Bette zu gehen, und euch wegzuschiken. Aemilia. Mich wegzuschiken? Desdemona. Das war sein Befehl; also, meine gute Aemilia, gieb mir mein Nacht- Zeug, und gute Nacht. Wir müssen ihm keinen Verdruß machen. Aemilia. Ich wollte, ihr hättet ihn nie gesehen! Desdemona. Das wollt' ich nicht; meine Liebe ist so wol mit ihm zufrieden, daß sogar sein mürrisches Bezeugen, sein Schelten und Zürnen, eine Art von Anmuth in meinen Augen hat. Ich bitte dich, steke mir mein Kopfzeug ab-- Aemilia. Ich habe die Laken, die ihr mir sagtet, auf euer Bette gelegt. Desdemona. Es ist all eins: Guter Himmel! Was für alberne Geschöpfe sind wir nicht! Wenn ich vor dir sterbe, so mache mir, ich bitte dich, aus einem dieser Tücher mein Todten-Hemde. Aemilia. Kommt, kommt; wie ihr redt! Desdemona. Meine Mutter hatte ein Kammer-Mädchen, die Barbara hieß; das arme Ding war in jemand verliebt, der sie nicht wieder lieben wollte, und da wurde sie zulezt närrisch; sie hatte ein Lied, das sich immer mit (Weide) endigte, es war ein altes Ding, aber es schikte sich auf ihre Umstände, und sie sang es bis in den lezten Augenblik ihres Lebens. Ich kan mir dieses Lied diese ganze Nacht durch nicht aus dem Sinn bringen; es braucht alles, daß ich mich erwehre, den Kopf auf eine Seite zu hängen, und es zu singen, wie die arme Barbara. Ich bitte dich, mach' daß du fertig wirst. Aemilia. Soll ich gehn und euern Schlaf-Rok holen? Desdemona. Nein, steke mich hier ab; dieser Lodovico ist ein recht artiger Mann. Aemilia. Ein sehr hübscher Mann. Desdemona. Er spricht gut. Aemilia. Ich kenn' eine Dame in Venedig, die um einen Druk von seiner Unterlippe eine Wallfahrt ins Gelobte Land gemacht hätte. Desdemona (singt.) Das arme Ding, sie saß und sang, an einem Baum saß sie, Singt alle, grüne Weide; Die Hand gelegt auf ihre Brust, den Kopf auf ihrem Knie, Singt Weide, Weide, Weide; Der Bach, der murmelt neben ihr, in ihre Seufzer ein, Singt Weide, Weide, Weide; Und ihrer Thränen heisse Fluth erweichte Kieselstein; Singt Weide, Weide, Weide; Weide, Weide, Weide etc. Ich bitte dich, mache hurtig, er wird alle Augenblike wiederkommen. Singt all', ein grünes Weiden-Zweig, das muß mein Kränzchen seyn. * * * O! tadelt nicht sein hartes Herz, mein Herz verzeiht ihm gern; Nein, das folgt noch nicht--Horch was klopft so? Aemilia. Es ist nur der Wind. Desdemona (singt.) Ich nannte meinen Liebsten falsch; was sagt' er denn dazu? Singt Weide, Weide, Weide; Ich thu mit andern Weibern schön, mit andern Männern du. So, geh du izt, gute Nacht; meine Augen brennen mich; bedeutet das Weinen? Aemilia. Das wollen wir nicht hoffen. Desdemona. Ich hab' es sagen gehört; o diese Männer, diese Männer! Sag mir einmal, Aemilia, glaubst du in deinem Gewissen, daß es Weiber giebt, die ihre Männer auf eine so grobe Art hintergehen? Aemilia. Es giebt solche, das ist nur keine Frage. Desdemona. Wolltest du um die ganze Welt so was thun? Aemilia. Wie, thätet ihr's nicht? Desdemona. Nein, bey diesem himmlischen Licht! Aemilia. Ich bey diesem himmlischen Licht auch nicht; es liesse sich eben so gut im Dunkeln thun. Desdemona. Wolltest du eine solche That um die ganze Welt thun? Aemilia. Die ganze Welt ist gleichwol ein hübsches ansehnliches Ding, es wär' ein feiner Preis für ein so kleines Verbrechen. Desdemona. Bey meiner Treu, ich denke, du thätest es nicht. Aemilia. Und bey meiner Treu, ich denk', ich thät' es; mit dem Vorbehalt, daß es das erste und lezte mal seyn sollte. Wahrhaftig, ich thäte so was nicht um einen Finger-Ring, noch für ein paar Ellen Kammer- Tuch, noch für einen neuen Unterrok, oder eine Kappe, oder so was armseliges; aber für die ganze Welt! Welches Weib wollte ihren Mann nicht zu einem Hahnrey machen, damit er Herr von der ganzen Welt würde? Dafür wollt' ich noch wol das Fegfeuer wagen. Desdemona. Ich will des Todes seyn, wenn ich so was Unrechtes um die ganze Welt thun wollte. Aemilia. Wie, das Unrecht ist nur ein Unrecht in der Welt; und da ihr die Welt für eure Mühe bekämet, so wär' es ein Unrecht in eurer Welt, und ihr könntet es bald recht machen. Desdemona. Ich kan nicht glauben, daß es ein solches Weib giebt. Aemilia. O Ja, wohl ein duzend und so viele oben drein, daß sie die Welt, um die sie spielten, bevölkern könnten. Allein, ich denke, der Fehler ligt an den Männern, wenn ihre Weiber fallen; gesezt, sie vergessen ihre Pflichten gegen uns, und verschwenden an andre, was uns gehört; oder sie brechen in eine verdrießliche Eifersucht aus, und belegen uns mit sclavischem Zwang; oder sie schlagen uns, oder sie bringen uns unser Vermögen durch; wahrhaftig, wir haben auch Galle, und so sanft wir sind, so rächen wir uns doch gerne, wenn wir beleidigt werden. Unsre Herren Männer sollen wissen, daß ihre Weiber so gut Empfindlichkeit haben als sie; sie sehen, und riechen, und haben einen Geschmak für süß und sauer, so gut wie ihre Männer. Was thun sie, wenn sie uns mit andern vertauschen? Ist es Spaß? Ich will es glauben: Geschieht es aus Leidenschaft? Ich will es glauben: Ist es eine menschliche Schwachheit? es mag auch seyn. Und haben wir nicht auch Leidenschaften? Lieben wir den Zeitvertreib nicht auch? Sind wir nicht so gebrechlich als sie? Sie mögen uns also nur wohl begegnen; oder sie sollen wissen, daß wenn wir sündigen, sie unsre Lehrmeister gewesen sind. Desdemona. Gute Nacht, gute Nacht; der Himmel gebe mir Gnade, anstatt Böses mit Bösem zu vertreiben, das Böse gut zu machen! (Sie gehen ab.) Fünfter Aufzug. Erste Scene. (Eine Strasse vor dem Pallast.) (Jago und Rodrigo treten auf.) Jago. Hier stellt euch hinter diese Fässer. Er wird augenbliklich kommen: Deinen blossen Degen in die Hand, und dann frisch dran! Nur munter, munter, sey unverzagt: ich will an deinem Ellenbogen seyn: Es macht unser Glük oder wir sind verlohren: Denk an das, und entschliesse dich wie ein Mann. Rodrigo. Seyd ihr nur nahe bey der Hand, ich könnt' ihn verfehlen. Jago. Ich will hier stehen, es könnte nicht näher seyn; fasst, Muth und zieh deinen Degen. Rodrigo (indem er sich auf die Seite stellt.) Ich gehe ungern an diese That, aber er hat mir Gründe vorgelegt, gegen die nichts einzuwenden ist; es ist endlich nichts, als ein einzelner Mann weniger--Heraus, mein Schwerdt; er soll sterben. Jago (vor sich.) Ich habe diesen armen Geken gerieben, bis er empfindlich worden ist, er fängt an aufzubrennen. Nun mag er den Cassio ermorden, oder Cassio ihn, oder einer den andern, so find' ich allemal meine Rechnung dabey--Gut, aber wenn Rodrigo lebt, so wird er mich anhalten, ihm die Menge Gold und Juwelen wieder zu erstatten, die ich ihm als Geschenke für Desdemona, abpracticiert habe? Das muß nicht seyn--Bleibt Cassio übrig, so macht mir der Anblik seines Glüks meinen Zustand unerträglich; und überdem, könnte mich der Mohr verrathen; da käm' ich in saubere Ungelegenheiten; nein, sterben soll er! So muß es seyn; ich hör' ihn kommen. (Cassio tritt auf.) Rodrigo. Den Gang kenn' ich; es ist Er: Schelm, du must sterben. (Er fällt den Cassio an, und bringt ihm einen Stoß bey.) Cassio. Dieser Stoß hätte mir in der That übel bekommen können, wenn mein Kleid nicht besser gefüttert wäre als du wußtest: Nun will ich sehen, wie das deinige die Probe hält. (Er ficht mit Rodrigo; Jago haut den Cassio von hinten in die Beine, und entläuft; Rodrigo und Cassio fallen.) Rodrigo. O, ich bin des Todes. Cassio. Ich bin auf immer zum Krippel gemacht; Hülfe, he! Mörder! Mörder! Zweyte Scene. (Othello erscheint am Fenster.) Othello (vor sich.) Das ist Cassio's Stimme--Jago hält sein Wort. Rodrigo. Oh, Bösewicht, der ich bin! Othello. Das ist wol nicht anders. Cassio. Oh, Hülfe, Hülfe! he! Licht! einen Wund-Arzt! Othello. Es ist Er! O braver, ehrlicher, redlicher Jago, den das erlittne Unrecht seines Freundes in einen so edlen Eifer sezt! Du lehrst mich--Püpchen, euer Liebling ist todt; und eure Stunde eilt heran-- Ich komme, Meze--Deine Reizungen, deine Blike, dein Lächeln, sind aus meinem Herzen ausgewischt; und in deinem Bette, dem Schau-Plaz deiner zügellosen Lust, soll deine Straffe dich erhaschen! (Er geht ab.) Dritte Scene. (Lodovico und Gratiano treten in der Ferne auf.) Cassio. Wie dann, he! Ist kein Wächter, ist kein Mensch da? Mörder, Mörder! Gratiano. Es ist irgend ein Unheil begegnet; die Stimme ist gräßlich. Cassio. O Hülfe! Lodovico. Horcht! Rodrigo. O elender Bösewicht! Lodovico. Ich höre zween oder drey wehklagen. Es ist stokfinster; es könnte Verstellung seyn: Es ist nicht sicher, näher hinzugeben, da unsrer nur zween sind. (Jago, in seinem Hemd, mit gezognem Degen und einem Licht, tritt auf.) Lodovico. Horcht. Gratiano. Hier kam einer in blossem Hemde, mit einem Licht und gezognem Degen. Jago. Wer ist hier? Wer ruft Mörder? Lodovico. Das wissen wir nicht. Jago. Hört ihr nicht schreyen? Cassio. Hier, hier: Um's Himmels willen, helft mir. Jago. Was giebt's hier? Gratiano (zu Lodovico.) Wie mich däucht, so ist dieser hier Othello's Fähndrich. Lodovico. Er ist's, in der That, ein wakrer herzhafter Camerad. Jago. Wer seyd ihr hier, die ein so klägliches Geschrey erheben? Cassio. Jago?--O ich bin gestümmelt, von Banditen zum elenden Manne gemacht- -Kommt mir zu Hülfe! Jago. Gott sey bey uns! Lieutenant! Was für Bösewichter haben das gethan? Cassio. Ich denke, einer davon ligt hier, und kan sich nicht davon machen. Jago. Die meuchelmördrischen Schurken! (zu Lodovico und Gratiano.) Wer seyd ihr hier? Kommt näher, und helft. Rodrigo. O, helft mir hier. Cassio. Das ist einer von ihnen. Jago. Du mördrischer Sclave! du Raker! (Er giebt dem Rodrigo vollends den Rest.) Rodrigo. O verruchter Jago! unmenschlicher Hund! Jago. Leute im Dunkeln zu ermorden! Wo sind diese blutige Diebe? Wie? diese Stadt ist ja so still als wenn alles ausgestorben wäre! He! Mord! Mord!--Wer seyd wohl ihr? Seyd ihr ehrliche Leute oder-- Lodovico. Qualificiert uns, wie ihr uns findet. Jago. Signor Lodovico?-- Lodovico. Er selbst, mein Herr. Jago. Ich bitte tausendmal um Vergebung! Hier ligt Cassio, von Meuchelmördern verwundet. Gratiano. Cassio? Jago. Wie steht's um dich, Bruder? Cassio. Mein Bein ist entzwey gehauen. Jago. Das verhüte der Himmel! Licht, meine Herren, ich will ihn mit meinem Hemde verbinden. Vierte Scene. (Bianca zu den Vorigen.) Bianca. Was ist hier für ein Lerm? He, wer ist der, so ruft? Cassio. Wer ist der, so ruft? Bianca. O mein liebster Cassio! Mein süsser Cassio! O, Cassio, Cassio! Cassio! Jago. O merkwürdige Meze! Cassio, könnt ihr nicht errathen, wer diejenigen seyn mögen, die euch so zugerichtet haben? Cassio. Nein. Gratiano. Es bekümmert mich sehr, euch so zu finden. Ich war im Begriff, euch aufzusuchen. Jago. Lehnt mir ein Knieband. So--O wenn wir nur einen Lehn-Sessel hätten, um ihn bequemer wegzutragen! Bianca. O Himmel, er wird ohnmächtig. O Cassio, Cassio, Cassio! Jago. Meine Herren allerseits; ich hab' eine Vermuthung, daß dieser Bündel hier Antheil an dem verübten Bubenstük haben möchte. Ein wenig Geduld, lieber Cassio; kommt, kommt: Leiht mir das Licht: Kennen wir dieses Gesicht oder nicht? O Himmel! Mein Freund, mein liebster Landsmann? Rodrigo? Nein: ja, würklich: ja, es ist Rodrigo. Gratiano. Wie, von Venedig? Jago. Eben er, mein Herr; kanntet ihr ihn? Gratiano. Ob ich ihn kannte? Ah! Jago. Signor Gratiano! Ich bitte Eu. Gnaden sehr um Vergebung: Die Verwirrung bey einem so blutigen Auftritt muß die Entschuldigung meiner Unhöflichkeit machen. Gratiano. Ich erfreue mich euch zu sehen. Jago. Wie geht's euch, Cassio? O, einen Arm-Sessel! Einen Arm-Sessel! Gratiano. Rodrigo? Jago. Er, Er, es ist Er--Wenn wir nur einen Sessel hätten, damit man ihn ohne Erschütterung von hier wegbringen könnte; ich will den Wund- Arzt des Generals holen. Ihr, Mamsel, könn't eure Mühe sparen. Der Mann, Cassio, der hier in seinem Blute ligt, war mein bester Freund. Was für ein Mißverständniß war denn zwischen euch? Cassio. Keines in der Welt; ich kenn' ihn nicht einmal. Jago. Wie? Ihr seht ganz bleich aus?--Oh, tragt ihn doch aus der freyen Luft!--Bleibt doch hier, meine Gnädige Herren-- (Zu Bianca.) Seht ihr blaß aus, Mamsel?--Merkt ihr meine Herren, wie verstört ihre Augen herumfahren? Gut, gut, das bedeutet was, wir werden bald mehr hören. Betrachtet sie recht, ich bitte euch, seht sie an; seht ihr, meine Herren? O, ein böses Gewissen wird reden, wenn alle Sprachen abgegangen wären. Fünfte Scene. (Aemilia zu den Vorigen.) Aemilia. Ums Himmels willen, was giebt's hier? Was giebt's hier, Mann? Jago. Cassio ist hier im Dunkeln von Rodrigo und seinen Gesellen, welche entsprungen sind, angefallen worden; er ist übel verwundet, und Rodrigo todt. Aemilia. O Jammer! der arme Cavalier! der arme, gute Cassio! Jago. Das sind die Früchte vom Huren-Leben--Ich bitte dich, Aemilia, geh, frage den Cassio, wo er heute zu Nacht gegessen habe-- (zu Bianca.) Wie, zittert ihr vor dieser Frage? Bianca. Er aß in meinem Hause zu Nacht, aber ich zittre nicht deßwegen. Jago. O, that er das?--ich arretiere euch hier--kommt mit mir. Aemilia. O fy, die garstige Hure! Bianca. Ich bin keine Hure, ich bin eine so ehrliche Frau als ihr, die mich so beschimpfst! Aemilia. Als ich? Pfuy, das garstige Ding! Jago. Meine liebsten Herren, wir wollen dafür sorgen, daß Cassio verbunden wird. Kommt, Mamsell, wir wollen euch schon die Zunge lösen. Aemilia, lauft ihr in die Citadelle, und sagt dem General und der Gnädigen Frauen was begegnet ist: Wollt ihr voran gehen?-- (vor sich.) Der Ausgang dieser Nacht wird mein Glük oder meinen Untergang entscheiden. (Sie gehen ab, Jago zulezt.) Sechste Scene. (Ein Schlaf-Zimmer. Desdemona in einem Bette, wovon der Vorhang halb weggezogen ist.) (Othello tritt mit einem Degen in einer, und einem Licht in der andern Hand auf.) Othello. Die Beleidigung ist zu groß, zu groß, meine Seele--Laßt sie mich nicht vor euch nennen, ihr keuschen Sterne! Sie ist zu groß!--Und doch will ich ihr Blut nicht vergiessen, noch diese ihre Haut zerrizen, die weisser als Schnee, und so glatt wie Alabaster ist. (Er legt seinen Degen nieder.) Und doch muß sie sterben; sie würde sonst noch mehr Unglükliche machen. Das Licht ausgelöscht, und dann--Das Licht auslöschen--O du dienstbare Flamme, wenn ich dich auslösche, und es gereut mich, so kan ich dir dein Licht wieder geben: Aber wenn (dein) Licht einmal ausgeblasen ist, du vollkommenstes Modell der sich selbst übertreffenden Natur, so weiß ich nicht, wo dieser prometheische Funke ist, der es wieder anzünden kan-- (Er stellt das Licht hin.) Wenn ich deine Rose abgepflükt habe, so kan ich ihr den belebenden Geist nicht wiedergeben; sie muß verwelken--Ich will dich noch am Stoke riechen-- (Er küßt sie.) --O du balsamischer Athem, fast könntest du die Gerechtigkeit bewegen ihr Schwerdt zu zerbrechen--Noch einen; noch einen--Sey so, wenn du todt bist, und ich will dich erst ermorden, und dann lieben-- noch einen, der soll der lezte seyn--Holdseliges Geschöpf, wie Schade, daß du sterben sollst! Ich muß weinen, aber es sind grausame Thränen--Sie weinen auf die Hand, die dir den Tod bringt-- Sie erwacht. Desdemona. Wer ist hier? Othello? Othello. Ja, Desdemona. Desdemona. Wollt ihr zu Bette kommen, mein Gemahl? Othello. Habt ihr euer Nachtgebet gebetet, Desdemona? Desdemona. Ja, mein Herr. Othello. Wenn ihr euch noch irgend eines Verbrechens erinnert, worüber ihr euch mit dem Himmel noch nicht ausgesöhnt habt, so säumt euch nicht, um seine Gnade zu flehen. Desdemona. O Gott! was meynt ihr mit dieser Aufforderung? Othello. Gut, thu es, und machs kurz; ich will bey Seite gehen. Ich möchte dich nicht unbereitet überraschen, nein, (der Himmel bewahre mich davor!) ich möchte deine Seele nicht ermorden. Desdemona. Redet ihr von ermorden? Othello. Ja, das thu ich. Desdemona. So erbarme sich der Himmel über mich! Othello. Amen, von ganzem Herzen. Desdemona. Wenn ihr so sagt, so werdet ihr mich doch nicht umbringen wollen. Othello. Hum! Desdemona. Und doch fürcht' ich euch; ihr seyd gefährlich, wenn eure Augen so rollen. Warum ich mir förchten soll, weiß ich nicht, da ich mir keiner Schuld bewußt bin; und doch fühl' ichs, daß mir bang ist. Othello. Denk an deine Sünden. Desdemona. Ich kenne keine, als die zu grosse Liebe, die ich zu euch trage. Othello. Ja, und davor must du sterben. Desdemona. Das ist unnatürlich, Liebe mit dem Tode zu bestrafen. O Gott! Warum beißt ihr so in eure Unter-Lippe? Irgend ein blutiges Vorhaben erschüttert euern ganzen Bau; das sind fürchterliche Vorbedeutungen; und doch hoff' ich, ich hoffe, sie zielen nicht auf mich. Othello. Schweig, und sey still. Desdemona. Ich will; was habt ihr dann? Othello. Das Schnupftuch, das mir so lieb war, und das ich dir gab, gabst du dem Cassio? Desdemona. Nein, bey meinem Leben und meiner Seele; schikt nach ihm, und fragt ihn. Othello. Holde Seele, nimm dich in Acht, nimm dich vor Meineyd in Acht; du bist auf deinem Tod-Bette. Desdemona. Ja, aber doch noch nicht izt zu sterben. Othello. Diesen Augenblik; entlade dich also durch ein aufrichtiges Bekenntniß deiner Sünde; denn wenn du auch jeden Artikel mit einem Eyde läugnen würdest, so würd' es unvermögend seyn, die tiefe Ueberzeugung zu erschüttern, die mir diesen Seufzer erpreßt. Du must sterben. Desdemona. O Himmel, erbarme dich meiner! Othello. Ich sag, Amen. Desdemona. Und erbarmt ihr euch auch!--Nie, in meinem Leben hab ich euch nie beleidigt; niemals diesen Cassio geliebt, als mit dieser allgemeinen Liebe, die der Himmel selbst billigt und fordert. Ich gab ihm niemalen kein Andenken. Othello. Beym Himmel, ich sah mein Schnupftuch in seiner Hand. O meineydiges Weibsbild! du versteinerst mein Herz! du machst, daß ich das was ich zu thun vorhabe, einen Mord nennen muß, da ich es für ein Opfer hielt. Ich sah das Schnupftuch. Desdemona. So hat er's also gefunden; ich gab' es ihm nie; schikt nach ihm, laßt ihn die Wahrheit gestehen. Othello. Er hat gestanden. Desdemona. Was, mein Gemahl? Othello. Daß er--mit dir zu thun gehabt-- Desdemona. Wie, auf eine unerlaubte Art? Othello. Ja. Desdemona. Das kan er nicht sagen. Othello. Nein, sein Mund ist verstopft. Der ehrliche Jago hat davor gesorgt. Desdemona. Wie, ist er todt? Othello. Wär' in jedem seiner Haare ein eignes Leben gewesen, meine grosse Rache hätte Zorn genug für alle gehabt. Desdemona. O Gott, so ist er verrathen, und ich bin verlohren! Othello. Weg mit dir, Schandhure! Weinst du vor meinen Augen um ihn? Desdemona. Verbanne mich, lieber Mann, tödte mich nur nicht. Othello. Hinab, unzüchtiger Balg! Desdemona. Tödte mich morgen, laß mich nur diese Nacht noch leben. Othello. Nein, wenn du dich sträubst-- Desdemona. Nur noch eine halbe Stunde. Othello. Schweige, du bekommst keinen Aufschub. Desdemona. Nur so lang ich ein Vater Unser beten kan. Othello. Es ist zu spät. (Er erstekt sie.) Siebende Scene. (Aemilia, vor der Thüre.) Aemilia. Gnädiger Herr, Gnädiger Herr! He! Gnädiger Herr! Othello. Was für ein Getös ist das?--Noch nicht todt? noch nicht völlig todt? So grausam ich bin, bin ich doch barmherzig; ich wollte dich nicht gern lang leiden lassen--So, so. Aemilia (vor der Thüre.) Wie? he! Gnädiger Herr! Gnädiger Herr! Othello. Wer ist da? Aemilia. O mein lieber Gnädiger Herr, ich möchte nur ein Wort mit euch reden. Othello. Ja, es ist Emilia--In einem Augenblik--sie ist todt--Vermuthlich wird sie mir die Nachricht von Cassios Tode bringen--Der Lerm war groß--Ha, du rührst dich nicht mehr? Still wie ein Grab. Soll ich sie hereinlassen? Wär' es gut? Mich däucht, sie rührt sich wieder- -Nein--Was ist das Beste? Wenn sie herein kömmt, so wird sie mit meinem Weibe reden wollen; meinem Weib? Meinem Weib? Was für einem Weib? Ich habe kein Weib--O Unerträglich! o bange Stunde! Mich däucht, es sollte izt eine dichte Verfinsterung der Sonne und des Monds seyn, und der geschrekte Erdball sollte vor Entsezen beben-- Aemilia. Ich bitte euch, nur ein paar Worte, ach; mein lieber Gnädiger Herr! -- Othello. Ich hatte dich vergessen; oh, komm herein, Aemilia. Sachte, augenbliklich, ich muß nur erst den Vorhang ziehen.--Wer bist du? Was willst du? (Er riegelt die Thür auf.) (Aemilia kommt herein.) Aemilia. Ach, Gnädiger Herr, es ist eine greuliche Mordthat begangen worden! Othello. Wie? izt? Aemilia. Eben izt, Gnädiger Herr. Othello. Da hat der Mond die Schuld; er ist der Erde näher gekommen als seine Gewohnheit ist, und nun werden alle Leute toll. Aemilia. Cassio hat einen jungen Venetianer, Rodrigo genannt, umgebracht. Othello. Rodrigo umgebracht? und Cassio umgebracht? Aemilia. Nein, Cassio ist nicht todt. Othello. Cassio ist nicht todt? So ist die Rache nur halb befriedigt. Desdemona. O unbillig, unbillig ermordet!-- Aemilia. Gott helf uns! was für ein Geschrey ist das? Othello. Das? Was? Aemilia. O Himmel, es war meiner Gnädigen Frauen Stimme. Zu Hülfe, zu Hülfe! He! zu Hülfe! O Gnädige Frau, redet weiter; englische Desdemona, o meine theureste Gebieterin, redet! Desdemona. Ich sterbe unschuldig. Aemilia. O, wer hat diese entsezliche That gethan? Desdemona. Niemand, ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gütigen Gemahl meinen lezten Gruß; o, lebe wohl. (Sie stirbt.) Othello. Wie, wie sollte sie ermordet worden seyn? Aemilia. O Gott! wer weiß das? Othello. Ihr hörtet's, sie sagte selbst, ich sey's nicht gewesen. Aemilia. Sie sagte so, ich kan nichts anders sagen. Othello. Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war's, der sie ermordete. Aemilia. Oh, desto mehr Engel ist sie nun, und du ein desto schwärzerer Teufel. Othello. Sie ergab sich der Leichtfertigkeit, sie war eine Hure. Aemilia. Du lästerst sie, du bist ein Teufel. Othello. Sie war falsch wie Wasser. Aemilia. Und du bist rasch wie Feuer, wenn du das sagst. Oh, sie war ein Engel von Unschuld. Othello. Sie ließ sich von Cassio deken; frag deinen Mann, wenn du's nicht glauben willst. Welcher Abgrund in der flammenden Hölle wäre tief genug für mich, wenn ich ohne die stärksten Gründe so weit gegangen wäre? Dein Mann weiß alles. Aemilia. Mein Mann? Othello. Dein Mann. Aemilia. Das sie ihrem Ehbett untreu war? Othello. Ja, mit Cassio. Wäre sie treu gewesen, glaube mir, wenn mir der Himmel noch eine solche Welt, wie diese, aus einem einzigen ganzen Chrysolith hätte machen wollen, ich hätte sie nicht darum gegeben. Aemilia. Mein Mann! Othello. Ja, er war's, der mir die erste Nachricht davon gab. Er ist ein ehrlicher Mann, und ein Feind schändlicher Thaten. Aemilia. Mein Mann! Othello. Wozu soll diese doppelte Ausruffung, Weib? Ich sage, dein Mann. Aemilia. O meine Gebieterin! Arglistige Bosheit hat die eifersüchtige Liebe betrogen, und du bist das Opfer. Mein Mann soll gesagt haben, sie sey ungetreu! Othello. Er, Weibsbild; ich sage, dein Mann; verstehst du das Wort? Mein Freund, dein Mann, der ehrliche, rechtschaffne Jago. Aemilia. Wenn er das sagt, so verderbe seine verruchte Seele in langsam marternden Qualen! Er lügt's in sein Herz hinein! Nur zu sehr liebte sie den hassenswürdigen Teufel, mit dem sie sich beladen hatte. Othello. Ha!-- Aemilia. Thu dein ärgstes; diese greuliche That, die du gethan hast, ist den Himmel nicht mehr werth, wie du ihrer werth warst. Othello. Schweigen wäre das rathsamste für dich. Aemilia. Du kanst nicht halb so geneigt seyn, mir Leid anzuthun, als ich es wünsche: o Erzbetrüger! o dummer Kerl! dumm wie Mist! du hast eine That gethan--ich frage nichts nach deinem Degen, ich will bekannt machen wer du bist, und wenn ich zwanzig Leben zu verliehren hätte--Hülfe! Hülfe! He! Hülfe! Der Mohr hat meine Frau umgebracht. Hülfe, Hülfe! Achte Scene. (Montano, Gratiano, Jago und andre treten auf.) Montano. Was giebt es hier? Wie, was bedeutet das, General? Aemilia. O, seyd ihr auch da, Jago? Ihr habt es weit gebracht, daß die Leute ihre Mordthaten auf euern Hals schieben. Gratiano. Was soll dieses bedeuten? Aemilia. Wiedersprich diesem Bösewicht, wenn du ein Mann bist; er giebt aus, du habest ihm gesagt, seine Frau sey untreu gewesen: Ich bin gewiß, du hast es nicht gesagt; du bist kein solcher Bube! Rede, mein Herz ist so voll, daß es zerspringen wird. Jago. Ich sagte ihm was ich dachte; und nicht mehr, als er selbst glaubwürdig und wahr befand. Aemilia. Aber sagtet ihr ihm jemals, sie sey untreu? Jago. Ja, das that ich. Aemilia. So sagtet ihr eine Lüge. eine hassenswürdige, verdammte Lüge; auf meine Seel', eine Lüge; eine verfluchte Lüge. Sie untreu mit Cassio? Sagtet ihr, mit Cassio? Jago. Mit Cassio, Frau; geht, geht, und laßt euch eure Zunge legen. Aemilia. Das will ich nicht; ich will, ich muß reden; es ist meine Pflicht, daß ich rede. Meine Frau ligt hier ermordet in ihrem Bette. Alle. Das wolle der Himmel nicht! Aemilia. Und eure Ohrenbläsereyen sind der Antrieb zu diesem Mord gewesen. Othello. Nein, seht nicht so erschroken aus, meine Herren; es ist wahr, es ist würklich so. Gratiano. Das ist eine verwünschte Wahrheit. Montano. O ungeheure That! Aemilia. Büberey! Schändliche versuchte Büberey! Ich seh--ich rieche sie-- Verdammte Büberey!--Ich dachte gleich--O, ich möchte vor Schmerz Hand an mich selbst legen--o Büberey! Büberey! Jago. Wie, seyd ihr toll? Ich befehls euch, pakt euch heim. Aemilia. Meine liebe Herren, erlaubt mir daß ich reden darf, ich bin ihm sonst Gehorsam schuldig, aber nicht izt: Vielleicht, Jago, werd' 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500 501 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 534 535 536 537 538 539 540 541 542 543 544 545 546 547 548 549 550 551 552 553 554 555 556 557 558 559 560 561 562 563 564 565 566 567 568 569 570 571 572 573 574 575 576 577 578 579 580 581 582 583 584 585 586 587 588 589 590 591 592 593 594 595 596 597 598 599 600 601 602 603 604 605 606 607 608 609 610 611 612 613 614 615 616 617 618 619 620 621 622 623 624 625 626 627 628 629 630 631 632 633 634 635 636 637 638 639 640 641 642 643 644 645 646 647 648 649 650 651 652 653 654 655 656 657 658 659 660 661 662 663 664 665 666 667 668 669 670 671 672 673 674 675 676 677 678 679 680 681 682 683 684 685 686 687 688 689 690 691 692 693 694 695 696 697 698 699 700 701 702 703 704 705 706 707 708 709 710 711 712 713 714 715 716 717 718 719 720 721 722 723 724 725 726 727 728 729 730 731 732 733 734 735 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745 746 747 748 749 750 751 752 753 754 755 756 757 758 759 760 761 762 763 764 765 766 767 768 769 770 771 772 773 774 775 776 777 778 779 780 781 782 783 784 785 786 787 788 789 790 791 792 793 794 795 796 797 798 799 800 801 802 803 804 805 806 807 808 809 810 811 812 813 814 815 816 817 818 819 820 821 822 823 824 825 826 827 828 829 830 831 832 833 834 835 836 837 838 839 840 841 842 843 844 845 846 847 848 849 850 851 852 853 854 855 856 857 858 859 860 861 862 863 864 865 866 867 868 869 870 871 872 873 874 875 876 877 878 879 880 881 882 883 884 885 886 887 888 889 890 891 892 893 894 895 896 897 898 899 900 901 902 903 904 905 906 907 908 909 910 911 912 913 914 915 916 917 918 919 920 921 922 923 924 925 926 927 928 929 930 931 932 933 934 935 936 937 938 939 940 941 942 943 944 945 946 947 948 949 950 951 952 953 954 955 956 957 958 959 960 961 962 963 964 965 966 967 968 969 970 971 972 973 974 975 976 977 978 979 980 981 982 983 984 985 986 987 988 989 990 991 992 993 994 995 996 997 998 999 1000