frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ
sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem
Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog
so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer
ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den
zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene
Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das
war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut?
Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie
erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte
ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah
sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel
trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr
Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem
Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus
Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese
eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn
eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner
Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es
war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz
war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und
flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war
Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten
seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu
kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien
verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad
oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings
ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und
Zähne zog er wie der Satan.
Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er
auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal
ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er
sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die
Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum
Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar
fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu.
Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur
wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren,
wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das
Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt
bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte
Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war,
hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten
blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma
maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn.
Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham
ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten
verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus,
öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein.
»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise
vor sich hin und biß sich auf die Lippen.
Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er
allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten
allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.
Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder
beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch
länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser
Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte
sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder
aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen
Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter
Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das
Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
Vertrauten machen!
Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei
hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach
welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde,
welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches
Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis
hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte,
rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei
jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann
betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn
die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von
neuem auf den nächsten Tag.
Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden
und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen.
Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den
Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien.
Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball.
Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein
Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz
wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an.
Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach
auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die
Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer
zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und
verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles
beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein
langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest
verriegelt.
Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr
denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem
Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor
einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über
die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der
Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu
also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr
Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles?
Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das
Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich.
Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel.
Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur
Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen
Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich
und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen
Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der
Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in
gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den
Feldern verhallte.
Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in
Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her
laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf
bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde.
Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben
mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen.
An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen
glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh
umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste
Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte
den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß
die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des
Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf
ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu
plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der
Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die
Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die
Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche
vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel
irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die
Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte
hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein
altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche
Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über
seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu
lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen
Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch
wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der
Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary
durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen
Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin
und her patrouillieren.
Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein
sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und
einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten.
Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf
dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen
Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in
Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle
tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei
sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier
aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und
spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und
wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen
die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe,
dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald
schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die
Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft
ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es
waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte,
in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt,
die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im
Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben
in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit
einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das
Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach.
Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im
Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren
feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins
schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des
ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres
ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß,
während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen
gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei
Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in
ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber
hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in
Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen
Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte
sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht
empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung
machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten
verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und
einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht
wieder zu nahe kam.
Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre
Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem
einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend
Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald
war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie
das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten
Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen.
Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles
Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar
nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die
auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der
Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten.
Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an
seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei
Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war,
leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er
wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl
der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten
Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und
billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt
wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu.
Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In
Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs
waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie
verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr
Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult
der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und
allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab.
Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch
reizsamer.
An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke.
Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen
Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich
zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das
Übergießen mit Kölnischem Wasser.
Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich
Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen
Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken,
sich in einer andren Gegend niederzulassen.
Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
jegliche Eßlust.
Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt,
nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen
Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden;
Luftveränderung wäre vonnöten.
Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren
Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein
polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht
hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich,
wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen
entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen
gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen
entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach
Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht
gebessert habe.
Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der
Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor
Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst.
Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes
Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der
Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah
Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte
krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte
Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin
und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang
hinaufflogen ...
Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten
Hoffnung entgegen.
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der
Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale
der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner
Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach
denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
Belustigung angeln.
Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der
Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor
sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich
unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles
bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft
Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt,
während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im
Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über
meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen
weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so
liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber
Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen.
Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen,
senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege,
die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem
Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen
im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land
schicken.
Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich
behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in
seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier
kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von
Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend
kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger
verlangt.
Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville.
Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg«
angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und
von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den
Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber
trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner
rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu
legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der
Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die
träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem
Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den
Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der
sich faulenzend am Bache hingeworfen hat.
Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln
besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften
des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen
buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät
hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins
Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel
der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres
Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten
Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben
drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den
Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher
aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser
hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin
leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes
Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der
Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe
flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt
am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen
Gegend.
Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt
der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt
Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein
Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne
Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der
letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach
beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der
Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken.
Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der
Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine
Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt.
Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen
Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu
Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten
befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz
des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der
Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein
Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen
besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die
eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem
Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer
Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung.
Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich.
Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen«
ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus,
nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil
erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der
Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste
Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein
gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt
und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält.
Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des
Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«.
Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr
helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen
Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün
gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann
sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers
wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis
unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen
Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«,
»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«,
»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«,
»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der
Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen
goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den
hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über
einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch
einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«.
Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat
zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der
Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange
folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer
niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach
dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch
Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der
Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte
Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu
Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß
wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er
sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500