Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in
ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner
Frau mitbringen wollte.
Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der
Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und
in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk
sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten
Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim
gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen
riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,
Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit
nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich
schlechte Zähne.
»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und
half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm
seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer
napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer
der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er:
»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses
schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren
und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im
Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!«
Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie
eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker.
Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als
sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,
Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in
salbungsvollem Tone:
»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du
solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu
betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.«
Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
beschränkt.
Schließlich zog Homais seine Börse.
»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und
vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut
bekommen!«
Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu
bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine
»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er
gab ihm seine Adresse:
»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!«
»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes
kannst!« rief ihm Hivert zu.
Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück,
rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus.
Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein
dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein
Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,
es so wegzuwerfen.
Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais
plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!«
Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog,
lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen
langte sie in Yonville an.
»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter
Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes
Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...«
Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach.
Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem
der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf
einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte
ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus
seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in
der Volksmenge auf.
»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer
stürzte.
Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der
Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog
ihn. Es war die Versteigerungsankündigung.
Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
nach einer Weile:
»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar
Guillaumin.«
»Meinst du?«
Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener
dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser
Junggeselle für mich?
»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!«
Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte
einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es
standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie
zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war
grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor
in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete
ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob
sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer.
Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem
ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen
in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige
Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer,
der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel,
alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.
»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma.
Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei
verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab
und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der
rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde
Haarsträhnen liefen.
Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser
Unhöflichkeit.
»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...«
»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!«
Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer
Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --
die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt
hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen
Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem
Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in
den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen
Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden
Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen
Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer
Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares,
süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er
sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:
»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
doch an die Kacheln ... höher!«
Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
Notar sagte galant:
»Schöne Sachen verderben nie etwas!«
Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur
selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen
Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der
Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen
abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er
berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen
zu dampfen begann.
Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die
Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die
Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen
habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr
Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben
von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.
Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die
sie zweifellos dabei gewonnen hätte.
»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?«
»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie.
»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon
längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!«
Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und
behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung
von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte
seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
Sie sprang auf und sagte:
»Herr Guillaumin, ich warte ...«
»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden.
»Auf das Geld!«
»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen:
»Na ja ...«
Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
keuchte:
»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!«
Er umschlang ihre Taille.
Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von
dem Manne los und rief:
»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin
beklagenswert, aber nicht käuflich!«
Damit eilte sie hinaus.
Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm
ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte
verleiten können.
»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei
sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre
Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres
Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,
und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem
Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie
so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie
hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie
niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd,
verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont
hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein.
Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine
versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein!
Wohin hätte sie fliehen können?
Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
»Gnädige Frau?«
»Es war umsonst!«
Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen,
den Felicie nannte, wandte Emma ein:
»Unmöglich! Die tun es nicht!«
»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!«
»Ich weiß es! Laß mich allein!«
Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf
lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen:
»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.
In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm
Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!«
Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und
wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr
verzeihen!
»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er!
Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die
Seine geworden bin! Niemals! Niemals!«
Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen,
empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt
sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles
erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die
Zentnerlast seiner Großmut zu tragen!
Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen
solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu
war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig
gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in
der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war
weißer als Kalk.
Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus
nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür
und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem
Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie
zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte,
und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen
zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte
Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen
sehen konnten.
Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei
beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz
fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle
Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den
Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten
und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf
etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein
Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur
leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,
wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales
Darüberhinaus, das man ersehnen könnte.
»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache.
Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu
verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,
das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte:
»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.«
»Es scheint so«, meinte die andre.
Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der
Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich.
»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache.
»Er verkauft doch nie etwas!«
Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen
weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich
erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet
bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände.
»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron.
In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert
haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig
mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr
zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:
»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!«
»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte
Frau Tüvache.
»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre.
Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße
hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof
abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand
Vermutungen.
Emma lief zur alten Frau Rollet.
»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!«
Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett
und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu
und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und
begann zu spinnen.
»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie
noch Binets Drehbank.
»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie
hergekommen?«
Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
gejagt hatte?
Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen
Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das
im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an
einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...
Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend
andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,
und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen.
»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie.
Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle
des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich
wieder herein.
»Bald drei Uhr!« sagte sie.
»Schön! Ich danke!«
Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld
aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier
war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,
sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
»Machen Sie recht schnell!«
»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!«
Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.
Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne
die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter
schlimm!
Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der
Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,
redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das
Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein
Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder
um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege
nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange
Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie
seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?
Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich
die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
»Es war niemand da!«
»Niemand?«
»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles
ist auf den Beinen!«
Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich
lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.
Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller
Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig,
rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte,
ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller
Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu
zwingen!
So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben,
daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so
verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
daran, daß sie sich prostituierte.
Achtes Kapitel
Auf dem Wege fragte sie sich:
»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«
Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und
Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor
ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender
Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen
hernieder ins Gras.
Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.
Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
erschien niemand.
Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene
Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten
staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer
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