»Was war es?«
Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
anzuknüpfen, da fragte sie ihn:
»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse
anvertraut hat?«
Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe
sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn
zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden
worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt
hätte.
»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.
»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der
Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels
hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn
anzufangen?«
»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und
Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...
und Sie werden sie wieder lieben!«
»Nicht so, wie ich Sie liebe!«
»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«
Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der
Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder
lieben könnten, wie ehemals.
Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht.
Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und
daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß
sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu
liebkosen versuchten.
»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.
Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit
ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein
Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche
Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig
aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut
seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie
glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit
ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.
»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns
verplaudert!«
Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein
armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau
Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...«
Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.
»So?« fragte Leo.
»Gewiß!«
»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu
sagen!«
»Was denn?«
»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht
heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie
mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn
nicht ...«
»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«
»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid
mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein
einziges ...«
»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders,
sagte sie: »Aber nicht hier!«
»Wo Sie wollen!«
Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
»Morgen um elf in der Kathedrale!«
»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren
Händen. Sie entzog sie ihm.
Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf
ihren Nacken.
»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem
eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals
immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über
ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.
Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb
er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
»Auf Wiedersehn morgen!«
Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle
beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig
war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was
sollte sie tun?
»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen,
wenn er kommt.«
Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre,
reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich
hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes
Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete
seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum
Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil
sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.
»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des
Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.
Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den
Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum
Notre-Dame-Platze.
Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg
auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen
Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um
die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte
Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und
Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren
tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein
Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen
Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden
kleine Veilchensträuße.
Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau
kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der
Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen
wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und
rasch trat er in die Kirche.
Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der
'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,
den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als
ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo
in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das
Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:
»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die
Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«
»Nein!«
Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging
abermals bis zum Chor.
Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den
gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende
Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte
Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen
des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen
Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan
hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die
übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen
Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine
silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel
gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder
das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den
hohen Gewölben widerhallten.
Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so
schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und
stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten
Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,
in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem
unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und
um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler
neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe
entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes
Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die
Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen
erscheine.
Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und
seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit
Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte
die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während
seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...
Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich
erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging
geradezu eine Tempelschändung.
Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte
auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.
Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht
doch!«
Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der
Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand
er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines
Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte,
langweilte er sich.
Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung
begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören,
starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der
weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe
Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.
Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
Schweizer rasch auf sie zu:
»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die
Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«
»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.
»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich
an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden
Vorwand.
Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück
und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen
Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten
Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte
ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist
vor Freude gestorben ...«
»Weiter!« drängte Leo.
Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten
zeigt, auf eine Grabplatte.
»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr
von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser
der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli
1465.«
Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße
auf den andern.
»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und
Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des
Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,
gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift
besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen
will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der
irdischen Vergänglichkeit!«
Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der
einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.
Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:
»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois,
geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche
Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt
bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die
Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und
Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des
Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem
Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«
Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die
beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er
öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von
der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine
Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier
sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die
Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern
von Lagargouille!«
Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und
nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die
Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«
»Danke!« erwiderte Leo.
»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt
vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische
Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...«
Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen,
den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt
hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.
»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.
Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie
plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen
eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.
»Meine Herrschaften!«
»Was gibts?«
Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.
»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.
Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
»Hol uns eine Droschke!«
Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten
allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
verlegen.
»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang
wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr
unschicklich, wissen Sie das?«
»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!«
Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument.
Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in
die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der
Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das
'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der
Hölle' an!«
»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.
»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.
Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der
Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte
vor dem Denkmal Corneilles Halt.
»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.
Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.
Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut
zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee
dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg
hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,
über die Inseln hinaus.
Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,
die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum
drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend.
Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt
Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die
Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,
wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen
überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte
die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer
Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller
Höhe.
Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über
die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden
und am Hauptfriedhof vorüber.
Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut
in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen
wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich
hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine
warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob
er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe
vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an
den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz
ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der
immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen
wie ein Grab.
Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am
heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine
bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine
Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße
Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.
Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der
Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus
und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
Zweites Kapitel
Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma
gewartet, schließlich aber war er abgefahren.
Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause
sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene
feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe
und zugleich der Preis für den Ehebruch ist.
Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs
trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller
Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten
Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern
von Quincampoix ein.
Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie
erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie
Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert
hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster
hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu:
»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
handelt sich um etwas sehr Dringliches!«
Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine
dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah,
daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde.
Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und
sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei
Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der
Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll
abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und
zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle
in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der
Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes
dastand, und schrie ihn eben an:
»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?«
»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende.
»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier
Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu
dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern
Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin
und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel
aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!«
Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen
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