
würde, -- und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder
sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was
sie nun gethan hatte.
»Wir wollen zu Mama gehen!« sagte sie, ihn am Arme nehmend.
Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete,
mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen,
als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte
Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre
Hand und küßte dieselbe.
»Ist es denn wahr?« sprach er endlich mit leiser Stimme, »ich kann es
nicht glauben, daß du mich liebst.«
Sie lächelte bei diesem »du«, und über die Schüchternheit, mit welcher
er sie anschaute.
»Ja,« sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; »ich bin so
glücklich.«
Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete
bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen
aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so
energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den
Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen
netzend.
»So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr
glücklich -- Kity!«
»Das hat sich ja recht schnell gemacht!« sagte der alte Fürst, sich
bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine
Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. »Lange, immer habe ich
dies gewünscht!« sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an
sich ziehend, »schon damals, als jener Windbeutel dachte« --
-- »Papa!« rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend.
»Nun, ich werde nicht plaudern,« fuhr er fort: »ich bin sehr, sehr gl--
ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin« --
Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das
Gesicht und segnete sie.
Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd
gewesen war -- dem greisen Fürsten -- als er gewahrte, wie Kity lange
und innig seine fleischige Hand küßte.
16.
Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben
ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht
freigebend. Alle schwiegen.
Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle
Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien
dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick.
»Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und
bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du,
Alexander?«
»Hier ist er,« antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, »die
Hauptperson in dieser Frage.«
»Wann?« frug Lewin, errötend. »Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten
wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.«
»Genug, =mon cher=, das sind Dummheiten.«
»Also denn in acht Tagen?«
»Er ist ja wie verrückt.«
»Nun, weshalb denn?«
»Aber ich bitte Euch!« fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese
Eilfertigkeit, »und die Aussteuer?«
»Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?«
dachte Lewin voll Schrecken. »Indessen kann die Aussteuer oder die
Einsegnung und alles übrige -- etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es
zerstören!« Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken
an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; »wahrscheinlich muß
es also so sein,« dachte er nun.
»Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur
meinen Wunsch.« sagte er, sich entschuldigend.
»So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die
öffentliche Anzeige vornehmen.«
Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber
hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und
lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten
offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie
wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als
der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut,
und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung
wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen.
Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen.
»Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde!
Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets
davon überzeugt,« sprach er, »und ich glaube, daß dies schon vorher
bestimmt gewesen ist.«
»Und ich?« versetzte sie, »selbst damals« -- sie stockte, fuhr aber dann
fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, »selbst damals, als
ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch
ich war verleitet. Ich muß es aussprechen -- -- könnt Ihr vergessen?«
»Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich
muß Euch gestehen« -- er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr
mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem
ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so
rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies
peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere
zu sagen. »Doch nein; nicht jetzt, später!« sagte er.
»Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte
nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!«
»Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß
Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?« ergänzte er.
»Jawohl!« --
Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon
unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam,
ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder
hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann
erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem
Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr
herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu
Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte
beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht
kenne -- er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm
ein Gefühl des Glückes.
Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer
haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz
besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das
Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur
erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das
nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte.
»Nun wollen wir aber Konfekt essen,« meinte Mademoiselle Linon und Lewin
fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen.
»Ah, sehr erfreut über Euer Glück,« sagte Swijashskiy, »ich rate Euch,
die Bouquets bei Thomin zu holen.«
»Muß ich?« und er fuhr zu Thomin.
Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel
Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. »Geschenke sind erforderlich?«
frug er und eilte zu Fuld.
Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man
ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke,
wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte.
Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte,
sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle
und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem
fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine
Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil
seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei.
Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich
erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres
gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so
überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben
könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart
Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete.
Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete
das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit
dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte,
Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn
bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige
Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht
mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens
ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten
der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch
nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und
in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer
Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das
zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen.
Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er
wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe,
und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er
dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise
auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er
indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr
Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht
mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht
erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit
von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er
gethan hatte.
»Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!« sagte sie, die vor ihr
auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. »Weshalb habt Ihr sie mir
gegeben? Aber nein; es ist besser so,« fügte sie hinzu, Mitleid mit
seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; »und doch ist es furchtbar,
furchtbar!« --
Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen.
»Ihr verzeiht mir nicht,« flüsterte er.
»Doch, ich habe vergeben -- aber es ist furchtbar.«
Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte,
sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm
vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig,
neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein
unverdientes Glück noch viel höher.
17.
Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke
musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben
erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen
Zimmer zurück.
Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur
Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes
christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage,
über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von
Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne
entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm
vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat
mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«.
Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus
Höflichkeit, nicht aussprach.
»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber
nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an
seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab
er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein
Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst
fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an
den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.
»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das
Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst
fortgegangen.«
Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das
erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den
nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche
fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und
abzuschreiten. »=Quos vult perdere dementat=,« sprach er vor sich hin,
unter dem »=quos=« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt
hatten.
Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man
ihn offenbar übergangen hatte -- es war ihm unverständlich, wunderbar,
daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff,
weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen,
daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte.
»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die
zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die
Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge:
»Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner
Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er.
Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine
Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien,
konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.
»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß
niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche
Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu
kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber
es ist doch da gesagt, >ich sterbe<« -- er las nochmals das Telegramm
durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben
gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es
wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes
aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die
Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich
nicht nur jedermann verurteilen -- nein, sogar eine Thorheit meinerseits
wäre es!«
»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg
zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so
wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode
nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr
vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte
Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.
So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er
zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher
Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte,
fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten
Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken,
was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der
Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich
weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit
seiner Lage lösen würde.
Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die
Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, -- alles das huschte an seinen
Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken
an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und
doch wünschte.
Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem
schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey
Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus
einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und
rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, --
ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit -- den Takt wahren.«
Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch
geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen
seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in
Pantoffeln.
»Was macht deine Herrin?«
»Es hat sich gestern glücklich entschieden.«
Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt
klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.
»Und ihr Befinden?«
Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.
»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch
jetzt ist ein Arzt da.«
»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das
Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß
doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.
An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch
bemerkte dies und frug.
»Wer ist da?«
»Der Arzt, -- die Hebamme und Graf Wronskiy.«
Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand
sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte
hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.
Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der
Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme,
um ihn ins Schlafzimmer zu führen.
»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von
Euch spricht sie,« sagte sie.
»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des
Arztes.
Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß,
seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und
weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei
dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte
Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er
in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf
zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte
er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:
»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe
ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben -- ich bin wie
gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« --
Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er
eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick
fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht
abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem
Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach.
Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich
ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins
Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm
zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die
kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor
und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht
nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach
schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.
»Weil Aleksey, -- ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch -- welch ein
seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht
wahr? -- Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde
er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst
nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt
mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich
sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden;
es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie
sieht. Gebt sie mir!« --
»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre
Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.
»O, welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen.
»Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht
gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht
kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer
geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, -- Sergey hat es gerade so; aber
ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich
weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht
vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet
Mariette, bei ihm zu schlafen.«
Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor
das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag -- sie hatte
ihren Gatten erblickt.
»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den
Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine
Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird
das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen.
Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.«
Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen
Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten,
er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch
immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an.
Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn
gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie
in ihnen wahrgenommen hatte.
»Warte, du weißt nicht -- wartet, wartet« -- sie hielt inne, als wenn
sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja,
das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer
dieselbe -- aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat
sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die
nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese;
ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt,
und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt,
dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern;
Fingern -- hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins
brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein
furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine
heilige Märtyrerin gewesen -- wie nannte man sie doch -- die war noch
schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde,
da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir
nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben,
ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist
zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine
Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.
Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr
gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon
aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er
für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische
Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes
Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen,
dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er
vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl
von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel
auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn
wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie
umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit
herausforderndem Stolz empor.
»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie
sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze
ab!«
Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und
deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute
mit glänzendem Blick vor sich hin.
»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich
nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der
Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.«
Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna
wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.
»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte
sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, »Aleksey
Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!«
Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von
dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von
Schmerz und Scham, der auf ihm lag.
»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!«
Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen
zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.
»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist
alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so
ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz
unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott,
mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor,
Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« --
* * * * *
Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber,
in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den
ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit
geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast
ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.
Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich
zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer
entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch
früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am
Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und
Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am
dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung
sei.
An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in
welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem
gegenüber nieder.
»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die
Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen.
Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es
noch furchtbarer.«
Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand
und sagte:
»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß
Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet
haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß
ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit
derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn
unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich
der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich
jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen
Empfindungen, -- sage ich lieber -- mit dem Wunsche, daß sie sterben
möge. Aber« -- er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl
enthüllen solle oder nicht -- »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr
vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht
gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange
noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen.
Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben
möge, die das Vergeben gewährt.«
Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick
Wronskiy in Verwirrung brachte.
»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum
Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht
verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey
Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich
muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu
sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist
es besser, Ihr entfernt Euch.« --
Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war
aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten
herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht,
fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine
Lebensanschauung Unerreichbares.
18.
Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur
Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur
mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er
fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit
beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich
herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei
verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und
Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar
erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das
bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene,
etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch
sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine
Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn
-- und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht
tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben.
Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen
aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die
eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er
fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber
niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner
Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete
nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr
unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie
ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da
er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je
gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre
Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis
dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte,
begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr
erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts
zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am
entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende
Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem
schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe
des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er
beginnen sollte.
»Wünscht Ihr einen Mietkutscher?« frug ihn der Portier.
»Ja, einen Kutscher!«
Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich
Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa,
und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war
schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in
ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die
Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald
waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung
Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.
»Schlafen und Vergessen!« sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht
eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen
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