glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen
Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
wenig Gelegenheit ...«
»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich
ständig in einer Leihbibliothek abonniert.«
Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau
mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu
benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten
Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein
paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von
Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges,
Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.«
Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln
hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer
wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend
von selber zuklappte.
Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte,
einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder
entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich
Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen
andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze,
die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in
ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.
Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen
Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem
Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.
Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem
Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war
hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich
alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.
Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte
Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen
Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
Dämpfe.
Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen,
Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
hatten alles so stehen und liegen lassen.
Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß
Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß
sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so
müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein.
Drittes Kapitel
Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
schloß das Fenster.
Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es
sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand
er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische
saß.
Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis
dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame«
geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche
Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem
unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine
gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei
zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er
hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich
in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen
Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er
aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen
Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten
spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und
Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war;
öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem
Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und
dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch
besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens
Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von
diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art
»Mann für alles« geworden war.
Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary
die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen
Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an
der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen
geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und
billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den
Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und
Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von
Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs
Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde.
Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem
Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich
früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI
verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der
sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines
Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor
den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte
ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf
dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem
Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es
war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser.
Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren.
Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die
Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier
Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem
Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine
bringen.
Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und
Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche
Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war
und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden.
Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ
er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein
wenig mit ihm zu schwatzen.
Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang
saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er
machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau
beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen,
verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die
Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die
Anstreicher dagelassen hatten.
Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes
eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im
Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug.
Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren
daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war
vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in
tausend Stücke zerschellt war.
Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so
liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande
von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen
Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen
Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer
miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem
Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte
ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer
herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend
zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der
Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte
ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was
Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt
sein.
In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann
kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als
sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen
und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine
plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung
selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in
Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden
dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich
stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe
von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei
allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch
Emma mehr daran zu denken.
Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem
männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein
nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier
Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf
gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten
Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.
Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den
Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt
es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen
möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht
losläßt.
An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als
die Sonne aufging.
»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.
Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich
auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu
umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige
Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue
Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind
bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch
klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte
den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber
davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch
und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber
gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen
Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die
Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau
Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für
Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke
erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen
Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia
(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine
philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der
Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den
Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu
scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört
hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise«
angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die
Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde
Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk
allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs
Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade
und sechs Päckchen Malzbonbons.
Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein
patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole
vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze
aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand
darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine
»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß.
Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen
Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches
Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen
baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich
ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.
Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten
Kaffeetasse.
Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit
Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf
dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker
Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen
Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was
selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine
Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an
Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß.
Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in
der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg,
von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,
die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte
Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte
er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!«
Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück
ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen
unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben,
und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch
schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.
Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in
die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht,
das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den
Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes,
zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag.
Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen.
Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren
Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte.
Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen
weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo
eintreten und sich ausruhen sollte.
In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine
Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und
stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem
Lheureuxschen Modewarenladen.
Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
aber müde zu werden beginne.
»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des
Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die
Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens,
Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der
Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen,
der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der
Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den
Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden
Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken
in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der
kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre
Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte.
Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich
auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor
ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit
ganz leisem Summen.
Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es
umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.
Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine
Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat,
Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An
der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen
rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch
verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote
baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke
flatterte ein großes Stück Leinwand.
Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind
an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich
aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines
Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in
Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.
»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft
drinnen.«
In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein
großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der
Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In
der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit
blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder
herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein
Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen
Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine
»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik,
das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie
nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann
es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.
Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen
Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind
wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am
Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke
abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon.
»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe
weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie
doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß
ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche
brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann
nicht immer zu stören.«
»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!«
Beim Hinausgehen schüttelte sie sich.
Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie
in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so
häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen,
daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen
gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch
trinke, reiche ich damit vier Wochen.«
Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich
hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie
das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte
sich um. Es war die Amme.
»Was wollen Sie noch?«
Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von
ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs
Franken Pension im Jahre ...«
»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall.
»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen
jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird
böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie
wissen, wie die Männer sind ...«
»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
Sie langweilen mich.«
»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die
schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...«
»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma.
»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,
»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals
einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...«
Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus:
»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer
Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...«
Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie
Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde
sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,
glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen
Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes
wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand
fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst
trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten;
er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
aufbewahrte.
Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in
der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man
drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von
den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß
lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser
neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung
treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und
wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen
und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen
Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die
Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen
Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so
verlassen ...
Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die
junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang
ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie
redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die
Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres
Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab.
Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder
Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick
in den Spitzen hängen.
Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst
im Rouener Theater gastieren sollte.
»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma.
»Wenn ich kann, ja!«
Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so
banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im
Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem
oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen
Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit
über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch
herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne
den Horizont nach dem Woher zu fragen.
An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen
und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500