Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma
eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt
zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen
hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und
Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch.
Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte
auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in
einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich
ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von
Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande.
Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
Himmelsblau, die Hände locker über den Augen.
»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er.
Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als
Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen
Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten
Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der
geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit
gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen
Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?
Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,
sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,
Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in
der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war
eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in
ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine
ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre
alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und
obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in
den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit
ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke.
Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar
Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige,
mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten,
unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit
denen zu verkehren glatt unmöglich war.
Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen
tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er
Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte
die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn
bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,
für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem
vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien.
Viertes Kapitel
Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume
im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen.
Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den
Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem
Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein
Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann
fuhr sie auf und befahl das Essen.
Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in
der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören,
jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!«
Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten
sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn
auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar
Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken.
Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte
sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die
Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der
Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über
aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu
sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig
und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder
das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine
wieder verwendbar zu machen.
Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er
kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des
Arztes.
»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der
Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel
verguckt!«
Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise
sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
schaffen.
An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste.
Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte
sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er
Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
Überschuhe, die sie bei Schnee trug.
Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr.
Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete
er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr
Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu
aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und
wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten.
Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an.
Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr
Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn.
Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm
zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm
herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als
niemand ihrer lauschte.
So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der
keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu
seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der
über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge
eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den
Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.
Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre
Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem
Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.«
Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit
schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob:
»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!«
Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma
erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich
ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er
vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu
und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr?
Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter
Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt,
wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern
der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten.
Fünftes Kapitel
Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und
Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten;
und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der
Schulter.
Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als
sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und
Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog
sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin.
Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl
erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein
Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden
weiß-rot-blauen Wimpel.
Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die
künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der
Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein
Metermaß bei sich zu haben.
Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf
seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der
Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte.
Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine
Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine
dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug
verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte
sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die
ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit.
Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse
perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn
bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte.
Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück
Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den
Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die
zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor
als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel
spiegelt.
»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen
Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne
weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde,
begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen
mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht.
Karl bot ihm seins an.
»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der
Tasche wie ein Bauer!«
Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
Heimweg nach Yonville.
An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber.
Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die
beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in
geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen
Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von
ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben --
ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da,
in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und
führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen
saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem
Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an
andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem
Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ...
Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor
sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine
liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!«
Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude.
Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma
legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus.
Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der
Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?«
Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache
sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie
über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend
verlaufen sei.
»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl.
Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten
Glückseligkeit schlummerte sie ein.
Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt,
mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er
doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die
lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne
Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes,
aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit
Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen
Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was
er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei
Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas
aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er
kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum,
als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte.
Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe
ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er
ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei
eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für
eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz
besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich
anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche,
Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal
im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in
Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute
komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar
feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders
günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem
Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen.
Frau Bovary besah sie sich.
»Ich brauche nichts«, bemerkte sie.
Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher
aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne
Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale,
filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden
Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund,
beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen
Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem
Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein
Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche
Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen
Funken.
»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma.
»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das
eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein
Jude!«
Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem
Händler, der gelassen erwiderte:
»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen
vertragen, mit meiner nur nicht.«
Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes
fort:
»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn
Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.«
Sie machte eine erstaunte Miene.
Schnell flüsterte er:
»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie
sich verlassen!«
Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in
Behandlung hatte.
»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß
sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich
eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem
aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne
Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig!
Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer
betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu
Ende geht.«
Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes.
»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er
verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese
Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht
recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn
Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen
wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer
Verfügung! Gehorsamster Diener!«
Und er schloß die Türe sacht hinter sich.
Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
schmeckte ihr alles vorzüglich.
»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an
die Seidentücher.
Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell
auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die
gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann
eintrat, tat sie sehr beschäftigt.
Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er
saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem
elfenbeinernen Nadelbüchschen.
Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den
umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil
ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß
was gesprochen hätte.
»Armer Junge!« dachte sie.
»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich.
Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen
nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?«
»Nein«, entgegnete sie.
»Warum nicht?«
»Weil ...«
Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn
hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie
sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch
den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen.
»So wollen Sie es also aufgeben?«
»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe
soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und
tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!«
Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein
müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie
im Gespräche:
»Mein Mann ist so gut!«
Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
stimmte er in ihr Lob ein.
»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!«
erklärte er.
»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie.
»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt.
Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr
nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten.
»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute
Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.«
Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen.
So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich
um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr
Dienstmädchen strenger.
Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch
kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was
für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie
über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück.
Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen
Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren
keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert
hätten.
Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine
stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an
seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar
das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke
hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn
zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit
jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst
wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren.
Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände
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