In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault
beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen
es geben solle.
Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für
solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte
sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste
Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so
weitergehen.
Viertes Kapitel
Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen,
Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in
allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge
Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im
Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe
stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen.
Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville,
Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt
und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen,
versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von
denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte.
Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es
bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie
und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden,
die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit
einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten
den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre
Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele
hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an.
Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige
Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren
weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück
länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und
pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu
beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen
gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch
und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem
gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder
Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur
bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke
geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen
daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang
von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein
gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin
ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen
Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten,
als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen
herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren
solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu
sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen
und Rückenfalten unter dem Gürtel.
Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse.
Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so
mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren
ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke.
Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft
gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen
Bauerngesichtern große rote Flecke.
Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die
Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich
durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich
und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern
zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid,
das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von
Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen
stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben
waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis
sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und
einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel
reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr
Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich
herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen
einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge
blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie
hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar
nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren
Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das
Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte.
Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm
zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich
rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten
schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in
Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht
hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel
schon von weitem.
Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln
mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei
Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in
Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den
vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und
in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender
Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus
bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber
Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte,
vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche
dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von
Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam.
Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot
kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich
ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein
Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief.
Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus
Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und
Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten
Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut
von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und
Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer
grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit
Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher
Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den
beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei
lebendige Rosenknospen.
Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet
war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie
des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich
dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende
des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war
alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei
Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob
Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten
und scharwenzelte mit den Damen.
Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden,
die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte
und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten
und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und
lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten
Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende
Fuhrwerke.
Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische
bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken
schliefen.
Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter
-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk
selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch
daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des
Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch
rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich
derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht
vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur
widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den
alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke
mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei
der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese
Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den
Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble.
Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer
Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück.
Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ
sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von
Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt
war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes
gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die
ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er
sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war
seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie
neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die
Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ
sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren
sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich
machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes
Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie
mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein
wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille
legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz
nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl
konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater
Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab
ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er
seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu
Fuß auf den Rückweg.
Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei
seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an
längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages,
wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf
dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so
um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit.
Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der
andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen
Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm
um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine
Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges
Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre
er jetzt dreißig Jahre alt!
Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu
sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen
Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den
Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur
noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege
nach Hause.
Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die
alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um
Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei.
Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in
Augenschein zu nehmen.
Fünftes Kapitel
Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie
der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur,
gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf
dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem
Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der
Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich
als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben
die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der
Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward.
An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote
Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines
Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die
unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch
aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort
hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen
Leidensgeschichten erzählten.
Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes
verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum,
Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem
Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge
andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum
mehr ansehen konnte.
Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte
sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen
Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem
Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft.
Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt
nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube,
stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus
Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte
kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in
einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von
einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der
andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß
aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in
einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das
in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in
das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie
sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch
bald stürbe.
In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei
Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und
Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl
wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
Dogcart.
So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der
Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im
Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all
das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im
Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu,
wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den
Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe
kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen,
wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder
senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau
am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während
sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein
eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin
gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche,
das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines
offen stehenden Nachthemdes.
Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das
Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie
leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der
Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma
sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit
ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien
abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte
sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb
schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten
Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete.
Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete
winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab.
Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in
den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache
schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische
Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er
all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem
Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits
verdaut, noch auf der Zunge hat.
Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn
im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher
Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die
reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache
lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit
mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen?
Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug
im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen
zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der
vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße
im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß
er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine
Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks,
und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und
so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs
ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen
... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf
den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken.
Sie stieß einen Schrei aus.
Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die
Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam
aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den
Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind
zurückdrängt, das sich an einen anklammert.
Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete,
ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie.
Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der
Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten
Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert
wird.
Sechstes Kapitel
Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien
alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den
Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche
Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie
rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch
den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen.
Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt,
um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im
Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt
bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von
Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier
und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit,
Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk.
In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich
nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft
der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie
alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die
dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in
die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben
und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und
Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der
Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten
Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm
Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen
Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um
sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne
Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein
Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur
damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet,
das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester.
Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen
Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer
wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße
Schauer.
Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous
und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des
Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen
den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo
aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im
Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel
dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der
Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken
der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge
gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte:
das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden
Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein
Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen
egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz
beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente.
Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte
lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da
sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution
zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert.
Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern,
und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen,
bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß
sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien
régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei
ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten,
wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der
Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer
ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den
Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber
schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften,
Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in
einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an
allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man
auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern,
Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von
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