Herr und Knecht
Novelle
von
Lew Nikolajewitsch Tolstoi
Ins Deutsche übertragen
von
H. Röhl
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Zweite Auflage
11.-15. Tausend
I
Es war in den siebziger Jahren, an einem 7. Dezember, also am Tage nach
St. Nikolaus. Im Kirchspiel war Feiertag, und der Herbergswirt und Kaufmann
zweiter Gilde Wasili Andrejitsch Brechunow hatte das Dorf noch nicht
verlassen können; denn zuerst hatte er in der Kirche anwesend sein müssen,
da er Kirchenältester war, und dann hatte er nicht umhin gekonnt, in seinem
Hause seine Verwandten und Bekannten zu empfangen und zu bewirten. Aber nun
waren die letzten Gäste abgefahren, und Wasili Andrejitsch machte sich
bereit, sofort zu einem benachbarten Gutsbesitzer zu fahren, um diesem
einen kleinen Wald abzukaufen, um den er schon lange gehandelt hatte.
Wasili Andrejitsch hatte es mit dieser Fahrt eilig, damit ihm nicht
städtische Händler dieses vorteilhafte Geschäft wegschnappten. Der junge
Gutsbesitzer forderte für den Wald nur aus dem Grunde zehntausend Rubel,
weil Wasili Andrejitsch ihm siebentausend dafür geboten hatte. Diese
siebentausend Rubel bildeten aber nur den dritten Teil des wirklichen
Wertes des Waldes. Wasili Andrejitsch hätte vielleicht noch länger um den
Preis gefeilscht, da der Wald in seinem Bezirke lag und zwischen ihm und
den andern ländlichen Händlern des Kreises schon seit langer Zeit eine
Abmachung bestand, nach welcher ein Händler in dem Bezirke eines andern den
Preis nicht in die Höhe treiben durfte; aber Wasili Andrejitsch hatte
erfahren, daß Holzhändler aus der Gouvernementsstadt vorhätten, nach
Gorjatschkino zu fahren und um den Wald zu handeln, und so hatte er denn
beschlossen, sofort selbst hinzufahren und die Sache mit dem Gutsbesitzer
zum Abschluß zu bringen. Sowie ihn daher der Feiertag loskommen ließ, nahm
er aus dem Kasten siebenhundert Rubel, die ihm gehörten, tat noch
zweitausenddreihundert Rubel Kirchengelder, die er in Verwahrung hatte,
dazu, so daß dreitausend Rubel herauskamen, zählte die ganze Summe sorgsam
durch, steckte sie in seine Brieftasche und traf Anstalten zur Abfahrt.
Der Knecht Nikita, der einzige von Wasili Andrejitschs Leuten, der an
diesem Tage nicht betrunken war, ging hinaus, um anzuspannen. Der Grund,
weswegen Nikita an diesem Tage nicht betrunken war, war der: er war ein
arger Trinker; aber nach der Fastnacht, wo er die Jacke vom Leibe und seine
Lederstiefel vertrunken hatte, hatte er das Trinken verschworen und nun
schon seit mehr als einem Monat nicht mehr getrunken; auch jetzt hatte er
nicht getrunken, trotz der starken Verführung, da überall an diesen beiden
ersten Festtagen eine tüchtige Menge Branntwein konsumiert wurde.
Nikita war ein Bauer aus einem Nachbardorfe und jetzt fünfzig Jahre alt; er
war, wie man von ihm sagte, kein rechter Hauswirt und hatte den größten
Teil seines Lebens nicht in seinem eigenen Hause, sondern bei andern Leuten
als Knecht verbracht. Überall schätzte man ihn wegen seines Fleißes, seiner
Geschicklichkeit und Arbeitskraft, ganz besonders aber wegen seines guten,
freundlichen Wesens; aber nirgends blieb er lange im Dienst, weil er etwa
zweimal im Jahre, mitunter auch häufiger, ins Trinken hineingeriet und dann
nicht nur alles vertrank, was er auf dem Leibe hatte, sondern auch
händelsüchtig und gewalttätig wurde. Auch Wasili Andrejitsch hatte ihn
schon ein paarmal fortgejagt, ihn aber immer wiedergenommen, da Nikitas
Ehrlichkeit, seine Liebe zu den Tieren und vor allem seine
Anspruchslosigkeit bei ihm stark ins Gewicht fielen. Wasili Andrejitsch
zahlte ihm nicht achtzig Rubel, was der angemessene Lohn für einen solchen
Knecht gewesen wäre, sondern vierzig Rubel, und diese verabfolgte er ihm
ohne genaue Abrechnung, in kleinen Posten, und großenteils nicht in barem
Gelde, sondern in Gestalt von hoch berechneten Waren aus seinem Laden.
Nikitas Frau, Marfa, die früher einmal ein hübsches, flinkes Weib gewesen
war, wirtschaftete zu Hause mit einem nahezu erwachsenen Sohne und zwei
Töchtern und forderte ihren Mann gar nicht dazu auf, zu Hause zu wohnen,
erstens weil sie schon seit zwanzig Jahren mit einem aus einem fremden
Dorfe stammenden Böttcher zusammenlebte, der bei ihnen im Hause wohnte, und
zweitens weil sie zwar mit ihrem Manne ganz nach ihrem Belieben umsprang,
wenn er nüchtern war, aber eine Heidenangst vor ihm hatte, sobald er zu
trinken anfing. Einmal, als Nikita sich zu Hause betrunken hatte, hatte er,
wahrscheinlich um sich an seiner Frau für die Knechtung zu rächen, die er
in nüchternem Zustande erlitt, ihre Truhe erbrochen, ihre besten Kleider
hervorgeholt, das Beil genommen und alle ihre Röcke und Umhänge auf dem
Hauklotz in kleine Stückchen zerhackt. Der gesamte Lohn, welchen Nikita
verdiente, wurde seiner Frau ausgehändigt, und Nikita erhob dagegen keinen
Widerspruch. So war Marfa auch diesmal zwei Tage vor dem Feste zu Wasili
Andrejitsch gekommen, hatte sich von ihm Weizenmehl, Tee, Zucker und ein
Achtel Branntwein, zusammen für ungefähr drei Rubel, sowie noch fünf Rubel
in bar geben lassen und sich dafür wie für eine besondere Gnade bedankt,
während doch Nikita, selbst bei niedrigster Berechnung, von Wasili
Andrejitsch zwanzig Rubel zu fordern hatte.
»Ich habe doch mit dir keinen förmlichen Kontrakt gemacht,« pflegte Wasili
Andrejitsch zu Nikita zu sagen. »Wenn du etwas brauchst, so laß es dir von
mir geben; du wirst es schon abarbeiten. Bei mir ist es nicht wie bei
anderen Leuten, wo das Gesinde auf seinen Lohn bis zum Termin warten muß
und dann peinlich gerechnet wird und Strafabzüge gemacht werden. Zwischen
uns beiden geht es anständig zu: du dienst mir, und ich lasse dich nicht im
Stiche.« Und wenn Wasili Andrejitsch in dieser Weise redete, so war er der
aufrichtigen Meinung, daß er Nikitas Wohltäter sei; denn was er sagte,
überzeugte ihn selbst, und alle Leute, Nikita allen voran, bestärkten ihn,
um sich seine Gunst zu erhalten, durch ihre Zustimmung in dieser
Überzeugung.
»Das sehe ich ja auch ein, Wasili Andrejitsch, und ich meine, ich diene
Ihnen so eifrig, wie wenn Sie mein leiblicher Vater wären. Ich sehe es sehr
wohl ein,« antwortete Nikita, der sehr wohl einsah, daß Wasili Andrejitsch
ihn betrog, sich aber sagte, daß er keinen Versuch machen dürfe, seine
Rechnung mit ihm klarzustellen, sondern, solange er keine andere Stelle
habe, dableiben und nehmen müsse, was man ihm gebe.
Jetzt also, wo Nikita von dem Herrn den Befehl erhalten hatte anzuspannen,
begab er sich vergnügt und willig wie immer mit seinem munteren, leichten,
etwas watschelnden Gange nach dem Schuppen, nahm dort den schweren, aus
Riemen verfertigten, mit einer Troddel geschmückten Zaum vom Nagel und
ging, mit der Gebißkette klirrend, nach dem verschlossenen Stall, in
welchem für sich allein das Pferd stand, das Wasili Andrejitsch anzuspannen
befohlen hatte.
»Na, du langweilst dich wohl, Dummerchen?« sagte Nikita als Antwort auf das
leise begrüßende Gewieher, mit welchem ihn der einzige Bewohner dieses
Stalles, ein mittelgroßer, wohlgebauter Hengst, mit etwas hängendem
Hinterteil, dunkelbraun mit gelblichen Flecken am Maul, an den Füßen und
in den Weichen, empfing. »Na na! Nicht zu eilig, ich will dir erst zu
saufen geben, Dummerchen!« redete er zu dem Pferde, ganz so, wie man mit
solchen Wesen redet, die die Worte verstehen, und nachdem er mit dem Schoße
seines Pelzes den wohlgenährten, fetten, in der Mitte ausgekehlten, mit
Staub bedeckten Rücken des Hengstes abgewischt hatte, legte er ihm den Zaum
um den hübschen, jugendlichen Kopf, wobei er ihm die Ohren und den
Haarschopf freimachte, warf das Halfter herunter und führte das Tier zum
Tränken.
Als der Braungelbe vorsichtig aus dem stark voll Mist liegenden Stalle
herausgeschritten war, begann er zu spielen und schlug aus, indem er sich
stellte, als wolle er mit dem Hinterfuße dem Knechte, der trabend mit ihm
zum Ziehbrunnen lief, einen Schlag versetzen.
»Ei, wie übermütig, du Schelm!« sagte Nikita zu ihm; er wußte recht wohl,
daß der Braungelbe vorsichtig genug war, mit dem Hinterfuße nur so zu
schlagen, daß er ihm den kurzen Schafpelz berührte, aber ihn nicht wirklich
an den Körper traf. An diesem Kunststück des Hengstes hatte Nikita immer
eine ganz besondere Freude.
Als das Pferd sich an dem kalten Wasser satt getrunken hatte, stand es ein
Weilchen still, holte tief Atem und bewegte dabei die nassen, kräftigen
Lippen, von deren Haarborsten durchsichtige Tropfen in den Trog
zurückfielen; dann prustete es.
»Wenn du nicht mehr magst, brauchst du nicht; wir werden uns das merken;
aber daß du nicht nachher mehr verlangst,« sagte Nikita, der in
vollständigem Ernst und mit aller Gründlichkeit dem Braungelben sein
Verfahren auseinandersetzte. Dann lief er wieder zum Schuppen, indem er am
Zügel das muntere, junge Pferd mit sich zog, das mit den Hinterbeinen
ausschlug und so kräftig schnaubte, daß der ganze Hof davon erscholl.
Von den andern Knechten war niemand da; Nikita erblickte nur einen nicht
zum Hause gehörigen Menschen, den Mann der Köchin, der für die Feiertage zu
ihr auf Besuch gekommen war.
»Geh doch mal hin, lieber Mann,« sagte Nikita zu ihm, »und frage den Herrn,
welchen Schlitten ich anspannen soll, den großen, breiten oder den
kleinen.«
Der Mann der Köchin ging ins Haus und kehrte bald mit der Nachricht zurück,
der Herr habe befohlen, den kleinen Schlitten anzuspannen. Nikita hatte
unterdessen dem Pferde schon das Kumt angelegt, das mit kleinen Nägeln
beschlagene Rückenpolster festgebunden und ging nun, in der einen Hand das
leichte, mit Ölfarbe gestrichene Krummholz tragend, mit der andern das
Pferd führend, zu den beiden Schlitten, die unter dem Schuppen standen.
»Wenn er den kleinen will, mir ist es recht,« sagte er, führte das kluge
Pferd in die Gabeldeichsel, das die ganze Zeit über tat, als ob es ihn
beißen wolle, und begann mit Hilfe des Mannes der Köchin anzuspannen.
Als schon alles beinah fertig war und nur noch übrig blieb die Leinen an
den Zügeln zu befestigen, schickte Nikita den Mann der Köchin in den
Schuppen hinein, um Stroh, und nach dem Speicher, um einen leeren groben
Sack zu holen.
»So! Alles richtig! Na na, tu nur nicht so üppig!« sagte Nikita und stopfte
das frisch ausgedroschene Haferstroh, das der Mann der Köchin gebracht
hatte, in den Schlitten hinein. »Und nun gib mir da die Packleinwand her,
so als Überzug, und obendrauf kommt der Sack. Siehst du wohl: so, und so;
nun wird es sich gut darauf sitzen,« sagte er und führte dabei das aus,
was er sagte, und stopfte den Sack über dem Stroh auf allen Seiten um den
Sitz herum fest.
»So, nun danke ich dir auch schön, lieber Freund,« sagte Nikita zu dem
Manne der Köchin. »Zu zweien fleckt es doch mit aller Arbeit besser.« Und
nachdem er die ledernen, am verbundenen Ende mit einem Ringe versehenen
Lenkriemen in Ordnung gebracht hatte, setzte sich Nikita auf den
Schlittenrand und lenkte das nach Bewegung verlangende brave Pferd über den
mit gefrorenem Miste bedeckten Hof zum Tore.
»Onkel Nikita, Onkelchen, ach Onkelchen!« rief ihm ein siebenjähriger Knabe
nach, der geräuschvoll die Tür aufklinkte und eilig aus dem Hausflur auf
den Hof herausgelaufen kam; er trug ein schwarzes Pelzröckchen, neue weiße
Filzstiefel und eine warme Mütze. »Setz mich hinein!« bat er mit seinem
hohen Stimmchen und knöpfte sich im Gehen sein Pelzröckchen zu.
»Na, dann komm flink her, mein Täubchen,« sagte Nikita, hielt an, setzte
das freudestrahlende Söhnchen seines Herrn in den Schlitten und fuhr auf
die Straße hinaus.
Es war zwischen zwei und drei Uhr nachmittags, kalt (zehn Grad), trübe und
windig. Auf dem Hofe kam einem die Luft ruhig vor; aber auf der Straße
blies ein scharfer Wind: von dem Dache des danebenstehenden Schuppens
stiebte der Schnee herunter, und an der Ecke beim Badehause wirbelte er nur
so. Kaum war Nikita herausgefahren und hatte das Pferd zur Haustür
herumgewendet, als auch schon Wasili Andrejitsch, eine Zigarette im Munde,
den mit Tuch überzogenen Schafpelz tief unten mit einem breiten Gurte fest
zusammengeschnallt, aus dem Flur auf die Stufen heraustrat, wo der
festgetretene Schnee unter seinen Filzstiefeln laut knirschte. Dort blieb
er stehen und bog zu beiden Seiten seines rotwangigen, mit Ausnahme des
Schnurrbartes rasierten Gesichtes die Ecken des Kragens seines Schafpelzes
mit der Pelzseite nach innen, damit das Pelzwerk nicht vom Atem feucht
werde.
»Sieh mal an; so ein Racker; sitzt schon drin!« sagte er, als er sein
Söhnchen im Schlitten erblickte, und zeigte beim Lächeln seine weißen
Zähne. Wasili Andrejitsch war durch den Branntwein, den er mit seinen
Gästen getrunken hatte, in angeregte Stimmung geraten und daher in noch
höherem Grade als sonst mit allem, was ihm gehörte, und mit allem, was er
tat, zufrieden. Wasili Andrejitschs blasse, magere, schwangere Frau, den
Kopf und die Schultern mit einem wollenen Tuche umwickelt, so daß nur ihre
Augen zu sehen waren, gab ihm zu seiner Abfahrt das Geleite und stand
hinter ihm im Hausflur.
»Wirklich, du solltest Nikita mitnehmen,« sagte sie und trat schüchtern aus
der Tür heraus. Wasili Andrejitsch antwortete nichts und spuckte nur aus.
»Du hast eine große Geldsumme bei dir,« fuhr die Frau in demselben
kläglichen Tone fort. »Und wenn nur nicht auch noch ein Unwetter kommt.
Wirklich, du solltest es tun.«
»Ach was, kenne ich etwa den Weg nicht, so daß ich durchaus einen Begleiter
nötig hätte?« erwiderte Wasili Andrejitsch; er sprach mit jener besonderen,
gekünstelten Anstrengung der Lippen, mit der er gewöhnlich mit Verkäufern
und Käufern redete; augenscheinlich fand er an seiner eigenen Redeweise
großes Gefallen.
»Aber wirklich, du solltest ihn mitnehmen. Ich bitte dich um Gottes
willen!« sagte die Frau noch einmal und mummte sich auf der einen Seite
noch dichter in ihr Tuch ein.
»Sie läßt doch nicht locker. Na, wo soll ich ihn denn im Schlitten
lassen?«
»Das wird schon gehn, Wasili Andrejitsch; ich bin bereit,« sagte Nikita
fröhlich. »Nur müßten, wenn ich weg bin, die Pferde gefüttert werden,«
fügte er, zu der Hausfrau gewendet, hinzu.
»Ich werde dafür sorgen, lieber Nikita; ich will Semjon damit beauftragen,«
antwortete die Hausfrau.
»Also wie ists? Soll ich mitfahren, Wasili Andrejitsch?« fragte Nikita, auf
die Entscheidung seines Herrn wartend.
»Ja, ich werde der Alten schon den Gefallen tun müssen. Aber wenn du
mitfährst, mußt du dir vorher ein wärmeres Staatskleid anziehen,« erwiderte
Wasili Andrejitsch, wieder lächelnd, und blinzelte dabei mit dem einen Auge
nach Nikitas Halbpelz hin, der schmierig und verfilzt und unter den Achseln
und am Rücken zerrissen und am Saume ausgefranst war; er hatte offenbar
schon viel durchmachen müssen.
»He, lieber Freund, komm doch mal heraus und halte das Pferd!« rief Nikita
nach dem Hofe hinein dem Manne der Köchin zu.
»Ich werde es tun, ich werde es halten!« sagte der Knabe, nahm seine
frierenden, roten Händchen aus den Taschen und ergriff mit ihnen die kalten
ledernen Lenkriemen.
»Verbrauche nur nicht zu viel Zeit dabei, dein Galakostüm anzulegen; beeile
dich!« rief Wasili Andrejitsch seinem Knechte spöttisch zu.
»In einem Augenblicke bin ich wieder da, Väterchen Wasili Andrejitsch,«
antwortete Nikita, und mit einwärts gesetzten Fußspitzen in seinen
geflickten, schmierigen Filzstiefeln hurtig dahinhuschend, rannte er auf
den Hof und in die Gesindestube.
»Flink, liebe Arina, gib mir meinen Mantel vom Ofen herunter; ich muß mit
dem Herrn wegfahren!« rief Nikita, während er ins Zimmer hineingelaufen
kam, und nahm seinen Gurt vom Nagel.
Die Köchin, die nach dem Mittagessen geschlafen hatte und jetzt gerade
dabei war, den Samowar für ihren Mann zurechtzumachen, begrüßte den guten
Nikita freundlich, und von seiner Eilfertigkeit angesteckt, rührte sie sich
ebenso schnell wie er, langte vom Ofen seinen dort trocknenden, schlechten,
abgetragenen Tuchmantel herunter, schüttelte ihn und machte ihn biegsam.
»Nun wirst du hier Raum genug haben, um den Feiertag mit deinem Manne
vergnüglich zu verleben,« sagte Nikita zu der Köchin; denn aus gutmütiger
Höflichkeit redete er immer ein bißchen mit jedem Menschen, mit dem er
allein zusammen war. Dann legte er sich den schmalen, zusammengefilzten
Gurt um, zog seinen an sich schon dünnen Bauch ganz in sich hinein und
schnallte den Gurt über dem Halbpelz aus Leibeskräften zusammen.
»Siehst du, so!« sagte er hierauf, nicht mehr zu der Köchin, sondern zu dem
Gurte gewendet, und steckte dessen Enden unter. »Nun wirst du nicht
aufgehen!« Er hob und senkte die Schultern, damit die Arme sich bequem
bewegen könnten, zog hierauf den Mantel darüber an, reckte wieder den
Rücken, um den Armen Freiheit zu verschaffen, schlug sich unter die Achseln
und langte sich seine Handschuhe von dem Wandbrette. »Na, nun ist alles in
Ordnung.«
»Du solltest dir etwas anderes auf die Füße ziehen, Nikita Stepanütsch,«
sagte die Köchin. »Deine Stiefel sind recht schlecht.«
Nikita blieb stehen und schien zu überlegen.
»Das wäre eigentlich nötig ... Na, es wird auch so gehen; es ist ja nicht
weit!«
Damit lief er auf den Hof und auf die Straße.
»Wird es dir auch nicht zu kalt sein, lieber Nikita?« fragte die Hausfrau,
als er zu dem Schlitten kam.
»Kalt? Bewahre! Mir ist ganz warm,« antwortete Nikita, schob am Vorderende
des Schlittens das Stroh zurecht, um sich damit die Füße zu bedecken, und
steckte die bei einem so braven Pferde entbehrliche Peitsche in das Stroh
hinein.
Wasili Andrejitsch saß schon im Schlitten, dessen gebogenen hinteren Teil
er fast ganz mit seinem in zwei Pelzen steckenden Rücken ausfüllte, und
ergriff nun sofort die Leine und trieb das Pferd an. Nikita setzte sich,
während der Schlitten schon fuhr, vorn links zurecht und steckte das eine
Bein heraus.
II
Der brave Hengst zog unter leisem Knarren der Kufen den Schlitten an und
schritt in munterem Gange auf der innerhalb der Ortschaft glattgefahrenen,
gefrorenen Straße dahin.
»Wie kannst du dich unterstehen, dich da aufzuhocken? Gib mal die Peitsche
her, Nikita!« rief Wasili Andrejitsch; er freute sich augenscheinlich über
seinen Sohn, der sich hinten auf die Kufen gekauert hatte. »Wart, ich will
dich! Lauf zu deiner Mutter, du Schlingel!«
Der Knabe sprang ab. Der Braungelbe beschleunigte seinen Paßgang,
schüttelte sich und ging in Trab über.
Das Dorf Krestü, zu welchem Wasili Andrejitschs Haus gehörte, bestand nur
aus sechs Häusern. Sobald sie an dem letzten Hause, der Schmiede, vorbei
waren, merkten sie sofort, daß der Wind weit stärker war, als sie geglaubt
hatten. Vom Wege war fast gar nichts mehr zu sehen. Die Spur der Kufen
wurde sofort wieder verweht, und man konnte den Weg nur daran
unterscheiden, daß er höher war als das übrige Terrain. Über das ganze Feld
hin stürmte es, und die Linie, wo Erde und Himmel sich berühren, war
schlechterdings nicht zu erkennen. Der Teljatiner Wald, der sonst immer so
gut zu sehen war, erschien durch das Schneegestöber hindurch nur undeutlich
als etwas Schwarzes. Der Wind blies von links; er trieb hartnäckig die
Mähne an dem drallen, wohlgenährten Halse des Braungelben nach der einen
Seite, drückte sogar den aufgebundenen Schweif des Tieres seitwärts und
preßte den langen Kragen an dem Mantel Nikitas, der auf der Windseite saß,
gegen dessen Gesicht und Nase.
»Er kann nicht ordentlich zutraben, wegen des Schneetreibens,« sagte Wasili
Andrejitsch, der auf sein gutes Pferd stolz war. »Ich bin einmal mit ihm
nach Paschutino gefahren, da hat er mich in einer halben Stunde
hingebracht.«
»Was?«
»Ich sage, ich bin mit ihm in einer halben Stunde nach Paschutino
gefahren.«
»Das kann niemand bestreiten: es ist ein gutes Pferd,« erwiderte Nikita.
Sie schwiegen ein Weilchen. Aber Wasili Andrejitsch hatte Lust, ein bißchen
zu reden.
»Na, wie ist es? Du hast doch wohl deiner Frau verboten, dem Böttcher
Schnaps zu geben?« sagte Wasili Andrejitsch; er war so fest davon
überzeugt, daß Nikita sich geschmeichelt fühlen müsse, wenn er sich mit
einem so bedeutenden, klugen Manne, wie er, unterhalten dürfe, und so
zufrieden mit seinem eigenen Späßchen, daß es ihm gar nicht in den Sinn
kam, dieses Gespräch könne seinem Knechte vielleicht unangenehm sein.
Nikita hatte wieder nicht verstanden, da der Wind den Ton der Worte seines
Herrn weggetragen hatte.
Wasili Andrejitsch wiederholte mit seiner lauten, deutlichen Stimme seinen
Scherz über den Böttcher.
»Gott möge es ihnen verzeihen, Wasili Andrejitsch; ich mische mich nicht in
diese Sachen. Wenn sie nur meinem Jungen nichts zuleide tut; sonst mag sie
machen, was sie will.«
»Da hast du recht,« antwortete Wasili Andrejitsch. »Na, was meinst du?
Willst du dir zum Frühjahr ein Pferd kaufen?« fragte er, zu einem neuen
Gegenstande übergehend.
»Das wird wohl nötig werden,« antwortete Nikita; er schlug den Kragen
seines Mantels zurück und bog sich zu seinem Herrn hin.
Jetzt war das Gespräch für Nikita interessant geworden, und er hatte den
Wunsch, alles zu verstehen.
»Der Junge ist nun herangewachsen und muß selbst pflügen; bisher haben wir
immer einen Pflüger und ein Pferd gemietet,« fügte er hinzu.
»Weißt du was? Nehmt meinen Kreuzschwachen; ich werde euch einen billigen
Preis machen,« rief Wasili Andrejitsch. Er fühlte sich in angeregter
Stimmung und verfiel infolge dessen auf seine Lieblingsbeschäftigung, der
er seine gesamten Geisteskräfte widmete, auf den Handel.
»Sonst könnten Sie mir ja auch fünfzehn Rubel geben, und ich kaufe mir ein
Pferd auf dem Pferdemarkt,« antwortete Nikita, der recht wohl wußte, daß
für den Kreuzschwachen, welchen Wasili Andrejitsch an ihn loswerden wollte,
sieben Rubel der richtige Preis war, Wasili Andrejitsch aber, wenn er ihm
dieses Pferd überließe, es ihm mit fünfundzwanzig Rubeln anrechnen werde
und er dann ein halbes Jahr lang von ihm kein Geld werde zu sehen bekommen.
»Es ist ein gutes Pferd. Ich meine es mit dir ebenso gut wie mit mir
selbst. Auf mein Gewissen. Brechunow übervorteilt keinen Menschen. Lieber
verliere ich selbst mein Hab und Gut, als daß ich es so machen sollte wie
andere Leute. Auf Ehre!« rief er in jenem ihm geläufigen Tone, in welchem
er diejenigen, mit denen er als Käufer oder Verkäufer handelte, zu
beschwatzen suchte. »Es ist ein tüchtiges Pferd.«
»Gewiß, gewiß,« sagte Nikita mit einem Seufzer, und in der Überzeugung, daß
es keinen Zweck habe weiter zuzuhören, ließ er mit der Hand den Kragen los,
der ihm sofort wieder das Ohr und das Gesicht bedeckte.
Etwa eine halbe Stunde lang fuhren sie schweigend. Der Wind blies bei
Nikita an der Seite und am Arme da hindurch, wo der Pelz zerrissen war.
Er krümmte sich zusammen und atmete in den Kragen hinein, der ihm den Mund
bedeckte, und es kam ihm vor, als ob dieser Hauch ihn erwärme.
»Nun, was meinst du? Wollen wir über Karamüschewo fahren oder direkt?«
fragte Wasili Andrejitsch.
Über Karamüschewo ging die Fahrt auf einer vielbenutzten Landstraße, bei
der zu beiden Seiten gute Merkstangen aufgestellt waren; aber es war
weiter, direkt war es näher; aber der Weg war wenig befahren, und die
Merkstangen waren teils nicht mehr vorhanden, teils in so üblem Zustande,
daß sie nicht aus dem Schnee hervorragten.
Nikita überlegte einen Augenblick lang.
»Über Karamüschewo ist es ja weiter, aber der Weg ist besser befahren,«
antwortete er.
»Aber direkt brauchen wir nur darauf zu achten, daß wir, ohne uns zu
verirren, durch den Hohlweg kommen, und dann ist guter Weg,« erwiderte
Wasili Andrejitsch, welcher Lust hatte, direkt zu fahren.
»Wie Sie belieben,« antwortete Nikita und ließ den Kragen wieder los.
Wasili Andrejitsch tat, was er in Aussicht genommen hatte: eine halbe Werst
weiter, bei einer Merkstange, einem im Winde hin und her wackelnden
Eichenstämmchen, an dem noch hier und da trockene Blätter hafteten, bog er
links ab.
Nach dieser Biegung hatten sie den Wind fast gerade entgegen. Das
Schneetreiben wurde dichter. Wasili Andrejitsch lenkte das Pferd; er blähte
die Backen auf und blies sich den Atem von unten in den Schnurrbart. Nikita
war eingedruselt.
So fuhren sie etwa zehn Minuten schweigend. Plötzlich sagte Wasili
Andrejitsch etwas.
»Was?« fragte Nikita und öffnete die Augen.
Wasili Andrejitsch gab keine Antwort, sondern drehte und wendete sich und
hielt Umschau, nach hinten und am Pferde vorbei nach vorn. Das Pferd, das
von Schweiß an den Weichen und am Halse ganz kraus geworden war, ging
Schritt.
»Was ist denn? Was ist denn?« fragte Nikita von neuem.
»Ja, was ist denn, was ist denn?« äffte Wasili Andrejitsch ihm ärgerlich
nach. »Es sind keine Merkstangen zu sehen! Wir müssen vom Wege abgekommen
sein!«
»Dann halten Sie doch; ich will den Weg wieder suchen,« sagte Nikita. Er
sprang behende aus dem Schlitten, zog die Peitsche aus dem Stroh heraus und
ging nach links zu, nach der Seite, auf der er gesessen hatte.
Der Schnee lag in diesem Jahre nicht tief, so daß man überall gehen konnte;
aber an einzelnen Stellen reichte er doch bis ans Knie und füllte von oben
her einen Stiefel Nikitas voll. Nikita ging hin und her und tastete mit den
Füßen und mit der Peitsche; aber ein Weg war nirgends.
»Nun, wie steht's?« fragte Wasili Andrejitsch, als Nikita wieder zum
Schlitten herankam.
»Auf dieser Seite ist kein Weg. Ich muß nach der anderen Seite suchen
gehen.«
»Da nach vorn zu ist etwas Schwärzliches; geh doch mal dahin und sieh zu,«
sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita ging dorthin und näherte sich dem, was schwärzlich aussah: dieses
Schwärzliche war Erde, die von entblößten Wintersaatfeldern durch den Wind
über den Schnee getrieben war und den Schnee schwarz gefärbt hatte. Nachdem
Nikita dann auch noch auf der rechten Seite umhergegangen war, kehrte er
zum Schlitten zurück, klopfte sich den Schnee ab, schüttelte ihn auch aus
dem Stiefel aus und setzte sich wieder in den Schlitten.
»Wir müssen rechts fahren,« sagte er in entschiedenem Tone. »Vorher bekam
ich den Wind in die linke Seite und jetzt gerade ins Gesicht. Fahren Sie
nach rechts,« sagte er mit aller Bestimmtheit.
Wasili Andrejitsch befolgte seine Weisung und hielt nach rechts. Aber auf
einen Weg kamen sie dennoch nicht. So fuhren sie eine Zeitlang. Der Wind
hatte nicht nachgelassen, und es schneite immer noch.
»Wir sind offenbar ganz und gar vom Wege abgekommen, Wasili Andrejitsch,«
sagte Nikita auf einmal, wie es schien, mit einer Art von Vergnügen. »Was
ist das da?« fuhr er fort und zeigte auf schwarzes Kartoffelkraut, das aus
dem Schnee hervorragte.
Wasili Andrejitsch hielt das Pferd an, das schon ganz in Schweiß geraten
war und mit den Flanken heftig atmete.
»Was willst du damit?« fragte er.
»Ich will sagen, daß wir auf dem Felde von Sacharowka sind. Nun seh mal
einer, wohin wir geraten sind!«
»Quatsch!« erwiderte Wasili Andrejitsch, der jetzt in durchaus
ungekünstelter, bäuerlicher Sprache redete, ganz anders als zu Hause.
»Das ist kein Quatsch, Wasili Andrejitsch, sondern was ich sage, ist
richtig,« antwortete Nikita. »Auch am Schlitten ist es zu hören, daß wir
über ein Kartoffelfeld fahren; und da sind auch Haufen, da haben sie das
Kartoffelkraut zusammengeworfen. Das ist das Feld, das zur Brennerei von
Sacharowka gehört.«
»Ei ei, wohin haben wir uns verirrt!« sagte Wasili Andrejitsch. »Was sollen
wir nun machen?«
»Wir müssen geradeaus fahren, weiter nichts; irgendwohin werden wir schon
kommen,« erwiderte Nikita. »Kommen wir nicht nach Sacharowka, dann kommen
wir nach der herrschaftlichen Meierei.«
Wasili Andrejitsch gehorchte und ließ das Pferd gehen, wie es Nikita
geheißen hatte. So fuhren sie ziemlich lange. Manchmal fuhren sie über
entblößte Wintersaat, wo die beschneiten Raine und die Schneewehen obenauf
mit Erdstaub bedeckt waren. Dann wieder kamen sie auf Stoppelfeld, bald von
Wintergetreide, bald von Sommergetreide, wo Beifußstauden und Strohhalme
aus dem Schnee hervorragten und im Winde schwankten. Dann wieder kamen sie
in tiefen, überall gleichmäßig weißen, eben daliegenden Schnee, aus dessen
Oberfläche nichts mehr hervorschaute. Schnee rieselte von oben herab, und
Schnee stiebte von unten auf. Manchmal glaubten sie bergauf, manchmal
bergab zu fahren; bisweilen hatten sie die Vorstellung, als ständen sie
still auf einem Fleck und das Schneefeld liefe neben ihnen vorbei. Beide
schwiegen sie. Das Pferd war offenbar sehr ermattet, infolge des Schweißes
am ganzen Leibe rauh geworden und von Reif bedeckt; es ging im Schritt.
Plötzlich sank es ein und blieb in einer Vertiefung stecken, mochte dies
nun eine vom Wasser ausgespülte Stelle oder ein Graben sein. Wasili
Andrejitsch wollte anhalten, aber Nikita schrie ihm zu:
»Wozu sollen wir halten? Sind wir hineingefahren, so müssen wir auch wieder
hinausfahren. Hü, mein lieber Freund, hü, hü, du lieber Kerl!« rief er in
heiterem Tone dem Pferde zu; er sprang aus dem Schlitten und sank selbst
tief in die Höhlung hinein.
Das Pferd zog kräftig an und arbeitete sich sofort auf einen gefrorenen
Damm hinauf. Augenscheinlich war es also ein von Menschenhand hergestellter
Graben.
»Wo sind wir denn?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Das werden wir schon erfahren!« antwortete Nikita. »Fahren Sie nur einfach
zu. Irgendwohin werden wir schon kommen.«
»Das wird da wohl der Wald von Gorjatschkino sein?« sagte Wasili
Andrejitsch und zeigte auf etwas Schwarzes, das vor ihnen durch den Schnee
hindurch sichtbar wurde.
»Wenn wir herankommen, werden wir sehen, ob das ein Wald ist und was für
einer,« antwortete Nikita.
Nikita hatte bemerkt, daß aus der Gegend, wo sich dieser schwarze
Gegenstand befand, trockene, längliche Weidenblätter vom Winde
herübergetrieben wurden, und wußte daher, daß da kein Wald war, sondern
menschliche Wohnungen; aber er wollte es nicht sagen. Und wirklich waren
sie nach dem Graben noch nicht dreißig Schritt weitergefahren, als sie
zweifellos dunkle Bäume vor sich hatten, und ein neues, melancholisches
Geräusch vernahmen. Nikita hatte richtig vermutet: es war kein Wald,
sondern eine Reihe hoher Weidenbäume, an denen noch hier und da Blätter im
Winde raschelten. Die Weidenbäume waren augenscheinlich an dem Graben, der
eine Tenne umgab, gepflanzt.
Als sie sich den Bäumen näherten, die im Winde so schwermütige Töne von
sich gaben, hob sich das Pferd auf einmal mit den Vorderfüßen über die Höhe
des Schlittens hinaus, arbeitete sich dann auch mit den Hinterfüßen hinauf
und ging nun nicht mehr bis an die Knie im Schnee. Das war ein Fahrweg.
»Da sind wir nun glücklich angekommen,« sagte Nikita. »Ich weiß bloß nicht,
wo wir sind.«
Das Pferd schritt auf dem verschneiten Fahrwege, ohne von ihm abzukommen,
dahin, und sie waren auf ihm noch nicht hundert Schritte weit gefahren, als
sie wie eine dunkle Masse das Flechtwerk einer Getreidedarre vor sich
hatten, von der unaufhörlich Schnee herunterrieselte. Als sie an der Darre
vorbei waren, machte der Weg eine Biegung, so daß sie nun den Wind hinter
sich hatten, und sie fuhren in eine Schneewehe hinein. Aber darüber hinaus
sahen sie vor sich eine Gasse zwischen zwei Häusern, so daß offenbar die
Schneewehe auf dem Fahrwege zusammengeweht war und sie hindurchfahren
mußten. Und wirklich kamen sie, sobald sie durch die Schneewehe hindurch
waren, in die Dorfstraße. Auf dem ersten Gehöfte flatterte steifgefrorene
Wäsche, die an einer Leine aufgehängt war, wild im Winde: zwei Hemden, ein
rotes und ein weißes, ein Paar Unterhosen, Fußlappen und ein Unterrock. Das
weiße Hemd bewegte sich besonders wild und schlug, an den Ärmeln
festgesteckt, heftig umher.
»Na, das muß ein faules Weib sein, wenn sie nicht etwa im Sterben liegt;
hat die Wäsche zum Fest nicht abgenommen!« sagte Nikita beim Anblicke der
flatternden Wäschestücke.
III
Am Anfang der Dorfstraße war es noch windig, und der Weg war verschneit;
aber in der Mitte des Dorfes wurde es still, warm und angenehm. Auf einem
Gehöfte bellte ein Hund; bei einem andern kam eine Frau, die sich den Rock
über den Kopf geschlagen hatte, von irgendwo hergelaufen und blieb, als sie
in die Haustür trat, auf der Schwelle stehen, um nach den Vorbeifahrenden
hinzusehen. Aus der Mitte des Dorfes hörte man Mädchen Lieder singen. Wind
und Schnee und Kälte, alles schien in dem Dorfe gelinder zu sein.
»Das ist ja Grischkino,« sagte Wasili Andrejitsch.
»Ja, das stimmt,« antwortete Nikita.
Und es war auch wirklich Grischkino. Es stellte sich also heraus, daß sie
zu weit nach links geraten und ungefähr acht Werst in falscher Richtung
gefahren, dabei aber doch ihrem Bestimmungsorte näher gekommen waren. Von
Grischkino nach Gorjatschkino waren noch etwa fünf Werst.
In der Mitte des Dorfes stießen sie auf einen hochgewachsenen Mann, der
mitten auf der Straße ging.
»Wer kommt denn da angefahren?« schrie der Mann, hielt das Pferd an, faßte,
sobald er Wasili Andrejitsch erkannte, sofort nach der Gabeldeichsel, griff
an ihr mit den Händen weiter, gelangte so zum Schlitten und setzte sich auf
den Rand desselben.
Es war dies ein Bauer, namens Isai, welchen Wasili Andrejitsch kannte; in
der ganzen Umgegend war er als der größte Pferdedieb berüchtigt.
»Ah, Wasili Andrejitsch! Wohin geht denn die Reise?« fragte Isai und hüllte
beim Reden Nikita in eine Wolke von Branntweinduft ein.
»Wir wollen nach Gorjatschkino.«
»Wie kommt ihr denn dann hierher? Da hättet ihr doch über Malachowo fahren
sollen.«
»Das hätten wir freilich sollen, aber wir haben den Weg verfehlt,«
antwortete Wasili Andrejitsch und hielt das Pferd an.
»Ein hübsches Pferdchen,« bemerkte Isai, das Pferd musternd, und zog ihm an
dem aufgebundenen Schwanze den locker gewordenen Knoten mit wohlgeübtem
Griffe bis ganz an die Rübe hinauf.
»Da wollt ihr wohl hier über Nacht bleiben, wie?«
»Nein, lieber Freund, wir müssen notwendig weiterfahren.«
»Ihr müßt es wohl sehr eilig haben. Und wer ist denn das hier? Ah! Nikita
Stepanütsch!«
»Wer soll es denn auch sonst sein?« erwiderte Nikita. »Aber was haben wir
zu tun, lieber Mann, damit wir uns nicht noch einmal verirren?«
»Wie könnt ihr euch hier verirren! Wendet um und fahrt geradeaus auf der
Dorfstraße zurück, und dann, wenn ihr hinauskommt, immer geradeaus. Nicht
links. So kommt ihr an die große Landstraße; und von der müßt ihr dann
links abbiegen.«
»Und wo ist die Stelle, wo man von der großen Landstraße abbiegen muß? Ist
es ein unbezeichneter Sommerweg oder ein bezeichneter Winterweg?« fragte
Nikita.
»Winterweg, Winterweg. Gleich wenn ihr hinkommt, sind da Sträuche, und
gegenüber von den Sträuchen steht noch eine große, eichene Merkstange mit
Laub daran; da ist es.«
Wasili Andrejitsch wendete um und fuhr wieder durch die Ortschaft zurück.
»Sonst bleibt doch lieber hier über Nacht!« rief ihnen Isai nach.
Aber Wasili Andrejitsch gab ihm keine Antwort, sondern trieb das Pferd an:
fünf Werst ebenen Weges und davon zwei durch Wald, die hoffte er mit
Leichtigkeit zurücklegen zu können, um so mehr da, wie es schien, der Wind
sich gelegt und das Schneetreiben nachgelassen hatte.
Sie fuhren wieder auf der glatt gefahrenen Straße zurück, auf welcher hier
und da frischer Mist dunkle Flecke bildete, kamen bei dem Gehöft mit der
Wäsche vorbei, wo inzwischen das weiße Hemd sich zum Teil losgerissen hatte
und nur noch an dem einen steif gefrorenen Ärmel hing, fuhren wieder hinaus
zu den unheimlich raschelnden Weidenbäumen und gelangten wieder auf das
freie Feld. Das Schneetreiben hatte nicht nachgelassen, sondern war im
Gegenteil noch heftiger geworden. Der ganze Weg war verschneit, und nur an
den Merkstangen konnte man erkennen, daß man nicht von ihm abgekommen war.
Aber auch die Merkstangen auf der vor ihm liegenden Wegstrecke zu
unterscheiden war für Wasili Andrejitsch sehr schwierig, weil sie gegen den
Wind fuhren.
Wasili Andrejitsch kniff die Augen zusammen, beugte den Kopf nach vorn und
hielt Ausschau nach den Stangen; großenteils aber ließ er das Pferd
gewähren, da er zu dessen Klugheit viel Vertrauen hatte. Und wirklich kam
das Pferd nicht vom Wege ab, sondern ging, bald nach rechts bald nach
links biegend, unbeirrt weiter, immer den Krümmungen des Weges folgend, den
es unter den Füßen fühlte. Auf diese Art sahen sie fortwährend die
Merkstangen, bald zur Rechten bald zur Linken, obgleich der Schneefall und
der Wind stärker geworden waren.
So waren sie etwa zehn Minuten gefahren, als sich plötzlich gerade vor dem
Pferde etwas Schwarzes zeigte, das sich in dem schrägen Netzwerk des vom
Winde getriebenen Schnees bewegte. Das waren Leute, die nach derselben
Richtung fuhren. Der Braungelbe hatte sie bald eingeholt und schlug mit den
Füßen gegen die Rücklehne des vor ihnen fahrenden Schlittens.
»Fahrt doch vorbei! ... he! ... fahrt doch vor!« wurde ihnen aus dem
Schlitten in herausforderndem Tone zugerufen.
Wasili Andrejitsch begann vorbeizufahren. In dem Schlitten saßen drei
Bauern und ein Weib. Offenbar waren sie auf der Heimfahrt von einem
Festbesuche. Einer der Bauern schlug mit einer Gerte das kleine Pferdchen
fortwährend auf das Hinterteil. Die beiden andern, die gleichfalls vorn im
Schlitten saßen, gestikulierten erregt mit den Armen und schrien etwas. Die
Frau, ganz vermummt und mit Schnee bedeckt, saß still im Hinterteil des
Schlittens, wie ein Vogel, der seine Federn sträubt.
»Wo seid ihr her?« schrie Wasili Andrejitsch.
»Aus A...a...a...!« war nur zu hören.
»Wo ihr her seid, frage ich.«
»Aus A...a...a...!« schrie einer der Bauern aus Leibeskräften; aber
trotzdem war es unmöglich, den Namen des Dorfes zu verstehen.
»Hau zu! Laß sie nicht vor!«
»Die sind gewiß zum Feste auf Besuch gewesen,« sagte Nikita zu Wasili
Andrejitsch.
»Vorwärts, vorwärts! Hau zu, Semjon! Fahr ihnen vor! Hau zu!«
Die Schlitten stießen mit den Flügeln aneinander, verfingen sich beinahe,
kamen aber doch wieder los, und der Bauerschlitten begann zurückzubleiben.
Das zottige, dickbauchige Pferdchen, das ganz mit Schnee bedeckt war und
unter dem niedrigen Krummholz schwer keuchte, schleppte sich
augenscheinlich unter Aufbietung seiner letzten Kräfte mit den kurzen
Beinen, die es ganz unter den Leib zog, durch den tiefen Schnee. Der Kopf
des offenbar noch jungen Tieres, mit hinaufgezogener Unterlippe wie bei
einem Fische, mit weit geöffneten Nüstern und angstvoll zurückgelegten
Ohren, hielt sich einige Sekunden lang neben Nikitas Schulter und begann
dann zurückzubleiben.
»Was doch der Branntwein tut,« sagte Nikita. »Ganz zuschanden gequält haben
sie das Pferdchen. Die reinen Barbaren!«
Einige Minuten lang war noch das Schnaufen des gequälten Pferdes und das
Geschrei der betrunkenen Bauern zu hören; dann wurde das Schnaufen still,
und darauf verstummte auch das Geschrei. Und nun hörten sie wieder ringsum
nichts weiter als den an ihren Ohren vorbeipfeifenden Wind und ab und zu
das leise Knarren der Kufen an kahlgewehten Stellen des Weges.
Diese Begegnung hatte auf Wasili Andrejitsch ermunternd und ermutigend
gewirkt, und er trieb das Pferd, auf das er sich verließ, dreister an, ohne
mehr besonders auf die Merkstangen achtzugeben.
Nikita hatte nichts zu tun und versank wieder in Halbschlummer. Auf einmal
blieb das Pferd stehen; Nikita hackte mit der Nase nach vorn und wäre
beinahe hinausgefallen.
»Wir fahren ja schon wieder falsch,« sagte Wasili Andrejitsch.
»Was?«
»Es sind keine Merkstangen zu sehen. Wir müssen wieder vom Wege abgekommen
sein.«
»Wenn wir vom Wege abgekommen sind, müssen wir ihn wiedersuchen,«
antwortete Nikita kurz, stand auf und begann wieder, mit seinen einwärts
gedrehten Füßen behend ausschreitend, durch den Schnee zu wandern. Lange
ging er so hin und her, indem er bald aus dem Gesichtskreise verschwand,
bald wieder auftauchte und wieder verschwand; endlich kehrte er zurück.
»Da ist kein Weg; vielleicht weiter nach vorn,« sagte er und setzte sich
auf den Schlitten.
Es fing schon an merklich dunkel zu werden. Das Schneetreiben hatte nicht
zugenommen, aber sich auch nicht verringert.
»Wenn wir doch wenigstens die Bauern hörten, die wir vorhin trafen,« sagte
Wasili Andrejitsch.
»Die haben uns nicht eingeholt; also müssen wir weit vom Wege abgekommen
sein. Aber vielleicht haben die sich auch selbst verirrt,« bemerkte Nikita.
»Wohin sollen wir denn nun fahren?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Wir müssen dem Pferde seinen eigenen Willen lassen,« antwortete Nikita.
»Es wird uns schon irgendwohin bringen. Geben Sie mir die Leine.«
Wasili Andrejitsch überließ ihm die Leine um so lieber, als ihm die Hände
trotz der warmen Handschuhe zu frieren begannen.
Nikita nahm die Leine; er hielt sie nur, vermied es aber, sie zu bewegen,
und freute sich über die Klugheit seines Lieblings. In der Tat machte das
kluge Pferd, das bald das eine bald das andre Ohr bald nach der einen bald
nach der anderen Seite hin drehte, allmählich mit dem Schlitten eine
Wendung.
»Nur nicht reden!« murmelte Nikita ab und zu. »Sehen Sie nur, was er tut.
Geh nur, geh nur; wirst es schon finden. So ist's richtig, so ist's
richtig.«
Sie bekamen jetzt den Wind in den Rücken; es wurde wärmer.
»Und klug ist er,« fuhr Nikita fort sich über das Pferd zu freuen. »Unser
junger >Kirgise< ist ja stark, aber nur dumm. Aber dieser, sehen Sie bloß,
was er mit den Ohren anstellt. Der braucht keinen Telegraphen; eine Werst
weit spürt er alles.«
Und es war noch keine halbe Stunde vergangen, als vor ihnen wirklich eine
dunkle Masse, ein Wald oder ein Dorf, auftauchte und rechter Hand wieder
Merkstangen sichtbar wurden. Offenbar waren sie wieder auf einen Weg
gekommen.
»Aber das ist ja wieder Grischkino,« rief auf einmal Nikita.
Wirklich, jetzt stand da links von ihnen jene selbe Getreidedarre, von der
der Schnee herunterstiebte, und weiterhin kam dieselbe Leine mit der steif
gefrorenen Wäsche, den Hemden und Unterhosen, die noch immer ebenso wild im
Winde flatterten.
Wieder fuhren sie in die Dorfstraße hinein, wieder wurde es still, warm und
angenehm, wieder sahen sie den frischen Mist auf dem Wege, wieder hörten
sie Stimmen und Lieder, wieder fing der Hund an zu bellen. Es war schon so
dunkel geworden, daß hinter einigen Fenstern Licht angezündet war.
In der Mitte der Dorfstraße lenkte Wasili Andrejitsch das Pferd zu einem
großen, zweistöckigen Hause aus Backstein und hielt es vor dem Tore an.
»Ruf doch mal Taras heraus,« sagte er zu Nikita.
Nikita trat an das stark verschneite, erleuchtete Fenster, in dessen
Scheine die vorbeiflatternden Schneeflocken glänzten, und klopfte mit dem
Peitschenstiel an.
»Wer ist da?« antwortete eine Stimme auf Nikitas Pochen.
»Aus Krestü, lieber Mann; Brechunow und sein Knecht,« antwortete Nikita.
»Komm doch mal auf einen Augenblick heraus.«
Der Mann drinnen trat vom Fenster zurück, und gleich darauf hörte man, wie
die Tür nach dem Flur geöffnet wurde, und wie dann die Klinke der Außentür
knackte; und die Tür wegen des Windes festhaltend, trat ein alter,
weißbärtiger Bauer heraus, mit hoher Mütze, einen Halbpelz über das weiße
Feiertagshemd geworfen; hinter ihm stand ein junger Bursche in rotem Hemde,
mit Lederstiefeln.
»Bitte näherzutreten,« sagte der Alte.
»Wir haben den Weg verfehlt, Bruder,« sagte Wasili Andrejitsch. »Wir
wollten nach Gorjatschkino und gerieten hierher zu euch. Dann fuhren wir
wieder los und haben uns noch einmal verirrt.«
»Ei, ei, da seid ihr ja arg in der Irre gefahren,« erwiderte der Alte.
»Peter, geh und mach das Tor auf,« wandte er sich an den jungen Burschen im
roten Hemde.
»Schön! Gleich!« antwortete dieser in munterem Tone und lief in den
Hausflur.
»Über Nacht bleiben wollen wir nicht, Bruder,« sagte Wasili Andrejitsch.
»Wohin wollt ihr denn jetzt noch fahren? Es ist ja schon Nacht. Übernachtet
doch hier.«
»Das würde ich gern tun; aber ich muß fahren.«
»Nun, dann wärme dich wenigstens auf; der Samowar ist gerade fertig,« sagte
der Alte.
»Sich ein bißchen aufwärmen, das könnte man schon tun,« erwiderte Wasili
Andrejitsch. »Dunkler wird es nicht werden; im Gegenteil, sobald der Mond
aufgeht, wird es heller. Komm, Nikita, wir wollen hineingehen und uns
aufwärmen.«
»Schön, das können wir ja,« antwortete Nikita, der arg durchgefroren war
und nichts lieber wünschte, als seine erstarrten Glieder am Ofen zu
erwärmen.
Wasili Andrejitsch ging mit dem Alten in das Haus hinein, Nikita aber fuhr
durch das von Peter geöffnete Tor und brachte nach dessen Anweisung das
Pferd unter das Schutzdach des Schuppens. Unten auf dem Boden lag viel
Mist, und das hohe Krummholz stieß oben gegen die Querstange. Die Hühner
mit ihrem Hahn, die sich bereits auf die Querstange gesetzt hatten, fingen
unzufrieden an zu gackern und klammerten sich mit den Krallen fester an die
Querstange. Die geängstigten Schafe drängten sich in dichtem Haufen zur
Seite; ihre hornigen Klauen klapperten laut auf dem gefrorenen Miste. Ein
Hund, offenbar ein noch junges Tier, stieß zunächst ein entsetztes Gewinsel
aus und bellte dann in seinem Schreck und Ingrimm den fremden Eindringling
heftig an.
Nikita redete mit allen: er entschuldigte sich bei den Hühnern und suchte
sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß er sie nicht weiter belästigen
werde; er machte den Schafen Vorwürfe, daß sie sich fürchteten, ohne selbst
zu wissen wovor, und redete, während er das Pferd festband, unaufhörlich
dem jungen Hunde ins Gewissen.
»So, jetzt wird es in Ordnung sein,« sagte Nikita und klopfte nun den
Schnee von seinem eigenen Leibe ab. »Aber was er für einen Spektakel
macht!« fügte er mit Bezug auf den Hund hinzu. »Warte du nur! Na, nun
genug ... dummer Kerl. Genug. Regst dich bloß auf,« sagte er. »Es sind ja
keine Diebe; gute Bekannte ...«
»Das sind, wie man so sagt, die drei häuslichen Ratgeber,« sagte der junge
Bursche und schob mit kräftigen Armen den noch draußen stehenden Schlitten
unter das Schutzdach.
»Was heißt das: Ratgeber?« fragte Nikita.
»So steht im Paulson gedruckt: >Schleicht ein Dieb zum Hause, so bellt der
Hund; das bedeutet: schlaf nicht, paß auf. Der Hahn kräht; das bedeutet:
steh auf. Die Katze wäscht sich; das bedeutet: ein werter Gast kommt; mach
dich bereit, ihn zu bewirten,<« sagte der junge Bursche lächelnd her.
Peter konnte lesen und schreiben, wußte das einzige Buch, das er besaß, das
Lesebuch von Paulson, beinah auswendig und zitierte, namentlich wenn er,
wie an diesem Tage, etwas getrunken hatte, gern daraus Denksprüche, die ihm
zu der Gelegenheit zu passen schienen.
»Das stimmt,« erwiderte Nikita.
»Du bist wohl tüchtig durchgefroren, Onkelchen?« fragte Peter.
»Ja freilich,« antwortete Nikita. Sie gingen über den Hof und durch den
Flur in die Stube.
IV
Die Bauernwirtschaft, in welcher Wasili Andrejitsch eingekehrt war, war
eine der reichsten im Dorfe. Die Familie hatte fünf ihr zugewiesene
Landparzellen inne und pachtete außerdem noch Land dazu. In der Wirtschaft
waren sechs Pferde, drei Kühe, zwei Kälber und gegen zwanzig Schafe. Die
Zahl der Familienmitglieder, die zu der Wirtschaft gehörten, belief sich im
ganzen auf zweiundzwanzig: vier verheiratete Söhne, sechs Enkel, von denen
einer, Peter, schon verheiratet war, zwei Urenkel, drei Waisen und vier
Schwiegertöchter mit kleinen Kindern. Es war eine der seltenen
Wirtschaften, die noch ungeteilt geblieben waren; aber auch hier war im
Innern schon längst die stille Wühlarbeit der Zwietracht im Gange, die, wie
immer, unter den Weibern ihren Anfang genommen hatte und unvermeidlich in
Bälde zur Teilung führen mußte. Zwei Söhne lebten in Moskau als
Wasserfahrer, einer war Soldat. Zu Hause waren jetzt der Alte, seine Frau,
ein in der Wirtschaft tätiger Sohn und ein Sohn, der aus Moskau zu den
Feiertagen auf Besuch gekommen war, ferner Peter, sowie Weiber und Kinder.
Außer den Familienangehörigen war noch ein Gast da, der Nachbar
Dorfschulze.
In der Stube hing über dem Tische eine Lampe mit einem Schutzschirm darüber
und warf ihr helles Licht auf das darunter stehende Teegeschirr, die
Flasche mit Schnaps, die kalten Speisen, sowie auf die mit Ziegeln
bekleideten Wände in der Ehrenecke, wo mehrere Heiligenbilder und zu beiden
Seiten davon andere Bilder hingen. Auf dem Ehrenplatze am Tische saß, nur
im schwarzen Halbpelz, Wasili Andrejitsch, der an seinem gefrorenen
Schnurrbart sog und mit seinen hervorstehenden Habichtsaugen um sich herum
die anwesenden Leute und die Stube musterte. Außer Wasili Andrejitsch saß
am Tische der weißbärtige, kahlköpfige alte Hausherr in weißem,
hausgewebtem Hemde, neben ihm der aus Moskau zu den Feiertagen gekommene
Sohn, mit kräftigem Rücken und starken Schultern, in einem feinen
Kattunhemde, ferner jener andere Sohn, der breitschultrige älteste Bruder,
der im Hause die Wirtschaft führte, und endlich der hagere, rothaarige
Dorfschulze.
Die Männer, die bereits gegessen und Branntwein dazu getrunken hatten,
wollten gerade zum Tee übergehen, und der Samowar, der beim Ofen auf dem
Fußboden stand, summte bereits. Auf den Schlafgerüsten und auf dem Ofen
lagen eine Anzahl von Kindern. Auf einer Pritsche saß, über eine Wiege
gebeugt, ein Weib. Die alte Hausfrau, deren Gesicht nach allen Richtungen
hin von kleinen Fältchen überzogen war, durch die sogar ihre Lippen
gerunzelt waren, versorgte Wasili Andrejitsch mit Speise und Trank.
In dem Augenblicke, als Nikita in die Stube trat, hatte sie gerade ein aus
sehr dickem Glase bestehendes Gläschen mit Branntwein gefüllt und trug es
zu Wasili Andrejitsch hin.
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