die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen
weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...
Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
geworden war.
Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und
plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von
vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen
und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.
Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald
geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte
Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck
einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und
geheimnisvoll wie die Nacht.
Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel
vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
Kartoffeln stahl.
Letztes Kapitel
Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen.
Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist
und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch
ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie
nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary
Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des
Apothekers.
Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen
Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm
beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen
wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das
geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das
empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer
geworden. So verließ sie das Haus.
Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen.
Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich
Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die
quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war
nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar
verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und
Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen
wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten:
»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.«
Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun
zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger.
Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch
entschuldigen.
Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in
ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas
Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den
Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr
nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!«
Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener
des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch
übrig war.
Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die
Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein
Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In
Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor:
»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!«
Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte,
kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner
Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es
und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz
nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die
Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs
Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl
stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz,
wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den
Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift
ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen
Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er
ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war.
Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn.
»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!«
sagte er sich.
Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis
auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen
Schmerze.
»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz
natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien
sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes
Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen
kannte, weil es nicht mehr zu stillen war.
Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
ihrem Grabe heraus.
Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück
nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden
kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte
Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und
rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine
Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm,
tuschte Bilderbogen aus.
Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens
aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht.
Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös
neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen,
dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit
ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter
Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr
Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer
Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen,
auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel,
die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in
Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig
wurde.
Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers
ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der
jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf
eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte.
Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können,
war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen
Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt
fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der
Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn,
und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden
Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt.
Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso
seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende
Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm
von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen:
»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen
Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf
den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu
stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?«
Oder:
»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen
heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind
vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet
das eigentlich die Obrigkeit?«
Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen
...«
Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des
Blinden verursachten Unfalls.
Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche
in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es
wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker
blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in
ein Krankenhaus gesteckt.
Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund
überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel
bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --,
geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die
Priester.
Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den
»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der
letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von
hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die
Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei
wurde er ein gefährlicher Intrigant.
Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik
von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«.
Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche
Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien
über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun
begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er
bekam genialische Anwandlungen.
Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er
verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise
interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie.
Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von
Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er
begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers
und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd
wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn
umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann,
der wie ein Magier glänzte.
Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er
einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen,
die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt.
Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler
begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers
Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man
besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die
Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein
nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein
Genius mit gesenkter Fackel trauert.
Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR!
Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in
sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!«
Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde
angenommen.
Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere
Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem
Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu
bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer
derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er
sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch,
wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des
Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt
vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe
seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse.
Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so
stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine
Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im
Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als
Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies
Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber
entzweiten sie sich.
Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung.
Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber
als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm
zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch.
Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war,
und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies
machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken
auf den Wangen.
Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die
Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm.
Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein
neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die
Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den
pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater
und der glücklichste Mensch.
Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte
er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der
Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte
er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene
gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift
»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine
»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet
hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen
von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles
auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich
selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten
hervorgetan habe!«
Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen
erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich
verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein
Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn
alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich
dem Vierten.
Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so
weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der
Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien
umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses
bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und
über den Undank der Menschen nach.
Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art
Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte
Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den
Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er
sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten
heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile.
Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen
Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend,
halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem
Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht.
Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen.
Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er
ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar,
seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er
sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und
nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer
Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in
schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte.
An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den
Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf
dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen
Binets.
Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes
nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte.
Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen
zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch
sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung
zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner
Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen
genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz«
überzugehen.
Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein
Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er
Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der
bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt
hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann
aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein
heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe
einzuladen.
Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte
und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen
vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe
er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er
hätte der andre sein mögen.
Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar
nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem
zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten
sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen
bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem
Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz
steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere
Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht.
»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er.
Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und
wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
Schmerzen:
»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!«
Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem
Leben sprach:
»Das Schicksal ist schuld!«
Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für
einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig,
eigentlich sogar komisch und verächtlich.
Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten
ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel
war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete
schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer
Liebessehnsucht.
Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine
lange schwarze Haarlocke.
»Papa, komm doch!« rief die Kleine.
Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da
fiel er zu Boden. Er war tot.
Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber
nichts.
Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel
Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta
Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb
aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war,
nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta,
damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine
Baumwollspinnerei.
Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in
Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können.
Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei
hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn,
und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
* * * * *
Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig.
Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
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