Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem
Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler
ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf.
Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner
Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in
heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble
Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen.
Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er
begonnen worden war.
Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es
ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren
Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu
besiegen.
Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet
hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und
sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet
haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit.
Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich
gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin
verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind.
Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur
dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege,
und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn
wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war
überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu
suchen.
Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer
gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte
ihn in lebhaftesten Zorn.
»Nun, bist du denn fertig?« frug er den ihm oben entgegenkommenden
Oblonskiy, »willst du essen?«
»Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so
auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu
essen?«
»Zum Teufel mit dem!«
»Wie du den aber auch behandelt hast!« sagte Oblonskiy, »nicht einmal
die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?«
»Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch
immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.«
»Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der
gesellschaftliche Verkehr?« erwiderte Oblonskiy.
»Wer solchen mit ihm pflegen will, -- dem wünsche ich wohl bekomms, mir
ist er widerlich.«
»Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.«
»Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin.
Ich bin -- Konstantin Lewin -- weiter nichts.« --
»Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,«
sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
»Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen
deiner -- entschuldige mich -- deiner Dummheit bei dem Verkauf des
Waldes.«
Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man
unschuldig beleidigt und beunruhigt.
»Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen
gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach
dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr
wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein,
nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen
gewissen Groll hegst.«
»Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen
warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst
eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen
Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu
sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht;
auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften,
froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus.
Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem
großen Fuße -- das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen
eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich
Boden auf -- ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der
Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein,
und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen,
wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein -- ich weiß
nicht wie ich es nennen soll -- Verschulden desselben eintritt! Kauft da
ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein
herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man
einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie
zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache
dreißigtausend Rubel geschenkt.«
»Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?«
»Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin
hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und
zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!«
»Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser
Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den
ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens
abgeschlossen und vorüber. -- Da kommt ja auch unser Mauläffchen und
mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen
wundersamen Schtschi vorsetzen.«
Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe
Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches
Abendessen lange Zeit nicht genossen habe.
»Ihr lobt mich wenigstens einmal,« meinte Agathe Michailowna, »aber
Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom
Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.« --
Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb
mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan
Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu
entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den
rechten Augenblick, wo er sie stellen könne.
Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte
sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein
Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch
immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten
sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen
wollte.
»Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,« sagte er, ein Stück
wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe
Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu
gekommen Gebrauch davon zu machen. »Das muß einer sehen, was das für ein
Kunsterzeugnis ist.«
»Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,«
sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. »In den Theatern zum
Beispiel, und dann jene erheiternden -- ah, ah, ah,« gähnte er wieder --
»auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah« --
»Ja, -- das elektrische Licht,« sagte Lewin; »übrigens, wo ist denn
eigentlich Wronskiy jetzt,« frug er, plötzlich das Stück Seife
weglegend.
»Wronskiy?« echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, »er
ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht
ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber
Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen« -- fuhr Stefan fort, sich
auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm
legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei
Sterne, »du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich
vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich
wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn
nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß« -- er gähnte
nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen.
»Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?«
frug sich Lewin, auf Stefan schauend. »Es ist etwas Verschlagenes,
Diplomatisches in seinem Gesicht,« dachte er, schweigend und in dem
Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend.
»Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies
höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens
Wronskiys,« fuhr Oblonskiy fort, »weißt du, jener vollendete
Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen
Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter
derselben.«
Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte
erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine
frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte
er sich auf seinem eigenen Grund und Boden.
»Halt ein, halt ein,« rief er, Oblonskiy unterbrechend, »du sagst, der
Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich
die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine
Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du
hältst Wronskiy für einen Aristokraten -- ich nicht! -- Ein Mensch,
dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit
wem allen, in Beziehungen gestanden hat -- nein, du mußt schon
entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen
Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der
Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen
zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung
befanden -- die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für
sich -- und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und
nie der Hilfe anderer benötigten -- so wie dies mein Vater und mein
Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir
niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin
lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und
ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich
mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die
Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen
dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen
kann.«
»Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,«
antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht
gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige
Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die
Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. »Wen meinst du denn eigentlich?
Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will
ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner
Stelle würde ich mit nach Moskau fahren« --
»Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder
unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir
sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren
habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine
bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.«
»Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!«
»Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich
zu schroff gegen dich war,« sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich
ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses
Tages gewesen. »Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht
ungehalten auf mich zu sein?« Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs
Hand.
»Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich
doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber
weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht
fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom
Anstand zur Bahnhofstation begeben.«
18.
War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner
Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in
den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen
Beziehungen und Interessen dahin.
Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein
wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch
mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment.
Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch
und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser
Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten,
so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht,
gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des
Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen
am nächsten stellte.
Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug
daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene
Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen.
Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von
seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er
es nicht -- übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er
die Beherrschung seiner selbst verloren hätte -- und verstopfte den
Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten,
auf sein Liebesverhältnis anzuspielen.
Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt
bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine
Beziehungen zur Karenina zu sprechen.
Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was
gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war -- um die hohe Stellung
Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt.
Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es
ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie »die Tugendhafte«
nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete
lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über
sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können.
Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie
werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde.
Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren
ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier
vorbereitete.
Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war
anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem
jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so
verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch
deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel
von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen
und echten Weiber sind -- nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja.
In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm
angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb
ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er
die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen
hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren -- und sie änderte
infolge dessen ihre Meinung.
Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese
Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in
der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um
eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte,
die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte.
Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht
wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal
zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den
jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich
hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder
nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte -- er
selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war
infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge -- aber er wußte, daß
es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht
gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung
seines Bruders.
Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch
eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher
Pferdeliebhaber.
Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten
werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische
Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe,
leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen
eingenommen.
Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im
Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die
unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen
und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte.
19.
Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als
gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er
brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht
vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte
gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und
Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die
weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch
gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen
französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag.
Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden
und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann.
Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem
Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht
gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte
nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war
ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte.
Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy
gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als
möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun,
wie er dies bewerkstelligen wollte.
Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit
der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. »Natürlich, also
fahre ich hin,« beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche,
während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie
wiedersehen zu sollen.
»Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,«
sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen
Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu
essen.
Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch
und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war
noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem
Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter
Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen.
Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er,
als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und
dabei zu essen.
»Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?« wandte sich der dicke Offizier
an ihn, sich neben ihm niedersetzend.
»Wie du siehst,« versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und
ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben.
»Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?« frug der andere, für den
jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend.
»Wie?« erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung
machend und seine dichten Zähne zeigend.
»Ob du nicht fürchtest dick zu werden?«
»Kellner! Xeres!« befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf
die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff
die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter.
»Wähle dir selbst, was du trinken willst,« sagte er, diesem die Karte
reichend und ihn anblickend.
»Bitte Rheinwein,« antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy
schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden
Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen.
Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der
junge Offizier.
»Gehen wir in das Billardzimmer,« rief er.
In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister
Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm
zunickend, zu Wronskiy.
»Ah, da bist du ja!« rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf
die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein
Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und
sicheren Höflichkeit. »Das ist recht, Aljoscha,« sagte der Rittmeister
in tiefem Bariton, »jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.«
»Ich habe nicht viel Appetit.«
»Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,« fügte Jaschwin hinzu,
ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer
hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine
außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken,
in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. »Weshalb kamst
du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war
durchaus nicht übel, wo warst du denn?«
»Bei den Twerskiy,« versetzte Wronskiy.
»Aha,« machte Jaschwin.
Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne
jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig
sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys
im Regiment.
Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen
Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß
ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen
seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu
seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und
Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln
betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge
getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler
im englischen Klub galt.
Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte,
daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber,
sondern seiner selbst halber liebte.
Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen
mögen.
Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede
Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen
imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte.
Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein
Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des
Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt
wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine
Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung.
Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß
Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht
anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben
dies von seinen Augen ablesen zu können.
»Aha!« rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den
Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und
die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln
Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte.
»Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?« frug hierauf Wronskiy
seinerseits.
»Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird
sie mir schwerlich geben.«
»Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,« sagte Wronskiy.
Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht.
»Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.«
Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom
heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte.
»Komm, ich bin fertig mit Essen,« sagte Wronskiy und erhob sich, um zur
Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und
den langen Rücken streckend.
»Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst
etwas. Ich komme sogleich nach!« rief er mit seiner im Kommando
berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. »Oder nein,
unnötig!« rief er dann weiter, »du gehst ja nach Haus, da will ich
lieber mit dir gehen!«
Beide gingen. -- -- --
20.
Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei
Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier
in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit
Jaschwin in die Hütte trat.
»Steh' auf; genug geschlafen!« sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand
gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petrizky
an der Schulter rüttelnd.
Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich.
»Dein Bruder war hier,« sagte er zu Wronskiy, »er hat mich geweckt, der
Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.«
Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich
wieder auf das Kissen.
»Laß mich doch, Jaschwin,« sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die
Decke wegzog. »Laß mich!« Er wandte sich um und öffnete die Augen. »Gieb
lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen
üblen Geschmack im Munde« --
»Branntwein ist das beste was es giebt,« scherzte Jaschwin.
»Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,« rief er,
augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt.
»Du denkst Branntwein; wie?« frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen
verdrehend. »Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen
trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?« wandte sich Petrizkiy
aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er
ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf
französisch »Es war ein König von Thule!« »Wronskiy, trinkst du nicht?«
»Scher dich zum Satan,« antwortete dieser, den ihm von seinem Diener
gereichten Waffenrock anlegend.
»Wo soll es denn hingehen?« frug ihn Jaschwin, »da kommt ja auch die
Troika,« fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend.
»Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,«
sagte Wronskiy.
Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher
in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm
Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen,
allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde.
Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die
Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein
Brjanskiy ist.
»Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!« meinte Jaschwin, und fuhr
dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. »Was macht denn
mein Brauner, geht er gut?« frug er, durch das Fenster nach dem Pferd
draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte.
»Halt!« rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. »Dein
Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch,
wo ist denn beides?«
Wronskiy blieb noch.
»Wo denn?«
»Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,« antwortete Petrizkiy feierlich,
von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend.
»So sprich doch, das ist ja zu thöricht,« lachte Wronskiy.
»Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.«
»Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?«
»Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich
ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich
erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft
getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich
besinne ich mich.« Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte
sich wieder auf das Bette. »Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja,
ja, ja; da ist er ja,« und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze
hervor, in der er ihn verborgen hatte.
Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das,
was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr
kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich
eine Unterredung nötig.
Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte.
»Was geht das sie an?« dachte er und steckte dann den Brief, den er
zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs
nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne.
In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem
nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier
Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere.
»Wohin?«
»Muß nach Peterhof.«
»Das Pferd gekommen aus Zarskoje?«
»Gekommen; aber noch nicht gesehen.«
»Man sagt, Machotins Gladiator hinke.«
»Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!«
antwortete der andere.
»Ha, da sind meine Retter!« rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend.
Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem
Präsentierteller.
»Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu
nehmen.«
»Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,« sagte der Eine der
Offiziere, »wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.«
»Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach
und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er
solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache
während des Trauermarsches ein.«
»Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser
und viel Limonade,« sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine
Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, »hinterher aber ein
ganz klein wenig Champagner -- jedoch nur ein einziges Fläschchen.«
»Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir
wollen zusammen trinken!«
»Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.«
»Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb
das Selterswasser und Limonade!«
»Wronskiy,« rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem
Flur war.
»Was noch?«
»Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu
schwer, besonders auf der Platte.«
Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er
lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über
die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen.
»Nach dem Marstall!« sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie
von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur
Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen.
21.
Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht
neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt
worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen.
Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern
nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das
Geringste über das Befinden desselben.
Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge
heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief.
Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit
einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war,
erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und
öfters ausglitschend.
»Nun, was macht Frou-Frou?« frug Wronskiy auf Englisch.
»=All right= Sir -- alles in Ordnung, Herr,« gurgelte der Engländer
irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. »Aber es ist besser, Ihr geht
jetzt nicht zu ihm,« fügte er hinzu, die Mütze lüftend. »Ich habe den
Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht
nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.«
»Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.«
»So kommt,« antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund
voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den
Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung.
Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen
Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte =du jour=, mit einem
Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann
hinter ihnen drein.
In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy
wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator
Machotins, gebracht worden war.
Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach
Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte.
Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht
gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über
dasselbe zu stellen.
Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines
zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit
weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der
Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden
Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou.
»Hier steht das Pferd Mac -- Mac -- ich kann niemals diesen Namen
aussprechen,« sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies
mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des
»Gladiator«.
»Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.«
»Wenn Ihr ihn rittet,« sagte der Engländer, »würde ich auf Euch setzen.«
»Frou-Frou ist nervöser und stärker,« sagte Wronskiy, lächelnd über das
Lob seiner Reitkunst.
»Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im =pluck=,« meinte der
Engländer.
Den »=pluck=«, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte
Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war -- was bei weitem
mehr sagen wollte -- sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf
Erden mehr =pluck= besitzen könne, als er besaß.
»Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.«
»Nicht nötig,« antwortete der Engländer, »aber sprecht gefälligst nicht
so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,« fügte er dann hinzu, mit
dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie
standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm.
Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein
einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in
dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand.
Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit
einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses.
Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen
nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug
sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas
und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es
ziemlich krummbeinig.
Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür
aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt
namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes
des Tieres.
Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als
ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber
um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete.
Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von
seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen.
Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen
machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die
ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark
zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen,
zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so
fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden,
glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern
schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.
In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe
prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck
aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur
deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules
dies nicht gestattet.
Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er
empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.
Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft
einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie
mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der
entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb
und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.
»Seht, wie es sich erregt hat!« rief der Engländer.
»Mein schönes Pferd!« rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm
zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es
plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.
Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare,
der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und
näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die
denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft
ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend,
das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen
Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines
Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum,
von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.
»Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!« sagte er, ihm mit der Hand nochmals
den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein
Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf
verließ er den Stall.
Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser
empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei,
wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu
beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.
»So hoffe ich also auf Euch,« sagte er zu dem Engländer, »um sechs und
ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.«
»Ganz wohl,« versetzte dieser. »Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?« frug er
plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte,
anwendend.
Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu
thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des
Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.
Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn
richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey
betrachtete, antwortete er:
»Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein.
Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,«
sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren
pflegte.
Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er
wüßte, wohin jener gehe, fort:
»Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,« sagte er,
»keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung
zerstreuen.«
»=All right=,« lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach
Peterhof fahren.
Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die
schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen
von oben herab.
»Das ist dumm,« dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend.
»Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf
entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er
wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide
durch.
»Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein
Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine
Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in
ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie
an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu
kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß
es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre
dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe
lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt,
nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das
Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag
unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns
geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,« so sprach
er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte »wir« mit Anna
vereinend. »Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle?
Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar
nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch
kein Unglück -- kein Leben,« dachte er bei sich.
Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil
er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er
empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine
zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen
Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder
des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.
Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die
Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt,
in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu
täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung
Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide
band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer
dieser Leidenschaft.
Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der
Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so
fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei
sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage
zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.
Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen
nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über
etwas Unbestimmtes -- ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst,
oder vor der ganzen Welt -- er wußte es nicht genau.
Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen -- aber
gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.
»Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann
sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht
Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,« beschloß er
endlich bei sich selbst.
Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne
dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser;
»wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem
fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,« so sprach er zu sich
selbst.
22.
Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab
des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast
nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die
Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den
Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze;
von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern
rann es herab.
Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn
verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem
Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey
Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht
von Petersburg herübergekommen war.
In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets
zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das
Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt
auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in
den Hof.
»Ist der Herr schon angekommen?« frug er den Gärtner.
»Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe
hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,« versetzte der
Gärtner.
»Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.«
Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im
Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu
ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er
noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend
über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse,
welche nach dem Parke hinausging.
Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die
Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt
nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und
zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte,
wie sie war.
Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden,
die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets
vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen
zu ihr bildete -- ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig
erscheinenden Blick.
Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem
beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder
Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren,
was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie
gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche
der Knabe noch nicht verstehen konnte.
Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre
dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für
eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind
täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte
eben zu reden pflegen.
Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick
des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte
eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle
und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.
Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner
Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht
zu erkennen vermochte.
In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht
begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das
Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden
mußte.
Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe
recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn
herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu
und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie,
daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.
Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich
dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das
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