gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus
dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten
von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die
ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das
Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte.
Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er
würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo
sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und
Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine
unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren,
wetterte er:
»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel,
daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man
sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...«
»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais.
Und Athalia zupfte ihn am Rock.
»Papachen, Papachen!«
»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt
mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen!
Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die
Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!«
»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma.
»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte
passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton
von dir!«
»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling.
»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine
Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt
mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig
draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin
ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen
Kessel, der daneben steht!«
»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über
dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander
vergiften können!«
Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die
schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der
Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen,
vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen?
Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in
acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir
selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die
Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen
Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie
ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!«
Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort:
»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind?
So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die
ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie
ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer
ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die
Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du
noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen!
Fabricando sit faber, age, quod agis!«
Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte
Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt
hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das
Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und
Boden öffnet.
Er predigte immer weiter:
»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus
genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem
Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst
niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum
Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du
kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt
dirs über die Maßen wohl gehn!«
Emma wandte sich an Frau Homais:
»Man hat mich hierher gerufen ...«
»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger
Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein
Unglück passiert ...«
Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie:
»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!«
Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel
Justins Tasche ein Buch.
Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den
Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und
offenem Mund.
»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich
nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker
Tobak!«
Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab.
Die Kinder wollten die Bilder sehn.
»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch.
Und sie gingen hinaus.
Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab,
das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte.
Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
verschränkten Armen vor ihn hin:
»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm
dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast
du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern
in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne
streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er
ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die
beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?«
»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was
Sie mir mitzuteilen haben!«
»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!«
In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme
hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche
Nachricht schonend mitzuteilen.
Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine
Sprachkunst triumphiert.
Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da
Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er
sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er
sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über:
»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der
Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen
darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er
vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!«
Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet
hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
»Meine liebe Emma!«
Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber
bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da
fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht:
»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...«
Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne
jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß
ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte
ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines
Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus
konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als
er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl
unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß.
Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!«
Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen
müsse, fragte sie:
»Wie alt war dein Vater eigentlich?«
»Achtundfünfzig!«
»So!«
Das war alles.
Eine Viertelstunde später fing er wieder an:
»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?«
Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse.
Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei,
und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um
ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
zusammenraffend, fragte er sie:
»Hast du dich gestern gut amüsiert?«
»Ja!«
Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah,
um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den
letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null
vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie
konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas
Betäubendes ergriff sie, wie Opium.
In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war
Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es
abzulegen.
»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den
armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn
herabhing.
Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit
dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf
der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum?
»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos
Veilchen bemerkte.
»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau
abgekauft.«
Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von
Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus
der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
Wirtschaft zu tun.
Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den
Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube
hinten im Garten am Bachrande.
Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große
Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten
nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert.
Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun
Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über
ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie
ununterbrochen weiter.
Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit
sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz
trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins
Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und
ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und
nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu
werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu
verwehen drohten.
Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich
ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und
Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den
Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch
kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit
ihrer Schaufel im Sande.
Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen.
Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste
an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber
der Händler wich nicht so leicht.
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß
Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd
fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon
...«
Karl wurde rot bis über die Ohren.
»Gewiß ... freilich ... natürlich!«
In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?«
Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
Mutter:
»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die
den Haushalt betrifft.«
Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe.
Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich
eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich
höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch
die Butter zum Brote.
Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
entsetzlich.
»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag
Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung
gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
ordentlich einander in die Haare gefahren sind.«
Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die
Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...«
Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf
den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit
einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma
verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort:
»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen,
ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...«
Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte,
zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach
seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen,
noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei.
»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie
zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste.
Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.«
Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er
auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse
unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken,
zu einem neuen schwarzen Kleide.
»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch
ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das
bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!«
Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen
anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und
dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur
Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma
immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht
zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht
daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber
gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf
gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt,
Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich
darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der
Krankheit in ihr erstanden sei.
Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse
Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob
nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf
gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des
Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb
immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages
zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr
das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen
aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei
Zahlung zu leisten und zu empfangen usw.
Lheureux war ihr Lehrmeister.
Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie
hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die
Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen
Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ...
keinen.«
»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig,
sich brieflich zu verständigen.
Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus:
»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!«
»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn.
Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
Drittes Kapitel
Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre
Flitterwochentage.
Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter
überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle
Morgen in der Frühe brachte.
Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der
Inseln.
Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die
Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg
zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite
ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie
schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten.
Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen
hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue.
Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr,
das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner.
Emma knüpfte ihre Hutbänder auf.
Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge,
vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische,
Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten
einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie
zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen
in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt
erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht
zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern
der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es
war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre
die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön,
seitdem ihr Begehren gestillt war.
Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter
dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen
Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln,
taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise
um das herrenlose Steuer.
Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen
Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann
sogar zu singen:
»Weißt du, eines Abends
Fuhren wir dahin ...«
Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut,
vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos
Ohr.
Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die
Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von
Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der
Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im
Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung.
Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte,
hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte:
»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein
Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem
schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!'
Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...«
Emma fuhr zusammen.
»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den
Nacken.
»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.«
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