war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich
Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus
der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer
Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher
Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein
köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der
eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür
und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere
Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre
erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das
Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein
Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre
Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich
Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem
Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit
Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen.
Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich
jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht
in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war
kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen
gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des
Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine
gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten
Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in
ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in
rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden
Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von
***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch
für die Jugend«, usw. usw.
Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf
diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung.
Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen
der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr
unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in
denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren,
entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie
verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie
viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie
weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann
wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren
imstande sind.
Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens
begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine
ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen
eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft
von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte.
Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren
Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten
zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie
der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam
ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem
leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen
der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen
aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen
war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen
kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen
Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.
Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die
Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages
heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen.
Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie
während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.
Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,
regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über
sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache
ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber.
Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und
ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute
Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr
der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach
Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu
entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine
Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.
Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit
ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie
die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und
fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre
Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.
Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er
brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen,
ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn
Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht
stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen
Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese
volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den
Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz
Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin.
Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine
schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem
Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt
wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem
jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit
öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos
gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die
zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,
daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden
konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.
Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr
Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte
irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte
sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!«
In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig
umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich
wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau
Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren
Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der
Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte
sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die
andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie
seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin
freundschaftlichst erklärte:
»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!«
Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.
Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube
scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl
meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine
Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung
der gnädigen Frau« tranken.
Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer,
vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer
kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von
Sektflaschen.
»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,«
dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann
zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen
ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!«
Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen
Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es
niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!«
Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner
Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im
Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich
über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.
Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger
sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die
letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten
Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral.
»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte
er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die
meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,
die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk
sind.«
»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der
Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich
ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine
Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...«
»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur,
genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller
Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das
dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der
abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten
ließen.«
Der Pfarrer ergriff das Wort:
»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen
Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft
von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen
Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser
Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es
leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und
unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die
Ansicht der kirchlichen Autoritäten.«
Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen
Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche
das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem
vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.«
»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die
Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den
kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig
nichts weniger als dezent zuging ...«
Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der
Apotheker redete immer weiter:
»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja
am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders
sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine
unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein
Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde
es nie zulassen, daß meine Athalie ...«
»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer
ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!«
»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich
nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen
sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in
hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so,
nicht, Doktor?«
»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er
niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder
er hatte hierüber überhaupt keine Meinung.
Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins
Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu
sehen.«
»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab.
»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe
einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!«
»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da
aber etwas Unrechtes getan.«
»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz
andre Dinge!«
»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so
zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte:
»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste
Fürsprecherin der Kirche ist.«
»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er
sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch
ein paar Minuten.
Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie
habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja,
führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre,
um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich
einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie
sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er
ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte
bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler
können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,
es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie
in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete
Mahlzeit! Auf Wiedersehn!«
Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe
schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte
sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es
sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl
nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung
sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.
Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken
geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die
Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er
daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur
aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis
sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht
Uhr fuhren sie mit der Post ab.
Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er
hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah,
jammerte er.
»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma
gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie
werden in Rouen Furore machen!«
Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz
aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen
Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine
Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der
Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der
Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,
die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm
und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen
Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken
Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten
voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und
hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen
ländlichen Anstrich.
Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte
er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie
war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der
Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch
einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese
Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.
Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen.
Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch
geschlossen.
Fünfzehntes Kapitel
Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken
der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in
auffälligen Lettern ausschrien:
LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten
über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit
den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der
Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und
Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer
lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten.
Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er
sie in einem fort fühlte.
In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich
der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit.
Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten
Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den
Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte
sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.
Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren
Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht,
sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der
Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die
goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die
Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der
Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse
an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden
Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit
dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der
Vorhang hob sich.
Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten
Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
ab. Der Chor singt von neuem.
Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre
zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre
sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide
hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab
sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die
Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben
mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen,
Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den
Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen
Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie
allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und
Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma
hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen!
Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der
grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt
war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma
erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz
singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
einer andern zuliebe sitzen lassen.
Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über
den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte
Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne
Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
Toreador.
Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er
schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte
er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der
Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um
ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der
Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen
Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht
aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im
Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und
Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten.
Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute
Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...
Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt
werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als
sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten
Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.
»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?«
fragte Bovary.
»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!«
»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der
andre, der dann kam, hat doch gesagt:
'Nimm, Teure, meine Schwüre an
Der reinsten, wärmsten Liebe!'
Und sie sagt:
'So sei es denn!'
Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
nicht wahr?«
Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte,
bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text.
»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!«
Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt
du?«
»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!«
Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im
Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche.
Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen,
ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500