glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig Gelegenheit ...« »Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich ständig in einer Leihbibliothek abonniert.« Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges, Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.« Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend von selber zuklappte. Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte, einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze, die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war. Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran. Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander. Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden Dämpfe. Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen, Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer hatten alles so stehen und liegen lassen. Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein. Drittes Kapitel Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und schloß das Fenster. Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische saß. Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame« geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war; öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art »Mann für alles« geworden war. Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde. Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine bringen. Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen, verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die Anstreicher dagelassen hatten. Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in tausend Stücke zerschellt war. Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt sein. In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken. Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten. Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht losläßt. An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als die Sonne aufging. »Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl. Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. »Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia (zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise« angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade und sechs Päckchen Malzbonbons. Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine »Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß. Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse. Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß. Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!« Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen. Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht, das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes, zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag. Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen. Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte. Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo eintreten und sich ausruhen sollte. In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen. Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte, aber müde zu werden beginne. »Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. »Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens, Frau Bovary habe sich kompromittiert.) Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte. Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit ganz leisem Summen. Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache. Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat, Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke flatterte ein großes Stück Leinwand. Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten. »Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft drinnen.« In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine »trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik, das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war. Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang. Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon. »Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu stören.« »Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!« Beim Hinausgehen schüttelte sie sich. Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen, daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen.« Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte sich um. Es war die Amme. »Was wollen Sie noch?« Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs Franken Pension im Jahre ...« »Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall. »Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie wissen, wie die Männer sind ...« »Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! Sie langweilen mich.« »Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...« »Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma. »Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte, »wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...« Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus: »Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...« Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war, glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten; er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische aufbewahrte. Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so verlassen ... Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid. Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab. Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick in den Spitzen hängen. Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst im Rouener Theater gastieren sollte. »Werden Sie hinfahren?« fragte Emma. »Wenn ich kann, ja!« Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen. An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289 290 291 292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306 307 308 309 310 311 312 313 314 315 316 317 318 319 320 321 322 323 324 325 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363 364 365 366 367 368 369 370 371 372 373 374 375 376 377 378 379 380 381 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 392 393 394 395 396 397 398 399 400 401 402 403 404 405 406 407 408 409 410 411 412 413 414 415 416 417 418 419 420 421 422 423 424 425 426 427 428 429 430 431 432 433 434 435 436 437 438 439 440 441 442 443 444 445 446 447 448 449 450 451 452 453 454 455 456 457 458 459 460 461 462 463 464 465 466 467 468 469 470 471 472 473 474 475 476 477 478 479 480 481 482 483 484 485 486 487 488 489 490 491 492 493 494 495 496 497 498 499 500