ärgern solle.
»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der
Pfarrer zu ihm.
Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine
Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er
versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber.
Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in
Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der
Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer
flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im
Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche
Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie
einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe
über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne.
An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte,
war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß
ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne
perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da
mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon
gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen
Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau
Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der
kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im
Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische
paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die
nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat
zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der
Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
Köpfe abschneiden wollte.
Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem
schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den
Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes
Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte
er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der
Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der
Apotheker.
»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins
Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und
mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften,
die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger
Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem
Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen
steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der
Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben.
Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was
ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den
ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und
beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins
Tuch stoßen!«
Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins
Gastzimmer gelaufen.
»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen
Sie gleich ein neues Billard an!«
»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe.
»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel!
Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden!
Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler
große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man
nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie
sich mal bei Tellier im Café Français ...«
Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort:
»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als
Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren,
sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die
Überschwemmten von Lyon ...«
»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem
Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur
gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird,
sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes
Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen!
Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres
Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und
wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten!
Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
Hivert!«
»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post
gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig.
»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs,
einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der
ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen
Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen,
als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht
vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er
ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb
acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein
feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
gehört.«
»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und
jetzigen Steuereinnehmer!«
Es schlug sechs. Binet trat ein.
Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte
ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem
langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste
aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos
blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren,
weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder
Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange
bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine
Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und
ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause
eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe
drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der
Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete.
Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die
drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin
für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe
des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und
nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung.
»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte
der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war.
»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren
zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen.
Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
verzogen.«
»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie,
keinen Witz, keinen geselligen Sinn!«
»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein.
»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen
fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon
möglich!«
Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der
ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein
Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram
oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele
und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie
oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf
meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen
oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn
hinterm rechten Ohre stecken!«
Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die
Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat
ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht
beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen
Linien.
»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und
nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen
Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden
einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?«
Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen
lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich
holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um
nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward.
Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte
der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr
ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen,
sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die
Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie
den Zehnten wieder einführen.
Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim
Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal
getragen. So stark ist er!«
»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen
Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte,
dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel
angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen
ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im
Lande!«
»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!«
Homais erwiderte:
»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als
die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich
verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere
Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage.
Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als
Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein
Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und
eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich
besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel
schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach
antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott
ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus
Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen
Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten
lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich
durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem
Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und
für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es
beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen
Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir
Wollust selber herumsielen.«
Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins
Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die
Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen
und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich
das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf
dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre.
Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an
das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche
Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in
den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie
heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten.
Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das
Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem
Vorderpferde.
Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er
zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge
für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe,
brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er
besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der
Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege
verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am
Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle
und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich
von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne
Zügel laufen ließ.
Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel
querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach
ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller
Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich
aber mußte weitergefahren werden.
Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück
schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post
fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten
von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen
Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von
Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte.
Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und
hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater
hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines
Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus
ging, sprang der Hund an ihm hoch.
Zweites Kapitel
Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau«
und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten.
Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er
hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
Strohwitwer.
Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den
Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen
Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule
am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene
Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
Haar, der sie stumm betrachtete.
Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in
Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät,
in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel
pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets
Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen
darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier
Personen gedeckt worden.
Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht.
Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten.
»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In
unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.«
»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter
macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.«
»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte
der Adjunkt.
»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«,
warf Karl ein.
Leo wandte sich an Emma:
»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter
Reiter sein.«
»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend
ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich
soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im
allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und
Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle
von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere
Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen
skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen
Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary,
Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und
vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle
Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von
vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist
das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf
25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur.
Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor
den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den
Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese
Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle
Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre
verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern)
gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich,
wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die
ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich
als sanftes Mailüfterl wehen ...«
»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?«
fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne.
»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt
es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
mir den Sonnenuntergang an.«
»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte
Emma, »zumal am Gestade des Meeres!«
»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei.
»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß
die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt,
die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
in die Sphäre der Ideen, der Ideale?«
»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe
einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich
den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über
Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal
zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen
Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in
Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
arbeiten konnte.«
»Treiben Sie Musik?« fragte Emma.
»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er.
»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein.
»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein
Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein
Opernsänger!«
Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten
Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot.
Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte
tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des
Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie
Tüvache munkele man so allerlei.
Emma fuhr fort:
»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?«
»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...«
»Kennen Sie die Italiener?«
»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die
Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
vollenden.«
»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,«
sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen
Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer
Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine
Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr
Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen,
da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an
Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die
Blumenzucht liebt ...«
»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl.
»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.«
»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als
abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?«
»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen
schwarzen Augen voll an.
Er fuhr fort:
»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man
sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man
wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden
Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne
Herz in ihnen.«
»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus.
»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...«
»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.
»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich
finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu
Tränen!«
»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher
ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und
aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.«
»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben
dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich
aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in
Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
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