tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war.
Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in
Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin
Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und
der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben
hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und
Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der
Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu
essen gab.
Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten
Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz
Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des
Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen!
Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen
Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal
in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der
gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor
denn anderswo.
Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich
zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar
ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie
in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag.
Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er.
»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma.
»Na ja!«
»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen.
Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser
für einen Arzt«, fügte sie hinzu.
Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her
und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken
weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen
Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach
den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose,
mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid
ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt.
Karl küßte sie von hinten auf die Schulter.
»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!«
Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe
hinunter, am liebsten wäre sie gerannt.
Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller
Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der
Tür auf einen Diwan.
Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große
Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der
Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen,
an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen
hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den
Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den
Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im
Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in
Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die
Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den
Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim
ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes
Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen,
hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den
Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll
einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke
der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände
suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern
gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren
stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und
sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den
andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet
die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch
sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre
Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen
Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der
jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen
Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten
Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale
eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
Damen entwickelt und kräftigt.
Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame
über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von
Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen«
und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken
gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder«
seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen
Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner
»Vollblüter« verballhornt habe.
Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus
Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und
sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den
Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz
der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung
an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam
ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen
Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten
Dunkel ...
Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten
Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß
und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben
ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging
vorüber.
»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir
meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa
gefallen.«
Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer
langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig
Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den
aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten
Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres
Straußes.
Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und
Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar
und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch
Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl
stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe.
Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise
tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden
Gäste da, etwa ein Dutzend Personen.
Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte«
nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen --
Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte
bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und
es würde vortrefflich gehen.
Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich
wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter,
die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte
eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der
Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres
Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die
Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber
es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin,
bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe
umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken
anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des
Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der
Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn
ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung,
kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher
ermüdeten die Zuschauer.
Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging
schlafen.
Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die
Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich
fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und
den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu
verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der
Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt
hatte.
Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und
lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel.
Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte.
Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich
gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz
wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ...
Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen
des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die
einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet
hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen,
eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und
schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn
Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die
angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen
auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich
in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und
Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein
Ausgang in den Wirtschaftshof.
Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der
Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren
Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des
Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen,
Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen
an den Wänden hingen.
Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann
fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary
bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise.
Und heim ging es nach Tostes.
Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem
äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden
Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf
der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten
angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort
im Takte an den Wagenkasten.
Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar
Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
bewegten.
Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene
Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze
Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche
auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der
Oberseite mit einem Wappen geschmückt.
»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute
abend nach dem Essen dran!«
»Du rauchst demnach?« fragte Emma.
»Manchmal! Gelegentlich!«
Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
Peitsche.
Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig.
Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste
Antwort.
»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich
lustig. Sie sind entlassen!«
Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte
vergnügt:
»Zu Hause ists doch am schönsten!«
Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding
gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der
ganzen Gegend.
»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile.
»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort.
Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große
Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der
Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei
aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm
der Rauch nicht in die Nase stieg.
»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich.
Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die
Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle
diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte?
Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß
gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in
einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine
gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr
schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren
Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten.
Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum
war etwas daran haften geblieben für immerdar.
An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre
Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf:
»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen
war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber
verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die
sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen
ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen
hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
Sehnsucht blieb zurück.
Neuntes Kapitel
Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene
Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche
verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den
Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem
kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in
vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen
Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte
aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder
eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen
Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die
Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als
sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen
und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag?
Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von
Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name!
Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte
ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen.
Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren
mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie
lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus
waren und es wieder still wurde.
»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren
Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer
und Städte, immer die große Straße hin in der lichten
Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo
ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und
machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt.
Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke
stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn
ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und
dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde
flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper
donnernd vorfuhren.
Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte
auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen
und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte
Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet
wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten
Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft
im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte
sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac
und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre
Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit
zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte.
Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an
den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie
allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der
Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den
er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren
Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen.
Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so
stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das
sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz
bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen
Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des
mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück.
Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte
sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische,
auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie
sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht
früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel,
tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte
Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten
aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison
verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt
geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die
dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben
der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in
den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach
Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese
Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art,
voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über
dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut
wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um
so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie
unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen
armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie
ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und
sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann
das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der
Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den
Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten
ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen,
nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei
Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle
Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war
ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von
Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von
blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten
und goldstrotzender Dienerschaft.
Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute
zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur.
Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein.
Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder
blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten
hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing,
warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen
hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst,
eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog
sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein
Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein
Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der
Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem
Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß
das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im
Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen.
Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte
sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet
gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich
oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die
Nachbarschaft klatschen.
Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und
einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte
schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm
sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien
und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine
große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der
Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in
der gleichen Minute.
Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er
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