unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich
habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm
Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt
und mich um keine Folgen gekümmert ...«
»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch
egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!«
»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall,
wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest
unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht
Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du!
Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein
Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil
ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,
ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig!
Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz,
der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie
mich in ihre Gebete einschließt!«
Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
Schreibtisch auf und schloß das Fenster.
»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine
Aussprache!«
Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,
Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn
ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer
verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!«
Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben.
Das hielt er für sehr geschmackvoll.
»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein
ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!«
Und er schrieb:
»Dein treuer Freund
R.«
Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit.
»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen
ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein
Fehler.«
Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen
Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen
auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn
blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem
Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die
Hand.
»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!«
Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei
Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte
den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard,
seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf
diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je
nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild.
»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann
antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich
in die Hände! Verstanden? So! Ab!«
Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die
Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville.
Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu
falten.
»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das
schickt er hier!«
Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer
Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie
den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;
er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr
aufregen könne. Dann ging er.
Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in
das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin
tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter
heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach
ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor
Angst.
Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher,
außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den
unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
Bodentüre stehen.
Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.
Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends
war sie ungestört.
»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat
in die Bodenkammer.
Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die
ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte
sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf.
Grelles Licht flutete ihr entgegen.
Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die
Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des
Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen
unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der
Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf.
Binet saß an seiner Drehbank.
Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher
sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah
sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an
sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen
Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden.
Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß
die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,
ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?
Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das
Straßenpflaster.
»Mut! Mut!« rief sie sich zu.
Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers
förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich
die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern
empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu
schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch
weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.
Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den
wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr
festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß
summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen
Geistes ...
In diesem Moment rief Karl:
»Emma! Emma!«
Da kam sie wieder zur Besinnung.
»Wo steckst du denn? Komm doch!«
Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie
mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend
fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie.
»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.«
Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen.
Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich
die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat
sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich
fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?
Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande
gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu
können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.
Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da
sagte er mit eigentümlicher Betonung:
»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?«
»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd.
»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von
dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin
vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder
er steht im Begriff zu verreisen ...«
Emma schluchzte laut auf.
»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer
mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht
verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist
... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter
Schäker! Langlois hat mir erzählt ...«
Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade
hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den
Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm
eine der Früchte und biß hinein.
»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!«
Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!«
Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell
beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es
war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder
hin und iß!«
Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie
dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich
wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und
legte sie dann auf seinen Teller.
Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den
Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu
Boden.
Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen
zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer
Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder
übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die
draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes
»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was
darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,
die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl
hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und
Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit
bebenden Händen die Kleider auf.
»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!«
sagte Homais.
Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend
die Augen wieder auf.
»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!«
»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,
der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr
einen Kuß!«
Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie
um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:
»Nicht doch! Niemanden!«
Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett.
Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß
wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei
Ketten langsam auf das Kissen rannen.
Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist.
»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich
glaube, der Paroxysmus ist vorüber.«
»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint
sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte
Leiden!«
Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur
Antwort:
»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.«
»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen
möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt
gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind.
Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen
wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie
nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher
gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch
beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein
und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens
weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe
von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch
von verbranntem Horn, frischem Brot ...«
»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit
flüsternder Stimme.
»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,«
fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze,
sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum
wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung
anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt
in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte
mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den
Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist
höchst merkwürdig, nicht wahr?«
»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.
»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig
lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich
sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer
außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen,
verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien
zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit
beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit
schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter
nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man
bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken
versuchen?«
»Wieso? Womit?«
»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That
is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen
habe.«
Emma erwachte und rief:
»Der Brief? Der Brief?«
Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.
In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er
vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach
Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte
nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor
Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl
war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas
Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie
schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten
Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.
Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder
aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit
eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich
kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar
Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl,
daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten
versuchte.
Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,
in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt,
lächelte sie in einem fort vor sich hin.
So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab
in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in
denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte.
»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und
geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig
auf die Bank! Das wird dir gut tun!«
»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender
Stimme hervor.
Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da,
und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald
hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,
bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an
dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen
wähnte.
Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
Vierzehntes Kapitel
Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien
vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte
er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann
war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich
teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die
Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte
Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas
Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als
sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen
nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese
Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr
Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich
selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die
Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er
selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr
daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen
Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß
ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs
Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der
kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen
fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem
Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen
Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch
den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld
von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein
ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß
es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die
Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie
prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige
Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine
ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu
ihm zurückkehren.
Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen
Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar
Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu.
Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine
neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des
Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie
schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte
er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen.
Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche
Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf
allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen
Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch
ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten
Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere
unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige
seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.
Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein
Abbruch geschähe.
Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem
Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu
gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt
verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen
bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle.
Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie
kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die
kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte
sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit
ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen
hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen
Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage
wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,
die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die
Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die
Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die
Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über
das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit
dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden.
Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte
sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick
der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes.
Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach
dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei
gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu
dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in
einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war
es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre
Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie
körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues
Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen
Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden
wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man
besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße
Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor
überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des
Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie
herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden
Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank,
glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu
hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit
grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen
Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln
wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...
Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es
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