Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu:
»Ihr seid alle gemein!«
Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die
menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine
Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem
Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen
andern geliebt habe.
»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei.
Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
Betreffende jetzt sei.
»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!«
Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein
gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß
vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte?
In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der
Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden
und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah
er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins
Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen
blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in
schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren.
Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die
Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns
nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die
Bitterkeit der Trennung.
Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
»Ach, wenn wir dort leben könnten!«
»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich
mit der Hand liebkosend über ihr Haar.
»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!«
Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie
bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch
Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt.
Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er
plötzlich:
»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?«
»Ja!«
»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und
sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.«
Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:
»Mein Name wird ihr entfallen sein.«
»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die
Klavierstunden geben«, meinte Karl.
»Das ist auch möglich!«
Plötzlich sagte Emma:
»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
eine bringen.«
Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte
in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat,
sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen.
»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie.
In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel
anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen
pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er
zog es hervor und las:
»Quittung.
Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für
verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.
Dankend erhalten
Friederike Lempereur,
Musiklehrerin.«
»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?«
»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den
alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.«
Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen.
Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand
sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem
Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie
auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten,
daß es auf der linken gewesen war.
Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht
gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl
hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche
des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging
hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der
Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz«
angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau
Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote
Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche
und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine
sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald
eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale
so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen.
Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,
so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und
so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen,
damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der
Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten.
Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den
Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er
war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer
und erklärte, daß er Geld brauche.
Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu
jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel
bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert
und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine
Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für
Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im
Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken.
Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort:
»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.«
Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in
Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht
viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört,
das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte
genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der
Hektare und die Namen der Nachbarn.
»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie
bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!«
Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber
Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was
sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen.
»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er.
Dieses Wort belebte sie.
»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie.
»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux.
In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und
berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen
Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste.
»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus.
Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen.
Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst
nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft
mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der
Käufer habe viertausend Franken geboten.
Emma war hocherfreut.
»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig
bezahlt!«
Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma
sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
Lheureux:
»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen
gleich wieder aus der Hand geben wollen!«
Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie.
»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz
Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem
Haushalte so ist.«
Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine
langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte
er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
tausend Franken auf den Tisch.
»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze
Summe!«
Sie fuhr erschrocken zurück.
»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux
frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?«
Er schrieb unter die Rechnung:
»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
bescheinigt
Lheureux.«
»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die
weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der
letzte Wechsel nicht fällig.«
Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr
ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte
noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier
Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der
gnädigen Frau persönlich bringen.
Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision
und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine
Empfangsbestätigung.
»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das
Datum!«
Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen
Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf
Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären.
Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend
unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen
müssen.
»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend
Franken nicht zuviel?«
In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer
Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas
herausrücke, gab er ihr zur Antwort:
»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!«
Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze
Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus.
Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst
viel später bekannt wurde.
Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden.
»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die
Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl!
Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei
meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir
versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und
Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn
ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte
Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau
mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,
das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für
vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck
vollkommen erfüllt!«
Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
»Ich finde, es ist nun gut!«
Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der
Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen
habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...
»Was?« unterbrach Emma ihre Rede.
»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!«
Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch
mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte.
Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte
ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes
Schriftstück ein.
»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
den Ofen.
Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte
einen Nervenchok bekommen.
»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch
nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!«
Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!«
Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie
werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie
noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte,
erwiderte sie:
»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in
der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ...
Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder --
sozusagen -- zusetzen!«
Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm
erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte
erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue
Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
sie ausstellen sollte.
»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft
darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.«
Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte
Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit
der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen
beschäftigt.
Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos
Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte,
sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte
Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem
Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den
Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich,
wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die
Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins
Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim
erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne
ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden
war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne.
Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer
sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht
ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf
der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine
Apotheke.
Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte
seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und
langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht
da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben,
aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des
Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür
und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand
die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer
zu schimpfen.
Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer
noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust
gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam
Angst und ging davon.
»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben
Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!«
Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank
... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?«
Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das
Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein
Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74.
Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er
stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er.
»Ich war krank.«
»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?«
Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete:
»Bei Fräulein Lempereur.«
»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.«
»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon
ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich
weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem
Gleichgewicht bringt!«
Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft
mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen
pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch
davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter
irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen
nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf.
Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich
verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese
Störungen durchaus nicht angenehm.
»Ach was, komm nur mit!« sagte sie.
Und er verließ ihretwegen seine Arbeit.
Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden
und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe
wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr
seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte
sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu
kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer,
sagte sie lachend:
»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!«
Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten
Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um
ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht,
und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab.
Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres
Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer
Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem
Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der
feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine
Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge
sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens
verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis
in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft.
Sechstes Kapitel
Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei
dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun
auch einmal in Rouen zu besuchen.
»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal
ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen
zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar
Dummheiten loslassen!«
»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus.
»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja,
ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften,
so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in
harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch
wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf
mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann
wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!«
Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu
gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,
den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin,
Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den
Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner
Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu
imponieren.
Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der
Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten
Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine
Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er
hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die
Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen.
Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen
Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half
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